30 Jahre singuhr in Berlin
BerichtEine klangliche Reise durch Raum und Zeit – Festivalbericht
Die Urberliner Klangkunst-Plattform singuhr – unter der Leitung von Carsten Seiffarth und Markus Steffens – feierte am letzten Maiwochenende ihren dreißigsten Geburtstag. In bester Jubiläums-Manier lud man die Freunde der singuhr, Wegbegleiter:innen und Künstler:innen zahlreicher bisheriger Klanginstallationen aus der ganzen Welt nach Berlin ein, um gemeinsam drei Jahrzehnte Klangkunst in der deutschen Bundes- und Kulturhauptstadt zu zelebrieren, sich an vergangene Highlights zu erinnern und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.
Die als Festival konzipierten Feierlichkeiten boten über drei Tage ein vielseitiges Programm – klanglich wie auch räumlich. Beginnend mit der Parochialkirche am Freitag, dann mit der Villa Elisabeth am Samstag, der daadgalerie am Sonntagvormittag wie auch dem Silent Green Kulturquartier am Sonntagnachmittag, bespielte man zum Jubiläum vier der zentralsten Kooperationsräume der vergangenen Jahre und unternahm so auch eine topographische Reise durch die bewegte Geschichte der singuhr. Die Auswahl der am Konzertprogramm teilnehmenden Künstler:innen und Gäste zeigte derweil, welche Relevanz und Reputation sich die singuhr im Laufe der drei vergangenen Jahrzehnte in der internationalen Klangkunst-Szene aufbauen konnte. Stolz präsentierte Carsten Seiffarth bei seiner Eröffnungsrede die Statistik über alle vergangenen Klanginstallationen, die eindrucksvoll zeigte, wie viele Künstler:innen und Projekte binnen 30 Jahren über die Plattform singuhr ihre Installationen in Berlin realisieren konnten: Es summierten sich seit 1996 insgesamt 127 individuelle Künster:innen auf, die in 135 Ausstellungen 212 verschiedene Installationen präsentiert haben. Beeindruckende Zahlen, die sich in den kommenden Jahren gerne noch weiter mehren dürfen, wenn es nach Seiffarth und Steffens ginge.
Dass die singuhr ihr großes Jubiläum in einem bunten konzertanten Festivalprogramm zelebrierte, scheint dem Anlass zwar einerseits überaus angemessen zu sein, zugleich jedoch antithetisch zur eigentlichen Kernidee der singuhr-Klangkunst, die mit ihren oft über Wochen bestehenden Klanginstallationen geradezu einen Anti-Festival-Habitus vertritt. Die Klangkunst selbst wird zumeist positioniert als eine Kunstform im Zwischenbereich zwischen Musik, Material und Visualität, die sich entgegen einer punktuellen und klar in Performance und Publikum trennenden Konzertfestival-Kultur nur über Zeit im Wechselspiel zwischen dem sich im Raum bewegenden Klang und den sich in Bezug setzenden Teilnehmer:innen offenbart und entfaltet. Um das Jubiläum jedoch mit möglichst vielen – insgesamt über 19 – Künstler:innen und Musiker:innen gemeinsam verbringen zu können, schien das Medium der Konzertperformance schließlich doch die richtige Wahl gewesen zu sein.
Ganz ohne Klanginstallationen mussten die Feierlichkeiten aber nicht auskommen; die Eröffnung des Jubiläums an der Parochialkirche – Geburtsort und erste langjährige Behausung der singuhr – wurde umrahmt von zwei Installationen, die beide auch einen besonders hohen sentimentalen Wert für das singuhr-Team hatten. Zum einen wurde die Parochialkirche selbst durch Bernhard Leitners Installation „Tonkuppel“ in einen großen Klangkörper verwandelt. Mittig im voluminösen Kirchensaal wurde ein rundes, hohles metallisches Podest auf vier kurzen hölzernen Stelzen positioniert, an dessen Unterseite ein nach oben gerichteter Lautsprecher montiert war. Ein zweiter Lautsprecher befand sich oben im offenen Dachstuhl, sodass beide Kanäle durch ihre Wechselwirkungen mit den räumlichen Besonderheiten der Parochialkirche – ein großer Innenraum mit unverputztem Mauerwerk und eine zum Dachstuhl hin offene Decke, in der der Schall durch die vielen quer liegenden Holzbalken abermals gebrochen und in alle Richtungen zurückgeworfen wird – eine spektakuläre dreidimensionale Klangkulisse erzeugten, welche das Publikum ermutigte, sich durch den Saal zu bewegen und mit den Veränderungen des Klanges je nach eigener Positionierung im Raum zu experimentieren.
Auf die zweite Installation konnten die Besucher:innen bereits bei ihrer Anfahrt zur Parochialkirche stoßen – vielleicht sogar ohne diese sofort als solche zu erkennen. Mehrere kreisförmige weiße Bodenmarkierungen wurden vor Beginn der Jubiläumseröffnung vom mittlerweile international renommierten Klangkünstler Akio Suzuki im Umfeld aller vier Festivalorte angebracht. Seine sogenannten „oto-date“ – zu deutsch etwa: „Hör-Punkt“ –, gestalterisch gekennzeichnet durch die Symbolfusion zweier Fußabdrücke mit zwei Ohrmuscheln in einem weißen Kreis, gepolt in eine bestimmte Blickrichtung, sollen Besucher:innen und Passant:innen dazu anregen, die Klangkulissen der Stadt an besonderen kuratierten Punkten bewusster wahrzunehmen, und beinhalten immer sowohl eine auditive als auch eine visuelle Ebene. Nur wenige Meter entfernt von der Parochialkirche suchte Suzuki sich für einen der vielen installierten „oto-date“ eine Stelle unmittelbar vor der Franziskaner-Kirchenruine aus, von der aus fünf umliegende Türme gleichzeitig sichtbar liegen; mehrere Kirchtürme wie auch die Spitze des Berliner Fernsehturms, Monumente des historischen wie auch des modernen Berlins, gepaart mit dem energischen Sound der den Punkt tangierenden Hauptstraße. Ein weiteres „oto-date“ platzierte Suzuki einige Meter weiter mittig in eine Lücke der alten Berliner Stadtmauer, die nunmehr funktionslos als historisches Artefakt den Grünstreifen zwischen altem Klosterviertel und hochmodernem Gewerbe- und Verwaltungsgebiet Richtung Alexanderplatz ziert. Das Stadtmauer-oto-date soll, wie Suzuki bei seiner kleinen Führung rund um die Parochialkirche erklärte, dazu einladen, Klangkulissen eines historischen Berlins gegen die nun dort vorhandenen Sounds der schlaflosen Großstadt zu imaginieren.
Sowohl Leitners „Klangkuppel“ als auch Suzukis „oto-date“ haben für die singuhr insofern einen besonderen, sentimentalen Charakter, als beide Installationen bereits vor etlichen Jahren als singuhr-Projekte realisiert worden waren und sowohl Leitner als auch Suzuki sich seither zu den engen Freund:innen und Wegbegleiter:innen von Carsten Seiffarth und Markus Steffens zählen.

Erster Konzertabend in der Villa Elisabeth
Am ersten Konzertabend in der Villa Elisabeth, unweit des Berliner Nordbahnhofs, wechselte das Medium nun von den Klanginstallationen hin zu musikalischen Bühnenperformances, gefüllt mit allerhand interessanten Instrumentalklängen und experimentellen Spielweisen. So präsentierte beispielsweise der britische Musiker und Klangkünstler Max Eastley Improvisationen auf seinem eigens konzipierten „Arc“, einem elektroakustischen, etwa zwei Meter langen Monochord, dem er während seiner Performances durch verschiedenste Spielweisen und elektronische Verzerrung allerhand interessante Klänge entlockte. Das Duo „Vinyl-terror & -horror“, bestehend aus den dänischen Klangkünstlerinnen Camilla Sørensen und Greta Christensen, reinterpretierte hingegen das physische DJing in einem fulminanten Konzert, bei dem sie teils präparierte Schallplatten frei Hand über die Plattenspielernadel bewegten oder mehrere Platten zu einem Turm aufeinanderstapelten, um so physisch mehrere Tonebenen aus Samples und atmosphärischen Klängen übereinanderzulegen.
Für das Finale des Abends stellte sich schließlich die weltberühmte Perkussionistin Robyn Schulkowsky – bekannt unter anderem durch ihr Mitwirken an Uraufführungen von Stockhausen, Xenakis oder Feldman – auf die Bühne der Villa Elisabeth und brachte lediglich eine große Triangel samt Stativ-Vorrichtung mit. Es folgte eine minimalistische wie gleichzeitig spektakuläre Triangel-Performance, ursprünglich komponiert von Alvin Lucier unter dem Titel „Silver Streetcar for the Orchestra“. Durch minutenlanges, gleichmäßiges Anschlagen der Triangel ließ Schulkowsky einen nahezu statischen, obertonlastigen Klang im Raum entstehen, durchzogen durch wummernde, sich überlagernde, wellenartige Klanggestalten. Der Raum schien zum Ende des Stückes so massiv von Sound durchzogen, dass man noch beim Verlassen des Konzertsaals rätselte, wie einer einfachen Triangel derartige Klangwelten entspringen können.
Quo vadis, Klangkunst?
Der zweite Tag startete, statt mit einem weiteren Konzert, mit einer offenen Gesprächsrunde, in der das singuhr-Team sich gemeinsam mit den zum Jubiläum geladenen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen über die Idee, die Vergangenheit und die Zukunft der Klangkunst austauschen wollte. Als „Special Guest“ und Eröffnungsrednerin konnten Seiffarth und Steffens die Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber gewinnen, die durch ihre wegweisende Forschung zur Klangpsychologie und zu Klang-Raum-Zusammenhängen nicht nur für die beiden Kuratoren der singuhr, sondern auch für viele der anderen anwesenden Klangkünstler:innen erklärtermaßen ein lebenslanges Vorbild und Wegbereiterin ist. Nachdem in der ersten Runde gemeinsam über die vergangenen drei Jahrzehnte, die erfolgreichen Anfangsjahre der singuhr sowie die Entwicklung der Klangkunstszene in Berlin wie auch international gesprochen und gesponnen worden war, ging es in der zweiten Hälfte der Matinee weitaus kontroverser zu. Ein Gespräch mit den anwesenden Dozent:innen verschiedener „Sound Studies“-Studiengänge offenbarte, dass gleich mehrere dieser Studiengänge unabhängig voneinander von einer baldigen Schließung bedroht sind, was im Plenum wiederum die Tür öffnete für einen fundamentalen Diskurs über die derzeitige Positionierung der Klangkunst und die Frage, welche Chancen diese Kunstform in Zukunft noch hat und wie sie sich für ihr Überleben ggf. reformieren und entwickeln müsste.
Ein besonders provokativ formulierter Kommentar aus dem Publikum stellte in den Raum, ob die ursprüngliche Innovativität und Neuartigkeit, die einst den Glanz der Klangkunst ausmachten, nun über 30 Jahre nicht zunehmend geschwunden wären und die Klangkunst durch andere, wiederum neuere Tonkunstformen abgelöst werden würde. Derselbe „devil's advocate“ unter den Gästen verwies spezifisch auf die zwei Re-Installationen an der Parochialkirche – die „Tonkuppel“ und „oto-date“ – als Symptome des Stillstands und des Mangels an Neuem, die die Klangkunst nun dreißig Jahre nach Gründung der singuhr mutmaßlich auszeichnen würden. Sofort konterten allerdings andere Gäste, die beschrieben, dass gerade die Re-Installation von Bernhard Leitners „Tonkuppel“, 21 Jahre nach der ursprünglichen Umsetzung, deutlich mache, wie sehr die Klangkunst von ihrem zeitlichen, räumlichen und rezeptiven Kontext abhänge und sich mit diesen gemeinsam verändere. Zeitzeugen, die Leitners Installation sowohl 2005 als auch nun zum Jubiläum erneut erlebt haben, berichteten davon, dass sie die Installation heute ganz anders hörten und wahrnähmen als noch vor 21 Jahren, da sich ihre eigenen Hörgewohnheiten und auch der räumliche Kontext um die Parochialkirche herum in der Zwischenzeit derart verändert hätten, dass man kaum davon sprechen könne, die Re-Installation stelle nur eine unmotivierte, gleichartige Kopie der ursprünglichen Installation dar. Ganz im Gegenteil – so kommentierte auch Seiffarth selbst – wäre es gar wichtig, auch jüngeren Generationen das Hörerleben dieser Installationen zu ermöglichen, indem man bestimmte Meilenstein-Projekte re-installiere. Da Klanginstallationen wie beinahe keine andere Tonkunst abhängig sind von dem spezifischen Ort ihrer Umsetzung und somit nicht durch bloße Tonaufnahmen und -wiedergaben erfahrbar gemacht werden können, ist es für die Vermittlung dieser Stücke eigentlich essenziell, sie von Zeit zu Zeit an Ort und Stelle zu re-installieren, damit auch kommende Generationen von Klangkünstler:innen und Publikum sie tatsächlich erfahren und referenzieren können. Angesichts der Schließungen mehrerer Sound-Studies-Studiengänge und -programme, erklärte Seiffarth, gelte es in Zukunft noch mehr, die Vermittlung der nunmehr üppigen und facettenreichen Tradition der Berliner Klangkunstszene weiter voranzutreiben und stärker in den Vordergrund zu stellen. Damit einher ginge zudem die fundamentale didaktische Frage, wie es überhaupt gelingen könne, einzigartig im konkreten Raum existierende und von der individuellen Erfahrungswelt abhängige Klangereignisse nachträglich und generalisiert „vermittelbar“ zu machen.
Zweiter Konzertabend im Kulturquartier Silent Green
Nach einem überaus diskursiven Vormittag ging es am Abend wieder in die künstlerisch-performative Praxis über. Im zweiten Konzertprogramm des Festivals drehte sich alles um das Spiel und die Entfaltung von Raumklang in der achteckigen Kuppelhalle des Silent Green – ebenfalls ein Ort, mit dem die singuhr eine längere Historie an Projekten teilt. Anders als bei der Konzertreihe des Vorabends arbeiteten am Sonntagabend nahezu alle Performer:innen ohne physische Instrumente und Klangkörper, sondern schufen vom Laptop oder Mischpult aus über die fest im Kuppelsaal installierte Vier-Kanal-Audioanlage einzigartige klangliche Räume, Gestalten und Atmosphären. Das Publikum, im Kreis um das Zentrum des Raums herum platziert, konnte aufgrund der rein digital produzierten Klänge mit geschlossenen Augen und offenen Ohren tief eintauchen in die ihnen eröffneten auditiven Szenerien.
Die auftretenden Performer:innen aus aller Welt wussten das Setup mit ganz eigenen klanglichen Signaturen und Herangehensweisen zu bedienen. Der niederländische Klangkünstler Edwin van der Heide etwa kreierte mit seiner Performance eine Art unsichtbare Sound-Sphäre, die erst langsam durch den Raum zu wandern schien, dann an Lautstärke und Intensität zunahm, immer näherkam und schließlich kürzere, schnelle Kreise um das Publikum herum drehte, bis sie bis ins Unendliche expandierte, den gesamten Raum verzehrend. Anders, aber gleichermaßen immersiv, schuf Sam Auinger eine faszinierende Klangwelt. Mit Samples verschiedener Vogelstimmen, leichtem Rauschen und Regenprasseln – mal näher mal ferner – sorgte er für eine Weitläufigkeit des Klangs, dass man beim Schließen der Augen schnell vergaß, dass man eigentlich in einer Kuppelhalle in Wedding und nicht im tropischen Regenwald sitzt. Die besondere Immersion seiner Klangkulisse war sicherlich auch den zwei weiteren, nach oben in die Kuppel gerichteten Lautsprechern geschuldet, die Auinger zusätzlich zum Vier-Kanal-System nutzte. Die erst idyllische Szenerie wurde allerdings mehr und mehr überlagert durch metallisches Donnern – wie ein Pochen von gegen ein Geländer geschlagenen Eisenstäben –, sodass sich im Laufe des Stücks drastische klangliche Kontraste aus verschiedenen Richtungen um das Zentrum des Klanges stritten.
Als schließlich auch der zweite und finale Konzertabend am Sonntag endete, bedeutete dies allerdings nicht den Schlussstrich des gesamten Jubiläums. Weit über die Konzertabende hinaus blieb die „Tonkuppel“-Installation in der Parochialkirche noch bis zum 07.06. zugänglich – und lockte allein an den letzten beiden Tagen noch über 300 Besucher:innen an. Wie lange Akio Suzukis „oto-date“ an den verschiedenen singuhr-Kooperationsorten verbleiben, wird die Zeit zeigen. Je nach Wetter und Gunst der Stadtreinigung wird man auch noch Ende des Sommers bei einer Berlinreise eine Klangsafari durch die Hauptstadt unternehmen und dabei den gelungenen dreißigsten Geburtstag der singuhr innerlich re-imaginieren können.
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