Eine Oase neuer Musik

Bericht

Das Bielefelder Festival FRAKZIONEN im zehnten Jahr

Die sattsam bekannten Uraufführungs-Festivals in Berlin, Darmstadt, Donaueschingen, München, Stuttgart oder Witten sind nicht das Maß aller Dinge, natürlich nicht. Besucht werden sie jedes Jahr von Professionals aus Presse, Radio, Veranstaltungs- und Verlagswesen. Unter den Novitäten von zumeist ohnehin bereits bekannten Komponist:innen erhofft man Innovatives, Besonderes, Anderes zu entdecken. Die Erwartung neuer Trends, junger Talente oder am besten gleich der „Zukunft der Musik“ ist jedoch überzogen und wird meist enttäuscht. Manche Profis kommen deswegen gar nicht mehr primär wegen der Musik, sondern um Kolleg:innen zu treffen, Netzwerke zu pflegen, Kontakte zu knüpfen, Geschäfte zu machen. Doch abseits der Hauptrouten dieser Karawane gibt es kleinere Festivals, deren Besuch die Augen und Ohren für das öffnet, was und wie neue Musik auch sein kann.

Eine solche Oase sind die FRAKZIONEN. Das Bielefelder Festival für zeitgenössische Musik wurde 2017 von Christof Pülsch ins Leben gerufen. Der 1976 in Bremerhaven geborene Kirchenmusiker ist seit 2006 Kantor, Organist und Chorleiter an der Zionskirche Bethel und darüber hinaus Ideengeber, Organisator, Moderator, Netzwerker und integratives Kraftzentrum des Ganzen. Pülsch studierte Kirchenmusik in Detmold, Orgel im schwedischen Piteå und evangelische Theologie in Wuppertal. Als ausgebildeter Prädikant gestaltet er zuweilen auch selber Gottesdienste. Der Name FRAKZIONEN verdankt sich dem Schauplatz des Geschehens, der Zionskirche, und betont die Vielfalt und Offenheit neuer Musik jenseits orthografisch einengender Écriture, modischer Agenden und zeitgebundener Aktivismen.

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Ensemble Ascolta bei FRAKZIONEN 2026 in der Zionskirche Bethel. Foto: Christian Weische/Bethel

Konzerte in der Kirche?

Die Zionskirche liegt unweit des Stadtzentrums auf einem Hügel gegenüber der Sparrenburg, dem Wahrzeichen von Bielefeld. Mit angeschlossenem Gemeindezentrum und Tagungshaus ist sie das spirituelle und kulturelle Zentrum von Bethel. Der Stadtteil wurde durch Friedrich von Bodelschwingh ab 1872 mit Krankenhäusern und Laboren systematisch zur Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische und Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta ausgebaut. Um 1900 arbeiteten hier rund neunhundert Diakonissinnen. Die heutigen Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel umfassen diverse Spezialkliniken, Kitas, Schulen, Werkstätten, Sporthallen, Altenheime, Hospize, Orthesen- und Prothesenmanufakturen sowie Ausbildungsstätten für Pflege, Therapie, Medizin, Rettungswesen und ein Lokalradio.

Die verbreiteten Vorbehalte gegenüber Konzerten in Kirchenräumen sind im Fall der Zionskirche völlig unbegründet. Das Gebäude wurde 1884 nach Entwürfen von Bodelschwingh errichtet und auch für den Besuch von Bettlägerigen konzipiert. Es bietet daher in der Vierung eine geräumige Fläche, die problemlos größere Kammerensembles samt reichlich Schlagzeug aufnehmen kann. Seitenschiffe und Sakristei bieten außerdem Platz für Garderobe, Instrumente, Technik und Sitzgelegenheiten für pausierende oder später auftretende Musiker:innen und Publikum. Dank hölzerner Decke ist die Akustik ebenso tragend wie transparent und klar. Zudem steht ein gut restaurierter Bechstein-Flügel aus den 1920er Jahren zur Verfügung. Junge Talente sowie renommierte Solist:innen und Ensembles – dieses Jahr Ensemble Ascolta, Posaunist und Komponist Mike Svoboda sowie Kontrabassist und Performer John Eckhardt – kommen trotz mäßiger Gagen gerne nach Bethel. Denn hier wird man herzlich aufgenommen, erhält gute Auftrittsmöglichkeiten und trifft auf ein hoch konzentriertes, begeisterungsfähiges, dankbares und von Jahr zu Jahr wachsendes Publikum, das neben reichlich Applaus auch großzügig Geld spendet. Auf lebhaftes Interesse stießen neben den insgesamt zwölf Konzerten auch drei Vorträge von Christof Pülsch, Steven J. Heelein und dem Autor dieses Festivalberichts.

Alle Programme sind zu freiem Eintritt zugänglich und dauern maximal eine Dreiviertelstunde. In den Pausen gibt es kostenlos Kaffee, Tee, Kuchen sowie gegen Abend Wasser, Wein, Suppe, Schmalzbrot und immer Gelegenheit zu Begegnungen und Gespräch. Allein an den letzten beiden Tagen ballten sich einmal sechs und einmal drei Konzerte im Stundentakt. Diese Fülle überforderte jedoch nicht, sondern wirkte dank des durchweg hohen interpretatorischen Niveaus sowie der unterschiedlichen Klangfarben und Präsentationsweisen der Formationen abwechslungsreich und kurzweilig, zumal Überlängen und aufwändige Umbaupausen vermieden wurden. Während Ensembles andernorts kuratorische Vorgaben erfüllen und schwer voraussehbare Auftragswerke in Serie absolvieren müssen, dürfen sie bei FRAKZIONEN spielen, was sie mögen und am besten können. Davon profitiert hörbar die Qualität der Aufführungen, die Dramaturgie der Programme und damit vor allem das Publikum.

Ensemble Ascolta

Das Ensemble Ascolta spielte unter Leitung von Lautaro Mura zwei Konzerte sowie eines der beiden Schlagzeuger Boris Müller und Julian Belli. Christof Pülsch beschuldigte sich ironisch, seine Fürsorgepflicht für die Perkussionisten verletzt zu haben, da er diese – freilich zur Freude des Publikums – nicht daran gehindert habe, zwei volle Lieferwagen mit Instrumentarium herbeizuschaffen. Boris Müller demonstrierte in seinem Solostück „Lithosphäre“ virtuos, wie sich auf Steinplatten, Kiesel- und Riffelsteinen mittels Schlägeln unterschiedlicher Materialität und Größe – vom Stecknadelkopf bis zur Kegelkugel – fein abgestufte Klänge entlocken lassen. In Michael Pelzels Duo „Reflections of Eternity“ – einer von fünf Uraufführungen – erzeugten beide Schlagzeuger mit Superball-Schlägeln auf einer Pedalpauke sanft schwebende Glissandi wie Walgesänge, die fantasievolle Fortsetzungen in vergleichbar schwankenden Klängen von Trommeln, Gongs, Metallfedern und Aluminiumstäben fanden.

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Boris Müller bei den FRAKZIONEN 2026. Foto: Christian Weische/Bethel

In voller Besetzung spielte das Stuttgarter Septett Gordon Kampes launige „Moritaten und Sentimentalitäten“ von 2015 sowie Hugo Morales Murguías „Vortices generated in fluids such as air“ von 2018. Der in den Niederlanden lebende Mexikaner lässt die Instrumente mit minimalinvasiver Elektronik bespielen, die die Mitwirkenden bequem in Umhängetaschen oder Rucksäcken transportieren. Über Infusionsschläuche gelangt elektronisches Rauschen und Sirren in Trompete und Posaune, deren Trichter nach genau choreografierten Bewegungen wie Mess- oder Dekontaminationsgeräte durch den Raum geschwenkt werden und den Schall in alle Richtungen versprühen. Den Schlusspunkt setzte das Orchesterwerk „Sensemayá“ des 1899 geborenen mexikanischen Komponisten Silvestre Revueltas, das Posaunist Andrew Digby für Ensemble bearbeitet hatte. Die 1938 vollendete Musik ist mit pulsierender Motorik, neoarchaischem Trommeln, versetzten Ostinati, eingängiger Folklore und plötzlich zuckenden Soli ein spätes Echo auf Strawinskys „Sacre“.

Partnerschaften und Gäste

Eine längere Kooperation unterhalten die FRAKZIONEN mit dem Ensemble Earquake der HfM Detmold unter Leitung von Merve Kazokoğlu. Die zehnköpfige Formation präsentierte Duos, Trios und Quintette sowie die beiden Miniaturliederzyklen „Sz. K. – Erinnerungsgeräusch“ von György Kurtág und „Winzige Lieder“ von Gordon Kampe. Dank einer Partnerschaft mit dem John Cage Award in Halberstadt treten dessen Preisträger:innen regelmäßig in der Zionskirche auf. Heuer waren es das Akkordeonduo con:trust von Marius Staible und Daniel Roth aus Weimar, das von verschiedenen Positionen im Raum Figuren, Akkorde und Balggeräusche hin und her wogen ließ, und die Schweizer Sopranistin Nora Bertogg. Die Sängerin bot mit Cathy Berberians „Stripsody“, Tona Scherchen-Hsiaos „Voyage de la larme (de crocodile)“ und Benjamin Scheuers „Babel“ von 2019 drei exaltierte Soloperformances mit sprunghaft wechselnden Lagen, Timbres, situativen Affekten und onomatopoetischen Comic-Lauten. Ähnlich theatral gestaltete die Vokalistin auch die „Récitation Nr. 9 (Desire)“ von Georges Aperghis, obwohl der Komponist seinen Zyklus eher instrumental versteht.

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Nora Bertogg bei der Aufführung von Tona Scherchen-Hsiaos „Voyage de la larme (de crocodile)“ bei den FRAKZIONEN 2026.
Foto: Christian Weische/Bethel

Wieder eine ganz andere Farbe und Spielkultur bot das Harfenduo AEcstaly von Alice Belogou und Estelle Costanzo aus Basel. Werke von Huihui Cheng und Yang Song arbeiteten mit Präparationen, perkussiven und stimmlichen Aktionen. Die mit Kunststoffen und Spülschwämmen geriebenen Saiten ließen klarinettenartig klare Pfeiftöne hören. Und längs der Saiten gleitende Gläser bewirkten mikrotonale Glissandi. Aus Köln angereist waren Trio Abstrakt und Ensemble BRuCH. Das Trio spielte Mark Andres „durch“ und als Uraufführung Macarena Rosmanichs „We are walls, where once were windows“, wo sich klopfende Klänge des präparierten Klaviers im Schlagzeug sowie umgekehrt knarzende Waldteufel in geriebenen Klaviersaiten fortsetzten. BRuCH präsentierte zwei Werke von Daniel Alvarado Bonilla und Feliz Anne Reyes Macahis. Wie schon andere Kompositionen hatte das Quartett die Stücke für seine ausgefallene Besetzung mit Sopran, Flöte, Violoncello und Klavier in Auftrag gegeben. Die Sängerin Marie Heeschen und Sally Beck – sonst Flötistin des Ensembles – interpretierten zwei weitere „Récitations“ von Aperghis primär vokal.

Resonanz und Rückhalt

Glockengeläut erinnerte immer wieder daran, dass die Konzerte in einer Kirche stattfanden. Indem man die ortspezifischen Unterbrechungen abwartete, wurde die Aufmerksamkeit wie bei einer vorbereitenden Konzentrationsübung automatisch auf das Hören gelenkt. Zum Ausklang des längsten Festivaltags verwandelte Steven J. Heelein mit der konzertanten Bibellesung „deine Wohnungen, Herr“ den Konzertsaal dann doch wieder zur Kirche. Chormitglieder und interessierte Laien hatten diese Meditation zuvor bei „Klangraum-Erkundungen“ erarbeitet. Zu leisen Orgeltönen gesellten sich behutsam Sprechstimme, Instrumente und im Raum wandelnde Chormitglieder mit zartem Wispern, Seufzen, Knarzen. Von Mitwirkenden des Festivals wurde auch der Sonntagsgottesdienst musikalisch bereichert. Nachdem die Kollekte in der vorherigen Woche bereits siebenhundert Euro eingebracht hatte, spendeten die Besucher:innen während der Konzerte insgesamt rund fünftausend Euro für das Festival. Das belegt eindrücklich, wie sehr das Publikum sich dieser Veranstaltung verbunden fühlt und das im ostwestfälischen Umkreis einzigartige Festival schätzt.

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Harfenduo AEctaly von Alice Belogou und Estelle Costanzo bei den FRAKZIONEN 2016. Foto: Christian Weische/Bethel

Die FRAKZIONEN wären nicht möglich ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer:innen der Zionskirchen-Gemeinde, die sich liebevoll um Organisation, Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten kümmern. Unerlässlich sind auch die Förderungen durch Kunststiftung NRW, lokale Stiftungen und die Evangelische Kirche Bielefeld. Vor allem aber ist es der hohe Zuspruch des Publikums aus Stadt und Region – konstant rund 120 Personen –, das mit seiner Gegenwart, Kontaktfreude, Neugierde und Aufgeschlossenheit für Neues, Anderes, Ungewohntes eine intensive Festivalatmosphäre schafft. Die nächsten FRAKZIONEN finden vom 10. bis 17. Januar 2027 statt. Vormerken und wiederkommen! Oder erstmalig hingehen und dann immer wieder besuchen!

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