Alternative Präsentationsform
BerichtDas choreografische Konzert „Cobalt Garden“ beim zamus: early music festival
Das traditionelle Konzertformat ist eine großartige Errungenschaft, denn es erlaubt besonders konzentriertes Erleben live gespielter Musik. Allerdings empfinden immer mehr Menschen diese 250 Jahre alte Kulturtechnik inzwischen als Zumutung, weil sie sich durch das stille Dasitzen und „nur“ Hören auf ungute Weise diszipliniert und bevormundet fühlen. Um auch solche Menschen anzulocken, setzen immer mehr Veranstaltungen auf neue Ansprachen und Präsentationsformen, sei es durch Multimedia, Animation, Immersion, Inszenierung, Partizipation, Catering, Eventisierung und möglichst ungewöhnliche Locations jenseits üblicher Spielstätten. Der Aufmerksamkeit heischende Rahmen hat dann jedoch manchmal wenig bis nichts mehr mit der aufgeführten Musik zu tun. Andere denken dagegen spannende Projekte primär von den Inhalten aus, indem sie Format, Dramaturgie, Programm, Mitwirkende, Aufführung und Ort stimmig aufeinander beziehen, so dass mehrere Sinne angesprochen und intensive ästhetische Erlebnisse möglicht werden.

Alt und neu
Das „zamus: early music festival“ des Zentrums für Alte Musik Köln verbindet schon seit Längerem Musik in historisch informierter Aufführungspraxis mit neuen Kompositionen, teils auch mit Tanz und Theater. Im zweiten Jahr der künstlerischen Leitung von Geigerin Midori Seiler entstand zum Abschlusskonzert des Festivals 2026 eine eindrucksvolle Gesamtdramaturgie. Schon beim Einlass sangen die Kölner Vokalsolisten Carlo Gesualdos „Tristis est anima mea“. Zu den klagenden Worten Jesu am Vorabend der Kreuzigung schreiten drei dunkelblau gewandete Frauen rituell gravitätisch durch die Kölner Innenstadtkirche St. Michael. Im neo-romanischen Gewölbe sitzt das Publikum wie in klösterlicher Abgeschiedenheit um das leere Kirchenschiff verteilt. Die drei Priesterinnen markieren den Ort mit japanischen Tempelglöckchen und leiten damit nahtlos zum „Iroha Chant“ der japanischen Komponistin Malika Kishino über. Ähnlich der Vokalpolyphonie der Renaissance entfaltet sich „Chant I“ dieses vierteiligen Zyklus langsam vom Ein- zum Zwei- und Dreiklang. Die Singstimmen gewinnen an Ambitus, Bewegung, Mehrstimmigkeit und Höhe, bis sie den gesamten Hallraum füllen. Doch der Faden reißt plötzlich, der Gesang stürzt ab, verebbt und weicht tonlosen Atemgeräuschen. Der dramatische Einbruch der aufblühenden Musik ist unschwer mit dem von der Komponistin zugeordneten Sutra zu assoziieren: „Obwohl die Farben der Blumen duften, fallen sie dennoch ab.“ Zum Vers „Die fernen Berge der Vergänglichkeit überschreitend“ zerfließen dann in „Chant III“ die Singstimmen zu wilden Accelerandi, Vibrati, Glissandi und Vokaltrillern: „u-i-u-i“.
1971 in Kyoto als Tochter eines Tempelpriesters geboren, ist Malika Kishino von Kindheit an mit buddhistischen Lehren, Gesängen und Klängen vertraut. Sie studierte Komposition in Lyon und lebt seit 2005 in Köln. Ihren Vokalzyklus schrieb sie speziell für den Wechsel mit Solo- und Ensemblegesängen aus Renaissance und Frühbarock. Als Textgrundlage diente ihr das klassische Gedicht „Iroha“, das jede der 47 Silben des japanischen Silbenschriftsystems genau einmal verwendet, um mit diesem – so der Werkkommentar – „Periodensystem der Laute“ einen Spiegel des Universums zu schaffen. Konzept und Regie des „choreografischen Konzerts“ stammten von Stephanie Thiersch, der Leiterin der Kölner Tanzkompagnie MOUVOIR. Für das diesjährige zamus-Festivalthema „Paradise Lost“ entwickelte Thiersch mit ihrem Ensemble und den Kölner Vokalsolisten „Cobalt Garden“. Das seit 2007 bestehende Vokalsextett agiert in dieser Gemeinschaftsproduktion als Teil der Szene in wechselnden Aufstellungen, Formationen, Tänzen und Prozessionen und muss daher alle Madrigale – Kishinos Stücke ausgenommen – auswendig singen, auch sehr anspruchsvolle Musik von Morales, Purcell und Tallis sowie Johann Hermann Scheins rhetorisch besonders sprechende Kombination aus schmerzvoller Chromatik und lichter Diatonik „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“. Der Titel der Veranstaltung spielte auf das blauschimmernde Schwermetall Kobalt an, das in Farben, Akkus, Katalysatoren und Elektronik verwendet wird und für den Menschen als Bestandteil von Vitamin B12 lebensnotwendig ist. Wie das Erz wirkten nun die in verschiedenen Blautönen gekleideten Mitglieder des Tanz- und Vokalensembles als Lebenselixier.

Hören und Sehen
Kishinos erstem „Chant“ folgte Barbara Strozzis Lamento „Lagrime mie“ mit Sören Leupold an der Theorbe und Sopranistin Marina Schuchert. Die stoische Zurückhaltung der Sängerin gegenüber dem fast parodistisch überzeichneten Klagegesang bildete einen spannungsvollen Gegensatz zu den drei Tänzerinnen, die sich umso hyperaktiver und wie rasend vor Schmerzen, Tränen, Martern, Qualen, Todessehnsucht gebärdeten, herumwarfen, wälzten. Anschließend singt Sopranistin Natasha Goldberg hoch expressiv Francesca Caccinis „Lasciatemi qui solo“, wozu sich eine Tänzerin mühsam von allen Vieren zum aufrechten Gang erhebt, um jedoch immer wieder zu taumeln und zu Boden zu stürzen. Alle drei Tänzerinnen – Magdalena Öttl, Manon Parent, Polina Sonis – bannen die Blicke auf sich durch virtuose Bewegungen, sprechende Gesten sowie abruptes Erstarren wie zu steinernen Skulpturen und anmutigen Figurengruppen. Musik und Tanz sind wahlweise eng aufeinander bezogen oder entfalten sich eigengesetzlich. Stellenweise visualisieren Bewegungen musikalische Strukturen und bringen dieselben Affekte zum Ausdruck. Dann wieder kommentieren sich die Ebenen oder verhalten sich regelrecht kontrapunktisch zueinander. Gerade diese wechselnden und vielschichtigen Bezugs- und Freiheitsgrade eröffnen beim Hören und Sehen verschiedene Zugangs- und Verknüpfungsweisen.
Analog zu den antiken Sujets vieler Renaissance-Musik erscheinen die drei Grazien von MOUVOIR höchst wandelbar als kultische Vestalinnen, wirbelnde Bacchantinnen, wütende Mänaden, jagende Furien, verführerische Nymphen. Zu Henry Purcells „The Cold Song“ tapst das Vokalensemble mit eingefrorenen Repetitionen stockend voran, während die gelernte Bauchtänzerin Polina Sonis umso hitziger Hüften, Bauch, Beine, Po kreisen lässt. Und während die Sänger:innen einen steifen Block bilden, irrlichtern die Tänzerinnen wie eben jene Kobolde zwischen der starren Formation herum, die schon im Mittelalter den Bergleuten im Erzgebirge das begehrte glitzernde Silber gegen das für wertlos erachtete blaue Erz vertauschten, das folglich den Namen Kobalt erhielt. Am Ende spannt Kishinos „Iroha Chant IV“ mit Atemlauten und Glöckchen den Bogen zurück zum Anfang des Konzerts. Der Gesang blüht noch einmal auf und lässt die Kirche erstrahlen, bis sich die Musik zu knarrenden Kehllauten verkehrt und schließlich in Stille verebbt – gefolgt von stehenden Ovationen des begeisterten Publikums.
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