Henze – Dutschke – Metzger – Augstein (1968)

Fundstück

Der Skandal um “Das Floß der Medusa”

Am 1. Dezember 1968 eröffnet der SPIEGEL in seiner 49. Ausgabe des Jahres den Artikel „MUSIK / HENZE / Kindliches Entzücken“ (Seite 182) mit einem Zitat des damals 42-jährigen Hans Werner Henze: „Notwendig sind nicht Museen, Opernhäuser und Uraufführungen … Notwendig ist die Schaffung des größten Kunstwerkes der Menschheit: die Weltrevolution.“ Dann weist der, wie weiland im SPIEGEL üblich, anonym veröffentlichte Text – der Autor war wohl Felix Schmidt – auf die bevorstehende Uraufführung von Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ (Libretto: Ernst Schnabel, ehemaliger NDR-Intendant) hin, das – in memoriam Ernesto (Che) Guevara – am 9. Dezember als „Oratorio volgare e militare“ in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg uraufgeführt werden sollte, live übertragen im Norddeutschen Rundfunk, mit u.a. Edda Moser und Dietrich Fischer-Dieskau als Solist:innen, dem RIAS Kammerchor (West-Berlin), dem Chor und dem Sinfonieorchester des auftraggebenden NDR, unter der Leitung des Komponisten. 
Allerdings musste die geplante Uraufführung, noch ehe der erste Ton erklang, abgebrochen werden: wegen der heftigen, politisch motivierten Tumulte im Publikum, zu denen sich bald eine (nicht) überraschend schnell herbeieilende Hundertschaft der Polizei gesellte, die gleich etliche Personen, darunter auch Librettist Schnabel, in Haft nahm. Der NDR sendete – nach zwanzig Minuten Live-Übertragung der Auseinandersetzungen – eine Aufzeichnung der Generalprobe.1 Ein Riesenskandal, den der SPIEGEL eine Woche vor der „Floß der Medusa“-Uraufführung freilich nicht hat ahnen können, den er aber womöglich durch seine Vorberichterstattung mit begünstigt hat. Denn so heißt es im „Kindlichen Entzücken“ weiter: „Allein, beim Komponisten Henze findet die Revolution nur in der Widmung statt: Sein Floß treibt, wie alle Henziaden, im Sog der musikalischen Konterrevolution. Während sich Luigi Nono, Luciano Berio und Pierre Boulez seit annähernd 20 Jahren durch Serien, Aleatorik und Elektronik zur neuesten Musik vortasten, ist Henze der Ästhet, der gepflegte Epigone, der geschmäcklerische Eklektizist geblieben. Seine Avantgarde-Kollegen tut er, der mit Geld und forschen Worten für Apo und SDS streitet und der auch gern auf die Barrikaden gegangen wäre, wenn er nicht ‚eine Generation zu spät‘ wäre, ohnedies als ‚kleine Bürger‘ ab. Ihre Experimente sind für ihn zu ‚bourgeois‘ und ‚ohne jede Courage‘. […] ‚Donationen sind Amerikanismen‘, sagt Henze. ‚Sie zeigen dank ihrer Sentimentalität deutlicher als sonst und fast klischeehaft den Einfluß der Industrieherrschaft auf die öffentlichen Belange.‘
So ist es, der Revolutionär Henze hat es richtig erkannt und danach immer schon gehandelt. Hoch honorierte Auftragsarbeiten (so 80 000 Mark für die ‚Medusa‘) sind ihm immer willkommen, mag da der ‚Zeit‘-Redakteur Rudolf Walter Leonhardt auch meckern: ‚Unser Respekt vor Pfiffikussen, die die kapitalistische Kuh erst richtig melken, ehe sie sie schlachten, hält sich in Grenzen.‘
Henze, schönheitstrunken und immer delikat, schlachtet nicht, er saugt am Establishment. Zwei Seelen wohnen in seiner Brust – hie Apo, da Lukullus. […] Mögen auch Che Guevaras Verdammte dieser Erde auf die Revolution warten – Professor Henze schaut zu den Sternen. Er ist der Privatier der modernen Musik.“

Diese SPIEGEL-Äußerungen zu Henze, der zwischen 1962 und 1967 am Mozarteum in Salzburg eine Meisterklasse für Komposition leitet (von 1980 bis 1991 ist er Kompositionsprofessor an der Kölner Musikhochschule), veranlassen den Studierendenwortführer Rudi Dutschke zu einer unmittelbaren Stellungnahme, die der SPIEGEL am 8. Dezember 1968 (50. Ausgabe, Seite 185) unter dem Titel „Es kracht an allen Ecken und Enden“ abdruckt; es ist eine der ersten Stellungnahmen Dutschkes nach dem Attentat am 11. April 1968 vor dem SDS-Büro am West-Berliner Kurfürstendamm, als ihm der 21-jährige Josef Bachmann mit einer Pistole einmal in die Schulter und zweimal in den Kopf geschossen hat; Dutschke erlitt schwerste Hirnverletzungen und wurde mehrere Stunden lang operiert. Erst nach Monaten intensivster Sprachtherapie findet er wieder zum Sprechen und zu seinem Gedächtnis. Hier einige Passagen aus seinem „Brief für die Herren der anderen Seite“, so der Untertitel seiner SPIEGEL-Entgegnung:

„Der ‚Fall‘ Hans Werner Henze zeigt die sich permanent wendende Form der Lüge und Halbwahrheit der SPIEGEL-Maschinerie, die der ‚neo-liberale‘ Bestandteil der Erhaltungsstrategie des Spätkapitalismus darstellt. […]
Warum berichtet der SPIEGEL nicht über die neuen Erschießungsformen des Schahs in diesen Tagen? Über Hans Werner Henzes Musik können der praktische Revolutionär und Kommunist Luigi Nono und andere sich äußern. […]
Hans Werner Henze wird zur Zeit von seinen ‚ehemaligen Freunden‘, den Mitarbeitern der Medien gegen das Volk bekämpft. Warum? Weil Henze dabei ist, sich aus diesen herrschenden Institutionen herauszubrechen, sich einen neuen Weg der politischen und musikalischen Haltung, menschlichen Daseins zu erkämpfen. Darin allein sehe ich Henzes Entwicklung, seinen Lernprozeß und die Schaffung neuer Beziehungen des Musikers Henze mit den lohnabhängigen Massen des Volkes. Wer das praktisch durchführt, muß von den herrschenden Verrätern der Interessen, Hoffnungen und Bedürfnisse der Massen total bekämpft werden.
Wenn Henze wieder so wird, wie er ‚früher‘ war, werden die Erhaltungsmedien des Systems ihn wieder lieben, er wäre erneut ins Lager der Integration zurückgekehrt. 
Wer ist Konterrevolutionär? Der Musiker des neuen Anfangs, der lernende, sich an Aktionen gegen das System beteiligende Henze oder die beherrschten, unterentwickelt gehaltenen Vertreter der Medien, die Objekte des schon wackelnden Spätkapitalismus?
Ein objektiver Vertreter der Konterrevolution, der ‚Herr ohne Namen‘ aus der ‚Kulturabteilung‘ der SPIEGEL-Maschinerie, hält den zur Außerparlamentarischen Opposition gehörenden Henze vom Standpunkt ‚der modernen Musik‘ für ‚konterrevolutionär‘. Wer arbeitet wo, für wen und für was? – Das ist die Grundfrage. Henze arbeitet tatsächlich schon seit längerer Zeit in unserem Gesamtlager der revolutionären und antiautoritären Sozialisten, die gegen den autoritären Staat der spätkapitalistischen Basis kämpfen. [...]
Ja, Henze und viele andere Berühmtheiten der ‚Kultur und Politik‘ müssen von den herrschenden Institutionen integriert oder zerschlagen werden, sonst sind die schon herausbrechenden Massen noch mehr und schneller in die Lage, den ganzen falschen Laden in Frage zu stellen. Ruhe (Unterdrückung), Ordnung (kalte Bürgerkriegsvorbereitung) und Sicherheit (Angsterhaltung) sind dann total unsicher. Ja, Henze spricht tatsächlich von der Notwendigkeit der Weltrevolution. […]
Es kracht an allen Ecken und Enden. Nicht einmal der Überbau (Musik, Malerei, Film usw.) hält sich. Die Einheit der Massen der Lohnabhängigen und der durchaus privilegierten Studenten und Intellektuellen wäre der direkte Anfang vom Ende des Systems. […]“

Am Rande gibt der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger, von 1966 bis 1969 Mitarbeiter des damals längst noch nicht rechtspopulistischen Schweizer Wochenmagazins „Die Weltwoche“, seine Enttäuschung über Dutschkes Henze-Engagement kund, als ihn die Redaktion gebeten hat, eine kurze Reaktion auf das vermeintliche Revolutionsjahr 1968 zu formulieren (gedruckt in der „Weltwoche“-Ausgabe vom 20. Dezember 1968):
„Dass es ein Jahr der Frustration, des Sieges der Konterrevolution war: für Europa schlimmer sogar als das vorhergehende, das für Lateinamerika die Ermordung Guevaras und immerhin unserem eigenen Kontinent die faschistische Diktatur in Griechenland gebracht hatte, um an die stilleren auswärtigen Hauptleistungen, zu denen die Vereinigten Staaten neben ihrem Genozid in Vietnam noch die Kraft hatten, zu erinnern. (Gewiss in den USA leben heute die bedeutendsten Künstler: der Komponist Cage, der Maler Rauschenberg … und der Professor Marcuse.)
In diesem Jahre 1968 aber scheiterten – vorläufig – die hoffnungsvollsten Ansätze einer Besserung der Verhältnisse in Europa: die französische Mairevolution und die tschechoslowakische permanente Revolution. Die eine ward von der Kommunistischen Partei des eigenen Landes verraten, die andere von den Truppen fremder kommunistischer Parteien zermalmt, die es den US-Truppen gleichtun möchten, wenn sie auch Städte und Dörfer mit Bombardements verschonen.
Dazu kommt der von der Staatsmacht – vorläufig – erzwungene Zusammenbruch der Studentenbewegung in Polen, West-Berlin und in der Bundesrepublik Deutschland, nicht zu reden vom Mordanschlag auf Dutschke (dessen Hirnverletzungen doch bleibende Nachwirkungen zu haben scheinen, wenn man etwa die verworrene Erklärung bedenkt, mit der im ‚Spiegel‘ vom 9. Dezember 1968 für den reaktionären Komponisten Henze eintrat). Und in Nigeria geht der Völkermord mit sowjetischen, britischen und Schweizer Waffen weiter.“

Fünf Tage vor Heinz-Klaus Metzgers ’68-Frustration in der „Weltwoche“ berichtet der SPIEGEL am 15. Dezember 1968 in Heft 51 unter „Affären / Henze / Sie bleibt“ detailreich von Henzes durch Proteste gescheiterten Hamburger „Medusa“-Uraufführung am 9. Dezember; der Artikel schließt mit einem weiteren Befund von Metzger, der auch eine Diagnose von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1930 integriert:
„Mag sein, daß dieser Abend, wie Henze meint, ihn politisch ‚ein Stück weitergebracht‘ hat. Die Henze-Fans in der Apo aber haben versagt – so sieht es der gegenwärtig am gründlichsten analysierende Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger, der sich mit dem ‚antiautoritären Flügel des SDS identifiziert‘.
‚Die Apo‘, prophezeit Metzger, ‚wird sinnvolle Verhältnisse erst gestiftet haben, wenn deutsche Musiker sich nicht mehr weigern, unter einer roten oder auch unter einer schwarzen Fahne aufzutreten, sondern ein Werk Henzes aufzuführen. Und zwar aus streng musikalischen Gründen. Denn für diesen Komponisten gilt leider nicht einmal Tucholskys Bonmot: Wegen schlechter Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.'“

In derselben SPIEGEL-Ausgabe äußert sich auch dessen Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein zur „Causa Henze“: „Warum soll ein Opernkomponist sich nicht einbilden, er agiere für die Weltrevolution? Warum soll er nicht gleichwohl Musik machen, die seinem Publikum, dem guten, alten, pelzbesetzten Bürgerpublikum unserer Konzertburgen, eingeht, gängige, das Gemüt streichelnde, keineswegs avantgardistische Musik? Warum, wenn er Che-begeistert ist, soll er seine gutbürgerliche Musik nicht dem toten Berufsrevolutionär Ernesto ‚Che‘ Guevara widmen, vielleicht sogar in der Annahme, das mache einen revolutionären Effekt? Ich habe da keine Schwierigkeiten. Bis hierher ist Henze für mich kein Fall.
Würde er komponieren wie Stockhausen, Nono, Kagel und, lang ist‘s her, Boulez, er hätte vielleicht keine vollen Burgen, schon gar nicht würden die lohnabhängigen Massen zu ihm strömen. Vielleicht kann, vielleicht mag er aber auch nicht musizieren wie Stockhausen, Nono, Kagel. Andererseits, müssen diese drei, müssen Boulez, Cage künftige Kompositionen nun ebenfalls dem Che und der Weltrevolution weihen? Wie lächerlich.
Nein, der Henze ist für mich kein Fall. ‚Einheit von revolutionärer Theorie und Praxis‘, wie sie der Che praktiziert hat, wollen wir doch nicht auch noch von unseren Musikern verlangen? Wem das Publikum in seinem Bürgerputz nicht gefällt, der muß nicht in die Oper, und wem es mißfällt, daß die Opernhäuser von den Steuergeldern aller Steuerzahler subventioniert werden – hier erst kann man Skandal schreien –, der muß die Rathäuser neu besetzen, muß noch ganz andere Institute lahmlegen, muß die Bonner Parteien aus dem Anzug stoßen, deren Repräsentanten ganz hingerissen im Opernglanz mitflittern, muß die kleine deutsche Welt aus den Angeln reißen. Stattdessen haben Henzes Revolutionsgenossen den mit ihnen sympathisierenden Komponisten um das Vergnügen seiner Alle-waren-da-Premiere gebracht, haben an seinen Nerven gesägt und ihm den Schneid abgekauft. War das wohl weise? […]
Exempel: Wenn Leute, die mit einer Veranstaltung nicht einverstanden sind, gegen den Willen der Veranstalter ihre tuchenen Symbole hissen, soll man Gewalt gegen Sachen nicht scheuen, und die lohnabhängigen Künstler sollen ihre Mitwirkung durch Negation neu auslegen. Die Apo soll den Spaß, den sie für Revolution hält, künftig mit anderen teilen müssen; halber Lustgewinn zählt hier doppelt. Ganz bald wird sich, wie in Hamburg, herausstellen, daß Besucher, die um ihr Eintrittsgeld bangen, so laut schreien können wie die Leute vom SDS. Lungen der Apo sind nicht kräftiger, ihre Zungen nicht loser als auf Seiten einer um ihr Vergnügen geprellten Zuschauerschar. Die Gegenaufklärung marschiert, und sie tut not. […]
Henzes geplatzte Uraufführung hätte aber auch gar nicht platzen müssen, wenn seine Apo-Freunde ihm aus der Klemme geholfen hätten, indem sie selbst die rote Fahne einholten. Sie verheizten ihren einzigen Musiker, dem sie viel Ermutigung zu verdanken haben. Sie gelobten – Unterschrift: SDS-Projektgruppe Kultur und Revolution Berlin und Asta der Hochschule für Musik Berlin –: ,Henze aber wird in Zukunft revolutionäre Musik schreiben und dafür sorgen, daß sie auch von denen, für die sie gemacht ist, gehört und verstanden wird.‘ Kopf ab zum Gebet.“

Es gab Zeiten, nur ein paar Jahrzehnte liegen sie zurück, in denen das, was Neue Musik ist oder nicht ist, sein könnte, mithin gar sollte oder eben nicht, auch außerhalb ihrer eigenen Spielplätze inmitten der Gesellschaft in Zeitungen und Zeitschriften großer Reichweite verhandelt wurde. Auch das spiegelt der 68er-Skandal um Henzes „Floß der Medusa“, der hier nur mittels vier Dokumenten skizziert ist – es gibt etliche weitere –, in die Gegenwart. Weitere solche öffentlich in den großen Feuilletons, im Radio und selten im Fernsehen geführten Debatten und Diskussionen aus der kleinen Welt der Neuen Musik – oft ausgelöst durch einen sozialen, weniger durch einen musikalischen Eklat in der Szene – warten noch auf ihre zeitgeschichtliche Einordnung aus heutiger Perspektive. Der Skandal ums „Floß der Medusa“ ist eben nur einer aus der jüngeren Musikgeschichte, zu deren polyphonem Skandalon auch gehört, dass ihre Existenz und Relevanz bereits zu Lebzeiten in Vergessenheit geraten.  

1 Die szenische Uraufführung vom „Floß der Medusa“ fand erst am 15. April 1972 in Nürnberg, die konzertante bereits am 29. Januar 1971 in Wien statt.

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