No More Excuses?
BerichtDie Akademie Zweite Moderne der Wiener Festwochen

„No More Excuses“ lautete das Motto der Akademie Zweite Moderne der Wiener Festwochen. Der Titel klingt wie eine Kampfansage – und angesichts der nach wie vor eklatanten Unterrepräsentation von Komponistinnen in klassischen Konzertprogrammen ist sie auch notwendig. Die 2024 gegründete Initiative will den tradierten Kanon erweitern, internationale Komponistinnen vernetzen und eine diverse, gendergerechte Musikkultur vorantreiben. Bis 2028 sollen fünfzig Komponistinnen aus aller Welt im Rahmen der Akademie präsentiert werden. Neben zwei Konzerten mit Werken der diesjährigen Komponistinnen fand zusätzlich erneut ein zweitägiges Gipfeltreffen unter dem Motto „Considering Appropriation“ statt, bei dem sich Akteur:innen der Musikwelt im ORF RadioKulturhaus Fragestellungen rund um Aspekte kultureller Aneignung widmeten. Die Frage nach der „Cultural Appropriation“ kommt nicht von ungefähr, sondern ist fest in der bei den Wiener Festwochen 2024 veröffentlichten „Declaration towards a greater Diversity in Music Curation“ verankert, deren erklärtes Ziel die Selbstverpflichtung von „Allianzpartner:innen“ enthält, also von Theatern, Opern, Konzerthäusern und Festivals, den Werkanteil von Komponistinnen in ihrem Programm deutlich zu erhöhen. Dabei sollen die Unterzeichnenden laut Deklaration die Werte der Akademie teilen und sich proaktiv für eine gendergerechte, diverse Programmierung einsetzen wollen.
Zwischen Cringe, Mansplaining und Teilzeit-Solidarität?
Welche Arten der Programmgestaltung und Repräsentation brauchen wir institutionell und künstlerisch, um Machtmechanismen der Aneignung zu minimieren und Mechanismen globaler Anerkennung zu maximieren? Diese Leitfrage stellten sich Komponist:innen, Kurator:innen, Wissenschaftler:innen und weitere Akteur:innen in Panels, Keynotes und Workshops und bemerkten schnell, dass das Sentiment des Verständnisses von Musik als universeller Sprache nicht zieht. Bei einem Impuls wurde nochmals die Deklaration der Akademie Zweite Moderne als transformatives Tool vorgestellt. Dabei zeigte sich schnell: Es gibt Rede- und Diskussionsbedarf. Obwohl die Teilnehmenden überwiegend weiblich gelesene Personen waren, hatten hier insbesondere die Herren der Musikwelt in Bezug auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten einige Bedenken und ganz schön viele Ausreden für „No More Excuses“. Immer wieder wurde deutlich: Was die Musikwelt braucht, ist nicht nur herausragende musikalische Exzellenz, sondern herausragende Menschlichkeit.
Auch die eigene institutionelle Praxis wirft Fragen auf: Die Konzerte der Akademie Zweite Moderne werden seit 2024 vom Klangforum Wien gespielt – unbestreitbar Expert:innen für Neue Musik –, doch ließe sich auch hier der Nachwuchs fördern und auf Vielfalt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, achten? Eine Akademie, die „No more excuses“ ruft, sollte sich an ihren eigenen Maßstäben messen. Sichtbarkeit für zehn Komponistinnen ist nicht dasselbe wie struktureller Wandel für alle. Genau hier liegt ein weiteres Problem: Eine Institution, die sich gegen patriarchale Strukturen und Stereotype positioniert, schafft mit der Konstruktion „zehn Komponistinnen pro Jahrgang, von einer Jury ausgewählt, einmalig präsentiert“ eine neue, sehr sichtbare Kategorie: „die Wiener Festwochen-Komponistinnen des Jahres“. Wer in diesen Kreis aufgenommen wird, bekommt internationale Aufmerksamkeit, eine Aufführung durch ein Spitzenensemble und einen Listenplatz in einem prestigeträchtigen Narrativ. Offen bleibt jedoch, nach welchen Kriterien die Komponistinnen in diesem Jahr ausgewählt wurden. In den vergangenen Jahren konnten sich Interessierte in einem offenen Auswahlprozess für die Akademie bewerben. Nun wurde dieses Verfahren offenbar verändert. Das wirft Fragen nach Transparenz und Zugänglichkeit auf. Wer trifft die Auswahl, nach welchen künstlerischen und institutionellen Maßstäben und warum wurde auf die offene Ausschreibung verzichtet? Gerade eine Initiative, die strukturelle Ausschlüsse im Musikbetrieb kritisiert und mehr Teilhabe einfordert, sollte ihre eigenen Auswahlprozesse möglichst nachvollziehbar gestalten. Eine transparente Kommunikation darüber könnte dazu beitragen, den Anspruch einer gerechteren Musikkultur auch institutionell einzulösen. Wenn die Festwochen dereinst 2028 Bilanz ziehen, wird die entscheidende Frage nicht sein, wie viele beeindruckende Namen die Akademie versammelt hat, sondern ob sich die Zahl, an der sie sich selbst misst, überhaupt bewegt hat. Bis dahin bleibt die Akademie Zweite Moderne, was sie ist: ein wichtiges Signal, verpackt in einer Form, die ihre eigenen Widersprüche noch nicht ganz aufgelöst, diese Widersprüche aber immerhin offengelegt hat. Die Akademie macht sichtbar, wie tief patriarchale und eurozentrische Strukturen im Musikbetrieb verankert sind. Gleichzeitig zeigt sie aber auch die Grenzen institutioneller Reformen auf.
Dennoch bot das Gipfeltreffen erneut einen Ort, um Gendergerechtigkeit und kulturelle Aneignung im Musikkulturbetrieb zu diskutieren und kritisch zu hinterfragen. Damit ist eine wichtige Plattform entstanden, um die Akteur:innen der Musikwelt daran zu erinnern, dass sie gesellschaftliche Verantwortung haben und mithilfe der Deklaration über ein richtungsweisendes Tool verfügen, das den Weg für eine gerechtere Zukunft auf den Bühnen ebnen könnte.
Argumente für Strukturwandel
Das Herzstück der Akademie Zweite Moderne bilden die Konzerte. Auch in diesem Jahr standen zwei Konzerte mit Werken der in diesem Jahr ausgewählten Komponistinnen im Zentrum des Programms. Musikalisch blieben kaum Wünsche offen: Herausragende Kompositionen, eine hohe künstlerische Qualität und zahlreiche begeisternde Momente machten deutlich, wie reichhaltig, originell und vielfältig das musikalische Schaffen zeitgenössischer Komponistinnen ist. Von fragilen, beinahe kammermusikalischen Momenten bis hin zu eruptiven, elektronischen Klangballungen spannte sich ein Bogen, der das breite Spektrum gegenwärtiger Musikkomposition und -produktion eindrucksvoll hörbar machte.
Am ersten Abend begeisterte vor allem Tania Leon, die ihr Stück „Indigena“ selbst dirigierte. Die ehemalige Studentin Leonard Bernsteins verband mit komplexer Polyrhythmik und großer klanglicher Präsenz, die gleichermaßen kraftvoll wie differenziert wirkte, ihre transnationalen Einflüsse und machte diese erfahrbar. Hervorzuheben ist auch die Performance der Komponistin Nyokabi Kariũki, die mit ihren Kompositionen „a walk through my Cũcũ’s farm“ und „Mũtamaiyũ“ feinfühlig und fantasievoll eine Vorstellung von der Klangwelt ihrer Heimat und der Farm ihrer Großmutter in Kenia vermittelt.
Auch das zweite Konzert hätte die Vielfältigkeit der zeitgenössischen Musik nicht besser abbilden können: Mit einer virtuosen Performance von „The Wave“, einem Stück der Marimba-Pionierin Keiko Abe, begeisterte der Perkussionist Fumito Nunoya das Publikum. Weg von der Welle bewegte Anna Korsuns „Marevo“ weiter durch Klanglandschaften aus Wind, Sirenen, Hitze und Flackern, mal meditativ, mal störend-lärmend. Mit einem klanggewaltigen Sturm aus elektronischer Musik und dem Klangforum Wien unter Leitung von Susanne Blumenthal endete der zweite Konzertabend. Die Komponistin Katarina Gryvuls benannte ihr „Jouissance“, nach einem Begriff des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, der eine unmittelbare Befriedigung insbesondere sexueller Bedürfnisse beschreibt, transgressiv und exzessiv durch Lust, Larmoyanz und Leid. Unruhig, aufwühlend, bittersüß-schmerzvoll und stets sich selbst transformierend, wirkte das Stück gar wie eine Ode an die unaufhaltsame Vergänglichkeit.
Die Konzerte der Akademie Zweite Moderne machten erfahrbar, was die Debatten oft verdecken: dass hier nicht ein Mangel an Qualität ausgeglichen werden muss, sondern ein Mangel an Aufmerksamkeit. Gerade deshalb lag die größte Überzeugungskraft der Akademie letztlich nicht in ihren Panels oder programmatischen Erklärungen, sondern in den Konzerten und der Musik selbst. Hier wurde hörbar, warum die Forderung nach größerer Sichtbarkeit von Komponistinnen keine Frage symbolischer Gerechtigkeit allein ist, sondern eine Frage künstlerischer Bereicherung. Die stärksten Argumente wurden nicht diskutiert, sondern gespielt.
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