Zerstreuung im Wald

Forum neuer Autor:innen

Zur Uraufführung von Kirsten Reeses „Future Forest“ beim ECLAT-Festival 2026

Der Abend beginnt mit einem gleichförmigen Grundrauschen aus den Lautsprechern. Bereits in diesem ersten Moment wird deutlich, dass es wesentlich um Feldaufnahmen gehen wird. Nach wenigen Sekunden setzt Vogelgezwitscher ein, gefolgt von Windgeräuschen. Von hinten kommt ein luftiges Instrumentengeräusch hinzu, das den Wind imitiert. Diese „Raumkomposition in zwölf Szenen“ basiert auf zwei sich gegenübersitzenden Publikumsblöcken und vier Instrumentengruppen des Ensemble Recherche (Streicher, Holzbläser, Klavier und Schlagzeug), die in den Ecken um das Publikum herum platziert sind – als befände man sich in einem Wald, dessen akustische Schichten aus verschiedenen Richtungen auf die Lauschenden einströmen.

Doch das übergeordnete Narrativ wird nicht vom Klingenden selbst geführt, sondern von Textprojektionen auf die Leinwand. Diese vermitteln nicht nur Metadaten der Aufnahmen wie Koordinaten, Ortsangaben und Zeitpunkte, sondern auch Hinweise zu den Aufnahmesituationen, etwa „Kontaktmikrofon am Baumstamm“, sowie schlichte Beschreibungen wie „Der Wald rauscht“. Hinzu kommen direkte Fragen an das Publikum, „Was ist dir wichtig in der Natur?“, Erläuterungen der Forschungsmethoden und Zitate in Anführungszeichen ohne Quellenangaben beispielsweise „Alles ist mit allem verbunden“. Die Informationen und Fragen wirken einerseits aufschlussreich und zum Nachdenken anregend. Andererseits erinnert ihre einfache Präsentation auf schwarzen Folien eher an einen Vortrag in einem Seminarraum als an ein Konzert.

Die formale Nüchternheit ist jedoch keine Vernachlässigung des Ästhetischen, sondern eine bewusste Entscheidung. Denn „Future Forest“ entstand im Austausch mit der Biologin Sandra Müller von der Universität Freiburg und ihrer ökoakustischen Waldforschung. Der Dialog zwischen wissenschaftlicher und musikalischer Perspektive fungiert als treibende Kraft und macht das experimentelle, interdisziplinäre Konzept nachvollziehbar und in vielerlei Hinsicht reizvoll: Die eingesetzten Aufnahmetechniken, Erdsensoren, Hydro- und Kontaktmikrofone ermöglichen es, den Wald nicht als atmosphärisches Ganzes, sondern in seiner technisch erschlossenen Vielschichtigkeit wahrzunehmen. Besonders interessant sind Langzeitaufnahmen und Sonifikationen von Forschungsdaten und von KI ausgewertete Vogelstimmen, auf die Flöte und Klavier mit punktuellen Klängen musikalisch reagieren.

Im Verlauf der rund sechzig Minuten erschöpfte sich die anfängliche Neugier jedoch zunehmend. Am Ende hinterließ das ambitionierte Projekt einen ambivalenten Eindruck. Die Komplexität entfaltet sich weniger musikalisch als vielmehr auf der Ebene der forschungsbezogenen Informationen und der Vielzahl an Feldaufnahmen. Der häufige Wechsel der zwölf Szenen führte zu einer miniaturhaften Behandlung des Materials. An die Stelle von Verdichtung, vertiefter musikalischer Entfaltung und konzentriertem Lauschen traten überwiegend klangmalerische Imitationen und ein zwischen Texten, Listen, Daten, Lesen und Verstehen eher zerstreutes Hören.

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Kirsten Reese im Gespräch mit Martina Seeber. Foto: Musik der Jahrhunderte

Dieser Text entstand im Rahmen des Forums neuer Autor:innen vom 4. bis 6. Februar 2026 auf dem ECLAT Festival.
Das Forum wurde ermöglicht durch Förderung der Gisela Gronemeyer-Stiftung sowie der Stiftung Apfelbaum.
Wir bedanken uns für die Kooperation mit dem ECLAT Festival und Musik der Jahrhunderte.

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