Mit Anna Seghers und Thomas Mann
HervorgeholtHans Werner Henzes Neunte Sinfonie und Drittes Violinkonzert
Es hat acht Jahre gedauert, bis die Berliner Festwochen, das große offizielle Musik-, Theater- und Kunstfestival Berlins – nun in ihrem siebenundvierzigsten Jahrgang – die beiden Traditionslinien und Kontexte der westlich und der östlich orientierten Teile Deutschlands zum ersten Mal regelrecht thematisiert haben. Was man schon in den siebziger und achtziger Jahren und was man noch mehr so schnell als möglich nach dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung des sogenannten Eisernen Vorhangs hätte erwarten können, das wird nun in großer Ruhe und mit entsprechender Distanz nachgeholt. „Deutschlandbilder“ heißt eine zentrale Ausstellung, Deutschlandsichten des Theaters durchziehen das Programm und einige Musikstücke setzen sich mit deutscher Geschichte oder deutscher Literatur auseinander; zumindest sind erstmals lebende Komponisten aus den beiden deutschen Traditionen im Programm der Konzerte programmatisch vertreten und auch Musiker aus beiden Hintergründen wirken bei den Aufführungen mit, so das Konzertmeisterquartett der Robert-Schumann-Philharmonie Zwickau, um Stücke von Karl Amadeus Hartmann, Günter Kochan und Ernst-Hermann Meyer, dem einzigen Mitglied des Zentralkomitees der SED aus dem Musikleben der DDR aufzuführen.
Die Liste der beteiligten Komponistennamen aus Ost- und Westteil des Landes ist lang und kaum ein Name von Rang von beiden Seiten ist dabei ausgelassen. Obenan aber steht, neben Wolfgang Rihm, für den die Rolle des Composer-in-Residence nach ähnlichen ehrenvollen Aufträgen bei anderen Berliner Institutionen wie geschaffen erscheint, mit Hans Werner Henze der westdeutsche Komponist, der sich wohl – im Zusammenhang seines politischen Engagements – zu Lebzeiten am meisten in der DDR engagiert hatte.
Henzes im Auftrag des Berliner Philharmonischen Orchesters und der Berliner Festwochen entstandene siebensätzige „Sinfonia N. 9“ für gemischten Chor, Orchester und Orgel, die unter der Leitung von Ingo Metzmacher uraufgeführt worden ist, ist denn auch in mehrerer Hinsicht das Vorzeigestück eines komponierten Deutschlandbilds eines westdeutschen Komponisten, der sich mit der DDR, mit einem Deutschlandbild einer großen Schriftstellerin der DDR auseinandersetzt. Der „Sinfonia N. 9“ – die bürokratisch italienische Titelschreibung vermeidet sichtlich den Zusammenhang mit anderen Neunten Sinfonien der Musikgeschichte – liegt Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ von 1942 zugrunde, in dem die Geschichte der Flucht aus einem Konzentrationslager erzählt wird, ein Dokument antifaschistischer Literatur. Und Henze hat sein Werk denn auch etwas vollmundig „Den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet“. Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff ist dann auch – einer herrschenden Funktion der Musik folgend – als Überhöhung, als „Würdigung und Erinnerung“ zu verstehen, wie es Henzes sinfonisch-poetischer Librettist Hans-Ulrich Treichel ausgedrückt hat. Und auch Treichels im Programmheft dem Hörer an die Hand gegebener Text – in Ich-Form und dem inneren Dialog des Du geschrieben – liest sich wie eine eher etwas kultiviert bemühte denn geglückte Poetisierung.
Henzes Musik ist dem Thema angemessen von weitem Atem und großem Gestus. Was im ersten Satz wuchtig eröffnet wird als Darstellung des Angstzustands eines Flüchtenden – ein Thema, das sich durch die neuere Musikgeschichte zum Beispiel in Luigi Nonos „Intolleranza“ verfolgen lässt – das wird bei den meisten folgenden Sätzen vielfach zart und durchsichtig angegangen, um doch in relativ kurzen Anläufen wiederum in massiven Orchestertuttis zu gipfeln. Die Musik ist – auch bei einem „Bericht der Verfolger“ - durchaus lautmalerisch.
Die blumenreiche, schmückende Hermeneutik feiert nicht nur im Programmhefttext ihre Triumphe, sondern erst einmal in der Musik selbst. Dennoch kommt es dabei selten zu Formulierungen, die – so großartig sie angelegt, so souverän sie auch vom Orchester und dem von Gerd Müller-Lorenz einstudierten Rundfunkchor Berlin wiedergegeben ist – unverwechselbar und prägnant genug sind, um dem Werk von seiner Uraufführung an eine eigene zwingende Wirkung zu geben. Es klingt auch nicht – wie etwa die große „Deutsche Sinfonie“ von Hanns Eisler – wie ein abgeklärtes Alterswerk des heute Einundsiebzigjährigen. Und doch war das ein großer Abend mit einer anschließenden Ehrung des Meisters durch das Berliner Philharmonische Orchester in Gegenwart einer großen Zahl von Henze-Kennern und -Liebhabern.
Tagsdrauf folgte in etwas kleinerem Rahmen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Uraufführung von Henzes Drittem Violinkonzert, wiederum einer Arbeit mit literarischem Hintergrund. Diesmal geht es um Thomas Manns Roman „Doktor Faustus", aus dem Henze drei Figuren kompositorisch porträtiert hat: die Dirne Esmeralda, die in einem „Gran Tango" evoziert wird, das Kind Echo, dem ein luzides Adagio nachsinnt, und den Geiger Rudi S., für den der Romanheld Leverkühn ein literarisches Violinkonzert verfasste. Hier hat Henze einen Stoff ohne Libretto höchst sinnlich ironisch umgesetzt, ein gewiss leichtfüßigeres, wenn auch kaum weniger anspruchsvolles Werk zwischen Tradition und Moderne geschaffen, dem man sicher bald mit den verschiedensten Solisten und Orchestern wieder begegnen wird. Michael Erxleben und das von Michael Schønwandt geleitete Berliner Sinfonieorchester, das 1952 als Pendant zum Berliner Philharmonischen Orchester gegründete Ostberliner Sinfonie-Orchester, lösten die Uraufführungsaufgabe mit einer gehörigen Portion von Witz und Eleganz in einem Kontext aus der 1943 entstandenen sinfonisch schwelgenden Mahnmal-Musik für Lidice von Bohuslav Martinu, dem zitatenreichen und musikantischen Konzert für Orchester von 1977 mit dem Titel „Responso“ von dem Ostberliner Siegfried Matthus und der imposanten Neunten Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch.
Hervorgeholt aus MusikTexte 72 (März 1998)
Die Veröffentlichung geschieht mit Genehmigung des Verlags MusikTexte Gisela Gronemeyer (Erben). Alle Rechte vorbehalten.
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