Ökologisches Paradox
Forum neuer Autor:innenZur Uraufführung von Kirsten Reeses Raumkomposition „Future Forest“

Im größten Saal des Theaterhauses Stuttgart herrschte bereits vor Beginn der Aufführung eine spürbare Spannung. Das Ensemble Recherche saß in zwei Gruppen geteilt vor und hinter dem Publikum, das seinerseits in zwei einander entgegengesetzten Gruppen einen dazwischen verlaufenden Weg bildete und jeweils auf eine große Leinwand blicken konnte. Der Zwischenraum war integraler Bestandteil der Komposition, um Richtung, Distanz und Beziehung des Hörens zum Gehörten sowie – durch die Gegenüberstellung des Publikums – auch die Beziehung zwischen den Hörenden neu zu konfigurieren.
Der erste Klang hatte keinen klaren Ursprung. Aufgenommene Naturgeräusche traten hervor, als würden sie im ganzen Raum Gestalt annehmen. Die über Lautsprecher im Raum verteilten Klänge von Wind, Laub, Bach und Vögeln deuteten Richtungen an, entzogen sich jedoch dem Zugriff und schufen eine alles umfassende Atmosphäre. Die Klänge der Instrumente besaßen dagegen eine greifbare Textur. Das Publikum dazwischen saß in seinem „eigenen“ Wald mit einer jeweils individuellen Distanz und Beziehung zum Klang.
Die Klangfarben des Ensemble Recherche waren von einer expressiven Kraft, die zur tiefen Versunkenheit einlud. Das Ensemble schien die Naturklänge mal zu imitieren, mal mit ihnen zu dialogisieren, und formte so als weiterer Organismus einen Teil dieses künstlichen Waldes. Manche Klänge erinnerten an die Materialität bestimmter Holzarten; schnelle Bewegungen über hohe Marimbaphonplatten glichen Geräuschen von Insekten; tiefe Klavierklänge verbanden sich mit durch Kontaktmikrofone aufgezeichneten Naturgeräuschen; und darüber gelagerte Fragmente der Streicher mit starkem Bogendruck in hoher Lage erinnerten an das Krabbeln, Knabbern und Sirren von Insekten.
Zwischen Ökologie und Taxonomie
Hinter der Bühne erschienen Texte auf der Leinwand: „Picea abies, Fagus sylvatica, Fichte, Buche, Klavier, Marimba, und nur drei weitere Einzel-Bäume, Populus tremula […] 7°56'11.2"N – 6°53'57.0'E – Käfer in der Nähe einer Straße – 47°56'36.1°N 6°53'11.9.E […] Im Ventron am Waldrand auf einer Weide riesige Ameisenhaufen […] Auch früher war der Wald kein Kuschelwald, Es gab Bergbau, Seilbahnen, Explosionen, Erzwäschereien, Schmiede hämmerten […]“ Jeder einzelne Klang des Ensembles erhielt durch die auf der Leinwand erscheinenden Daten eine neue Bedeutung. Während man die Namen von Bäumen und Instrumenten las, wurden die gehörten Klänge mit ihrer spezifischen Instrumentalfarbe, Dauer und Lage mit jeweils einem konkreten Baum verbunden. Der Versuch, Waldmusik umzusetzen, wurde als Übersetzungsprozess ausdrücklich sicht- und hörbar gemacht. Gleichzeitig mit den aufgezeichneten Naturgeräuschen erschienen die exakten Koordinaten und Bezeichnungen ihrer Quellen auf dem Bildschirm, wodurch die Beziehung zwischen Klang und Referenz unmittelbar sichtbar wurde. Darüber hinaus gab es Notizen wie aus einem Forschungstagebuch, die sich als Spuren des Arbeitsprozesses lesen ließen, der diesem Werk vorausgegangen war. Diese Transparenz war faszinierend, weil sie den Entstehungsprozess enthüllte und das Publikum zum Zeugen des Werks machte.
Doch diese Erfahrung verschob sich allmählich. Während man hörte, wurde man gleichzeitig andauernd aufgefordert, das Gehörte mit projizierten Daten und Texten abzugleichen und zu „verstehen“. Die ständige Präsenz biologischer Spezies, Koordinaten und Analysewerte entzog dem Publikum die Möglichkeit der persönlichen, unmittelbaren musikalischen Erfahrung. Die permanente Einmischung wissenschaftlicher Informationen und des eigenen Verstandes stand im Widerspruch zur ursprünglichen Weite, die der Raum eröffnet hatte. Im Wald fragt der Mensch selten nach den exakten Koordinaten. Vögel, Bäume und Insekten werden als kontinuierliche Existenz erfahren, ohne benannt zu werden. Doch vielleicht ging es in dieser ganzen Erzählung gar nicht um den Wald, sondern um die Musik?

Was vermag Musik zu verändern?
Auf der Website von ECLAT 2026 finden sich fünf zentrale Fragen, darunter diese: „Ist Musik ein Weg, um etwas in der Welt zu verändern?“; „Kann Musik zumindest ein emotionaler Zufluchtsort für die Hörer sein?“; „Oder ist Musik vor allem eine Art der Reflexion?“ Diese Fragen verknüpfen sich ganz natürlich mit dem Werk „Future Forest“. Denn schon dieser Titel präsentiert das Verhältnis von Musik, Welt und Mensch als eine zukunftsgerichtete Möglichkeit. Doch was Kirsten Reese und Sandra Müller deutlich machten, war weniger die Zukunft des Waldes als vielmehr die Gegenwart des Menschen, der versucht, den Wald zu begreifen. Im Lichte dieser Fragen wurde klar: Es ist nicht die Musik, die die Welt verändern will oder kann, sondern der Mensch. Es ist nicht die Musik, die die Reflexion darstellt, sondern das Bewusstsein und die Perspektive des Menschen, der diese Verbindung herstellt.
Der Mensch sucht stets nach Sinn, verknüpft ihn mit der Welt und wünscht sich, eine gewisse Wirkung auszuüben. Das betrifft auch die Musik. Und je nachdem, in wessen Hände sie gerät, mag sie bereitwillig oder gezwungenermaßen zu einem Werkzeug für die von diesen Menschen gehegten Absichten werden.
Die Veränderung, die Musik bewirkt, geschieht aber weniger in den Strukturen der Welt als vielmehr im Inneren des Menschen, auch wenn sie nicht messbar und schwer zu erklären ist, weil sie immer eine zutiefst persönliche Erfahrung bleibt. Martin Buber schrieb über das Verhältnis zwischen Werk und Schöpfer: „Während wir das Werk schaffen, schafft es uns“. Das Werk verändert den Komponisten, der es erschafft, und hinterlässt im Inneren des Publikums einen unbekannten Widerhall.
Die Aufgabe der Musik
„Future Forest“ war ein überzeugender Versuch, den Wald in den Konzertsaal zu bringen. Der Raum wurde neu konfiguriert, der Klang formte durch die Ausdehnung von Distanz und Richtung neue Beziehungen zu den Hörenden, und die Spuren des Waldes manifestierten sich in Tönen und begreifbaren Informationen. Bei der Uraufführung gab es zwei Arten von Menschen: die eine erfährt den Wald, die andere will den Wald verstehen. Beide sind verschiedene Wesen, schließen aber einander nicht aus. Denn wir Menschen wollen verstehen und gleichzeitig erfahren. Neue Werke entstehen immer an diesem Gleichgewichtspunkt.
Musik verändert den Wald nicht. Was den Wald verändert, sind Zeit und Mensch. Doch wenn der Mensch im Wald dem Wald lauscht, mag sich in seinem Inneren etwas verändern. Diese Veränderung lässt sich weder benennen noch klassifizieren. Sie ist vielleicht die tiefste Beziehung, die der Wald mit der Welt und uns Menschen eingeht.
Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.
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