Hochinfektiöser Opernbazillus
BerichtSensationelle Uraufführung von Sarah Nemtsovs „We (Wir)“ in Dortmund
Die Uraufführung und auch die drei Folgeaufführungen sind allesamt ausverkauft! Neue Musik findet also doch ein breites Interesse. Das ist sensationell! Der freudigen Überraschung folgt jedoch prompt die Ernüchterung, denn die 1.170 Plätze im großen Saal der Oper Dortmund bleiben leer. Sie dienen als Kulisse, während das auf rund 150 Personen geschrumpfte Publikum auf der Bühne platziert wird. Wer diesen Perspektivwechsel allerdings erlebt, vergisst ihn so schnell nicht wieder. Die eigentliche Sensation dieser Produktion liegt nicht in ihrer mutmaßlichen quantitativen Reichweite, die leider gering blieb, sondern in ihrer überragenden künstlerischen Qualität. Diese Opernneuheit hat es verdient, auch andernorts realisiert zu werden und ein breites Publikum zu finden.

Individuum und Kollektiv
Bereits im Foyer des 1966 eröffneten Hauses sehen sich die Besucher:innen in den langen Spiegelfluren. Auch auf dem Weg durch die Gänge hinter die Bühne läuft man dem eigenen Spiegelbild entgegen. Auf der Bühne blickt das Publikum schließlich auf den komplett verspiegelten Bühnenprospekt. Man soll sich selber sehen, frei nach dem Leitspruch des Orakels von Delphi: νῶθι σεαυτόν – erkenne dich selbst! Im Spiegel erkennt man sich als kollektives Wir und zugleich als individuelles Ich. Und damit befindet man sich – ohne es noch richtig begriffen zu haben – mitten in Sarah Nemtsovs „We (Wir)“, einer faszinierenden Allegorie über Masse und Einzelne, Drinnen und Draußen, empfindende Menschen und automatenhaft funktionierende Lemuren.
Die 1980 in Oldenburg geborene Komponistin erstellte das Libretto selbst auf der Grundlage von Jewgeni Samjatins Roman „We“. Texte des 1884 geborenen Ingenieurs und Schriftstellers wurden Im zaristischen Russland wegen sozialistischer Gesinnung und Antikriegshaltung verboten. In der jungen Sowjetunion erfuhr Samjatin dann ebenfalls Hetzkampagnen und Berufsverbot wegen unverhohlener Kritik an sozialistischer Uniformierung und Subordination der Einzelnen unter das totalitäre Regime. Sein 1922 vollendeter Roman „We“ ist eine gesellschaftspolitische Dystopie ähnlich Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) und George Orwells „1984“ (1949). In der UdSSR verboten, erschien „We“ 1924 erstmalig auf Englisch in New York zu einer Zeit, als sich Stalin zum unumschränkten Diktator ermächtigte. Samjatin starb 1937 im Pariser Exil.
Zwei unter vielen
Zu Beginn der Aufführung wird der riesige Spiegel durch Beleuchtungswechsel plötzlich durchsichtig, so dass man inmitten der leeren Bühne eine Frau ganz alleine auf einem Stuhl sieht. Zwischen angespannt lauernden Liegeklängen ballt sich das Orchester immer wieder zu heftigen Eruptionen. Die Frau zuckt und zittert dazu wie unter Elektroschocks. Sie wird zu Tode gefoltert, bleibt aber bis zuletzt standhaft, wovon eine heroisch weit gespannte Trompetenmelodie kündet. Sarah Nemtsovs viertes abendfüllendes Musiktheaterwerk stellt die letzte Szene von Samjatins Roman an den Anfang, um das Geschehen dann auf eben diesen Endpunkt zulaufen zu lassen, der dann nur noch erinnert und nicht nochmals gezeigt wird.
Nach dem kurzen Vorspiel geht das Licht im Auditorium an und das Publikum blickt über den Bühnenprospekt und Orchestergraben hinweg ins weite Parkett und auf die Logen. Dort bilden Opernchor, Sprechchor und Dortmunder Bürger:innenOper die entindividualisierte graue Einheitsmasse des Einheitsstaats, zu dem sich nach apokalyptischem Krieg die übrig gebliebenen Nationen zusammengeschlossen haben. Beherrscht wird dieser Weltstaat von einem „Wohltäter“, der die Volksmenge auf der höchsten Mittelloge wie auf der Führer-Tribüne überragt. Alle Menschen sind mit identischen grauen Kitteln gekleidet, leben in gläsernen Wohnungen, haben kahl rasierte Schädel und Nummern statt Namen. D-503 ist Mathematiker und Konstrukteur des Raumschiffs „Integral“, mit dem der „One State“ seine egalitäre Ideologie ins Universum exportieren will. Bassist Seth Carico spielt und singt diese Hauptrolle packend mit rückhaltloser Verausgabung. Der systemtreu funktionierende Ingenieur trifft auf die geheimnisvolle I-330, das von Sopranistin Gloria Rehm stimmlich wie schauspielerisch eindrücklich verkörperte Gegenbild zu dem von allen subjektiven Eigenarten und Emotionen befreiten Staatsapparat. Diese Frau bewegt sich jenseits der Normierung, trägt ein rotes Ballkleid, hat lange Haare und eine verlockende Stimme.

Sprechende Musik
Nemtsov nutzt die verfügbaren Mittel und Stilistiken von Orchester, Chören, Vokalsolist:innen, Rockband und Elektronik. Sie komponiert eine ungemein fantasievolle, beziehungs- und anspielungsreiche Musik. Einzelne Szenen und Handlungen werden durch markante Instrumentation, klangliche Atmosphären und wiederkehrende Leitmotive plastisch erfahrbar. Als sich Mann und Frau im „Museum der Vergangenheit“ näherkommen, ertönt wildes Glockengeläut, das schlagartig mechanischem Ticken weicht, als sich der rationalistische Ingenieur zur Ordnung ruft und von der verführerischen Frau losreißt. Die Femme fatale steigt daraufhin in eines der Museumsstücke, einen Stutzflügel, als zöge sie sich in den Untergrund zurück. Zugleich wird die Partisanin damit zum Sinnbild der Ausdrucks- und Verführungskraft von Musik. Fortan erhebt sich ihr Sirenengesang immer wieder über die strikte Homophonie der gleichgeschalteten, teils nur tonlos atmenden und flüsternden Chormasse. Als der Ingenieur zum ersten Mal im Leben einen Traum hat und von Gefühlen heimgesucht wird, die im „One State“ üblicherweise als krankhafte Geschwüre operativ entfernt werden, ergreift ihn heftiges Zittern und im Orchestergraben toben rebellische Rocksounds von Keyboard, Drumset und E-Gitarre. Als D-503 und I-330 sich schließlich liebend vereinigen, beginnen die von Michael Wendeberg geleiteten Dortmunder Philharmoniker erneut zu ticken, als würde abermals zur Norm ermahnt, doch kommen zahllose Repetitionen und Battuti hinzu, deren Überfülle die uhrwerkartige Mechanik orgiastisch überschwemmt und das geordnete Zeit-Raum-Kontinuum pulverisiert.

Zu der vom Ingenieur beschworenen Schönheit eines Sonnenaufgangs pfeifen und zwitschern die von Fabio Mancini einstudierten Chöre von allen Seiten im Raum. Als ein Arzt die Naturempfindungen beim Ingenieur als eine epidemisch um sich zu greifende Krankheit diagnostiziert – in ihm wächst eine Seele! –, wird der Patient desinfiziert und in einen aseptischen Quarantäneanzug gesteckt. Gleichzeitig damit verzerrt sich das Vogelkonzert zu technoid klirrender Elektronik im immersiven Surroundsound. Ein Chor treuer Staatsbürger:innen, die sich diesen wild wuchernden Tumor vorsorglich operativ haben entfernen lassen, um im Getriebe des Weltstaats reibungsloser zu funktionieren, klingt dann zu erneutem mechanischem Ticken künstlich durch Vocoder verzerrt oder überhaupt durch KI-generierte Stimmen ersetzt. Während der Ingenieur versichert, es gehe ihm besser, künden dagegen schräge Multiphonics eines Solofagotts von der Zerrissenheit des Mannes zwischen der Loyalität zur Staatsdoktrin und der Sehnsucht nach der schönen Revolutionärin, deren hoher Koloratursopran jenseits der Stadtmauer wie der Ruf zügelloser Wildnis und Anarchie ertönt.
Klare Bildsprache
Die Verteilung der Rollen zwischen rationalistischem Mann und leidenschaftlicher Frau folgt auf den ersten Blick traditionellen Gender-Stereotypen. Am Ende verkehrt sich das Verhältnis zumindest ein bisschen, weil die Frau den Mann vermutlich nur aus kühler Berechnung verführt und in Gefühlswirrungen gestürzt hat, um mit seiner Hilfe das Raumschiff zu kapern. Der Handlungsstrang ist insgesamt klar und schnörkellos. Nur einige Nebenfiguren sorgen für Unverständnis, weil sie gesichts- und profillos bleiben, wie es die Einheitsmenschen im Einheitsstaat nun einmal sind. Charakter zeigen dagegen der von Daegyun Jeong schneidig gestaltete Aufpasser R-13 und die von Sooyeon Lee ausgezeichnet gesungene Q-90, die sich vom Ingenieur ein Kind machen lässt, mit dem sie schwanger in die freie Wildnis flieht, wie einst die schwangere Sieglinde im dritten Akt von Wagners „Walküre“ mit dem künftigen Rebellen Siegfried.
Passend zur Prägnanz der Musik findet die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr im Bühnenbild von Fabian Liszt mit Kostümen von Julia Rösler sowie Videos von Krzysztof Honowski und Licht von Florian Franzen zu einer ebenso eindrücklichen Bildsprache. Das Team hatte schon Nemtsovs letzte große Oper „OPHELIA“ 2023 am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken herausgebracht. Je mehr der Ingenieur durch die Frau seine eigene Subjektivität und Gefühlswelt entdeckt, desto mehr dringt das Rot der Widerstandskämpferin wie ein Bazillus in die Kostüme und Szenen. Zwischen das uniforme Grau der Chöre mischen sich Tänzer:innen im gleichen fackelroten Ballkleid. Schließlich erstrahlt die gesamte rote Bestuhlung des Opernhauses als Zeichen dafür, dass überall revolutionäre Tendenzen um sich greifen. Die Erinnerung an die untergegangene alte Welt manifestiert sich im Puppenhaus einer alten Frau (in kleiner aber wichtiger Partie Natascha Valentin) als dem Fluchtpunkt ersehnter Intimität und Privatsphäre, in das der Ingenieur seinen Kopf steckt, um dem totalitären Überwachungsstaat kurzzeitig zu entgehen.

Opernbazillus
Schließlich kommt es zum Aufstand. Die revolutionäre Organisation MEPHI – offenbar von Mephistopheles hergeleitet – dringt als individuell gekleidete Statisterie von jenseits der Mauer in den Staat ein. Den Testflug des Raumschiffs gestalten Sebastian Berweck am ARP-Synthesizer und Seth Josel an E-Gitarre und Effektgeräten primär musikalisch mit retrofuturistisch sirrender Elektronik. Die Revolte wird dann mit brutalen Cluster-Schlägen niedergeknüppelt, doch die Rädelsführerin behauptet trotzig, es werde unendlich viele weitere Revolutionen geben. Dazu überlagert Nemtsov Glissandi der Sängerin mit zahllosen weiteren Glissandi der Chöre zu einem endlosen Strom, der zugleich an heulende Alarmsirenen erinnert.
Am Ende kommt es zur Gegenüberstellung von Ingenieur und Wohltäter. Der gottähnliche Führer stellt die Menschheit vor dieselbe Wahl wie einst Adam und Eva im Paradies: „Entweder Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück.“ Im Gegensatz zur kahlgeschorenen Menschenmasse genießt das Staatsoberhaupt das Privileg, eigenes Kopfhaar zu tragen und sich in der von David DQ Lee hochexpressiv gestalteten Countertenorpartie besonders exaltiert ausleben zu dürfen. Wie das Vorspiel schon zeigte, wird die Verräterin am Ende auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Offen bleibt jedoch, wie sich der Ingenieur entscheidet. Lässt er sich die in ihm keimende Seele extrahieren? Oder bewahrt er sich – vielleicht bis zur nächsten Revolution? – etwas vom viralen Befall durch Fantasie, Gefühl, Liebe, Theater, Musik? Infiziert wurde von Nemtsovs „We (Wir)“ in jedem Fall das enthusiastisch applaudierende Publikum. Diesem Opernbazillus ist zu wünschen, dass er viele weitere Menschen ansteckt.
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