Von Dystopie zu Hoffnung?
BerichtEin Erlebnisprotokoll vom düsteren Kieler Frequenz Festival 2026
Samstag. Ich sitze in einem dunklen Saal. Noch einem dunklen Saal, nachdem ich bereits mit Angstgefühlen durch die Dunkelheit der Installation „Field.3“ von Mariska de Groot und Dieter Vandoren im sp ce Kiel gewandelt bin. Alle finden die Ausstellung toll und ich irgendwie auch, aber es ist so, so dunkel. Die Lichter flackern im Einklang mit der Komposition von experimentellen Klängen und ein stechender Schmerz zieht bei jedem Aufblitzen durch mein Auge. Obwohl ich manchmal Wasser höre, fühlt es sich nicht idyllisch, sondern dystopisch an. Das Flackern der senkrecht stehenden Lichtröhren erinnert an die Neonröhren in Lagerhallen von Videospielen, in der Dunkelheit verlassener Fabrikgebäude, wo man nie weiß, was dort lauert. Jederzeit könnte ich aus Versehen jemanden berühren. Ich weiß nicht, ob ich allein bin, und das macht mir mehr Angst als die Vorstellung, im Dunkeln verloren zu gehen. Die Schizophrenie unserer Zeit in einem Raum.
Sonntag. Ich fahre mit Richard Greer vom Scottish Music Center und Jasper van den Berg von iii auf Fahrrädern Richtung Wissenschaftspark. Es ist der Tag von Greenline – eine Art Netzwerkevent, für dessen Organisation ich Sherif El Razzaz, Geschäftsführer von Frequenz, dieses Jahr bei der Organisation helfe. Das Event findet am Sonntag des Frequenz Festivals statt. Bei Greenline geht es um das Thema der nachhaltigen Transformation und überregionalen Vernetzung des Musikbetriebs in Nordeuropa. Die diesjährige Organisation des Festivals, welches vom 8. bis 12. Mai in Kiel stattfindet, ist zugleich beispielhaft für die Idee hinter Greenline, denn einiges aus dem Festivalprogramm wird direkt in andere umliegende Städte in Norddeutschland weitergeschickt. Auf der Fahrradtour mit Jasper stellen wir beide fest, dass wir einst gemeinsam in Amsterdam Demos für Extinction Rebellion organisiert haben. Wir reden über das nasskalte Wetter und darüber, dass Schottland, obwohl nördlicher gelegen, sich wegen des Golfstroms ähnlich anfühlt. Ich erinnere den letzten Artikel von George Monbiot, in dem er schreibt, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass der Golfstrom stehenbleibt und eiszeitliche Temperaturen von -30 Grad in Schottland Normalität würden.
Montag. In dem Saal, in dem ich jetzt sitze, ist zumindest die Bühne beleuchtet, so kann ich die Gestalten um mich herum ausmachen. Die verstärkten Klänge des Kontrabasses, gespielt von Florentin Ginot, vibrieren durch meinen ganzen Körper. Ich bin schwer beeindruckt: So habe ich noch nie jemanden Kontrabass spielen sehen. Ich bin mir bewusst, dass dies ein einzigartiger Moment ist, eine ganz besondere Erfahrung höchstkarätiger zeitgenössischer Kunst. Doch ich kann nicht bleiben. Nach schlechten Nachrichten am Morgen erscheinen bei den dunklen Klängen vor meinem inneren Auge Bilder von karzinösen Eingeweiden, von Tod. So muss ich gehen. Ich stolpere aus dem dunklen Saal, taste mich zur Öffnung des dunklen Vorhangs. Die kalte Luft der Eisheiligen füllt meine Lunge, die sich so eng anfühlt. Ich werde zum nächsten Konzert zurückkommen.

Foto: Monika Martinez delas Riva
Es ist Montagabend. Nach einem Notfall im Eventmanagement taumle ich mit meinem Kollegen Tarek Krohn in den bereits geschlossenen Saal in der Stadtgalerie. Schon wieder ist es stockduster. Wir können nicht sehen, ob Leute auf den Stühlen sitzen, deren Umrisse wir nur erahnen können, weil wir den Saal kennen. Nachdem wir also erst mitten im Raum an einem Pfeiler auf den Boden gesunken sind, kommen endlich die Künstler:innen des Warschauer Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble auf die Bühne. Licht wird auf die Bühne gerichtet, wir ergreifen die Chance und setzen uns auf die offensichtlich leeren Plätze in der ersten Reihe. Die Musik beginnt, und wie in fast allen Konzerten bisher wird die Geige nicht „normal“ gespielt, sondern eher gekratzt. Geisterhafte Geräusche dringen aus den Instrumenten, die „Conocybe filaris“ von Barbara Zach spielen, ein Stück über die unsichtbare Gewalt, die ein giftiger Pilz auf den menschlichen Körper auswirkt. Ich mag Horrorfilme, und so wie bei den anderen Konzerten gefällt es mir, zeitgenössische Musik live zu sehen, aber nach dem ersten sehr langen Stück werde ich wieder müde von der Dunkelheit der Klänge und der Abwesenheit des Lichts. Als der Applaus unsere Stimmen überdeckt, sage ich zu meinem Kollegen Tarek: „Das Thema von Frequenz dieses Jahr scheint Dystopie zu sein.” Tarek nickt: „Das geht schon die letzten Jahre so in der Szene der experimentellen klassischen Musik. Ich verstehe auch nicht, warum es immer so dunkel sein muss. Man könnte wenigstens ab und zu etwas Leichtes, Lustiges mit einbauen.” Bisher waren die einzigen etwas spaßigen oder belebten Stücke oft verbunden mit einer Aufführung von Künstler:innen in Kostümen von Außerirdischen, wie am Sonntagabend bei Alexander Schuberts „Angel Death Traps“, aufgeführt von NEKO3. Es wirkt ganz so, als wäre es nicht mehr möglich, in unserer Welt an Hoffnung zu denken. Die Klänge, wie so viele der heutigen Filme, erzählen von Dystopie, von Verlust und Angst, eine Gesellschaft gefangen in der Endstimmung. Leben und Leichtigkeit, warme, belebte Klänge sind nur noch denkbar, wenn wir uns von der Welt und unserer Menschheit distanzieren, wenn wir aus der Perspektive von Aliens denken. In meinem Kopf schreibe ich bereits diesen Artikel, mein Fazit des diesjährigen Festivals.

Da wird es im Saal schon wieder leise und das nächste Stück beginnt, plötzlich belebter, fast lustig! Als das dreißigminütige Stück „Birdsongs“ anhebt, tauchen verzerrte Bilder von Landschaften und Vögeln auf dem Bildschirm auf. Die Musiker:innen selbst werden zu Vögeln. Abstrakte Bilder, die sich zu der Musik bewegen – fast fröhliche Klänge. Ich gucke zu Tarek und wir lachen. Geht doch! Da ist die Abwechslung, die uns gefehlt hat. Es gibt noch Leben auf der Welt.
Irgendwann erscheint ein animiertes Huhn auf der Bildfläche, die Töne und Bilder werden wieder dunkler. Massenzuchtanstalten, Massentötung von Tieren, unzensiert. Eine dokumentarfilmartige, leicht nach KI klingende Stimme beginnt, Musik und Bilder zu kommentieren. Wir sehen einen Film mit Live-Vertonung. Die Themen reichen von der Massenschlachtung von Hühnern über die Größe der Erdfläche, die für Landwirtschaft genutzt wird, über die Zerstörung der Erde, des Klimas und des menschlichen Nervensystems bis hin zur einzigen Lösung für all unsere Probleme, der Raumfahrt. Das Ensemble zeigt ein beeindruckendes Mosaik der Probleme unserer heutigen ökozidalen Zeit. Ich fühle mich, als hätten sie meine Gedanken gelesen. Hier haben wir sie, die Endzeit. Und kurz dachte ich, wir hätten vielleicht einen Schimmer von Hoffnung in all der Dunkelheit. Ich fühle die Schwere unserer Zeit, bin aber auch beeindruckt von der Klarheit, mit welcher das Ensemble ökologische und soziale Thematiken anspricht und elegant in Zusammenhang bringt. Immerhin wird hier die allgemeine Depression politisiert, werden die Systeme und Narrative der Zerstörung sichtbar gemacht.
Und dann werde ich überrascht: Nachdem Raumfahrt als einziger Ausweg aus den erwähnten ökosozialen Problemen dargestellt wurde, folgen plötzlich die oft in gängigen Medien weniger präsenten Fakten, die gegen Raumfahrt als einfache Lösung sprechen. Die Narrative wechseln von der Attitüde der Aufgabe und Flucht auf andere Planeten zurück zur Lehre der Umwelt, zu Vögeln, die auch in den heutigen Zeiten großflächiger Zerstörung, Desorientierung und des Klimawandels immer neue Wege finden, sich den Umständen anzupassen. Nur wir (westlichen) Menschen ziehen es in Erwägung, eher den Planeten zu verlassen als die Richtung zu ändern. Das Stück endet für mich mit dem Gefühl, dass noch nicht alles verloren ist. Leben hört nicht auf und Wandel ist Teil des Lebens. Die Musiker:innen bewegen sich wie Zombies oder Aliens von ihren Instrumenten weg, bis nur noch das Cello übrigbleibt und schließlich auch verklingt. Abwechselnd halten alle die Luft an, um dann zu merken, dass sie irgendwann doch Luft holen müssen. Das Geräusch des tiefen Einatmens ersetzt die Instrumente. Zwei Musiker:innen bleiben über eine Pflanze gebeugt stehen. Ein Neuanfang ist möglich, auch ohne den Planeten zu verlassen. Wir müssen uns nur daran erinnern, was uns am Leben hält und unseren Planeten schützen.
Als ich am selben Abend das zweite Mal den Auftritt von Neko3 besuche, wo alienartige Kreaturen mit ominöser Lichtershow und epischen elektronischen Klängen den Raum füllen, sehe ich die Alienperformance mit anderen Augen. Vielleicht stellt sie keine Flucht dar. Gewitter und Regenklänge, Teil der Show, gibt es nur auf dieser Erde. Die Schreie, die wir hören, sind menschlich. Menschlicher, als wir uns oft geben. Die Alienkostüme könnten nackte Haut darstellen. Im besten Fall sind wir die Aliens, entblößt von unseren Kostümen des Alltags. Menschen, die ihre eigene Menschlichkeit erinnern, die Welt mit frischen Augen sehen und noch einmal neu beginnen.
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