Tönende Raumfelder
BerichtDas CTM Festival 2026 in Berlin
Der Berliner Winter ist kalt, viele Gehwege sind vereist, und subtil begleitet einen das Gefühl, man irre wie der nihilistische Pinguin aus Werner Herzogs Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ in einer eisigen Gebirgslandschaft umher – mit dem Unterschied, dass der Weg nicht in den Bergen, sondern im Berghain endet. Anlass war das diesjährige CTM Festival „for Adventurous Music & Art“, das sich an der Schnittstelle zwischen experimenteller Clubkultur, elektronischer Avantgarde und Klangkunst verortet.
Obwohl die visuelle Kommunikation des Festivals zunächst auf einen popkulturellen Ursprung schließen lässt, umfasst die kuratorische Auswahl einen großen Anteil an Künstler:innen, die primär in experimentellen Kontexten angesiedelt sind. In diesem Jahr bildete sich dies mit einem Schwerpunkt auf Noise und Metal ab – zwei Genres, die bekanntermaßen in beide Richtungen ausgreifen. Die stringente Teilung zwischen U- und E-Musik wirkt hier obsolet und ließe sich sinnvoller durch den Begriff der „high art subculture“1 vereinen.

„dissonate <> resonate“
Die diesjährige Festivalmaxime „dissonate <> resonate“ versteht sich als ein Aufruf zum Dialog, der in Zeiten globaler Schwermut und Unruhe auch innerhalb des Festivals unterstützend wirken soll. Die Veranstaltungen der 27. Ausgabe des Festivals vom 23. Januar bis 1. Februar 2026 verteilten sich über verschiedene Orte im Osten Berlins: Während das Haus der Visionäre und das Radialsystem als zentrale Spielstätten dienten, veranstaltet der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien mit „Echoes of Tumult“ eine Ausstellung, in der systematisches Versagen und Gewalt dokumentiert wird und die über den Festivalzeitraum hinaus bis Ende März geöffnet ist. Die daadgalerie bot Panels und öffentliche Gespräche, im Morphine Raum wurden mehrere Workshops durchgeführt und im Berghain sowie dem RSO konnte zu experimenteller Clubmusik bis zum nächsten Morgen getanzt werden.
Festivaldirektor Jan Rohlf wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass es in dieser Ausgabe so viele Partnerinstitutionen und Kollaborator:innen gegeben habe wie nie zuvor – ein Faktum, das zwei Erkenntnisse liefert: Zum einen verweist es auf die Sparzwänge in Zeiten multipler Krisen, eröffnet andererseits aber gezwungenermaßen neue Formen der Zusammenarbeit, die sich als fruchtbar erweisen können. In einer Stadt wie Berlin, in der geopolitische Konflikte alltäglich in kulturelle Räume hineinwirken, könnten mehr Kooperationen den Zusammenhalt gerade in der freien Szene zeitgenössischer Musik stärken.
Musikalisch eröffnete der Growler’s Choir das Festival mit einem Exzerpt aus seinem neuen Stück „Voices of the Void“. Der Chor wurde 2018 von Pierre-Luc Senécal in Kanada gegründet und besteht aus 13 Metal-Vokalist:innen, deren Vokalisen von Pig Squeals und Growls bis hin zu geflüsterten Passagen viele Gesangstechniken abdeckten. Im Rahmen des Festivals bestand zudem die Möglichkeit, sich für zukünftige europäische Produktionen als Growler zu bewerben. Am selben Abend spielten außerdem die Begründer des Drone-Dooms, die US-Amerikanische Band Earth, ihr viertes Studioalbum „Hex; Or Printing in the Infernal Method“ in voller Länge.

Noise als künstlerische Praxis
An den Nachmittagen näherte sich das Festival verschiedenen Musikpraxen und künstlerischen Positionen in zahlreichen Panels und Artist Talks theoretisch an. Unter dem Titel „Straining the System: Noise as Practice“ kamen am 28. Januar beispielsweise Lottie Sebes mit Dror Feiler, Eiliyas und Leslie García (Microhm) über Noise als ästhetische, soziale und künstlerische Praxis ins Gespräch. Während Eiliyas darüber sprach, dass er seine Arbeiten aus Hip-Hop, Blues und experimentellem Jazz entwickelt, arbeitete García zunächst mit selbstgebauten Instrumenten und fand über Punkmusik zu Noise. Feiler komponiert Noise unter anderem für Orchester und wird einigen von den Donaueschinger Musiktagen 2008 bekannt sein, bei denen seine „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ unter Christian Feierabend und Peter Stelzl uraufgeführt wurden. Er versteht den Stil als egalitären Zustand, in dem alle „Sound-Moleküle“ den gleichen Abstand zum Zentrum haben. Noise ist für ihn nicht nur eine musikalische Form, sondern ein performativer Akt der Befreiung. Im Gespräch herrschte Konsens darüber, dass in der westlichen Kunstmusik zu lange das Hören im Vordergrund stand, während der Körper als Resonator weitgehend vernachlässigt wurde. Das Festival selbst näherte sich diesem Resonanzkörper durch verschiedene Formate an, unter anderem in der Reihe „Spatial Commissions“ mit Sote (Ata Ebtekar).

Sote gilt als einer der bedeutendsten Komponist:innen und Klangkünstler:innen des Iran. In einem Gastvortrag am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität gab er Einblicke in die experimentelle Musikszene Ṭehrāns, wo er seit über zehn Jahren lebt. Seine Arbeiten rücken den Körper in den Fokus der Wahrnehmung und zielen darauf ab, das Publikum in einen Zustand der räumlichen und zeitlichen Orientierungslosigkeit zu versetzen. Seine synästhetischen Ansätze begreifen Rhythmus wie die Muster eines Teppichs als visuelles Phänomen und Frequenzen als Farben. Seine elektroakustische Arbeit „Sound Design in Far Sea“, die er im Rahmen des Festivals im Haus der Visionäre uraufführte, kombinierte aufgenommene Klänge persischer Instrumente mit Feldaufnahmen aus dem Iran und verschiedene Synthesetechniken, die durch das d & b Soundscape System – das durch die Platzierung der Lautsprecher an den Aufbau eines Mühle-Brettspiels erinnerte – tönende Raumfelder erzeugten, in denen man sich frei bewegen konnte.

© Camille Blake
Der Club als Heterotopie
Im Unterschied zu klassischen Konzerthallen öffnen bestimmte Clubs wie das Berghain im Sinne Foucaults als Heterotopien neue Perspektiven auf die Wahrnehmung von Raum, Zeit und Körper. Musikwissenschaftlerin Anna Schürmer erweitert das Konzept im Kontext von Technokultur mit dem Begriff der „Heterotopochronophonie“.2 Real existierende Orte wie das Berghain, dem im Inneren realisierte Utopien (beispielsweise Postgenderismus) zugeschrieben werden, können durch zeitliche und klangliche Eigenschaften die körperliche Wahrnehmung verändern. Einige würden argumentieren, dass raumzeitliche Eigenschaften automatisch an den Ort gebunden sind. Im Kontext von Musik jedoch ändern sich zeitliche und räumliche Wahrnehmungen durch diese selbst. Es ist der rauschähnliche Zustand, der durch den tanzenden Körper, das Licht und die schiere Lautstärke erreicht werden kann. In den Festivalnächten im Berghain überzeugte dabei vor allem Guedra Guedra (Abdellag M. Hassak). In seine Sets integriert er eigene Feldaufnahmen von Zeremonien und Festen aus Nordafrika und arrangiert sie in Polyrhythmen. Mit dem Anspruch, die elektronische Musikszene durch die Einbindung dieser Klänge zu dekolonialisieren, hinterfragt er zugleich deren Zugänglichkeit. Im RSO wiederum beeindruckte die US-amerikanische Rapperin und Model Cortisa Star mit einem tanzbaren Hyperpop-Set, das Themen wie ihre Transidentität, Sexpositivität und Sichtbarkeit innerhalb der männlich dominierten Rap-Szene in den Fokus rückte.
Dass Berlin eine der zentralen Städte für experimentelle Klangkunst ist, steht außer Frage. Das CTM Festival bündelt diese Akteur:innen in einem kurzen Zeitraum und macht sie sichtbar. Nicht zuletzt ist es auch ihrem Wirken zu verdanken, dass die Clubkultur der Hauptstadt 2024 offiziell in das immaterielle Kulturerbe aufgenommen wurde. Umso irritierender wirkt es, dass nur wenige Tage vor Beginn des Festivals bekannt wurde, dass der Masterstudiengang „Sound Studies and Sonic Arts“ der Universität der Künste ab dem kommenden Wintersemester nicht weitergeführt wird. Für die Berliner Klangkunstszene ist das ein herber Rückschlag, denn es zeigt: Die kulturelle Infrastruktur der Stadt ist fragil, insbesondere dort, wo künstlerische Praxis, Forschung und Bildung aufeinandertreffen. Das CTM Festival griff das in einigen Gesprächen auf – die grundlegende kulturpolitische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen dieser Entscheidung und mögliche Lösungsansätze werden allerdings erst in nächster Zeit intensiver diskutiert. Gegen die Schließung des Studiengangs läuft derzeit eine Petition.
Hörempfehlungen:
Earth – Earth 2: Special Low-Frequency Version
Dror Feiler – EPEXEGESIS for two soloists and orchestra
Microhm – Entrelazada
Guedra Guedra – MUTANT
Armani West, 6arelyhuman & Cortisa Star – Piano Tiles 2
1 Gina Emerson (2020), „Between the ‘Experimental’ and the ‘Accessible’: Investigating the Audience Experience of Contemporary Classical Music” (Dissertation), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, S.37. https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/8963.
2 Anna Schürmer (08.05.2025), „HETEROTOPOCHRONOPHONIEN – Techno | Xeno | Gender“, #sounding 47, Klanglabor der Kunsthochschule für Medien Köln. https://www.youtube.com/watch?v=9ByHbdDwGyk.
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