Tramfahren mit Ruth Velten

Forum neuer Autor:innen

Gedanken über Hans Thomallas „Nachtmusik“

Das Theaterhaus Stuttgart, in dem wie jedes Jahr das ECLAT-Festival stattfindet, ist morgens um 8:30 Uhr noch geschlossen. Lediglich die Putzkräfte entfernen die Spuren hoher Besucher:innenzahlen der gestrigen Konzerte. Mein Interview mit Ruth Velten – Saxophonistin im Ensemble LUX:NM – kann hier nicht wie geplant stattfinden. Das Theaterrestaurant ist ebenfalls zu. In fünfzig Minuten geht der Zug der Musikerin nach Berlin. Wir haben keine Zeit, einen ruhigen Ort zu finden. Ich begleite sie daher kurzerhand zum Bahnhof, um mit ihr ein paar Informationen und Eindrücke zum gestrigen Konzert zu sammeln: „Nachtmusik“ von Hans Thomalla, gespielt vom Ensemble LUX:NM mit Lichtkunst von Marcel Weber.

An der Fußgängerampel auf dem Pragsattel starte ich die Aufnahme, die zuerst nur viel Lachen und Musikbetriebsgequatsche sowie dröhnende Kulminationen der Geräuschkulisse aufzeichnet. Erst beim Kontrapunkt der quietschenden Rolltreppe hinunter zur U-Bahn kommen wir zum Thema.

Ruth erzählt, wie toll die Zusammenarbeit mit Hans und Marcel war, „freundlich, nett und menschlich“. Dann gleitet der Fokus auf die „Nachtmusik“. Gestern im Konzert sei ihre Wahrnehmung etwas eingeschränkt gewesen, da sie wegen der räumlichen Verteilung des Ensembles mit Klickspur gespielt hatten. Das Publikum saß zwischen den sechs Musiker:innen, die jeweils mit einer Stehlampe kleine Gemütlichkeitsinseln unter dem abstrakt-assoziativen Sternenhimmel des Theatersaals bildeten.

„Aber wir haben unseren Klangregisseur Martin Offik, der alles sehr gut gemischt hat, sodass wir uns alle gegenseitig über die Kopfhörer hörten. Sonst wären viele Dinge auf diese Distanz nicht möglich“, erklärt sie mir. Die Musiker:innen hörten zwar einander, waren aber körperlich nicht wie gewohnt nebeneinander: Sie konnten sich weder sehen noch das Atmen fühlen. Dazu kamen die umgebende Dunkelheit, sich verändernde Lichter sowie das Notenlesen vom Tablet, das „den Blick nach außen ein bisschen sperrt“.

Inzwischen begleitet unser Interview das langgezogene, chorische Stöhnen der U-Bahn. Ruth glaubt also, „wir [Musiker:innen] haben die Nähe zum Publikum ganz anders wahrgenommen als das Publikum selbst. Das ergibt sich einfach aus der Anlage des Stücks“. Die räumliche Verteilung der Instrumente signalisierte ein soziales Anliegen und erreichte indirekte Teilhabe am musikalischen Geschehen, physikalische Nähe bei geistiger Ferne.

Hauptbahnhof, hier müssen wir raus. Die Türen der U-Bahn öffnen sich für die neue Klanglichkeit aus Bohr- und Metallklangrhythmen vom allseits beliebten Stuttgart 21. Wir finden den richtigen Weg und nehmen eine flüsternde Treppe. Beim Reiseshop frage ich vergeblich nach einem ruhigen warmen Lokal. Das gibt es aber nicht. Also machen wir weiter im Stehen beziehungsweise Gleiten im Diminuendo des O-Tons in windfreier Richtung.

LUX:NM sei dafür bekannt, ungewöhnliche Konzertformate zu gestalten; das bringe immer wieder andere Hürden mit sich. Mitten auf dem Bahnhofshallenweg erfahre ich von den größten Herausforderungen, die muskulärer Natur waren. „Bei Thomallas Stück müssen die Bläser:innen eine Stunde lang leise, lange Töne, teilweise sehr hoch, spielen“, bei sehr durchsichtigem Material. „Bei komplexen Werken“, sagt sie mir, „kannst du über manche Dinge hinwegspielen. Hier war es unmöglich. Es war so ein bisschen wie ein völliges Nacktsein-Gefühl. Du fühlst dich beim Spielen ganz alleine. Obwohl du im Ensemble und zwischen Menschen bist. Von dem Publikum, das weiter weg sitzt, wirst du irgendwo im Raum wahrgenommen; von dem, das um dich herumsitzt, wirst du prominent gehört. Du fühlst dich gleichzeitig allein und von ganz nah beobachtet.“

Wir versperren anderen auf dem Bahnsteig den Weg, und bei der aufsteigenden Skala einer abfahrenden Lok schieben wir uns beiseite. In den letzten Minuten will ich noch wissen, ob Ruth etwas an dem Stück besonders mag. „Diese Ruhe, die man dabei hat“, sagt sie, „und die Konzentration.“ Sie schätzt sehr, „wie ihre Kolleg:innen klingen, welche Klangfarbe sie auf ihren Instrumenten haben“. Sie mag, dass deren Klangfarbe bei diesem Werk in großer Transparenz und Nacktheit richtig zum Vorschein komme. Die Saxophonistin beschreibt die Musik als „eine tonale, klangbasierte Komposition. Wegen der Thematik eine ganze Stunde lang ganz ruhig, mit ein paar schroffen Momenten voller Multiphonics“. Wir stellen fest, dass das Stück abhängig vom Sitzplatz anders klingt und vielleicht sogar einen anderen Charakter wegen vertauschter Vorder- und Hintergründe hat. Schließlich erfahre ich, dass das aufwändig animierte Licht nicht einkomponiert war, sondern von Marcel Weber frei kreiert wurde. Wir gehen in entgegengesetzte Richtungen.

In der U-Bahn-Station warte ich auf den Zug zurück zum Theaterhaus, baumle mit den Beinen und wäge mein Urteil über das Stück ab. Ich ordne mit Gefühl und Verstand die „Nachtmusik“, und plötzlich erinnere ich mich daran, dass der Geist einer Kultur an ihrer Kunst zu erkennen ist. Beim Jaulen des einfahrenden Zuges frage ich mich, wie unser heutiger Geist denn ist, wenn wir Thomallas „Nachtmusik“ genießen. Ich weiß ja, dass uns das gefällt, was uns ähnelt. Beim Ersinnen der Kunst erkennen wir uns selbst.

In der Vorstellung hole ich mir zurück, was ich im Konzert erlebt habe: eine ambivalente Gemeinschaft, gestrichen-schimmernden Beckenklang, glitzernde Kleidungsstücke, aufsteigende Dur-Tonleitern; strahlende Bläserdreiklänge, eine wohltuende abendliche Ruhe, „häusliche“ Nähe zum Klavier, kopfdurchbohrende Nähe zur Posaune, weich-monotonen Puls, kurze schroffe Momente, das Wiederkehren des Gewohnten, längere dröhnende Dissonanzen mit Klavier-Innenraum-Ratschen, unheimlich flackernde Neonrohrleuchten, fortschreitende, Spannung aufbauende Akkorde, vielleicht einen Marsch, ein brutal schneidendes Alle-im-Gleichschritt-Unisono, knallende Härte des Klaviers; romantische Symbole wie Sterne, Stehlampen und Nebel, die Wiederkehr des tonalen Materials, ein um ein Unisono kreisendes Akkordeon–Sopransaxophon-Duo und zuletzt die musikalisch angedeutete Hoffnung eines Messiaen‘schen Erwachens der Vögel, die das Ende der Nacht verkünden.

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Videostill aus Hans Thomallas "Nachtmusik". Foto: Musik der Jahrhunderte

Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.

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