Nähe und Distanz
Forum neuer Autor:innenHans Thomallas „Nachtmusik“ beim ECLAT Festival 2026

Was macht ein Werk der zeitgenössischen Musik zu einem „guten“ Werk? Ist es der Konsens einer ästhetischen Gemeinschaft, die Übereinstimmung bestimmter kompositorischer Werte – oder die individuelle Hörerfahrung, geprägt von biografischen und bildungsbedingten Voraussetzungen? Diese Frage begleitet nicht nur das Publikum, sondern ebenso Interpret:innen und Komponist:innen. Sie bildet häufig einen unausgesprochenen Hintergrund von Konzerterfahrungen – so auch beim zweiten Konzert des Stuttgarter ECLAT-Festivals 2026.
Auf dem Programm stand Hans Thomallas „Nachtmusik“ für Ensemble im Raum und Licht (2025), ein Werk, das programmatisch auf Nähe, Intimität und die Auflösung traditioneller Aufführungsräume setzt. In der offiziellen Werkbeschreibung wird „Nachtmusik“ als musikalische Erkundung der Nacht beschrieben: als Zeit der Ruhe zwischen Wachsein, Traum und Schlaf, zugleich als Zustand von Verletzbarkeit, Ausgesetztsein, Albträumen und Gewalt, verbunden mit einer impliziten Analogie zu den „dunklen Zeiten“ der Gegenwart. Vor diesem semantisch stark aufgeladenen Hintergrund zielt das Werk konzeptionell auf eine unmittelbare, körperlich erfahrbare Hörsituation.
Diese Konzeption wurde durch die räumliche Anordnung konsequent umgesetzt. Die Musiker:innen des Ensemble LUX:NM waren im ganzen Saal verteilt, das Publikum befand sich jeweils in unmittelbarer Nähe einzelner Instrumente. Die frontale Bühnensituation war vollständig aufgehoben. Klang wurde nicht aus einer definierten Distanz wahrgenommen, sondern in direkter physischer Nähe erfahren – eine Anordnung, die eine immersive Hörsituation ermöglicht.
Zugleich erzeugt diese räumliche Konstellation ein Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Kollektivität. Befindet sich das Publikum in unmittelbarer Nähe zu einzelnen Musiker:innen, dann rückt deren Klang zwangsläufig in den Vordergrund; die akustische Präsenz einzelner instrumentaler Stimmen wird intensiver, unmittelbarer und dominanter. Während das Werk als Ganzes weiterhin erfahrbar bleibt, unterscheidet sich die Wahrnehmung deutlich je nach Hörposition. In dieser Gleichzeitigkeit von Nähe und Fragmentierung lässt sich ein zentrales Moment von Thomallas Nachtbegriff vermuten: Nacht nicht nur als Übergangszustand zwischen Wachsein, Traum und Schlaf, sondern als Raum von Ausgesetztsein und Unsicherheit.
Vor diesem Hintergrund wird die Differenz zwischen konzeptioneller Setzung und klanglicher Realisierung deutlich. Trotz der physischen Nähe zum Publikum und der im Begleittext betonten Aspekte von Verletzbarkeit bleibt „Nachtmusik“ in der klanglichen Organisation auffallend kontrolliert. Die behauptete Exponiertheit wird kaum als unmittelbare Hörerfahrung eingelöst; stattdessen prägen Ausgleich und Zurückhaltung den Gesamtverlauf.
Musikalisch ist das Werk stark von minimalistischen Verfahren geprägt. Tonleiterartige Bewegungen, klar definierte harmonische Felder und ein eher mittleres, geradezu neutral wirkendes Klangregister bestimmen den Verlauf. Brüche, Widerstände oder klangliche Extreme werden weitgehend vermieden; an ihre Stelle treten Kontinuität und eine kontrollierte Klanglichkeit.
Bereits der Beginn mit gestrichenen Becken positioniert den Klang in einer eigentümlichen Schwebe – weder scharf noch fragil, sondern sorgfältig ausbalanciert. In Verbindung mit flackerndem Licht und künstlichem Nebel entsteht eine visuell stark gerahmte Hörsituation, in der der Klang weniger eigenständig als vielmehr in ein vorgegebenes Bedeutungsfeld eingebettet wirkt. Die musikalische Sprache nähert sich dabei einer filmisch geprägten Klangästhetik an: tonale Skalen und sukzessiv gesättigte Harmonien, die eher strukturieren als irritieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob zeitgenössische Musik, wenn sie ihre frühere Reibung verliert, auf eine solche Form ästhetischer Glätte zurückfallen muss.
Die dramaturgische Anlage des zweiten Satzes basiert auf einem einzigen Motiv, das schrittweise auf alle Instrumente übertragen wird. Dieses Verfahren ist handwerklich präzise gearbeitet, entfaltet jedoch eine weitgehend vorhersehbare Wirkung. Entwicklung vollzieht sich hier primär als Ausdehnung bestehender Strukturen, nicht als klangliche Transformation. Die zeitweise Verdichtung zu geräuschhaften Klangkomplexen bleibt episodisch und ohne nachhaltige Konsequenz für den weiteren Verlauf.
Die konsequente Wiederholung gleicher Tonhöhen und Akkorde fungiert als zentrales kompositorisches Mittel. Sie erzeugt eine hohe strukturelle Kohärenz, führt jedoch zugleich zu einer Einebnung klanglicher Differenz. Veränderung vollzieht sich vor allem durch Anhäufung und minimale Verschiebung. Daraus ergibt sich eine Frage, die über dieses Werk hinausweist: Wird innere Entwicklung in der zeitgenössischen Musik zunehmend über Stabilisierung und Wiederholung organisiert – oder handelt es sich um eine bewusste ästhetische Entscheidung, die Konfliktpotenziale begrenzt?
So etabliert „Nachtmusik“ trotz räumlicher Nähe und konzeptioneller Weite eine klangliche Haltung, die Distanz eher stabilisiert als auflöst. Ob darin eine unbeabsichtigte Aussage dieses Abends liegt oder vielmehr die Grenze eines Werks markiert wird, das seine Bedeutungsangebote stärker behauptet als klanglich einlöst, bleibt offen.
Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.
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