Digitale Archive und improvisierende Maschinen
BerichtDie International Computer Music Conference 2026 in Hamburg
Was ist eigentlich Computermusik?
„Innovation, Translation, Participation“ – so lautete das Motto der diesjährigen International Computer Music Conference (ICMC), die das Ligeti Zentrum vom 10. bis 16. Mai in Hamburg-Harburg ausrichtete. Das dicht gestaffelte Programm aus Vorträgen, Workshops, Installationen, Konzerten und Diskussionspanels machte deutlich, wie viele unterschiedliche Ansätze, Perspektiven und Anwendungen sich unter dem Schlagwort „Computermusik“ vereinigen: Notationssysteme für interaktive Musik, musikalische Anwendungen maschinellen Lernens, neue Verfahren der Klangsynthese oder computergestützte Musikanalyse bildeten nur einen kleinen Ausschnitt der Themen, die während der sieben Konferenztage zur Sprache kamen. Der Computer erscheint dabei in unterschiedlichen Rollen: als Instrument der Klangsynthese, als Analyse-Hilfsmittel, als Werkzeug computergestützter Komposition oder als eigenständig improvisierendes System.
1 Wie archiviert man einen digitalen Nachlass?
Der Komponist Clarence bzw. Klarenz Barlow hat die Geschichte der Computermusik und die inhaltliche Ausrichtung der ICMC geprägt wie wenige andere. In seiner Heimatstadt Kalkutta als Pianist und Dirigent ausgebildet, kam Barlow 1968 nach Köln, um dort Komposition zu studieren, zunächst bei Bernd Alois Zimmermann und nach dessen Tod bei Karlheinz Stockhausen. Bereits 1971 begann er, den Computer systematisch in seinen kompositorischen Arbeiten einzusetzen. 1988 organisierte er die ICMC in Köln und blieb der Community über Jahrzehnte eng verbunden.
Beim Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie wurde sein 1984 entstandenes Werk „Im Januar am Nil“ aufgeführt ‒ ein Stück, das exemplarisch für jene eigentümliche Verbindung von algorithmisch erzeugten Strukturen, skurrilem Humor und Montagen historischer Stile steht, die Barlows Schaffen charakterisiert. Das Stück beginnt mit einer phonetischen Imitation des Titels durch Streicherflageoletts. Zwischen obsessiv wiederholten algorithmisch erzeugten Rhythmen und melodischen Figuren steht eine kurze Passage, in der sich in nahtlosem Übergang verschiedene Stilistiken ablösen. In wenigen Minuten werden sechshundert Jahre Musikgeschichte von Dodekaphonie über Romantik, Klassik und Barock bis in die Renaissance und das Mittelalter im Rückwärtsgang vorgeführt. (https://clarlow.org/composition/im-januar-am-nil/)
Von seinen ersten Experimenten mit Computern in den frühen 1970er-Jahren bis zu seinem Tod 2023 blieb Barlows kompositorische Arbeit eng mit der Entwicklung digitaler Werkzeuge und musikbezogener Algorithmen verbunden. Diese waren für ihn nicht nur Hilfsmittel der Komposition, sondern ein essenzieller Bestandteil seines Schaffens. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wie archiviert man Nachlässe von Komponist:innen, wenn sie nicht nur aus Skizzen, Schriften und veröffentlichten und unveröffentlichten Werken bestehen, sondern auch aus Quellcodes für Algorithmen in verschiedenen Programmiersprachen, MIDI-Dateien, algorithmisch generierten Datensammlungen sowie Audio- und Videodateien in unterschiedlichen Formaten? In einem solchen Fall reicht es nicht aus, die Materialien lediglich zu katalogisieren und miteinander zu verknüpfen. Ebenso entscheidend ist die Erhaltung der jeweiligen Hard- und Softwareumgebungen. Denn der Quellcode eines Programms verliert seinen praktischen Wert, sobald die Systeme, für die er geschrieben wurde, nicht mehr existieren. Ebenso werden Bild-, Audio- oder Videodateien unzugänglich, wenn ihre Formate nicht länger unterstützt werden.
Das Projekt „Digital Barlow Archive“ (dBA) stellt sich genau dieser Herausforderung. Ziel ist es nicht nur, den Nachlass von Clarence Barlow zu archivieren, sondern seine Computerprogramme, Algorithmen und kompositorischen Werkzeuge zugänglich zu machen. Der Nachlass soll dabei nicht nur konserviert, sondern als Arbeitsumgebung zur Verfügung gestellt werden, in der sich Barlows Ideen nachvollziehen und weiterentwickeln lassen.
Bis dieses ambitionierte Projekt vollständig realisiert sein wird, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen. Bereits jetzt online ist jedoch die von Barlows Witwe Birgit Faustmann kuratierte Webseite clarlow.org. Dort sind sämtliche vollendeten Kompositionen Clarence Barlows sowohl in Partiturform als auch als Audioaufnahmen frei zugänglich.
2 Klangsynthese oder algorithmische Komposition?
Der Computer kann als Instrument zur Synthese einzelner Klänge genutzt werden oder als Werkzeug zur algorithmischen Erzeugung größerer – eventuell von Menschen zu interpretierender – musikalischer Strukturen. Auch Mischformen beider Ansätze sind möglich. Barlow verriet einmal im Interview mit Stephan Kaske,1 ihn interessierten am Computer weniger die neuen klanglichen Möglichkeiten als vielmehr der Einsatz algorithmischer Methoden bei der Komposition von Instrumentalstücken. Ein entgegengesetzter Trend zeichnete sich im Programm der diesjährigen ICMC ab: Sowohl in den Vorträgen als auch in den Konzerten dominierten Klangsynthese und Live-Elektronik, die algorithmische Erzeugung von Partituren blieb dagegen eine Randerscheinung.
3 Können Menschen improvisieren?
Ein recht junges Thema der Computermusik ist die Idee sogenannter musikalischer Agenten, die eigenständig improvisatorisch auf die klangliche Umgebung reagieren. Ein Workshop-Format brachte drei unterschiedliche Computer-Improvisationssysteme mit jeweils drei Improvisationsmusiker:innen zusammen. Auf Seiten der Performer kamen dabei unter anderem E-Gitarre, Stimme und Synthesizer zum Einsatz, während die Systeme das musikalische Geschehen über Mikrofoneingänge kontinuierlich erfassten und darauf klanglich reagierten.
Die musikalischen Ergebnisse fielen eher ernüchternd (oder erleichternd?) aus. Meist blieb es bei einem klanglichen Nebeneinander von Mensch und Maschine. Und auch in Momenten, bei denen man meinte, eine musikalische Interaktion zu vernehmen, blieb der Verdacht, dass Anwendungen von Worten wie „imitieren“, „antworten“ oder „kontrastieren“ in diesem Fall eher den anthropomorphisierenden Versuch darstellen, zufällig entstandene Klangkonfigurationen in vertrautem musikalischem Vokabular zu beschreiben.
4 Was hört ein Computer?
Mehrere Vorträge widmeten sich der computergestützten Analyse musikalischer Phänomene. Untersucht wurden etwa Temposchwankungen in der irischen Volksmusik oder Interaktionsmuster zwischen Gitarre und Stimme in der Diskographie des portugiesischen Komponisten und Gitarristen Carlos Paredes. Während computergestützte Musikanalyse häufig Gefahr läuft, entweder musikalisch offensichtliche Sachverhalte lediglich statistisch zu bestätigen oder Parameter zu untersuchen, die sich dem hörenden Nachvollzug entziehen, bildete die Analyse der Aufnahmen von Paredes eine bemerkenswerte Ausnahme. Hier verwies die statistische Auswertung auf Zusammenhänge, die zwar hörbar waren, sich dem unmittelbaren Eindruck jedoch leicht entzogen hätten und erst durch die Analyse deutlich hervortraten.
Computermusik zum Anfassen: Die Off-ICMC in Hamburg
Neben dem offiziellen Konferenzprogramm wurde zudem die Tradition der „Off-ICMC“ wiederbelebt. Über das Hamburger Stadtgebiet verteilt fanden Installationen, Workshops und Performances statt, die sich nicht primär an die Konferenzteilnehmer:innen richteten, sondern auch an Menschen ohne Vorerfahrung im Bereich Computermusik. Die Off-ICMC verstand sich damit als Versuch, die hochspezialisierten Themen der Konferenz aus dem akademischen Kontext herauszulösen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Im Mittelpunkt standen Formate, die einen direkten, praktischen Einstieg in Konferenzthemen ermöglichen sollten. In Workshops konnten Besucher:innen etwa einfache Theremine oder kleine Synthesizer selber bauen, um grundlegende Prinzipien elektronischer Klangerzeugung auszuprobieren.
Als eines der größten Foren für den Austausch innovativer technischer und künstlerischer Ideen überzeugte die ICMC 2026 in Hamburg vollumfänglich und machte neugierig auf die Fortsetzung 2027, die auf einem anderen Kontinent stattfinden wird.
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