Bangen und Hoffen
BerichtZwei Konzerte mit neuer Musik iranischer Komponist:innen
Innerhalb einer Woche waren in der Alten Feuerwache Köln gleich zwei Konzerte mit Werken iranischer Komponist:innen zu erleben. Das KOMMAS ENSEMBLE spielte in „Solidarität mit dem iranischen Volk“ Stücke von Iraner:innen, die schon seit Längerem im deutschen Musikleben etabliert sind. Das junge Quater Ensemble brachte dagegen sieben Werke junger im Iran lebender Komponist:innen zur Uraufführung. Die in Köln ansässigen Ensembles hatten ihre Konzerte bereits vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran geplant, um die Aufmerksamkeit auf die Kultur und besonders auf die Musik dieses Landes zu lenken, das sonst in Verbindung mit Krisen und Terror in den Nachrichten erscheint.
Zugleich haftete der nationalen Zuschreibung im KOMMAS-Programm etwas Rückgewandtes und Kunstfremdes an: In Deutschland ausgebildete und seit Jahrzehnten hier lebende, arbeitende und regelmäßig aufgeführte Musikschaffende wurden dadurch nicht einfach als Akteur:innen der postmigrantisch geprägten Musikszene in ihrer jeweiligen Eigenart präsentiert, sondern bekamen das Label „iranisch“ aufgedrückt. Damit identifizieren sie sich aber womöglich gar nicht, weil sie sich eher als individuelle Künstler:innen mit internationalen Biographien begreifen. Der Zwiespalt zwischen Empowerment und Gruppenzwang spielte indes beim Quater Ensemble keine Rolle. Es wollte primär junge Komponist:innen im Iran unterstützen, die dort keinerlei Möglichkeit haben, aufgeführt, gehört, mitgeschnitten, gesendet und gestreamt zu werden.
Quater Ensemble
Das multinational zusammengesetzte Quater Ensemble wurde 2024 von vier Absolventinnen der Hochschule für Musik und Tanz Köln gegründet. Bindeglied zum Iran ist die von dort stammende Oboistin Shaghayegh Shahrabi. Im Frühjahr 2024 war sie mit der Kontrabassistin Carlota Ramos für einen Workshop an der Musikuniversität Teheran zu Gast. Im September 2024 initiierten sie einen Kompositionswettbewerb für im Iran lebende Komponist:innen. Diese sollten neue Stücke für die Quartettbesetzung schreiben und sich dabei mit traditioneller persischer Musik sowie mit dem in trockenen Regionen des Iran verbreiteten Bewässerungssystem Qanat auseinandersetzen. Zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende, teils mehr als zweitausend Jahre alte Bauwerke sammeln dabei in unterirdischen Stollen Grundwasser und leiten es über weite Strecken zur Bewässerung der Landwirtschaft. Da die Grabung, Belüftung und Wartung der Anlagen in regelmäßigen Abständen vertikale Schächte zur Erdoberfläche erfordert, erkennt man das Leitungssystem auf Luft- und Satellitenbildern anhand kettenartig gereihter Aushubkegel.

Bei einem Online-Workshop des Quater Ensembles im Zuge des Kompositionswettbewerbs zu erweiterten Spieltechniken nahmen 107 iranische Komponist:innen teil. Eingereicht wurden schließlich 44 Partituren, von denen eine Jury – die Dirigentin Susanne Blumenthal, der Komponist Dieter Mack und der Autor dieses Berichts – sieben Stücke zur Uraufführung auswählte. Für seine zunächst rein ehrenamtlich gestartete Initiative erhielt das Ensemble schließlich eine Förderung durch die Kunststiftung NRW. Das Konzert wurde „Qanat“ betitelt und allgemein dem „Gedenken an die Toten aller Kriege“ gewidmet. Nachdem DLF-Redakteur Frank Kämpfer einem Mitschnitt nicht zugestimmt hatte, besorgte das Ensemble die Aufnahmen selbst, um sie den Komponist:innen in den Iran schicken zu können. Zur Veranstaltung anreisen konnte lediglich die einzige Komponistin Rojin Shaki. Die sechs anderen Komponisten – alle zwischen 1997 und 2005 geboren und in Teheran lebend – wollten sich per Video zuschalten, was jedoch scheiterte, da das Mullah-Regime das Internet abstellte.
Wasser, Leben, Freiheit
„Chaotic Conduit“ von Habib Rahimi beginnt mit dunklen Anschlägen von Klavier und Kontrabass. Darüber legt die Oboe Melodien, die auf traditionellen persischen Modi und Rhythmen basieren. Die Klangfläche wird bewegter, repetitiver, drängender und bekommt mit Tutti-Akzenten sowohl Härte als auch tänzerischen Schwung, als bahne sich Wasser seinen Weg durch harten Fels zum sprudelnden Austritt ins Freie. Taha Hasanlous „Sarayan“ verdichtet vereinzelte perkussiv-geräuschhafte Aktionen zu flirrenden Umspielungen sowie kurzen Zwei- und Dreitonfiguren. Pizzikati des Kontrabasses bekommen durch parallele Schläge der großen Trommel das Gewicht von Spitzhacken oder Tropfen, die den Stein höhlen und in unterirdischen Gängen widerhallen. Alireza Renani spannt in „Nahuk“ ein feines Geflecht aus zarten Flageolett-, Rausch- und Zimbelklängen, die plötzlich in ein virtuoses Oboensolo über rhythmischen Repetitionen umschlagen. Die vier attacca folgenden Sätze von Mohammad Ali Voshags „Memory of the not-so-old qanat“ beginnen mit einem tiefen Liegeton des Kontrabasses, der sich durch veränderten Bogendruck und Verlagerung zum Steg in schillernde Obertöne und dann ins gesamte Quartett auffächert. Assoziationen zu Licht und Wasser, die sich zu einem vielfarbigen Regenbogen verbinden, lagen ebenso nahe wie die Bedeutung von Wasser als Voraussetzung allen Lebens. Die fließende Klangfläche gewinnt vitalen Schwung und Oboe und Klavier (Liga Korne) spielen lebhafte persische Melodien zur Handtrommel Daf (Rita Couta Soares). Als formale Entsprechung zum Anfang spaltet am Ende die Oboistin einen Liegeton zu energetischen Mehrklängen.
Zwischen den Stücken verlasen die Musikerinnen abwechselnd Gedichte des iranischen Dichters Sohrab Sepehri (1928–1980) im Original und in deutscher Übersetzung. Manche Verse erschienen wie aktuelle Kommentare zu den gegenwärtigen Kriegshandlungen: „Ich habe nie zwei Pappeln gesehen, die einander Feinde waren.“ In Amirreza Tabeshs „Kariz“ überstrahlen weit gespannte Melodien der Oboe tiefes Grollen der Pauken, bis der dunkle Strom zu blitzenden Zimbeln und perlendem Klavier wird, als träte glitzerndes Wasser ans Sonnenlicht. Die Bildlichkeit des lebensspendenden Wassers der Qanate gewinnt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Unfreiheit und Repression in der Islamischen Republik Iran ähnliche politische Konnotationen wie die Formel „per aspera ad astra“ im Europa des 19. Jahrhunderts oder die Frühlingsmetaphern in Lyrik und Liedern des deutschen Biedermeier während der politischen Restauration nach 1815. In Rojin Shakis Trio „AbanGah“ haben die Musikerinnen neben dem Instrumentalspiel auch zu singen und zu flüstern. Zur indischen Tabla schwingt sich die Musik mehrmals zu Tänzen auf, die jedoch rasch wieder erstarren oder zu bizarren Spalt- und Geräuschklängen zerfallen. Zwischen Ausgelassenheit, Stagnation und gespenstisch düster fauchenden Klaviersaiten schwankt auch Ali Amanis „Cheshmagareh“ bis zum finalen Klangsymbol der mundstücklos geblasenen Oboe: Denn Wasser ist Leben, Leben ist Atem – und braucht Freiheit. Einen ähnlichen Dreiklang skandierte die iranische Protestbewegung 2022: „Jin, Jîyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit.

KOMMAS ENSEMBLE
Das KOMMAS ENSEMBLE hatte ursprünglich ein ganz anderes Konzert geplant, nahm dann aber den kalendarischen Frühlingsanfang zur Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März zum Anlass, ein Programm ausschließlich mit Stücken von aus dem Iran stammenden Komponist:innen zusammenzustellen, weil an diesem Tag im Iran das Neujahrsfest Nowruz gefeiert wird, das für Neubeginn, Hoffnung und kulturelle Kontinuität steht. Die elfköpfige Formation unter Leitung von Lautaro Mura Fuentealba traf diese Entscheidung zwei Wochen vor dem amerikanisch-israelischen Angriff „Epic Fury“ auf den Iran am 28. Februar. Daraufhin widmete KOMMAS das vierte Konzert seiner zehnjährigen Jubiläumssaison BLACKOUT „dem iranischen Volk“, und zwar als „a space for listening, witnessing and solidarity. We stand with the people of Iran.“ Außerdem verstand das Ensemble sein Konzert als „a poetic call for peace, dignity and freedom“, verbunden mit dem Protest: „No to the Internet Backout. No to the islamic republic regime. No to foreign military intervention. No to war.“ Die pazifistische Haltung sorgte nach der Ankündigung des Konzerts prompt für Widerspruch in sozialen Medien. Denn wie im Iran sind auch in Deutschland lebende Iraner:innen keine gleichgesinnte homogene Gruppe, sondern uneins über die Bombardierungen, von denen sich manche trotz der vielen zivilen Opfer den Zusammenbruch des Mullah-Regimes erhoffen.

Nachdem es Befürchtungen gab, die Veranstaltung könnte sabotiert werden, verlief das Konzert jedoch vollkommen störungsfrei als ein hoch konzentrierter und noch nicht einmal durch Applaus unterbrochener Spannungsbogen. Die aufgeführten Werke stammten von vier iranischen Komponist:innen. Alle wurden um 1980 geboren, studierten im Ausland und leben in Deutschland und den USA. Zu den Stücken projizierte Nicolás Rupcich abstrakte Grafiken wie topografische Landkarten oder Satellitenbilder von Gebirgen und Wüsten, die sich durch Morphing sukzessive oder plötzlich verwandelten. Die abstrakten Bilder lieferten einen visuellen Hintergrund, ohne die Wahrnehmung der Musik inhaltlich zu kanalisieren. Während kurzer Umbaupausen zwischen den Stücken schlossen sich nahtlos audiovisuelle Zwischenspiele mit elektronischen Klängen von Alireza Seyedi und weiteren Videos von Rupcich an, die verfremdet, aber gut erkennbar reale Situationen zeigten: demonstrierende Menschenmassen, eine Gestalt mit gereckter Faust, rot aufglühende Lichtkegel nächtlicher Bombenexplosionen. Die zwischen 2019 und 2023 entstandenen Kompositionen wurden dadurch direkt mit den Protesten und dem aktuellen Irankrieg verbunden, so dass sie sich kaum mehr unabhängig davon hören und verstehen ließen.
Hoffnung und Verzagen
Der Titel von Elnaz Seyedis „A sun of one‘s own“ ist eine Anlehnung an Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s Own“ (1929) – der in der Frauenbewegung große Bedeutung erhielt – und damit zugleich eine Forderung von Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung. Statt hell zu strahlen, ist die Sonne dieses dunklen Stücks abwesend oder ein schwarzes Loch, das alle Materie verschluckt. Bassklarinette, Fagott und Horn verknüpfen düstere Liegetöne zu einem schwarzen Band aus lähmender Tristesse und zugleich brodelnder Leidenschaft. Die Musik der 1982 in Teheran geborenen Komponistin wirkt wie eine durch Hinfälligkeit und Lethargie gefesselte Kraft. Von der Violine bis zum Kontrabass schlagen die vier Streicher ihre Bögen auf die Saiten, als knackten dürre Äste und fiele trockenes Laub. Doch plötzlich treiben Fliehkräfte die Instrumente in extreme Lagen zwischen düsteren Bassregionen und klirrend hohen Multiphonics. Man spürt Energie, Bewegung, Aufbruch, Mut und Hoffnung auf Veränderung. Doch der Impuls versiegt wieder in trübes Brüten.
Der 1983 geborene iranisch-kanadische Komponist Ashkan Behzadi lebt und arbeitet in New York. Seine Komposition „Willow“ wirkte durch die Gleichverteilung aller Instrumentalklänge statisch wie ein Mosaik, das in dem Moment abrupt abbrach, als die Einzelaktionen eine übergeordnete Dynamik zu bilden schienen. Ehsan Kathibi entwickelte sein „Tāb“ zunächst als Filmversion mit dem Ensemble L`art pour l`art. Bei der nun uraufgeführten Konzertversion wurden zum live spielenden Ensemble über Lautsprecher verhallte Instrumentalklänge zugespielt, die damals über Transducer auf ein großes Tamtam projiziert und dann als dessen Resonanzen mitgeschnitten wurden. So entstand der Effekt eines doppelten akustischen Raums: Zum Ensemble vor Ort trat aus unsichtbarem Echoraum ein instrumental-mediales Schattenensemble. Den Abschluss des sehr gut besuchten Konzerts bildete „Unter Bewunderung der Farben“ der 1980 in Teheran geborenen Farzia Fallah. Das in vielerlei Hinsicht bipolare Stück oszilliert zwischen Fläche und Impuls, Ton und Geräusch, Wild- und Sanftheit, Anstoß und Ausklang. Bereits 2019 komponiert wurde das Stück angesichts des eskalierten Irankriegs unweigerlich zum Spiegel einer zwischen Befürchtungen und Hoffnungen zerrissenen Seele.

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