Letztendlich geht es (nicht) nur um die Musik

Bericht

Heroines of Sound 2026

Die mittlerweile 13. Ausgabe des Festivals „Heroines of Sound“ nahm vom 9. bis 11. Juli das Radialsystem mit „immersiven, szenischen und kinetischen Arbeiten“ von FLINTA-Künstlerinnen ein. An lauen Sommertagen trafen dabei Komponist:innen, Musiker:innen und Publikum bei Paneldiskussionen, Konzerten und einem Workshop aufeinander, um aktuelle und vergangene Heroines of Sound in den Mittelpunkt zu stellen.  Neben unterschiedlichen Genres bildeten die international angereisten Künstler:innen auch unterschiedliche Generationen der Szene ab. Der diesjährige Schwerpunkt lag dabei auf der asiatischen, genauer gesagt der japanischen Diaspora. Dieser Fokus war vor allem am zweiten Tag des Festivals zu spüren, während sich der letzte Tag vollkommen loslöste. Das (noch immer) nicht institutionalisierte Festival, das laut der künstlerischen Leiterin Bettina Wackernagel nun in seinen metaphorischen Teenagerjahren stecke, versuchte damit einen temporären Ort des Diskurses und des Zuhörens zu erschaffen. 

Ich befand mich die drei Tage lang in einer Doppelfunktion: Einerseits besuchte ich das Festival mit dem Ziel, diesen Bericht hier zu schreiben, und andererseits nahm ich an dem Seminar „Sonic Cyberfeminism(s)“ (geleitet von Penelope Braune und Dr. Christina Dörfling) an der Humboldt-Universität zu Berlin teil, innerhalb dessen wir gemeinsam das Festival besuchten. Selbst wenn ich es versuchen würde, könnte ich diesen Text nicht losgelöst von all den erhaltenen Denkanstößen schreiben. Deshalb möchte ich neben kurzen persönlichen Einschüben auch den Personen, mit denen ich gemeinsam das Festival besucht habe, durch Zitate (als Zwischenüberschriften) einen Platz in diesem Text geben.

ist es performativer

bin ich performativer

mit Notizblock oder Handy in der Hand

tippe ich in mein Handy

„Ich fühle mich heute nicht so performativ“

Die inoffizielle Eröffnung fand im Studio des Radialsystems mit Anouk Kellners Performance „Airchoir No. 2: Dirges for (26) Coded Organ Voices“ statt. Die in Belgien wohnende Klangkünstlerin und Komponistin trat dabei in Kontakt mit ihrer gleichnamigen Installation, die während der gesamten Festivallaufzeit zu besuchen war.

55386899455_aa462b25cd_k
Anouk Kellner „Airchoir No. 2: Dirges for (26) Coded Organ Voices” © Udo Siegfriedt | Heroines of Sound 2026

Kellner veränderte, intervenierte und kommunizierte mit den unterschiedlichen aufblasbaren Formen. Ihr langsames Schreiten durch Schläuche, Orgelpfeifen, Wassergläser und nicht-menschliche Körper, die im unaufgeblasenen Zustand an unterschiedliche Organe erinnerten, leitete dabei das am Boden sitzende Publikum nach und nach in eine Klangwelt, die sich von Orgelmusik loslöste.

so lange drücken bis die Luft weg ist

zwischen Körpern und Formen

DIY Abdeckungen

bedachte Schritte im Rhythmus der Pfeifen

liebevolle Bewegungen Umarmungen Begegnungen

Dabei sind alle Bewegungen und Geräusche bei Anouk Kellners Performances genau getimed, wie sie im dritten Panel erklärte. Besonders interessiert ist sie daran, was Klang „zu sagen hat“. Durch die Verbindungen der unterschiedlichen Körper entwickelte sich daraus ein emotionaler und intensiver Auftakt des Festivals. 

Den Abschluss des diesjährigen Festivals bildete wiederum Leah Muirs „Em-Body-Ment. A Multimedia Drama“. Als musiktheatrale Performance zwischen Musik, Video und Publikumsbeteiligung arbeitete sich diese 40-minütige Collage ab an einer klaren Trennung zwischen der Performerin Irene Kurka und einem männlich gelesenen Musiker (Michael Weilacher), der sich nur in Videoaufnahmen manifestierte. 

Die Trennung zwischen Publikum und Performerin sollte aufgelöst werden, als in roten Buchstaben zu lesen war: audience participation. Langsam öffneten einige wenige Zuschauer:innen die im Vorhinein verteilten „ChupaChups Crazy Dips“-Brausepulververpackungen und fingen an zu knistern. Während nicht nur die Performenden, sondern auch die Instrumente in Glassichtfolien gewickelt und damit unbrauchbar gemacht wurden, entwickelte sich der partizipierende Teil des Publikums zu einem kleinen Orchester, das irgendwo zwischen den zwei Charakteren stecken blieb.

55389678335_b659ab5bc7_k
Irena Kurka in Leah Muirs „Em-Body-Ment. A Multimedia Drama” © Udo Siegfriedt | Heroines of Sound 2026

wessen Stimme hören wir

wenn es nicht deine ist

deren Körper wir sehen

welchen Körper sehen wir

Somit rahmten zwei Stücke das Festival, die nicht nur auf menschliche Körper, sondern auf Körperlichkeit im Allgemeinen konzentriert waren – zwei Stücke, die explizit nicht das bloße Zuhören in den Fokus stellten, sondern eine Ganzheitlichkeit der performenden wie auch der hörendenden Körper voraussetzten. Das im Gegensatz dazu stehende Dispositiv des Stillsitzens und „bloß“ Zuhörens wurde von Iris ter Schiphorst im zweiten Panel hervorgehoben. Ihrer Aussage nach wäre es etwas sehr Tolles, auch mal wieder nur dazusitzen und „nur die Ohren zu benutzen“. Dabei würden durch die Abhängigkeit von Komponist:innen und Publikum gemeinsam mit einer guten Akustik einzigartige Momente der Musikerfahrung entstehen können. 

Die Frage, wer sich an diesen Orten aufhält und wohlfühlt, kam dabei nicht zur Sprache, war aber eines der Hauptthemen in der Nachbesprechung des Festivalbesuchs im Seminar. Das Aufeinandertreffen von elektronischer Musik mit konventionellen Bühnensettings und einem Szenenpublikum hinterließ bei einigen Personen das Gefühl von Unzugehörigkeit. Vor allem die drei Paneltalks warfen durch das bewusste oder unbewusste Negieren von Hierarchien sowie die Akademisierung des Feldes der elektronischen Musik viele Fragen auf: An wen richten sich diese Veranstaltungen? Wessen Stimmen werden hier gehört?

„Ich habe über alles Mögliche nachgedacht“

Neben all den künstlerischen Stimmen, die an diesem Wochenende auf den Bühnen und um die Bühnen herum zu erleben waren, gab es in einigen Performances auch computergenerierte bzw. eingespielte Stimmen. So zum Beispiel bei bereits besprochenem „Em-Body-Ment“ oder bei Kyokas Performance „Motion Scapes“.

bild-3_-kyoka-motion-scapes-udo-siegfriedt-heroines-of-sound-2026
Kyoka „Motion Scapes“ © Udo Siegfriedt | Heroines of Sound 2026

Noch bevor diese Uraufführung starten konnte, griff Kyoka zum Mikrofon und rahmte die darauffolgende Performance mit den Worten: „I wish myself luck“. Dieses Glück konnte sie auch gut gebrauchen. Der Versuch war, sich selbst in eine Geschichte des DNA-Hörens einzuschreiben und dafür eine Form zu finden, innerhalb derer man die vollkommene Kontrolle über den Klang abgibt. So schlitterte Kyoka mit Sensoren am Körper von einem Laptopfenster mit vorprogrammierten Kapiteln zum nächsten. Bis zum Ende wurde nicht klar, welche vermeintlichen Malheurs vielleicht Teil der Performance waren und welche nicht. Jedoch wurde vor allem durch Momente, in denen Kyoka das Mikro ergriff und das Gezeigte beschrieb, klar, dass es sich um ein Work in Progress handelte. Mit den vielen entstehenden Wissenslücken, unter anderem mit der Frage, um wessen DNA es sich denn eigentlich handelte, hinterließ die Performance vor allem Fragezeichen. 

Physisch präsente menschliche Stimmen wurden wiederum im Portraitkonzert zu Ehren von Iris ter Schiphorst in den Mittelpunkt gestellt. Sängerin Anna Clementi stand dafür mit dem ensemble mosaik auf der großen Bühne des Radialsystems und präsentierte mit einer unglaublich großen Bühnenpräsenz anlässlich des 70. Geburtstages der einflussreichen Berliner Komponistin Originalversionen und Arrangements aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Genres. 

Kurz vor Ende des Festivals zeigte dieses Konzert die Vielfalt des Schaffens einer einzelnen Person auf und machte damit eine Reise durch die Formen, die eine weiblich gelesene Stimme annehmen kann, humorvoll erfahrbar. Vor allem in Kombination mit der Uraufführung von Marie Delprats „What Remains After Desire“ im roten Nebel zeigte die Kuration des Festivals am letzten Tag das breite Feld elektronischer Musik auf, ohne aufdringlich zu sein. 

bild-4_-marie-delprat-what-remains-after-desire-udo-siegfriedt-heroines-of-sound-2026
Marie Delprat „What Remains After Desire“ © Udo Siegfriedt | Heroines of Sound 2026

„Ich bin gerade ausgestiegen“

Neben Konzerten des Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble (mit Werken von Żaneta Rydzewska, Barbara Zach, Eloain Lovis Hübner, Nina Fukuoka, Yoko Konishi) und jenem des ensemble mosaik sowie Miako Klein und Jia Lim im Duo war das Festival geprägt von Solo-Performances von Midori Hirano, Radio Hito und Yoko Konishi sowie Tomoko Sauvage und Miki Yui. 

Musikalisch waren die Konzerte bestimmt von unterschiedlichen Instrumenten und Gegenständen, die als Instrumente fungierten, wie etwa ein Pappkarton bei Konishi oder Porzellanschalen bei Sauvage. Trotz der unterschiedlichen Materialien hätte sich dabei ein Flow einstellen können, von einer Solo-Performance zur nächsten, wären nicht Umbaupausen und Raumwechsel dazwischengekommen.

Maschinen scheitern

auch

kollektive Momente

Die Häufung der Solo-Performances bei der diesjährigen Festivalausgabe, aber auch innerhalb der Szene, sprach Ko-Kuratorin Sabine Sanio im Panel mit Midori Hirano, Anouk Kellner, Yoko Konishi und Miki Yui an und fragte die Künstlerinnen nach ihrer Einschätzung. Die vier waren sich dabei einig: Soloarbeit ist ehrlicher und einfacher. Vor allem das Reden und Absprechen von Ideen wurde als anstrengend und herausfordernd dargestellt. 

Aus cyberfeministischer Perspektive liegt gerade in der Einzelarbeit aber das Problem. Tara Rodgers beschreibt in dem Text „Cultivating Activist Lives in Sound“, dass politischer Aktivismus unbedingt notwendig ist, um weiter künstlerisch schaffen zu können. Dazu gehört das kontinuierliche Hinterfragen von vorhandenen Strukturen, die – so wie sie bestehen – nur Einzelpersonen Zugänge ermöglichen. Kollektivere und gemeinschaftlich gedachte Initiativen und Projekte können diesem Mechanismus aktiv entgegenwirken und die (der elektronischen Musik häufig inhärente) prozessuale Undurchsichtigkeit aufweichen. 

Vielleicht steht diese Perspektive, die ich mit Rodgers teile, dabei gar nicht im Widerspruch zu der im Panel hochgehaltenen Soloarbeit, sondern ist Geist (m)einer jungen Generationen – die in einem anderen Panel als andauernd kritisierend charakterisiert wurde. Demnach würden jüngere Personen alles hinterfragen, ob Musik oder Bild – was hinsichtlich der Menge an KI-Inhalten, die wir täglich konsumieren, auch nicht verwunderlich ist. Am Ende lag die Antwort der auch hier angerissenen Diskussion über KI erstmal im Offenlegen der Prozesse: Klang ist nicht einfach plötzlich da, Elektronik nicht einfach plötzlich zusammengebaut und Kompositionen werden nicht komplett allein entwickelt.

bild-5_-panel-ii-voice-performance-and-electronic-sound_-the-concert-stage-as-theatrical-space-udo-siegfriedt-heroines-of-sound-
Panel II Voice, Performance and Electronic Sound: The Concert Stage as Theatrical Space © Udo Siegfriedt | Heroines of Sound 2026

wird mit oder über

junge Generationen gesprochen

wenn es vielleicht andere Perspektiven gibt

als die hier vertretenen

Fazit

Die ritualisierten Begrüßungsreden von Bettina Wackernagel in ihrer Funktion als künstlerische Leitung am Beginn der jeweils ersten Konzerte begleiteten die Festivalbesucher:innen durch die drei Tage. Neben dem Hervorheben einzelner Programmpunkte ließ sich in ihren Worten viel über das Selbstverständnis des Festivals heraushören. Neben unterschiedlichen Beschreibungen des Festivalfokus (asiatische oder japanische Diaspora) blieb mir vor allem der FLINTA-Begriff in Erinnerung. In aktuellen Debatten wird immer wieder hinterfragt, in welchen Kontexten dieser tatsächlich tragbar ist und korrekt angewendet wird: Könnte ein trans-Mann auch Teil des Heroines of Sound-Festivals sein? Ist die Offenheit zur queeren Community ein nach außen getragenes Bild oder tatsächliche strukturelle Verantwortung?

Abseits des FLINTA*-Begriffs frage ich mich an diesem Wochenende immer wieder, welche Bezüge zu Weiblichkeit in diesen Räumen hergestellt werden. Dies beginnt bei den allgemeinen Plakaten und Werbematerialien, die weiblich gelesene Personen mit offenen Mündern zeigen, wahrscheinlich während des Ausstoßens eines Schreis. So ist und bleibt Weiblichkeit an das Nach-außen-Tragen von starken Gefühlen geknüpft. Auch wenn diese Verbindung essentialisierend gedeutet werden kann, weist der Schrei als Symbol der Kraft auf all die Kämpfe hin, die im Hintergrund dieses Festivals ausgetragen werden müssen. Auch an diesem Wochenende wird wieder deutlich, dass es noch immer ein Kampf ist, sich in der elektronischen Musikszene als (teilweise nicht-weißer) nicht-Cis-Mann einen Platz zu erkämpfen. Genau da setzte und setzt das Heroines of Sound Festival an.

wir sind in ganz vielen Zwischenräumen 

zwischen so tun als wär es vollkommen normal 

dass keine Männer da vorne sitzen 

und dem Hervorheben

dass keine Männer da vorne sitzen

Gerade deswegen würde ich Bettina Wackernagels Worten widersprechen, wenn sie sagt: „Letztendlich geht es nur um die Musik.“ Technik ist genauso wenig neutral wie Klang. Bei einem Festival, wo eben diese zwei Punkte zusammenkommen, muss es einen Weg geben, mit den politischen Dimensionen der behandelten Themen umzugehen, gemeinsam transparente Denkanstöße zu finden und sie nicht nur zu präsentieren.

Logo
Sie schätzen Musikjournalismus?

Unser Angebot ist kostenfrei. Warum? Weil wir der Meinung sind, dass Qualitätsjournalismus für alle verfügbar sein sollte. Mit dieser Einstellung sind wir nicht alleine: viele Leser:innen schätzen unser Engagement. Mit Ihrer Unterstützung können wir weitermachen. Nutzen Sie jetzt unser Spendenabo (schon ab 6 Euro) oder werden Sie Fördermitglied – und damit Teil unserer Community!