Sommertipps der Redaktion
EmpfehlungFür alle, die demnächst mit zugekniffenen Augen dem Sommer entgegensitzen oder aber leinengekühlt mit Flair die Jahreszeit genießen: Die Redaktionsmitglieder von MusikTexteOnline geben hiermit einige Empfehlungen für den Sommer:
„Monk In Pieces“
von Hannah Otto
„Ensemble Modern. Why We Play“
von Hanna Fink
„Wo hört die Musik auf?“
von Stefan Fricke
„The Music to Come“
von Karl Ludwig
„Höllenfahrt und Entenstaat“
von Rainer Nonnenmann
„Graphème“
von Matthias Schlothfeldt

MONK IN PIECES
Monk in Stücken. Monk in Werken. Monk in Fragmenten.
Der Dokumentarfilm über Meredith Monk ist wie ihre Musik selbst aufgebaut. Wir hören ihre eigene Sprache, ihren Klang, wir sehen ihre Loftwohnung, wir treffen ihre Schildkröte Neutron, die großen Verbindungen ihres Lebens. Währenddessen spricht die Musikerin selbst darüber, das eigene Werk loszulassen. Wir kommen im Rhythmus des Films immer wieder zurück an den Ursprung: Downtown Manhattan, 1970er-Jahre. In diesem ehemals leerstehenden Fabrikgebäude in Tribeca lebt, probt und lehrt Meredith Monk mit ihrem Ensemble und ihren Wegbegleiter*innen bis heute. Ein seltener Einblick in das Leben einer Künstlerin, deren Werk sich hier aus den kleinsten Fragmenten des Alltags zu einem großen Ganzen zusammensetzt.
In der ARTE-Mediathek: arte.tv/de/videos/123392-000-A/meredith-monk-die-welt-in-ihrer-stimme
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Ensemble Modern. Why We Play
Filme über Musiker:innen gibt es momentan viele, und zwar nicht nur über Michael Jackson oder Vivaldi, sondern auch über Hans Werner Henze (Premiere am 9. Mai 2026 auf der Münchener Biennale) – und über eines der weltweit führenden Ensembles für Neue Musik: Am 11. Juni 2026 startete der Dokumentarfilm „Ensemble Modern – Why We Play“ von Thomas Schütte in den Kinos. Ein guter Anlass, um an einem lauen Sommerabend in die Sessel zu sinken.
Und tatsächlich dürfte der etwas weniger als zweistündige Film sowohl für fachfremdes Publikum wie auch für Neue Musik-Spezis interessant sein. Denn man lernt nicht nur einige Musiker:innen dieses Klangkörpers kennen, sondern erhält insbesondere spannende Einblicke in die Probenarbeit jener Komponist:innen, mit denen das Ensemble Modern in der letzten Zeit zusammengearbeitet hat, geleitet von wechselnden Dirigent:innen wie Enno Poppe, Ingo Metzmacher oder Vimbayi Kaziboni sowie Nachwuchsdirigent:innen der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA). Szene für Szene folgt man dem Ensemble in Einzel- und Tuttiproben von Bregenz bis Hannover bei verschiedenen Projekten, unterbrochen von Einzelinterviews.
Wenn es ideal läuft, ist Neue Musik ein schriftbasierter Aushandlungsprozess auf Augenhöhe zwischen Musiker:innen und Urheber:innen. Der Film startet also mit einer etwas zurückhaltenden Milica Djordjević, die unterschiedliche Arten des Bogendrucks abhört, und geht dann weiter zu einer sehr genau zuhörenden Rebecca Saunders, die Johannes Schwarz am Fagott zu einem Zungenkreisel bei (ungefähr!) Tempo 145 bis 150 bewegt und sich mit dem Ensemble auf eine beeindruckend gründliche Klangforschung begibt. Auch Mark Andre kommt in Proben zu Wort, in einem der wenigen Momente des Films, in denen zumindest so etwas wie Unmut aufkommt, wenngleich Aushandlungsprozesse in den Interviews mehr benannt als gezeigt werden. Als kleiner Teaser soll an dieser Stelle offenbleiben, wer von den Beteiligten – Ingo Metzmacher, Mark Andre oder der Pianist Ueli Wiget – recht darin bekommen wird, dass der Hammer tatsächlich so heftig im Klavier lärmen darf.
Wer häufiger mit Ensembles oder zeitgenössischer Kunstmusik zu tun hat, wird in „Why We Play“ einiges schon kennen. Spannend wird es, wenn die Struktur des Ensembles, das Changieren zwischen „Ensemble und Institution“, zwischen „Family und Business“ besprochen wird, und auch die Generationen- und Nachwuchsfrage wird gestreift. Zum Glück bleibt die große historische Aufarbeitung im Hintergrund. Schade ist, dass die für die Neue Musik-Szene wirklich wichtige IEMA nur kurz erwähnt wird. Am Ende bleibt unklar, ob der dramatische Bogen des Films die aktuelle ästhetische Entwicklung des Ensembles darstellen soll oder davon abgekoppelt einer vermeintlichen Kinotauglichkeit geschuldet ist: Sollen nach viel Klang, Detail, Kraft und extremem Fokus auf Musik gegen Ende Werke erklingen, die für heutige ästhetische Tendenzen stehen (könnten)? Wir hören Musik von Heiner Goebbels mit Elektronik und gesampelten Sprecher:innen und Brigitta Muntendorfs „Melencolia“, in dem die Komponistin das Ensemble kurzerhand in ein multimediales Gesamt steckt: visuell, metamodern und interdisziplinär, mit Perücke, Wolkenpulli und Gamification. Herausfordernd für das Ensemble, das wieder mit Bravour mitmacht!
"Ensemble Modern – Why We Play". Regie: Thorsten Schütte
seit 11. Juni 2026 in deutschen Kinos
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"Wo hört die Musik auf?"
100 Doppelbetrachtungen von Peter Kraut
Wohl alle haben Fragen zur Musik. Und sicher ganz verschiedene: Die eine interessiert sich für K-Pop, die andere fürs präparierte Klavier (nicht mal das von John Cage, sondern das von Henry Cowell und – sehr viel später – von Steffen Schleiermacher), der dritte fragt sich: „Wo beginnt eigentlich (die) Musik?“ Das Büchlein des Berner Musikologen Peter Kraut namens „Wo hört die Musik auf?“ (Wolke, Berlin 2026) enthält 100 Fragen, die sich der Autor selbst gestellt hat und auf die er selbst 200 Antworten gibt: 100 kurze und 100 längere. Manche Fragen/Anworten sind essenziell, andere symphatisch, weitere irritieren. Mal zwei rausgepickt: „Was sind Nationalhymnen, musikalisch gesehen?“ Die kurze Antwort: „Es sind ewige Hits.“ Das aber sind sie oft eben nicht: Länder, Staaten, politische, territoriale Verhältnisse ändern sich und zeitigen neue Hymnen; nur das „Deutschlandlied“ lieb(t)en Massenmörder wie Republikaner. Frage: „Ich kann mich nicht zwischen Lully und Rameau entscheiden. Was soll ich tun?“ Antwort kurz: „Höre das Dritte. Und das Vierte.“ Was auch immer das bedeutet, und die Langantwort hilft auch nicht sonderlich. Gut, dass ich mir diese Frage nie gestellt habe, warum auch? Kurzum: Merkwürdige Fragen über Fragen, und zum Teil sehr komische, ulkige, allerweltige Antworten lassen (die) Musik hier aufhören, uns mithin aufhorchen.
Peter Kraut, „Wo hört die Musik auf?“ (Wolke, Berlin 2026)
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„The Music to Come“
Für mich sollte Urlaubslektüre leicht sein – ich möchte nicht umsonst zu viel tragen, wenn ich doch weniger lese, als erwartet; es sollte kurz sein – dann bekomme ich das Gefühl, mehr als tatsächlich gelesen zu haben; es sollte tief sein – ich möchte in müßigem Schweifen den Gedanken nachhängen können; es sollte provokant sein – Stoff für eine lebendige Diskussionen am Abend geben; und es sollte abstrakt sein – so kann ich alltägliche Kleinlichkeiten vergessen.
All das ist „The Music to Come“ von François Bonnet. Auf knapp 50 handlichen Seiten stellt der französische Musiktheoretiker und Leiter des INM GRM in Manifesto-Manier seine Vision der kommenden Musik vor: eine Musik, die nicht geschaffen wird, sondern sich einstellt, die nicht repräsentiert, sondern Präsenz ist, eine Musik jenseits der Sprache und vor allem: ganz anders.
Schon in den Titeln der kurzen, teils nur einen Satz langen Kapitel wie „The Place of Music“, „Music and Time“ oder „Technology and Orality“ wird ein gewisser Größenwahn deutlich, der jedoch im besten Sinne produktiv ist und im Manifest-Ton Fraglichkeiten und Unwahrheiten vorträgt, über die sich trefflich sinnieren lässt. Die Geste des großen Wurfs befreit, es gerät der Horizont in den Blick, der sich jedoch fortwährend entzieht. Denn die kommende Musik ist zunächst einmal vieles nicht – Bonnet lässt eine negative Sonologie entstehen, die das innere Ohr für die Suche nach dem befreiten Klang sensibilisiert.
Viele andere haben auf ähnliche Weise versucht, mit Begriffen der Abwesenheit ins Innere des Klangs vorzudringen. Alternative Titel des Bändchens könnten „Imaginäre Musik“, „Hören“ oder „Silence“ lauten, um die Denkfigur des emphatischen „Klang an sich“ zu umschreiben, der immer „noch nicht da“ oder „schon vergangen“ ist. Aber für den Urlaub eignet sich dieses Bändchen eben besonders, indem es in streitbaren Thesen die ganze Betriebsamkeit des Musikalltags auf das Geheimnis hinter dem Horizont lenkt und im Meeresrauschen eine andere Musik erahnen lässt.
François J. Bonnet: „The Music to Come“ (Shelter Press, 2020)
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„Eiserne Furienkammern und rasende Zwietracht“
Monika Rincks jüngster Gedichtband „Höllenfahrt & Entenstaat“
Wie notierte Musik auch Text ist, tendiert dieser notierte Text zu Musik. Diese Dichterin komponiert ihre Literatur in einer Weise, dass sich Text, Sprachklang, Struktur und Aussage nicht nur gegenseitig meinen, sondern Material, Form, Inhalt und Buchgestaltung idealerweise auseinander erwachsen und das eine zugleich das andere ist, wenngleich schillernd, vieldeutig, rätselhaft. Die aufgeschlagenen Doppelseiten dieses Buchs trennt ein schwarzer Falz wie das Fotonegativ des weißen Mittelstreifens auf Autobahnen. Derart als Leser:in auf die Spur gesetzt, muss man, vom manischen Sog der Untergangspredigt erfasst, zwanghaft weiter durch das dreißigseitige Langgedicht „Höllenfahrt“ rasen.
Monika Rinck eröffnet ihren jüngsten Lyrikband „Höllenfahrt & Entenstaat“ (2024) mit geradezu marianischen Hymnen: „Gegrüßet seiest du, angehaltene Natur!“ In wenigen Versen geht es durch die Schöpfungs- und Erdgeschichte von der ersten Amöbe zur Meta-Amöbe und weiter zu Baum, Grundbucheintrag, Berufsverkehr, Reifenabrieb, Elektroschrott und autonomem Autofahren. Die Frage „Werden wir wirklich mit dem Verbrenner in die Unterwelt fahren?“ ist bloß rhetorisch, denn die „Autobahnauffahrt Unterwelt! Der Beschleunigungsstreifen ist in voller Länge zu nutzen“ führt geradewegs ins Inferno, vielleicht auch ins „Purgatorium? Zertrümmerte Fahrzeugteile auf einer Strecke von 400 Metern?“ Rink metaphorisiert die Blechkiste als Sarkophag, die Autobahnraserei als Fahrt in den Hades, die Hektik des Tages als Hekatombe des Todes von Mensch und Natur.
Von Baden-Württemberg bis Rheinland-Pfalz hastet diese Apokalypse durch die Bundesländer zu vielen der 144 Aus- und Neubauprojekten von Bundesautobahnen. Egal wo man fährt bzw. liest, überall herrscht „Staugefahr“ und „vordringlicher Bedarf mit Engpassbeseitigung“. Die Beschwörungsformel kehrt mantraartig wieder, bei Autobahnkreuz Walldorf, Anschlussstelle Schwetzingen/Hockenheim, Autobahnkreuz Weinsberg usw. Allerorten „Staugefahr: vordringlicher Bedarf mit Engpassbeseitigung“. Zwischen den Bauprojekten kündet die Lyrik im Ton alttestamentarischer Untergangspropheten „Vorbei an Wehklag und Geseufz“ von Bitumen, Guss-Asphalt, „Auffahr-Unfall-Ehrenmal aus Spannbeton“, „ungebremstem Ressourcen- und Flächenverbrauch“, „Blitz und Donner, der Höllenschlund hat kein Maß: Abyssus mensuram non habet“ und der „Abschaffung der Kulturprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das Pferd einschläfern, Gelder freimachen, für die Autobahn GmbH des Bundes, die Sprache automatisieren, Bayern A8, Autobahndreieck Inntal – Anschlussstelle Traunstein/Siegsdorf – vordringlicher Bedarf mit Engpassbeseitigung!“
Monika Rinck unterrichtet seit April 2023 als Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien Köln. In ihrem jüngsten Gedichtband verarbeitet sie Literatur von altägyptischen Sargtexten über Dantes „Göttliche Komödie“ bis zum Straßenverkehrsrecht, sowie Mia Rabens „Die Unfähigkeit zu bremsen“, Conrad Kunzes „Deutschland als Autobahn: Eine Kulturgeschichte von Männlichkeit, Moderne und Nationalismus“ und vieles mehr. Die Gedichte sind rhythmisch und repetitiv analog der beschleunigten Kilometer- und Landschaftsfresserei. Zugleich werden dem Beamtendeutsch des Bundesverkehrswegeplans Anspielungen auf Musik, Oratorien- und Kantatentexte entgegengesetzt und dabei gleichzeitig zur Verkehrslogik pervertiert: „Ich sags dir gleich: Ich fahre dich nicht, du segnest mich denn!“; „Sing mir das Dienstwagenprivileg in Es-Dur!“; „Indes rauscht im Berufsverkehr der Geist von Joseph Haydn.“; und „Mögen die Besitzer von fünftürigen Defendern euch ebenfalls gnädig sein.“ In diesem Sinne: Gute Fahrt in den Sommerurlaub – diesmal vielleicht mit der Bahn?
Monika Rinck, „Höllenfahrt & Entenstaat – Gedichte“ (Berlin 2024: kookbooks)
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Graphème
A publication for experimental music scores. Volume 5 (December 2025)
Zwei Warnungen vorab: Zum einen kann die Lektüre des liebevoll gestalteten, Kreativität bündelnden und anregenden Heftes Sammelleidenschaft wecken. Zum anderen ist aber der erste der fünf bisher erschienenen Bände leider bereits vergriffen.
Seit 2021 hat smallest functional unit, das Herausgeber:innenteam um Ute Wassermann und andere, zum Jahresende je ein Heft herausgebracht. Volume 5 erschien im Dezember 2025 und enthält 15 überraschende und experimentelle Notationen, bestehend aus Grafiken und Fotos, aus Texturen, Diagrammen, Handlungsanweisungen u.v.a.m., die zu musikalischer oder interdisziplinärer künstlerischer Tätigkeit animieren.
Die erste Partitur in diesem Band, „Receptaculum“ von Mareike Dobewall, ist aus Blütenböden entwickelt, den Verzweigungen von Pflanzen also, an denen Fruchtknoten und Blütenblätter zu finden sind. Sie werden äußerst sparsam graphisch überführt in Dirigierbewegungen sowie in Anweisungen für Aktionen von zwei Gruppen von Musiker:innen.
Die letzte Notation, „Topia“ von Stéphane Clor, bilden zwei Graphiken, die sich aufklappen lassen. Sie zeigen grau-schwarze (Klang)Flächen, bestehend aus unterschiedlich starken Anhäufungen einzelner Symbole bzw. Grapheme. Deren gewünschter Klangcharakter ist in den Anweisungen grob definiert.
Grapheme sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Schrift – analog zu Phonemen im Lautlich-Klanglichen. Und genau in der Mitte des Bandes stehen die „Phoneme Studies“ von Ryan Ross Smith: zur Ausführung durch eine oder mehrere Stimmen entworfene Ketten von Phonemen, an denen das Auge frei entlang wandern kann.
Und dann sind da noch zwölf weitere Konzepte, alle mehr oder weniger offen, bildhaft, persönlich, enigmatisch. Viele zielen auf Transformation von Visuellem, von Texturen oder Oberflächen in Bewegung und Klang.
Die Herausgeber:innen betonen seit Erscheinen von Volume 1, dass ihnen primär an der Aufführung der Partituren liegt. Aber bereits das Betrachten der Bilder und die Lektüre der Erläuterungen und Instruktionen bereiten großes Vergnügen; zu imaginieren (und sei es bloß zur Übung), was und wie etwas klingen könnte, ist hier ebenfalls eine inspirierende Option.
Auf der Homepage (https://smallestfunctionalunit.com) werden vorangegangene Sammlungen wie die „Notations“ (1968) von John Cage und die – spektakulären! – „Notations 21“ (2009) von Theresa Sauer erwähnt. (Neben weiteren ließe sich Hans Schneiders Sammlung „musizieraktionen. frei streng lose“ (2017), die ja nicht ausschließlich für pädagogische Kontexte gedacht ist, noch hinzufügen.) Sie machen aber keines der fünf Hefte verzichtbar, im Gegenteil: Man darf gespannt sein, ob am Ende dieses Jahres Volume 6 erscheint – das wäre schön!
Graphème. A publication for experimental music scores. Volume 5 (smallest functional unit, December 2025)
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