Auf der Suche nach der Zukunft der Oper

Bericht

Die Amsterdamer Nationaloper feiert die zehnte Ausgabe des Opera Forward Festivals

Der große portugiesische Autor Fernando Pessoa war der Ansicht, dass es in der Kunst keinen Fortschritt geben könne. In seinem berühmten „Buch der Unruhe“ beschreibt er das Leben und die Kunst als einen sich ewig wiederholenden Kreislauf von Motiven. Darüber lässt sich trefflich streiten, auch und gerade im Nachklang der zehnten Ausgabe des Opera Forward Festivals (OFF) in Amsterdam, das sich vom 6. bis 15. März 2026 der Zukunft des Musiktheaters widmete. 

Der im vergangenen Jahr überraschend verstorbene Pierre Audi gründete 2016 das OFF und dockte es an die Amsterdamer Nationaloper an, deren Intendant er damals war. Nach seinem Wechsel nach Aix-en-Provence übernahm Sophie de Lint, vormals Operndirektorin in Zürich, den Amsterdamer Intendanten-Thron und 2018 auch das Opera Forward Festival, dessen Konzept und Programm sie seither verantwortet. 

Für de Lint und ihr Team liegt die Zukunft der Oper erklärtermaßen weniger in intellektuellen, formalen Experimenten, sondern vielmehr in einer Weiterentwicklung der Kunstform, die sich der sich rasant verändernden Welt öffnen will. Diese Mission prägt seit einigen Jahren das Festival und stand auch im Mittelpunkt dieser Jubiläumsausgabe. 

Neben zahlreichen Aktivitäten mit dem musikalischen Nachwuchs präsentiert das Festival vier szenische Neuproduktionen mehr oder weniger zeitgenössischer Musiktheaterwerke ganz unterschiedlichen Zuschnitts. Besonders aufwändig war die Uraufführung von Theory of Flames“, ein neues Werk mit Musik und Libretto von Michel van der Aa. Er ist schon mehrfach beim Festival aufgetreten und hat als Multimedia-Künstler, Filmemacher, Komponist und Librettist mit musikalisch konservativen, aber technologisch hoch ambitionierten Kreationen internationales Ansehen erworben. Von der Aa inszenierte sein neues Opus auf der großen Bühne der Amsterdamer Nationaloper auch gleich selbst.

„Theory of Flames“ setzt sich thematisch mit Fake News und Verschwörungstheorien auseinander. Das Stück fragt danach, was mit zwischenmenschlichen Beziehungen geschieht, wenn jemand in den Strudel der Desinformation gerät. Angesiedelt in einem Filmset überlagern sich (Bühnen-)Realität, Filmdreh und eine Flut manipulierter Bilder. Die Tonspur verbindet sehr clever Live-Musik, Film-Soundtrack und vorproduzierte Einspielungen. Der Eindruck, dass die Live-Musik sklavisch den Beats der Einspielungen folgen muss, täuscht allerdings, erklärt Elena Schwarz, Dirigentin am Pult des Residentie Orkest: „Glücklicherweise hat Michel van der Aa ein raffiniertes System gebaut. Im Orchester sitzt ein sogenannter „Double-A-Player“. Er koordiniert die elektronischen Zuspieler und die Musik zu den Videos. Alles folgt meinem Schlag. Deswegen bin ich ganz frei, um diese Musik zu gestalten.“ Michel van der Aas Partitur gibt sich wenig schroff, klingt oft tonal, süffig, nahe an Filmmusik oder einer mit allen aktuellen Strömungen gewaschenen Musical-Partitur. Also gar nichts für Neue-Musik-Puristen. 

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Requiem for Mariza. Foto: Bart Grietens

Eine weitere Uraufführung steht mit der Oper „Requiem for Mariza“ der in Istanbul geborenen und in den Niederlanden lebenden Komponistin Meriç Artaç auf der großen Bühne des Opernhauses auf dem Programm, inszeniert von Silvia Costa. Erzählt wird von einer Titelheldin (klangschön: Mezzosopran Nina van Essen), die im Sterben liegt, und die ihr wenig spektakuläres kleinbürgerliches Leben Revue passieren lässt. Diese sympathische Handlungsidee wird von einer Partitur unterfüttert, die man als nostalgisch mit sakralen Anklängen beschreiben könnte. Denn Artaçs Tonspur orientiert sich an historischen „Requiem“-Vertonungen bis hin zu gregorianischen Passagen. Hier sind ebenfalls aufwändig produzierte Videos im Einsatz und neben Solist:innen auch der Opernchor. Ein überwiegend sanft fließendes, rückwärtsgewandtes Werk, das sich archaischer Formeln aus der Musikgeschichte bedient und trefflich zur protestantischen Fastenzeit-Stimmung vor Ort passt. Leider hallt die meditative Bußandacht kaum nach.

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The Knife of Dawn mit Sakhiwe Mkosana als Martin Carter. Foto: Bart Grietens

Politisch wird es dann endlich im kleinen Studio Boekman mit einer Aufführung von Hannah Kendalls Kammeroper „The Knife of Dawn“, die bereits 2016 in London zur Uraufführung kam. Drei Streicherinnen und eine Harfe begleiten den trefflichen Bariton Sakhiwe Mkosana. Er verkörpert auf einem winzigen quadratischen Bühnenpodest den Dichter und Aktivisten Martin Carter, der seinerzeit für die Unabhängigkeit des damaligen Britisch-Guayana kämpfte. „The Knife of Dawn“ spielt im Gefängnis, wo Carter während seines Hungerstreiks halluziniert und mit Frauengestalten aus seinem Leben in fiebrige Dialoge tritt. Auch hier kommen gemäßigt moderne Klänge von gebremster Dramatik zu Gehör. Eine Art von oratorischer Gravität transportiert die schon im Setting angelegte humanistische Botschaft, die so schlicht wie gültig ist. Es wirkt ein bisschen wie eine Pflichtübung, gegen die nichts einzuwenden ist.

Doch dann kommt mit Altmeister Philip Glass endlich ein echtes Meisterwerk ins Spiel: Im Frascati-Theater, eher einer Off-Bühne, inszeniert Béatrice Lachaussée seine Kammeroper „Les Enfants terribles“ von 1996, ein heute noch irritierendes, eigentlich als Tanzoper konzipiertes Stück mit einem funkelnden Libretto, basierend auf einem Roman von Jean Cocteau. In der Handlung, die eine eigene Zeitrechnung entwickelt, geht es um ambivalente Geschwisterliebe, den Verlust der Unschuld und sich fatal entwickelnde Jugendfreundschaften, die in einer Katastrophe münden. Im Einsatz sind zwei Sängerinnen und zwei Sänger (alle vier stimmlich und darstellerisch famos: Ismael Correa Ulriksen, Eva Rae Martinez, Steven van der Linden und Aaike Nortier) sowie drei hoch virtuos agierende Pianisten, die den motorisch vorwärtsdrängenden Motor des Geschehens bilden und mit irisierenden Klängen die verstörende Geschichte verführerisch umhüllen.

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Les Enfants terrible. Foto: Opera Forward Festival

Diese Aufführung entwickelt vom ersten Ton an sofort einen Sog, Béatrice Lachaussées Inszenierung sprüht nur so vor Ideen und versucht gar nicht erst, die Irritationen der Handlung zu ordnen oder das befremdliche Beziehungsgeflecht zu entwirren. Im Gegenteil: Lachaussée spitzt die fatalen Konflikte eher zu, ohne sie moralisch zu werten. Eine auch musikalisch rundum gelungene Aufführung des ungemein frisch klingenden Werks, das immerhin schon 30 Jahre alt, also nicht gerade taufrisch ist. Verglichen mit dem zuvor Erlebten ist Glass allerdings hoch aktuell und ästhetisch kein bisschen gealtert. Womit wir wieder bei Pessoa wären und seinem Verdacht, dass es in der Kunst in Wahrheit keinen Fortschritt gibt.

Intendantin Sophie de Lint will das Festival nicht nur gesellschaftlichen Veränderungen anpassen, sondern muss auch auf knappere Kassen reagieren. Das passiert, indem sie das Festival stärker lokal ausrichtet. Eine große internationale Produktion wie die Uraufführung von Kaija Saariahos „Only the Sound Remains“ in der Regie von Peter Sellars, die vor zehn Jahren im Gründungsjahr des Festivals im Zentrum stand, wäre heute allerdings auch aus programmatischen Gründen kaum mehr vorstellbar. Oder eine weitere Uraufführung von Manfred Trojahn, der in Amsterdam bereits mehrfach mit Uraufführungen in Erscheinung trat. Zu groß, zu „klassisch“, zu teuer.

Die Aufführungen der zehnten Ausgabe des OFF sind durchweg gut besucht. Sophie de Lint glaubt daran, diverse Publika zu erreichen durch unterschiedliche Handschriften der Neuen Musik und durch virulente Themen wie Kolonialismus-Kritik oder Feminismus. Die Produktionen wollen mehrheitlich eher niedrigschwellig sein. Doch Sophie de Lint sieht sich nach wie vor auch in Pierre Audis Tradition: „Die Prinzipien haben sich eigentlich nicht geändert. Es ist ein generationsübergreifendes Festival für Neue Oper, das interdisziplinär angelegt ist, neue Formen der Zusammenarbeit fördert und ein neues, vielfältiges Publikum anspricht. Derzeit besteht unser Publikum zu etwa einem Drittel aus Menschen unter 35 Jahren, und jedes Jahr sind durchschnittlich 39 % Erstbesucher dabei.“ Das kann, ja muss man als Erfolg werten. Ob diese Erstbesucher:innen der Oper erhalten bleiben und womöglich die Blase ihrer Interessen später verlassen und einen „Parsifal“ oder einen „Wozzeck“ besuchen, ist dagegen zu bezweifeln. Das weiß Sophie de Lint. Denn es gibt heute kein homogenes Publikum mehr, sondern viele Publika. Und die muss man bedienen.

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