Ringen um das Recht auf Erwachsensein
Forum neuer Autor:innenGedanken zur Vermittlung Neuer Musik am Beispiel des ECLAT-Festivals 2026
Die ganze Kindheit träumt man davon, nicht mehr erzogen zu werden – und nun ist man vierzig Jahre alt und wird weiter wie ein Kind behandelt. Erwachsensein bedeutet, frei zu sein, eigene Entscheidungen und Urteile zu treffen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Konsequenzen vorherzusehen und sie anzunehmen. Das Recht auf das Erwachsensein droht jedoch zu verschwinden. Ständig werden jene, die eben kein Kind mehr sein wollen, von unzähligen Institutionen, Nachbar:innen, Kolleg:innen, Kursen, Medien oder sogar Werbung erzogen. Früher ging man in die Kirche, um die Predigten zu hören, nun ist die Kirche überall. Allerorten will jemand aus uns bessere Menschen machen und uns zu unserem Glück verhelfen. Dem Einzelnen wird kaum ein moralisches Urteil zugetraut, geschweige denn ein richtig kontroverser Inhalt. Der Mensch soll möglichst lehrreich unterhalten werden, wie in der Schule, lernen mit Spaß und am besten mit diversen Mitmachaktionen. Die Veranstalter:innen kümmern sich darum, dass die Aufmerksamkeitsspanne nicht überschritten wird, dass man bloß keine eigenständige geistige Anstrengung zu leisten hat. Dies passiert sogar bei solch anspruchsvollen Veranstaltungen wie dem ECLAT-Festival in Stuttgart. Zwar gab es dieses Jahr extra auch ein KINDERECLAT, aber trotzdem schwappte die Infantilisierung und Pädagogisierung auf das gesamte Festival über.
Ist es der Tatsache geschuldet, dass an Stelle der alten weißen Männer mit einer Kunstfixierung überall im Musikbetrieb einige Frauen mit Hang zur Erziehung die kuratierenden Ämter bekleiden? Zugegeben, ich provoziere. Schließlich gibt es doch auch Frauen, die eine erwachsene Welt ohne pädagogischen Kontext mitgestalten können!
Warum haben wir immer weniger Vertrauen in die geistige Reife des Publikums? Sind „Artist-talks“, die die Intentionen der Musik vorab erklären, wirklich notwendig? Sind außermusikalische rote Fäden unverzichtbar? Braucht Musik so viel Erklärung? Müssen pädagogische Anstrengungen eine so große Rolle spielen? War „Future Forest“ von Kirsten Reese mit dem Ensemble Recherche sowie wissenschaftlich-ökoakustischer Begleitung durch Dr. Sandra Müller (Universität Freiburg) noch Konzert oder eine multimediale Infoveranstaltung? Konnte da Kunst mit der Schönheit der Wissenschaft noch mithalten, oder diente sie nur als nette Trägerin wichtiger Inhalte?
Bei „Future Forest“ saß das Publikum in zwei Hälften geteilt einander gegenüber mit Blick auf Instrumentalist:innen und je eine Leinwand. Dazu gesellten sich aufwendig aufgenommene Schwarzwaldgeräusche: Vögel, Wasser, Rauschen, Flugzeuge, Brummen, Bauminnenleben. Eine Präsentation zeigte schnell wechselnde Texte, wissenschaftliche Daten, Kommentare und schließlich infantil-banale Fragen wie: „Siehst du dich als Teil der Natur?“ oder: „Welche Gefühle entstehen im Wald?“ Das hochkarätige Ensemble Recherche wurde zum Nachahmer von Naturgeräuschen in einer originell gestalteten Infodoku über Ökoakustik ohne eigenständiges kammermusikalisches Spiel. Die Musik illustrierte lediglich Statistiken. Teilweise war es sogar amüsant, wenn zum Beispiel einzelnen Baumarten die verschiedenen Instrumente oder dem Alter der Bäume bestimmte Tonhöhen zugeordnet wurden. Es war interessant, die Klangfülle eines alten Mischwaldes mit dem monotonen Piepsen einer industriellen Kiefernplantage zu vergleichen.
Doch: Wo war die künstlerische Form, wo der künstlerische Anspruch? Musik hat einen Bildungsauftrag, aber dieser besteht nicht in sozialer, ethischer, ökologischer oder politischer Belehrung, sondern darin, Menschen zu abstraktem Hören und Denken zu befähigen, die künstlerische Sensibilität zu schärfen und ästhetische Wahrnehmung als solche zu sensibilisieren. Kunst hat den Auftrag, das Unbenennbare darzustellen, Seismografie des Weltgeistes zu betreiben, wachzurütteln und ästhetisch zu berühren. Notwendig ist Neue Musik, die zu kritischem Denken anregt und auf immer neu sich verhärtende Konventionen hinweist.
Daher sehe ich die Anhäufung der „Neue Musik“-Konventionen und romantischen Sehnsüchte, die bei aller Exzellenz des kompositorischen Handwerks in vielen aufgeführten Werken zu finden waren, als problematisch an. Ist Neue Musik schon so tot, dass sie auf Klangmaterial von Ethnomusik, Jazz, Natur und Popkultur derart stark zurückgreifen muss? Wird Neue Musik dadurch besser? Oder macht solche „Neue Musik“ die bereits vorhandene, andere Kunst besser?
Das Publikum war immer begeistert. Offenbar sind wir an die ständige Erziehung schon gewöhnt. Wir suchen gerne in Büchern und Therapiepraxen nach unseren inneren Kindern. Wir möchten bemuttert und an der Hand geführt werden – aber können Kinder ernsthaft Probleme unserer Zeit lösen? Richtet sich die Neue Musik nicht an Menschen, die zwar kindliche Neugier in sich bewahrt haben, aber doch einen erwachsenen, selbständigen, transzendierenden, wachsenden Geist hegen?
Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.
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