Eine Baustelle in der Endlosschleife
BerichtDie 20. Münchener Biennale für neues Musiktheater
Es hätte eine glanzvolle Ausgabe werden können. Immerhin gab es in diesem Jahr bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater einiges zu feiern. Schon zum zwanzigsten Mal ging sie über die Bühne, und man hätte in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Festival-Gründungsvaters, des 2012 verstorbenen Komponisten Hans Werner Henze, begehen können. Mit der 20. Jubiläums-Edition startete zugleich ein neues Leitungsduo. Katrin Beck und Manuela Kerer haben, in der Nachfolge von Manos Tsangaris und Daniel Ott, das Ruder übernommen.
Leider gab es im Ergebnis eher wenig zu feiern. Nun mag schon seit geraumer Zeit der Wurm in diesem verdienstvollen, wichtigen Festival stecken, aber: Diesmal wurde das Niveau insgesamt noch einmal unterschritten, obwohl eigentlich durchaus dringliche Fragen in den Fokus gerückt wurden. Da wurden beispielsweise Arbeitsprozesse in postmodernen Zeiten und vor dem Hintergrund neuester Technologien unter die Lupe genommen, auch die Auswirkungen auf die Gesellschaft oder das Individuum.
So wankten hybride Mensch-Roboter über die Bühne oder wurde „Künstliche Intelligenz“ (KI) integriert. Auch die politische Realität war präsent, beispielsweise in Gestalt von KI-generierten Bildern, wie sie der aktuelle US-amerikanische Präsident gern durch das Internet jagt. Er porträtiert sich darin als Weltenretter, König oder Heilsbringer zusammen mit Jesus Christus. Andere Projekte haben die Überalterung der Gesellschaft sowie die Tabuisierung des Älterwerdens und des Sterbens angesprochen, wieder andere thematisierten fluide Identitäten im medial-globalen Dorf.
Am glanzvollsten und gelungensten war nicht die Eröffnung der 20. Biennale, sondern der Folgetag. Das Bemerkenswerte: Dieser zweite Tag stand ganz im Zeichen von Henze. Auf einer Kinomatinee wurde erstmals öffentlich eine neue, überaus sehenswerte Filmdokumentation über Henze von Holger Preuße und Philipp Quiring gezeigt. Ab dem 30. Juni ist der Film auf der Arte-Mediathek online abrufbar und wird am 8. August spätabends im regulären Arte-Programnm zu sehen sein. Die in München als Premiere gezeigte Langversion wird am 18. Oktober im WDR-Fernsehen ausgestrahlt und ist anschließend online abrufbar in der ARD-Mediathek.
In dem Film wird auch die von Henze begründete Münchener Biennale gewürdigt, und da offenbarte sich vor allem eines: Dieses Festival hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Für die erste Biennale-Ausgabe 1988 hatte Henze demnach ein Budget von umgerechnet 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Das würde heute, unter Berücksichtigung der Kaufkraftentwicklung und Inflation, rund 5,5 Millionen Euro entsprechen. Von diesem Budget ist die heutige Biennale weit entfernt. Für die diesjährige Edition verfügte die neue Leitung um Katrin Beck und Manuela Kerer über 2,37 Millionen Euro. Das ist sogar noch etwas weniger als 2024 bei der letzten Biennale des Vorgänger-Leitungsduos Tsangaris und Ott. In der Zwischenzeit sind aber die Inflation und Produktionskosten weiter stetig gestiegen, was die finanzielle Kluft faktisch noch größer macht.
Wie mit einem solchen Budget ein Festival für neues Musiktheater mit internationaler Ausstrahlung und Relevanz realisiert werden kann, das bleibt eines der vielen kulturpolitischen Geheimnisse der Stadt München, die dieses Festival finanziert. Es ist nicht einmal eine umfassende Betreuung der Partituren und Projekte möglich, wie sie einst Henze persönlich gelebt hatte. Henze ging es nicht um Kontrolle; er wollte jedoch sicherstellen, dass alles im Prozess der Genese von neuen Musiktheaterwerken reibungslos klappt.
Die jungen Komponierenden sollten umfassend betreut, bei Problemen, Zweifeln, offenen Fragen mit Rat und Tat unterstützt, gewissermaßen „an die Hand“ genommen werden. Auch davon ist die Biennale inzwischen weit entfernt. Von den großen Projekten war in diesem Jahr mit weitem Abstand „VO1CES//B0D1EZ“ am Abend nach der Henze-Filmpremiere die gelungenste. Auch bei dieser Koproduktion mit der Bayerischen Theaterakademie, den Ludwigsburger Schlossfestspielen und dem Münchener Kammerorchester war Henze präsent. Bei diesem Projekt wurde nämlich eine Auswahl aus Henzes „Voices“-Liedern mit der Uraufführung von „R3SIST4NC3 B0D1EZ“ von Piyawat Louilarpprasert gekoppelt. Während Henze in seinen Liedern 1973 kapitalistische Arbeitsprozesse kritisierte, rückt der gebürtige Thailänder heutige hybride Mensch-Roboter-Maschinen in den Fokus. Ein solches Exemplar wankte über die Bühne und zwang sich gewissermaßen dem sechsköpfigen Solist:innen-Ensemble auf. Da wurde interagiert, vonseiten der Mensch-Maschine zusehends auch terrorisiert.

In seinen Arbeiten setzt sich Piyawat Louilarpprasert generell vielfach mit Robotern und neuesten Techniken auseinander, interessiert sich für die Schnittstelle von Mechanik, ihrer Dekonstruktion und Material. Bei diesem neuen Projekt ist nun jedoch auch eine kritische Distanz besonders präsent. In der Inszenierung von Amy Stebbins wurde diese Haltung zusätzlich geschärft, indem KI-generierte Bilder eingeblendet wurden, wie sie auch vom aktuellen US-Präsidenten stammen könnten. Musikalisch war es ein kurzweiliger Abend, zumal das Münchener Kammerorchester unter der differenzierten Leitung von Bas Wiegers sowohl Henze als auch die neue Partitur geradezu exemplarisch verlebendigt hat. Synthesizer und Live-Elektronik wirkten nicht wie Fremdkörper, sondern vereinten sich organisch mit dem Orchester.
Auch für sein neues Werk hat Piyawat Louilarpprasert eigene Instrumente entwickelt, so beispielsweise den „Shrimp“ oder „Geräusch-Squeaker“. Dahinter verbirgt sich ein gebogenes Plastikstück, das schrill und wie ein hohes Blasinstrument klingt. Die Tonhöhe variiert je nach Luftdruck. Gemeinsam mit den geräuschhaften Klangaktionen, den Multiphonics und der vielschichtigen Mikrotonalität hat das alles ein einnehmendes Klangerlebnis generiert. Zuvor wurde in der Muffathalle mit der Eröffnungspremiere von Zara Alis „Codeborn“ – einer Koproduktion mit dem Tiroler Landestheater in Innsbruck, den Klangspuren Schwaz, der Bayerischen Staatsoper und der Ars Electronica in Linz – leider ein Tiefpunkt in der Biennale-Geschichte erreicht. Dabei war die Idee durchaus gut, denn: Hier mutiert der Mensch, konkret die fiktive Gesellschaft „Benthos“, zu einem Versuchsobjekt von „Künstlicher Intelligenz“. Teile der Musik und der Texte waren KI-generiert. Doch leider wollte das Stück weder Utopie noch Dystopie sein, und diese Haltungs- und Kritiklosigkeit ließ das Projekt schnell auf ein durchwegs infantiles Niveau absinken. Das ist in jeder Hinsicht staunenswert, zumal die 1995 in den USA geborene und in Deutschland lebende Zara Ali auch von Chaya Czernowin geprägt wurde. In ihren Werken, zumal im Musiktheater, legt Czernowin bekanntlich stets auch den Finger in die Wunden der Gesellschaft und unserer Realität. Ganz anders Zara Ali in „Codeborn“: Das changierte bald in der Musik zwischen Musical und überdrehter Revue, kräftig gewürzt mit globalisierter Weltmusik, stilistisch ähnlich kunterbunt und schrill wie die Inszenierung von Florentine Klepper und Deva Schubert. Für den Programmierer Guy (Julien Horbatuck) steht fest, dass der Staat in die Privatsphäre der Menschen eindringen und diese kontrollieren will.
Humanoide „Doll-Wächter“ in roten Uniformen (Thomas Lichtenecker) sowie ein „Council-Member“ (Paul Schweinester) überwachen und manipulieren die Gesellschaft. Die KI-generierte Kreatur Nur (Lucy Altus) verliebt sich in Guy, was ihn ziemlich durcheinanderbringt. Das alles gipfelt in einer Arie, in der minutenlang die Vorzüge einer weltbekannten Zitronenlimonade sowie leere Limonadendosen besungen werden. Selbst das wunderbare PHACE-Ensemble für neue Musik mit Hansjörg Sofka am Pult konnte das Projekt nicht retten.

Im Vergleich dazu war „Endlich“ von Asia Ahmetjanova und Franziska Angerer in der Freiheitshalle fast schon eine Wohltat. Dennoch verfing sich „Endlich“, eine Koproduktion mit der Deutschen Oper in Berlin, in der Endlosschleife. Nackte, ältere Darsteller konfrontieren das Publikum mit dem eigenen Älterwerden. Sie wandeln in ihrer eigenen Erinnerung, summen oder singen Lieder, die sie früher einmal gehört haben – darunter auch Pop- und Rocksongs. Vom Theaterhimmel ließ Angerer in ihrer Inszenierung regelmäßig große Lehmmasseberge fallen, mit denen die Performer:innen herumkneteten und sich selbst oder gegenseitig zukleisterten.
Als riesige Wesen auf Stelzen agierten Countertenor Jens Ginge Skov sowie die Mezzosopranistinnen Constanze Jader und Lana Maletić. Es sind drei Nornen, also Schicksalsgöttinnen aus der altnordischen Mythologie, die Lebensfäden spinnen und durchtrennen. Das alles entwickelte szenisch eine ähnliche Redundanz wie das geräuschhaft-fragmentierte Dauergesäusel in der Musik. Unter der Leitung von Leonard Weiss war fraglos ein hellhörig agierendes ensemble mosaik zu erleben.
Sonst aber gab es wieder zahllose, teils partizipative Kleinprojekte, und auch das ist inzwischen Teil des Biennale-Problems. Die Biennale-Leitung sollte sich auf wenige große Arbeiten beschränken, diese umfassend betreuen und zu einem verlängerten Wochenende stringent schnüren. Mit kleinteiligem Klimbim auf Kindergartenniveau lässt sich auf Dauer keine Relevanz generieren. Die Stadt München aber muss sich endlich ehrlich machen: Eine internationale Ausstrahlung dieses Festivals ist nur mit Qualität möglich, und das kostet Geld.
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