Über das Eclatieren

Forum neuer Autor:innen

Das Dazwischen des ECLAT Festivals 2026 in Stuttgart

Die Neue Musik befindet sich in einer Zeit der Festivalisierung. Festivals sind nun mal eine gute Form, neue Musik oder Projekte zu präsentieren, vor allem einem großen Publikum, vielleicht sogar einem angereisten und internationalen. Dafür lohnt sich die zeitliche sowie geographische Ballung. Beim Anordnen vieler musikalischer Events in wenigen Tagen und der Konzentration auf eine Stadt oder im Falle des ECLAT Festivals sogar auf ein Haus entstehen Momente zwischen Konzerten und Veranstaltungen an bestimmten Orten. Denn ein Festival findet auch im Foyer, Treppenhaus oder Flur zwischen zwei Sälen statt. Diese Räume bedingen zugleich das Darauffolgende. Hier kommt es zu Begegnungen, Gesprächen, Konfrontationen – vielleicht auch zu Eklats? –, die möglicherweise das zuvor Gehörte und noch zu Erlebende beeinflussen oder sogar die Gestaltungsmacht über eine Konzerterinnerung besitzen. Das ist eben das Verlässliche an einem Festival: das Konzert-nach-dem-Konzert bzw. das Konzert-vor-dem-Konzert. Und weil das Vor- und Nachher das Rezipierte ist, muss es folglich auch kuratiert und mitbedacht werden – schließlich stehen die einzelnen Events in Bezug zueinander und kontextualisieren sich gegenseitig.

Bezogen auf das Stuttgarter Festival ECLAT: Was passiert in diesen Zwischenzeiten und -räumen, was eklatiert sich da? Werden diese Momente von der Festivalleitung mitgedacht, mitkuratiert, oder entstehen sie organisch und unbewusst? Für mich trägt die Atmosphäre, die wir alle feiern oder mindestens genießen (sollten), entscheidend zur Identitätsbildung eines Festivals bei. Warum gehen wir sonst auf Festivals?

Das Dazwischen

Wie in den letzten Jahren findet das Stuttgarter Festival auch 2026 im Theaterhaus statt. Dieses befindet sich fern ab von der Innenstadt, umgeben von mehreren Hotels herkömmlicher Ketten und dem Porsche Zentrum. Das Theaterhaus ist eine große Einrichtung mit verschieden dimensionierten Sälen und einem geräumigen Foyer auf zwei Ebenen, die jeweils eine Bar besitzen. Hier findet das meiste Dazwischen statt. Vor dem Eröffnungskonzert sammelt sich das Publikum um Stehtische, Gespräche entstehen. Ich sehe zahlreiche Gesichter, die sich freuen, andere Menschen (wieder) zu sehen, Umarmungen. Die Menge kennt sich, die „Szene“ trifft sich. Auch ich erkenne Bekannte von vergangenen Festivals. In diesem Sinne unterscheidet sich ECLAT nicht von anderen Neue Musik-Festivals auf nationaler Ebene wie in Donaueschingen oder Darmstadt. Wie so oft sind viele künstlerische Leiter:innen und wichtige Positionen innehabende Personen erschienen. Let the networking begin! Einen gewissen Messecharakter haben diese Veranstaltungen ohne Zweifel, schließlich ist auch der wolke-Verlag mit einem Bücherstand vor Ort. Aber was macht das ECLAT-Festival im Dazwischen, sticht es dabei irgendwie heraus?

Eine erste Auffälligkeit ist die Fotowand á la Berlinale, ein auf Textil gedrucktes Abbild des Corporate Designs des Festivals. Daneben ein Tisch mit Requisiten, um das Foto lustiger oder erinnerungswürdiger zu gestalten. Ich beobachte amüsiert ein Fotoshooting des Ensemble C Barré, das zuvor im Eröffnungskonzert „Songs & Voices“ von Francesca Verunelli aufgeführt hat. Mit Grimassen, Plastikhelm und Schwert gewappnet scheinen sie beim Immortalisieren des Moments ihren Spaß zu haben. Schließlich darf man nicht jeden Tag bei einem Eröffnungskonzert spielen. Ein Grund zur Freude, die sich via Social Media in die Welt verbreiten lässt, um zu zeigen, wie viel Spaß ein Festival für Neue Musik wirklich machen kann! Social Media wird hier strategisch mitgedacht, so scheint es zumindest.

Neben der Fotowand wurde eine „Chill-Ecke“ mit strandähnlichen Klappliegestühlen, niedrigen Tischen, Hockern und Matratzensofas eingerichtet, die durchaus zum „Abhängen“ einlädt. Darf das nicht auch auf einem Neue Musik Festival passieren? Abgehangen wird hier auch vom lokalen Publikum, das einen erheblichen Anteil der Zuhörer:innenschaft ausmacht. Es scheint ein Festival für Stadt und Region zu sein, nicht nur die üblichen Verdächtigen werden mitgedacht – eine begrüßenswerte Tatsache.

Über Musik sprechen

In diesem Jahr wurden außerdem sogenannte „Guides“ eingeführt. Ein Experiment: Vier Kompositionsstudierende der lokalen Musikhochschule führen nach den Konzerten Gespräche mit dem Publikum über das Gesehene und Gehörte, beantworten Fragen, sortieren Eindrücke gemeinsam ein. Es ist nicht als Podiumsdiskussion zu verstehen, sondern als geselliges Gespräch am Bartisch samt Getränk und Snacks. Das scheint gut anzukommen. Am häufigsten gestellt werden am ersten Abend Fragen nach der Notation des Werks von Francesca Verunelli: „Wie notiert man überhaupt ein Stück wie ,Songs & Voicesʻ? Wie sieht so eine Partitur aus?“ Mit den Noten auf dem iPad bringen die Guides dem neugierigen Publikum die Notation nahe. Nach einer Weile zerstreuen sich die vier in der Menge und vergessen zum Teil ihre Rolle. Erst ab dem zweiten Festivaltag tragen die Guides eine explizite Markierung. Ich stoße auf einen, dessen Gesicht ich auf dem Guide-Flyer wiedererkenne, und fange an, mit ihm zu plaudern. Es stellt sich für mich die Frage, mit wem ich denn da rede: mit einem Kompositionsstudenten, einem Publikumsmitglied oder doch einem Guide?

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Flyer Guides ECLAT Festival 2026

Wer in den Momenten zwischen den Konzerten zusätzlichen Informationsbedarf hat oder Informationen lieber über das Smartphone als im direkten Austausch mit Menschen aufnimmt, kann seinen Wissensdurst in der Mediathek auf der Homepage des Festivals stillen. Dort gibt es voraufgezeichnete Selfies und Interviews mit Komponist:innen, Trailer zu Werken oder sogenannte „Artist’s messages“, wo Antworten verschiedener Komponist:innen auf die Fragen und Themen des Festivals festgehalten sind.1 Neues Material wird auch während des Festivalverlaufs produziert, weitere Interviews zum Beispiel oder Rückblicke in Form von Videodokumentationen der vergangenen Tage. So kann das Publikum, das einen oder mehrere Festivaltage verpasst hat, auf dem Laufenden bleiben und muss „nichts verpassen“.2 Auf gewisse Weise, wenn auch in einer etwas holprigen Form, wird so die Gesamtdramaturgie des Programms aufrechterhalten. Wie viele dieses Angebot tatsächlich wahrnehmen, bleibt offen.

Zuviel der Worte?

Warum all diese Angebote? Reichen Konzerte nicht mehr aus? In Zeiten sinkender Aufmerksamkeitsspannen, aber auch einer unumgänglichen Öffnung gegenüber neuen und diversen Publika dient ein stärkerer Fokus auf Vermittlung genau diesem Zweck. Dies scheint ECLAT verfolgen zu wollen. Auf den ersten Blick eine willkommene Entscheidung, schließlich geht es um das Wohlergehen des Publikums und den Einschluss von Menschen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen oder die das Angebot bislang nicht tangiert hat. Gerade im Dazwischen lassen sich solche Brücken bauen. Doch eine Gefahr sehe ich nicht so sehr in der Verschiebung des Blicks weg vom Wesentlichen, der Musik, sondern vielmehr in der Authentizität dieses Schritts. Beim diesjährigen Festival wirkt das „Angebot“ oft aufdringlich, gekünstelt und etwas erzwungen. Es gab kaum einen Ort oder einem Moment, an denen man den ständigen Vermittlungsversuchen entkommen konnte. Es wurden sogar mehrmals „Artist Talks“ mitten in ein Konzert auf die Bühne verlegt. Entweder bewusst geplant oder als Füller, weil das Werk nicht rechtzeitig fertiggestellt wurde. Darauf hätte man ehrlicherweise verzichten können. Es mangelte an Räumen der Ruhe und inneren Reflexion, in denen man eine eigene Haltung hätte entwickeln oder der Fantasie freien Lauf lassen können. Oft fehlte zudem dafür schlichtweg die Zeit. Das Festival erzählt sich so von selbst. Vielleicht erscheint es mir schließlich auch deswegen erzwungen, weil ECLAT sich eher als ein Festival lesen lässt, das anderen folgt und nicht als Vorreiter agiert, sondern auf schon fahrende Züge aufspringt.

1 Beispielsweise: „Ist Musik ein Mittel, um etwas in der Welt zu verändern – wenn auch nur in geringem Maße?“ Oder: „Kann Musik zumindest ein emotionaler Zufluchtsort für die Zuhörer sein?”, siehe: ECLAT Festival – Mediathek, https://www.eclat.org/material/malin-bang/, abgerufen am 09.02.2026.
2 Siehe Videodokumentation von Tag 1: https://www.eclat.org/material/eclat-2026-tag-1/. Abgerufen am 09.02.2026.

Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.

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