Umfrage

Was bedeutet Hans Werner Henze der jüngeren Komponistengeneration?

Musikgeschichte wird auch durch Jahrestage geschrieben. 2026 wurde Hans Werner Henze in zahlreichen Konzertprogrammen gedacht, dessen Geburtstag sich am 1. Juli zum hundertsten Mal gejährt hat. MusikTexteOnline hat 17 Komponist:innen, die unter 40 Jahre alt sind, gefragt, ob Hans Werner Henze für ihr Schaffen heute noch eine Bedeutung hat. Wir haben gefragt: 

Was bedeutet Ihnen das Werk von Hans Werner Henze heute? Spielt Henzes Musik und Ästhetik für Ihr eigenes Schaffen eine Rolle? Welche Aspekte von Henzes Musik sind heute besonders erinnerungswürdig? Welches Werk von Henze (in welcher Aufnahme) würden Sie heute zu hören empfehlen?

Die Rückmeldungen zeichnen ein Bild der Stellung von Henzes Musik in der gegenwärtigen Kompositionswelt, die in vielerlei Hinsicht mit der Situation zu Henzes Lebzeiten übereinstimmt. Trotz seines beträchtlichen Erfolgs in den Konzertsälen war er bei anderen Komponist:innen zeitlebens umstritten. Eine Antwort in diese Richtung nennt die Gestaltung der Großform als einen handwerklichen Gesichtspunkt, unter dem es „wichtig wäre, dass die junge Generation der Komponierenden mit Henzes Musik in Kontakt kommt.“ Klanglich werden „Sinnlichkeit, Expressivität, Kantabilität“ als bleibende Merkmale seiner Musik genannt. Darüber hinaus aber scheint Henzes Komponieren der heutigen Generation nicht näher zu sein als seinen damaligen Komponistenkolleg:innen: „Seine Musiksprache selbst ist für mich weder so berührend oder inspirierend, wie es andere vermögen. In der Musik Henzes mag ich die Energie, die Stringenz, es gibt Richtung. Das ist nicht immer etwas, das mich in diesem Maße in meiner eigenen Arbeit interessiert, aber etwas, das ich beim Hören durchaus schätze.“ „Ich höre seine Stücke gerne, aber er gehört nicht zu den Komponisten, die ich bewundere oder die mich mit ihren Werken überraschen oder herausfordern.“ Musikalisch blieben insbesondere seine Opern stilbildend.

Was damals wie heute an der Person Henze aber interessiert und polarisiert, ist sein politisches Bewusstsein: „Jedoch seine Haltung ist sehr wichtig für mich. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass er die Kunst nicht als Weltflucht, sondern durchaus als etwas Politisches empfunden hat. Außerdem finde ich inspirierend und stark, dass er seine eigene Musiksprache und Ästhetik verfolgt hat, ohne sich besonders um Schulen oder Moden zu kümmern.“ Die von Henze durchaus hart erkämpfte Unabhängigkeit bleibt auch heute ein Thema, das viele Komponierende bewegt. „Ich schätze das, was ich aus seinen Interviews kenne: seinen Kampf für einen hohen Anspruch an die Musik sowie seinen Kampf für das Recht des Individuums auf Anderssein und auf sublimierte intellektuelle und ästhetische Vorlieben.“ „Was ich aber sagen kann, ist, dass mich seine musikalische Welt und auch sein Leben sehr interessiert haben und dass er für mich auf jeden Fall ein Komponist ist, mit dem es sich intensiver zu beschäftigen lohnt. Ich identifiziere mich absolut mit dem Gedanken, mich keiner bestimmten Art oder Technik des Komponierens bzw. des musikalischen Denkens zu verpflichten. Ich verstehe, dass genau das ein wichtiger Teil von Henzes Denken war.“

Die Emanzipation von seiner Familie, die Henzes Homosexualität ablehnte, und von einer kompositorischen Orthodoxie, die seine Ästhetik desavouierte, war untrennbar mit einem politischen Aktivismus verbunden, der wenn nicht auf musikalische Weise, so doch in den geschaffenen Strukturen in die heutige Zeit nachwirkt. „Wenn ich genau hinschaue, dann war für mich eine prägende Erfahrung eine zweiwöchige Residenz während meines Studiums im Palazzo Ricci, Montepulciano, bei dem Kunststudierende aller Sparten gemeinsam arbeiten, sehr prägend und hat mein Denken bezüglich Transmedialität und kollaborativer Arbeitsprozesse stark beeinflusst. Die dortige Europäische Akademie der Künste geht auf sein Engagement zurück, insofern könnte man wohl sagen, dass ich ohne sein Schaffen nicht so arbeiten würde, wie ich es heute tue.“

Auch heute ist die Frage nach der gesellschaftlichen Wirksamkeit und dem politischen Bewusstsein von Musik wieder heiß diskutiert. Dass Henzes Werke bis heute einem größeren Publikum bekannt sind und die von ihm gestifteten Austauschformate weiterhin wirken, zeigt den anhaltenden Zwiespalt einer Musikwelt zwischen kompositorischer Konsequenz und allgemeinpolitischem Anspruch, der auch Henzes Ansehen zu Lebzeiten prägte. Vielleicht verdiente sein musikalisches Manövrieren in diesen Gewässern doch auch über den Jahrestagstrubel hinaus offenere Beachtung. Hier sind einige Empfehlungen der Befragten:

STÜCKE

- Marimbastück „Five Scenes from the Snow Country“

- „Das Floß der Medusa“

- „L’heure bleue“, 7. Sinfonie, „Nachtstücke und Arien“, Klavierquintett

- „Being Beauteous“ für Sopran, Harfe und vier Violoncelli, „Drei Tentos“ für Gitarre, „Serenade“ für Kontrabass, „Il Vitalino Raddoppiato“

- „El Cimarrón“

Spielt Hans Werner Henze in der eigenen Arbeit eine Rolle?

Die kurze Antwort wäre tatsächlich „nein“, Henzes Arbeit spielt für mich bislang in meinem Leben und meiner Musik keine Rolle. Obwohl – wenn ich genau hinschaue, dann war für mich eine prägende Erfahrung eine zweiwöchige Residenz während meines Studiums im Palazzo Ricci, Montepulciano, bei dem Kunststudierende aller Sparten gemeinsam arbeiten, sehr prägend und hat mein Denken bezüglich Transmedialität und kollaborativer Arbeitsprozesse stark beeinflusst. Die dortige "Europäische Akademie der Künste" geht auf sein Engagement zurück, insofern könnte man wohl sagen, dass ich ohne sein Schaffen nicht so arbeiten würde, wie ich es heute tue.

Nur um es klar zu sagen: Ich hege auch keine besondere Abneigung gegen Henze. Es gibt bloß einfach so unglaublich viel gute Musik, dass ich mich mit vielem noch nicht beschäftigen konnte, sein Werk hat mich bislang noch nicht besonders herausgefordert, zu ihm zu kommen.

Nicolas Berge, Juni 2026

Mit Musik von Hans Werner Henze kam ich zuerst in Kontakt als Erasmus-Austauschstudent an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, als mir beim Musiktheorie-Unterricht seine Oper „Die Bassariden" vorgestellt wurde, deren Großform mich beeindruckte. Danach habe ich seine Musik selten im Konzert erlebt, bis Februar 2026, als ich in München Henzes „Das Floß der Medusa“ mit dem BRSO und Sir Simon Rattle erlebte, und wieder begeisterte mich Henzes Beherrschung der Musikform. Es wäre auf jeden Fall wichtig, dass die junge Generation der Komponierenden mit Henzes Musik in Kontakt kommt. 

Vito Žuraj, Juni 2026

Hans Werner Henze spielte sicherlich eine eigene Rolle in der Musikgeschichte und beeinflusste die Neue Musik von heute, vor allem die zeitgenössische Oper. Henze hat eine Opernästhetik geprägt, die man meiner Meinung nach sogar als Stil verstehen könnte.

Seine Musik spielt für mich persönlich eher keine Rolle, da ich eine ganz andere Ästhetik anstrebe. Ich höre seine Stücke gerne, aber er gehört nicht zu den Komponisten, die ich bewundere oder die mich mit ihren Werken überraschen oder herausfordern.

Seiner Musik entnehme ich die Suche nach dem individuellen klanglichen Ausdruck. Wie gesagt, ich habe mich nie tief mit seiner Musik beschäftigt, weil sie mich nicht genug begeisterte. Ich kenne seine Musik zu wenig, um mir ein fundiertes Urteil zu bilden, und sie ist anspruchsvoll und originell, sodass sie einer näheren Betrachtung bedürfte, bevor ich über ihre Erinnerungswürdigkeit urteilen könnte. Aber ich schätze das, was ich aus seinen Interviews kenne: seinen Kampf für einen hohen Anspruch an die Musik sowie seinen Kampf für das Recht des Individuums auf Anderssein und auf sublimierte intellektuelle und ästhetische Vorlieben.

Empfehlung: Ich mag das Marimbastück „Five Scenes from the Snow Country“ sehr gerne. Es gibt nur sehr wenige gute Stücke für dieses Instrument. Dieses Werk habe ich selbst gespielt und auch gerne live in der Interpretation von Julian Belli gehört.

Teresa Grebchenko, Juni 2026

Seine Musiksprache selbst ist für mich weder so berührend oder inspirierend, wie es andere vermögen. Jedoch seine Haltung ist sehr wichtig für mich. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass er die Kunst nicht als Weltflucht, sondern durchaus als etwas Politisches empfunden hat. Außerdem finde ich inspirierend und stark, dass er seine eigene Musiksprache und Ästhetik verfolgt hat, ohne sich besonders um Schulen oder Moden zu kümmern.

In der Musik Henzes mag ich die Energie, die Stringenz, es gibt Richtung. Das ist nicht immer etwas, das mich in diesem Maße in meiner eigenen Arbeit interessiert, aber etwas, das ich beim Hören durchaus schätze.

Empfehlung: „Das Floß der Medusa“

Sarah Nemtsov, Juni 2026

Mit der Musik von Henze bin ich eigentlich erst vor ein paar Monaten in Berührung gekommen. Dieses Jahr nehme ich am Festival Cantiere Internazionale teil, und das Stück, das ich für das Ensemble Azione Improvvisa geschrieben habe, ist in gewisser Weise von einem Werk Henzes inspiriert („L'heure bleue”). Den Komponisten kannte ich zwar schon lange dem Namen nach, aber ich hatte mich vorher nie wirklich intensiv mit seiner Musik beschäftigt. Ich glaube, es ist noch zu früh, um sagen zu können, welche Bedeutung seine Musik für mich hat. Was ich aber sagen kann, ist, dass mich seine musikalische Welt und auch sein Leben sehr interessiert haben und dass er für mich auf jeden Fall ein Komponist ist, mit dem es sich intensiver zu beschäftigen lohnt. Aber was ich sagen kann, ist, dass ich mich absolut mit dem Gedanken identifiziere, mich keiner bestimmten Art oder Technik des Komponierens bzw. des musikalischen Denkens zu verpflichten. Ich verstehe, dass genau das ein wichtiger Teil von Henzes Denken war. Ich glaube allerdings, dass das eben erwähnte Werk mein aktuelles Schaffen in gewisser Weise beeinflusst hat. Ich denke, wenn man sich intensiv mit etwas beschäftigt, hinterlässt das Spuren und zeigt sich irgendwann (bewusst oder unbewusst) in der Annäherung an ein neues Stück. Wie ich aber schon gesagt habe, ist es dafür noch sehr früh, und dieser Einfluss hat sich bisher eher unbewusst vollzogen.

Empfehlung: Das Stück „L'heure bleue“ auf jeden Fall, vielleicht weil ich es viel gehört habe, die 7. Sinfonie, die „Nachtstücke“, das Quintett für Klavier und Streichquartett.

Macarena Rosmanich, Juni 2026

Das Werk von Hans Werner Henze bedeutet mir heute vor allem deshalb viel, weil es für mich untrennbar mit einer langjährigen persönlichen Vorstellung seiner Person verbunden ist. Rückblickend glaube ich, dass mich von Anfang an seine sinnliche, sehr musikalische Art zu komponieren angesprochen hat. Wenn ich seine Musik heute höre, begegnen mir deshalb nicht nur die Kompositionen selbst, sondern auch die Erinnerungen, Assoziationen und Bilder, die sich über die Zeit mit seinem Namen verbunden haben.

Spielt Henzes Musik und Ästhetik für Ihr eigenes Schaffen eine Rolle?

Die Antwort, die ich gerne geben würde, passt eigentlich zu keiner der hier formulierten Fragen. Denn geprägt hat mich weniger das Werk Henzes oder seine Ästhetik als vielmehr eine Idee von einem Bild von Henze als Mensch und Komponist, das sich über viele Jahre in meiner Vorstellung entwickelt hat – ein Bild, das wahrscheinlich nur in meinem Kopf existierte und mich dennoch nachhaltig beeinflusst hat. Ich habe Henze nie persönlich getroffen und kannte als Kind auch nur wenige seiner Werke. Und doch habe ich das Gefühl, dass seine Person meinen Weg und meine Kindheit auf eigentümliche Weise begleitet hat. Als Kind besuchte ich an der Clara-Schumann-Musikschule [in Düsseldorf; d. Red.] die Kompositionsklasse von David Graham, einem ehemaligen Kompositionsschüler Henzes. An vieles von dem, was er über Henze erzählte, erinnere ich mich heute nur noch vage. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass Henze immer irgendwie anwesend war und eine besondere Faszination auf mich ausübte – nicht als konkrete Person, sondern eher als eine Vorstellung von dieser Person. Bei meiner ersten Oper, die ich gemeinsam mit anderen Kindern schrieb, führte Henzes Bruder Regie. Mit der Zeit wurde ich mit immer mehr seiner Musik vertraut, insbesondere seiner Kammermusik und Werken für Kinder. Eine Zeit lang spielte ich mit dem Gedanken, bei ihm zu studieren. Doch zu diesem Zeitpunkt unterrichtete Henze bereits nicht mehr. Mit der Zeit verlor das Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte, an Präsenz. Als ich Jahre später erfuhr, dass ich für ein Jahr in Rom leben würde, schlug mir ein befreundeter italienischer Musiker vor, mich zu einem Treffen zu Henze nach Marino mitzunehmen. Zu diesem Treffen kam es nie. Kurz zuvor war Henze gestorben. Vielleicht war es für mich genau richtig so. Das Bild von Henze, das sich über viele Jahre langsam in meiner Vorstellung geformt hatte, musste sich nie an der Wirklichkeit bewähren. Wahrscheinlich hätte ich ohnehin nur einem älteren Herrn gegenübersitzen können und den Henze seiner großen Schaffensjahre lediglich erahnt. So blieb etwas offen – und vielleicht gerade deshalb lebendig.

Erinnerungswürdige Aspekte von Henzes Musik sind für mich: Sinnlichkeit, Expressivität, Kantabilität. 

Empfehlung: „Being Beauteous“ für Sopran, Harfe und vier Violoncelli, „Drei Tentos“ für Gitarre, „Serenade“ für Kontrabass, Kammermusik 1958, „Il Vitalino Raddoppiato“, Symphonien, Opern und fast alles andere

Birke Bertelsmeier, Juli 2026

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