Stimme ohne Gesang und Gesang ohne Stimme

Forum neuer Autor:innen

Francesca Verunellis „Songs & Voices“ zwischen Stimme, Unbekanntem und Unheimlichkeit

Stimmen sind da, bevor sie sprechen. In Francesca Verunellis „Songs & Voices“ bleiben sie auch dann präsent, wenn niemand singt. Stimmschichten tauchen auf, verschwinden und kehren wieder zurück: mal verführerisch, mal verstörend, stets in der Schwebe. Verunelli lässt Stimmen wie Figuren erscheinen, die sich ankündigen, ohne vollständig greifbar zu werden: sirenenhaft, fragmentarisch, zugleich verführerisch und zum Teil auch verstörend.

Das sechsteilige Werk von 2022/23 eröffnete das 46. ECLAT-Festival im Theaterhaus Stuttgart. Für sechs Stimmen, zehn Instrumente und Elektronik geschrieben, vereinte die Aufführung die Neuen Vocalsolisten mit dem Ensemble C Barré unter der Leitung von Sébastien Boin (computermusikalische Realisation: Jean Millot; Klangregie: Philippe Boinon).

Der erste Teil „Five Songs (Kafka's Sirens)“ ist rein instrumental und kommt ohne Singstimmen aus, erzeugt aber dennoch den Eindruck von Gesang. Anstelle vokaler Artikulation entstehen klangliche Gestalten, geisterhaft konturiert, manchmal schroff. An einigen Stellen offenbart sich eine fast schmerzhafte Intensität, immer wieder von eruptiven Klanggesten durchbrochen. Der Titel verweist auf Kafkas Paradox „Das Schweigen der Sirenen“: Was bleibt vom Gesang, wenn das Singen ausbleibt? Das "Unheimliche" (engl.: uncanny) fungiert dabei scheinbar als ästhetisches Prinzip. Vertraute vokale Gesten werden entmenschlicht, bleiben aber als hörbare Figuren erhalten. In Zeiten synthetischer Stimmen und algorithmischer Simulationen gewinnt dieses Moment eine zusätzliche Brisanz: Verunellis Sirenengesänge operieren im Grenzbereich und verunsichern. Vertraut-vokal, doch entmenschlicht, genau diese ambivalente Schnittstelle – Grenze, Übergang, Rand – ist bewusst mystisch kodiert.

Die Übergänge zwischen den insgesamt sechs Teilen sind fließend: Gesang und Nicht-Gesang lassen sich nicht klar voneinander trennen; immer wieder stellt sich die Frage, wo Stimme beginnt und wo sie endet. Mit dem Einsatz von Claudio Bettinelli am Schlagzeug verschiebt sich die Wahrnehmung in „Unvoiced“ jedoch schlagartig. Die Passagen geraten in einen Sog zwischen Wahn, Komik und Traum. In den Solo-Episoden Bettinellis öffnet sich ein weitläufiger Klangraum, mal unruhig, mal hoch konzentriert, stellenweise polyrhythmisch verdichtet.

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Claudio Bettinelli, Schlagzeug vom Ensemble C Barré (Trailerausschnitt)

Kontrastierend zur klanglichen Erforschung hat „Songs & Voices“ eine sehr persönliche Dimension: Der Teil „A valediction for her sister (a love song)“ ist ausdrücklich eine Hommage an Verunellis früh verstorbene Schwester. Das Stück bringt eine liedhafte Intimität ein, die nicht in Versöhnung mündet, sondern Verlust und Unabschließbarkeit erlebbar macht und auch dramaturgisch den Kern des Werks darstellt. Eine Solostimme, begleitet von akustischer Gitarre mit Skordatur, modelliert ein Feld aus Tragik, Zärtlichkeit und Leere. Eine Zuhörerin beschreibt den Eindruck als „Minnesang mit vertauschten Reimen“. Formal bleibt die Nähe zwischen Sopranistin Johanna Vargas und dem Gitarrenspiel von Rémy Reber bestehen, ohne je eine harmonische Einheit zu bilden: Nähe ohne Zusammenfinden.

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Johanna Vargas, Sopran, Neue Vocalsolisten (Trailerausschnitt)

Später, in „Vocali“, setzen Click-Track-gestützte, pulsierende Fragmente ein: flirrende, teils wässrige Linien, die wie Tropfenketten durch die Textur laufen und eine organisch wirkende Bewegungsstruktur erzeugen. „Andemironnai (a song of migration)“ funktioniert wieder anders: Hier treten deutlichere formale Marker hervor, Motive, die reprisenartig erscheinen, bevor sie wieder gebrochen werden. Das Stück vermittelt keine lineare Erzählung, sondern provoziert eine Auseinandersetzung mit Vertrautem und Fremdem, Erinnerung und Bruch.

Was will dieses Werk? Es formuliert keine einfachen Antworten. Vielmehr erkundet Verunelli Hörgewohnheiten: Wie reagiert die Stimme, wenn sie ihrer vokalen Zweckbindung beraubt wird? Wie entsteht Bedeutung aus Material, Kontext und Wahrnehmung? Musikalisch äußert sich dies weniger in narrativen Gesten als in permanenten Verschiebungen von Intention und Rezeption – ein Katalog unterschiedlicher Hörhaltungen, der zugleich fragt, was Stimme heute überhaupt noch bedeuten kann.

Am Ende bleibt ein ambivalentes Gefühl. „Songs & Voices“ eröffnet einen Klangraum, der zugleich verstört und verführt, der Nähe simuliert und Distanz schafft. Das Werk mischt persönliche Trauer mit mythischen Grenzerzählungen und phänomenologischer Klangforschung.

Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.

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