Angela Nova, der Würgeengel, verkündet das Manifest der Oper der Zukunft

Manifest

aus „Die Kantine“

Drei auf der Rückbank vergessene, in der Sommermittagshitze miteinander verschmolzene Perücken wird sie sein, die Oper der Zukunft!

Die Oper der Zukunft wird an unseren Arbeitsplätzen spielen und von den Kantinen singen, in denen wir essen, und darüber, was es dort zu essen gibt.

Die Oper der Zukunft ernährt sich von ihren Nachkommen und Vorfahren. Sie ist Kannibalin und frisst Fisch, Fleisch und Gemüse. Aber niemals Obst.

Nichts ist sinnloser für sie als unsinnliche Sprache. In der Oper der Zukunft heißt Grammatik: „Spracharchitektur der reinen Lust“.

Die Oper der Zukunft wird in der Zukunft nicht mehr die Oper der Zukunft sein, denn dann gibt es die Vergangenheit nicht mehr.

Die Oper der Zukunft ist die Uroper. Die Uropa mit A!

Der Oper der Zukunft geht es gut, und sie liebt dich. Wenn du sie aber fragst, wie es ihr geht, wird sie antworten: „Schlecht“. Und wenn du sie fragst, ob sie dich liebt, wird sie antworten: „Nein“. Und wenn du sie fragst, ob sie dich hasst, wird sie nicht nur Ja sagen, sondern es auch wirklich so meinen. Obschon sie dich liebt, die Oper der Zukunft.

Die Oper der Zukunft trägt dich wie ein Katzenbaby in ihr Nest und lässt dich an ihren Nippeln saugen, bis du groß und stark bist. So lässt sie dich in die Welt hinaus, auf dass du bei vollem Leibe spürest, was Verzweiflung sei.

Die Oper der Zukunft wird nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Sie wird alte Fehler wieder begehen und neue dazu. Sie weiß nichts, da sie lernt, indem sie tut und es im selben Moment wieder vergisst.

Die Oper der Zukunft ist der Himmel und das Wasser und der Dreck unter deinen Nägeln. Die Oper der Zukunft ist das Ei. Das Ei, Ei, Ei aller Arten. Die Oper der Zukunft bekleckert dein Sofa. Sie ist der Hexenschleim in deinem Schlafsack.

Sämtliche Normen wie DIN, ISO, IEC und CEN wird die Oper der Zukunft erfüllen.

Eine große Komponistin der Oper der Zukunft: eine Motte namens Jessica. Ihr Werk: eingefressen in den Kostümfundus. Ihre Musik: größtenteils Motetten. Ihr Publikum: ausschließlich Motten, denn keine andere Spezies hört im Frequenzbereich von 212 bis 300 Kilohertz.

Die Oper der Zukunft ist das rotäugige, verschmierte Gesicht auf einem alten Polaroid. Klitschnass auf einem E-Roller kommt sie nach Hause und bittet dich um eine zweite Chance. Im Schminkspiegel sieht sie sich in einem Seidenmorgenmantel schluchzen: Soll sie in ihren endlosen Tränen ertrinken oder an ihrem wahnsinnigen Lachen ersticken?

Die Gebeine deines Ehemannes, ausgebuddelt aus dem Garten, in die Gestalt eines Flugsauriers gebracht, so wird sie an deine Tür klopfen, um dich zu verführen. Die Oper der Zukunft wird beim Versuch, sich aus dem Zugriff der Autoritäten zu befreien, scheitern. Immer tiefer ins Fleisch ihrer Handgelenke werden sich die Fesseln schneiden, die sie versucht, mit bloßer Kraft zu sprengen.

Die Oper der Zukunft verkauft Rosen an die Gäste und sammelt sie nach der Vorstellung wieder ein, um sie den nächsten zu verkaufen — wie weiße Chrysanthemen am Mausoleum von Mao Zedong.

Die Oper der Zukunft ist die, die ihr Auto nicht mehr findet, aber stets weiß, wo deines steht. Sie inhaliert die Luft aus deinen alten Reifen, und wenn du sie dabei erwischst, versucht sie davonzukommen, indem sie sich als Aktivistin ausgibt.

Die Oper der Zukunft ist reich, und sie schämt sich dafür. Haushaltswaren bestellt sie heimlich auf Amazon. Der Oper der Zukunft ist grundsätzlich alles, was sie tut, peinlich. Darin liegt ihre Leidenschaft.

Mit gigantischen Kampagnen wird die Oper der Zukunft für sich werben. Niemand wird kommen.

Die Oper der Zukunft spielt vor leeren Sälen. Derweil feiert ihr Publikum den Karneval: Diné, Lakota, Guaraní und Mapuche feiern verkleidet als Weiße in Kostümen, die bis ins kleinste Detail unserer Alltagskleidung nachempfunden sind. Wie wir heute schießen sie sich mit scharfen Colts gegenseitig in die Füße, sodass das Blut nur so gluckert aus ihren durchlöcherten Stiefeln.

Die Oper der Zukunft hat Eierstöcke, dick wie Jacaranda-Bäume. Sie geht mit der Boombox in die S-Bahn und singt Arien, um sich Euros zu verdienen. Schlagen lassen wird sie sich haben, die Oper der Zukunft — wie eine kleine geile Trommel. Kein Schlag zu viel wird es gewesen sein. Verprügelt von Musik aus Liebe. Liebe! Liebe! Liebe!

Die Oper der Zukunft hat so viel Gas in sich wie der Planet Jupiter. Sie singt vom Urlaub und über Überstunden und überhaupt über den Überlebenskampf und das, was es bedeutet, ständig unter Druck zu stehen. Sie träumt wie ein überfälliger Vulkan von einer Explosion: eine Stadt mit Lava zu fluten, ihre Straßen und Gassen wie eine Form auszugießen und mit den Motorrollern, Touristen und Pizzastücken zu etwas Großem zu verschmelzen. Ach! Bliebe ihr etwas anderes übrig?

Die Oper der Zukunft ist keine Menschenoper. Nicht ihr habt sie erfunden, sondern sie euch. Enorm wird sie sein. Im Weltraum, noch Lichtjahre nach dem Verglühen der Erde, werden Aliens ihr nachblicken.

Die Oper der Zukunft wird tun, was sie will, also auch das, was sie nicht will. Für immer möchte sie unverstanden bleiben. Und dafür dankt sie euch schon heute.

Berlin, am 14.01.2025

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