„Carte Blanche Cologne“
BerichtDas neue Festival für elektroakustische Musik der KGNM

Elektronische Musik und Köln waren lange Zeit ein Synonym. Dank des 1951 gegründeten Studios für Elektronische Musik (SEM) des (N)WDR war die Stadt auf historischen Weltkarten der neuen und elektroakustischen Musik wie eine Kapitale in großen Lettern mit Fettdruck und doppelter Unterstreichung markiert. Köln war Gravitationszentrum für all jene Komponist:innen aus der halben Welt, die an den Rhein kamen, um mit der damals neuesten Technologie zu arbeiten. Doch das war einmal.
2001 wurde das Studio geschlossen, abgebaut und in einen Keller ausgelagert. Seitdem gab es mehrere Versuche, den einzigartigen Parcours an Geräten aus fünfzig Jahren als lebendiges Museum für Produktion, Forschung, Präsentation und Vermittlung wieder aufzubauen. Doch alle Bemühungen scheiterten. 2023 überließ der WDR das „Kulturgut von internationalem Rang“ der Stadt Köln, die sich zusammen mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW um die Wiedererrichtung des SEM in einem ehemaligen Thyssen-Gebäude in Köln-Ehrenfeld bemüht, wohin das Zentrum für Alte Musik (zamus) übersiedelt.
Elektronik in Köln?
Und wo in Köln wird gegenwärtig elektronische Musik aufgeführt? Im WDR-Sendesaal und in der Kölner Philharmonie jedenfalls nicht, obwohl hier entsprechende Soundsysteme zur Verfügung stünden. Nun fällt auch noch das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Köln weg, wo Christoph von Blumröder und dann auch Markus Erbe im Rahmen der Reihe „Raum-Musik“ seit 1998 Komponist:innen für Vorträge einluden und elektroakustische und akusmatische Musik präsentierten. Nachdem von Blumröder 2018 emeritiert wurde, lief nun zum Ende des Sommersemesters 2025 auch Erbes Juniorprofessur für Sound Studies aus. Und weil keiner mehr im Institut Verwendung für die im Musiksaal stehende 16.2-Kanalanlage (16 Lautsprecher, 2 Subwoofer) hat, geht das Equipment – das ist der gute Teil an der schlechten Nachricht – an das Netzwerk ON Neue Musik Köln, so dass die Technik in Zukunft der freien Musikszene zur Verfügung steht. Bleiben momentan als einzige Präsentationsforen elektroakustischer Musik in Köln das Studio für Elektronische Musik der HfMT mit seinen studentischen Konzerten und die seit 2009 bestehende „ReiheM“ für Gegenwartsmusik, Elektronik und neue Medien.
Dem Mangel hilft die Kölner Gesellschaft für Neue Musik nun mit dem kleinen Festival „Carte Blanche Cologne“ ab. Das ist inmitten allgemein grassierender Spar- und Streichmaßnahmen eine kleine Sensation. Pablo Garretón, Luís Antunes Pena und Claudia Robles-Angel aus dem aktuellen Vorstand kreierten als künstlerisch-technische Leitung dank Fördermitteln von Stadt, Kunststiftung NRW und Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zwei sehr unterschiedliche Konzertabende in der dafür bestens geeigneten Halle der Alten Feuerwache. Über ein geliehenes 8.2-Soundsystem der Firma Meyer erklangen vierzehn elektroakustische Werke von elf Komponist:innen in ausgezeichneter Klangqualität und räumlicher Tiefenstaffelung. Eine Förderzusage des Musikfonds garantiert schon jetzt die Fortsetzung des Festivals im Jahr 2026.
Annette Vande Gorne
Aus Brüssel angereist kam Annette Vande Gorne. Die 1946 geborene Belgierin war ab 1977 eine der letzten Schülerinnen von Pierre Schaeffer in Paris, selbst unterrichtete sie in Liège, Brüssel und Mons. Außerdem gründete sie die „Association de Musiques et Recherches“, das Studio „Métamorphoses d'Orphée“ und 1984 das Festival für akusmatische Musik „L'Espace du Son“ in Brüssel. Ihr Lehrer hatte bereits 1948 die Musique concrète und später die „Groupe de Recherches Musicales“ am Pariser Rundfunk begründet. Wie Schaeffer verarbeitet auch Gorne Aufnahmen von Alltagsklängen, Gegenständen, Materialien, Instrumenten und bereits bestehender Musik. In „Haiku: Winter“ transformiert sie Musik von Debussy, Vivaldi, Schubert und Poulenc bis zur Unkenntlichkeit zu verschiedenen Charakteren.

Statt reale Haikus in gebotener Kürze zu vertonen, gestaltete Gone die Fülle der Bilder, Klänge und Gedanken, die diese streng formalisierte japanische Lyrik beim Lesen auslöst. Ihre ungemein plastischen, lebendigen, farbreichen Klänge schaffen mit schnell wechselnder Akustik verschiedene Atmosphären, die beim Hören unweigerlich fantastische Landschaften und Szenerien imaginieren lassen. Mal zuckt metallisches Klirren kreuz und quer von einer Ecke zur anderen. Mal schweben verschleierte Glockenklänge wie unter Wasser durch ozeanische Weiten und ziehen geheimnisvoll flüsternde Stimmen durch die Tiefe. Dann scheinen Drähte wie unter Hochspannung zu reißen und als energetisch sirrende Fangarme durch den Raum zu schießen. Am Ende sind es jedoch japanische Klangschalen, aus denen die Gesten und virtuellen Räumen mittels Kompression und Transformation entwickelt wurden.
Fixed-media-Arbeiten
Andere Werke Gornes lassen deutlicher die Herkunft der verwendeten Klänge erkennen. „Vox Alia V: Vox Naturae“ von 2024 führt binnen weniger Minuten durch unterschiedlichste Habitate und Klimazonen. Man hört zirpende Grillen, summende Insekten, blökende Schafe, grunzende Schweine, fauchende Löwen, maunzende Miezekätzchen. Das ganze bunte Bestiarium verschiedenster Tierlaute ist hier versammelt, wie bei einem Geschwindmarsch durch den Zoo vom Pinguinbecken über das Tropenhaus zum mitteleuropäischen Bauernhof. Der Musique concrète wird häufig vorgeworfen, sie befördere einseitig anekdotisches Hören, also die kanalisierte Assoziation oder gar eindeutige Identifikation der Klänge mit ihrem gewöhnlichen Auftreten in der Lebenswelt. Genau das überspitzt Gorne jedoch in ihrem Stück provokativ-humorvoll mit lauter animalischen Lauten zum heiteren Ratespiel „Erkennen Sie das Tier?“.
Der zweite Teil des ersten, sehr gut besuchten Abends bestand aus Beiträgen von Mitgliedern der KGNM. Entgegen dem vorherrschenden Trend zu Live-Elektronik, Intermedialität, Performativität, Virtual Reality und KI waren alle Stücke von Hiromi Ishii, Ursel Quint, Harald Muenz, Magdalena Buchwald und Johannes S. Sistermanns reine Fixed-media-Arbeiten ausschließlich zum Hören. Der 1941 geborene Wilfried Jentzsch hatte in Dresden und Berlin studiert sowie bei Iannis Xenakis in Paris. Von 1993 bis 2006 leitete er das Studio für elektronische Musik der Musikhochschule Dresden. In seinem „Between Heaven and Earth“ von 2016 lässt er Sphärenharmonien implodieren und die Trümmerteile durch den Orbit zischen, bis sie von schwarzen Löchern weggesaugt werden, als gälte es, hörend erlebbar zu machen, wie der Heliozentrismus der modernen Astronomie an die Stelle des ptolemäischen Weltbilds der Antike tritt. Doch nach Supernova und Kollaps erblüht plötzlich wieder eine neue schöne Schöpfung aus schwebenden Harmonien, Kinderchor und pfeifenden Paradiesvögeln.

Performative Turn
Der lange zweite Abend vollzog dann den sonst überall vorherrschenden „Performative Turn“. Cathy van Eck nahm nicht einfach die Aufnahme eines konkreten Klangs, sondern kreierte selbst einen solchen, indem sie herzhaft in einen Apfel biss, kaute, schluckte, erneut abbiss und alle Essgeräusche über Headset und Mischpult verstärkte, räumlich projizierte, später auch abwandelte und schließlich das Kauen zur Steuerung gänzlich anderer Soundfiles nutzte. Im Spiel mit dem Apfel vom Baum der Erkenntnis erschloss die 1979 geborene belgisch-niederländische Klangkünstlerin mit „In Paradisum“ wie einst Eva einen ganz eigenen klingenden Garten Eden. Anschließend griff sie in „April Sky“ einzelne Vogellaute scheinbar wie in einem Frühlingswald von den Zweigen und aus der Luft. In Wirklichkeit steuerte sie die Klänge jedoch über zwei Handys mit WiFi-Empfang, an ihren Oberarmen unter dem Pullover verborgen. Mit hebenden und senkenden Armen erzeugte sie schließlich mächtig anschwellendes Rauschen, als wollte sie sich mit riesigen Adlerschwingen in die Lüfte erheben. Doch am Ende ließen originale Handy-Klingeltöne den Menschheitstraum vom Fliegen samt aller Poesie der Performance wieder zur Prosa des Alltags zerplatzen.

Atau Tanaka machte einmal mehr den eigenen Körper zum Instrument, indem er Herzschlag, Atem und Muskelspannung mittels Mikrophonen, Elektrokardiogramm, Elektromyogramm samt Verschaltung mit einem Modularsynthesizer hören ließ. Jedoch blieb das Ergebnis seiner „Burning Meditation“ hör- wie sichtbar uninteressant. Nikki Buzzi nutzte am Buchla-Synthesizer verschiedene Sounds und Fieldrecordings von Straßenverkehr und Natur, um sie zusammen mit live gespielten pseudo-orientalischen Arabesken in den nervtötenden Endloszopf eines gut halbstündigen, verlangsamten Trillers zu flechten. Steffen Krebber gab zunächst eine kompakte Einführung in seine Grundlagenforschung zu „Sinusoidal Run Rhythm“ (SRR). Das sind komplexe Rhythmen, die aus der Addition phasengleicher Cosinusfunktionen in ganzzahligen Verhältnissen entstehen. Die Uraufführung seines „Leiotrichous Hyaena Abeyances“ bot dann eine irrwitzig sprung- und flatterhafte Musik, auf deren beatbestimmte Zuckungen sich dennoch gut tanzen ließe, wenngleich besonders technoid, eckig und funky. – So vielfältig kann elektroakustische Musik sein. Gut, dass ihr „Carte Blanche Cologne“ jetzt wieder ein kleines Hörfenster schenkt.

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