Queering the World
RezensionEine Erzählung von Eroberungen

Am 24. März 2026 startete der Wolke Verlag die lang geplante Essay-Reihe „Synkopen. Musik in Bewegung“, kleine Bände, teils zweisprachig in Deutsch und Englisch publiziert. Die ersten Ausgaben stammen von Peter Kraut („Wo hört die Musik auf“), Magdalena Zorn („This is not music“) und Nikolaus Gerszewski („Der objektive Geist“). Ein weiterer Text von Eloain Lovis Hübner, „Die Welt strukturieren queeren“, ist eine kurze Abhandlung „über kompositorisches Denken in mehr-als-musikalischen Kontexten“. Darin formuliert die Composer-Performerin und Kuratorin Hübner1 eine Sicht auf die Welt durch künstlerisches Arbeiten. Sie beschreibt ihre stete Suche nach Sinn im musikalischen Tun und stellt eine persönliche, aber vor allem künstlerische Entwicklung vor, die Queerness als Sichtweise, Arbeitsgrundlage, Herangehensweise praktiziert oder noch besser: in die Praxis inkorporiert. Was genau das heißt, bleibt an vielen Stellen vage, an einigen zum Glück aber auch nicht.
Begrifflichkeiten
Was ist „Queering“ überhaupt? Ersetzt es die bisherige Strukturierung der Welt? Viele Menschen, auch viele Künstler:innen und Wissenschaftler:innen, sehen heute im Queering eine Praxis, die gesellschaftliche Normen infrage stellt, dominante Systeme und Ordnungen destabilisiert und alternative Realitäten evoziert. Dabei geht der Begriff „queer“ weit über seinen Ursprung als selbst gewählte Zuschreibung von Identitäts-, Geschlechter- und Sexualitätsformen (in Gegenüberstellung zur Heteronormativität) hinaus. Es handelt sich um eine Theorie, ein offenes Konzept – Prozessualität ist der Schlüssel oder Kerngedanke. Es ist eine „veruneindeutigende“ Perspektive. Konkret auf Musik bezogen heißt das: Komponieren, Musizieren, Hören werden reflektiert, zersetzt, neu gedacht und performt, und zwar auf eine Weise, die durch Queerness und queere Lebenserfahrungen geprägt ist.
Aufmerksamkeit generierten in letzter Zeit etwa Luxa M. Schüttler & Friends mit „Noise Is a Queer Space“ bei den Darmstädter Ferienkursen 2025, ECLAT 2026 und MaerzMusik 2026, gedacht als „soziale Spielumgebung, in der Klang aus queeren Perspektiven erforscht wird […], eine Art akustisches Gruppen-Selfie: queer, solidarisch, persönlich, hedonistisch.“ Und also im Neue Musik-Diskurs ist Queering mittlerweile angekommen. So sprach auch bei der Darmstädter Frühjahrstagung des INMM im April die Musikforscherin Monika Pasiecznik über queere Praktiken am Beispiel von Wojtek Blecharz. Der polnische Künstler beziehe Queering auf die Komposition (Werkbegriff, ade!), auf das Publikum (offene Wohlfühlatmosphäre), auf Raum und Zeit (u.a. Queer Temporality2). Pasiecznik nannte in ihrem Vortrag „Queer Ear: Remaking Music Theory“ (Oxford University Press 2023) als Schlüsselpublikation zum Thema und stellte Strategien des Queerings vor: „Queere Sorgepraxis, Zärtlichkeit, Komfort, queere Temporalität sowie Utopie.“3
Mehr-als-musikalische Kontexte
Was nun Queering ganz konkret im Einzelfall ist, erfahren die Lesenden bei Hübner – vielleicht. Wenngleich direkt zu Anfang postuliert wird, der Text sei nicht „über mein Leben“, so zeugt doch die aus der Innenschau beschriebene Entwicklung und Findung der eigenen Künstlerpersönlichkeit mit zahlreichen Kinderfotos (?!) von einer eindeutig autobiografischen Durchdringung. Es ist ein Essay in sieben mehr oder weniger chronologischen Kapiteln über die Entwicklung einer Sichtweise, Weltansicht, Arbeitsauffassung: Komponieren sei „grundsätzlich für mich eine Art und Weise, in der Welt zu sein oder Welt wahrzunehmen, Welt zu verarbeiten, Welt zu sortieren und zu strukturieren. Und mein In-der-Welt-Sein ist ja immer sozusagen automatisch ein queeres.“
Beispiele für queere Praktiken werden an verschiedenen Stellen und in multiplen Ausformungen genannt: Community und kollektive Autor:innenschaft, die hierarchische Arbeitsformen über Bord wirft, Sensibilität und Empathie (im Tun und Bewerten), wirklich sehr, sehr viel Selbstreflexion, Aufgabe alter Rollenbilder im Musikbusiness (der Komponist als Souverän und die Musiker:innen als Untergebene) und eine Offenheit fürs Scheitern. Hübner führt immer wieder Zitate an, die ihre Argumente untermauern, auch die Kapitel einleiten oder sie abschließen, wie etwa J. Jack Halberstams Äußerung aus „The Queer Art of Failure“: „Scheitern ist etwas, was Queers tun und schon immer außergewöhnlich gut konnten; für Queers kann Scheitern ein Stil […] oder eine Lebensweise […] sein und im Gegensatz zu den düsteren Szenarien des Erfolgs stehen, die davon abhängig sind, dass man es ‚immer und immer wieder versucht‘.“
Beschränkung scheint ein Moment zu sein, wogegen Hübner bis heute anzukämpfen hat. Der nicht enden wollende Versuch, sich von Zwängen der Musik zu befreien, prägt Hübners Weg.
Befreiungsversuche
Erstes Beispiel: die Notenschrift. Sie ist ein zu Beginn der musikalischen Karriere praxisfernes Musikmoment, ein strenges System, das „ein bestimmtes Verständnis von Welt einübt, das bevorzugt und diskriminiert, priorisiert, hierarchisiert, fokussiert und ignoriert.“ Notenschrift „proklamiert Besitz und zementiert Urheberschaft“. Das Schriftliche des Musikwesens ist das System, an dem Hübner sich wirksam und fruchtbar abarbeiten wird. Im weiteren Verlauf des Textes ist es der Abstand, den die Schrift zwischen aufreibender Musik und emotionalem Jugend-Ich aufbaut und der einen Weg aus dem Nicht-Verstehen, einen Zugang öffnet. Dann die Enttäuschung im Studium: Das Geschriebene erfährt in der Interpretation eine Realitätsdusche, „Flageolette, Quintolen und Sforzati wurden als Bedeutungsträger überschätzt“. Und schließlich, dank teils mühsam eingeübtem De-Komponieren, Eskalieren, Debattieren, Zweifeln, Kooperieren und Kollaborieren, entwickelt die Komponist:in eine kompositorische Sprache, die sie als Einladung verstanden wissen will, „ein Umweg mit Absicht“, ein „kommunikativer Zwischenschritt“ auf dem Weg zu Klang. Als Vorbilder werden etwa Emojis bei Thierry Tidrow, Cartoons bei Elena Rykova oder auch Audioscores bei Trond Reinholdtsen genannt. Mit der Entwicklung scheint sich auch die Notenschrift, die Partitur an sich zu ändern, vor allem aber der Zugriff darauf. Erleichternd ist, dass Hübner die eigene Erkenntnis einzuordnen weiß: „Natürlich erfinde ich das Rad nicht neu, wenn ich so etwas schreibe.“
Zweites Beispiel: queere Herangehensweise. „Formate, Arbeitsweisen und Kontexte“ (und Instrumente) „queer“ gebrauchen, heißt für Hübner, etwas absichtlich falsch, anders, neugierig, spielerisch, aneignend, überraschend, umwegig, dilettantisch, verweigernd anzugehen. Queering wird als Neuaneignung bezeichnet, auch als „Hacking“, und ist dabei im Grunde erstmal nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Abkehr von Konventionen: nicht die „auratisch aufgeladene Geige“, sondern erstmal ein „Holzkasten mit Stiel, vier Drähten und bestimmten akustischen Eigenschaften“.
Ob man als Leser:in der Verwendung des Begriffs „queer“ oder „Queering“ an jeder Stelle folgen kann, sei dahingestellt. Häufig drängt sich, ganz unabhängig von Hübners persönlichen Erfahrungen, der Eindruck auf, dass die heute als „queere Praktiken“ bezeichneten Herangehensweisen an Musik auch schon frühere Momente von Avantgarde geprägt haben dürften, wenngleich sie anders benannt wurden.
Fazit
Komponieren ist für Hübner heute inklusiv, transdisziplinär informiert, offen. Warum? Es geht ihr um eine Abkehr von einer Praxis, die „Menschen ungeachtet ihres kreativen Potenzials […] in allen akademisch geprägten Musiksparten ausschließt“. Die Ziele sind hehr und anti: „Lust auf Ambivalenzen, auf das Nicht-Normative, Merkwürdige und Subversive“. Durch die verschiedenen Kapitel wird klar, dass mit der Entwicklung auch das Aufweichen von Genregrenzen, der Blick und Übertritt in andere Disziplinen wie Tanz, Theater, Film einherging. Kompositorisches Arbeiten ist für „transkulturell, intersektional, transdisziplinär denkend, anarchisch-experimentell-spielerisch“.
Die Lektüre von Eloain Lovis Hübners Essay ist ein lohnender Blick in eine andere Beschreibung von Welt. In dem Text, der kurzweilig zu lesen ist und dennoch einen klaren Zielpunkt – die Selbsterkenntnis über den Sitz im Leben bzw. Komponieren – verfolgt, wandert man als Leser:in durch Konzerterfahrungen, durch harte Studien; und auch die Geschichte eines Olivenbaums in Jerusalem ist ein (aufgrund der aktuellen politischen Umstände kontextualisiertes) Beispiel für Bemühungen, die Strukturierung der Welt selbst vornehmen zu dürfen.
1 Pronomen: dey/deren oder sie/ihr
2 Queere Zeitlichkeit hinterfragt eine kulturell geprägte Richtung oder angenommene Geradlinigkeit von Zeit unter Berücksichtigung politischer Implikationen. Insbesondere Jack Halberstam hinterfragte mit „In a Queer Time and Place“ (2005) die Fixierung der sozialen Konstruktion von Zeitlichkeiten wie Arbeitstage, Reproduktionszeiträume, Familiengründung, Heirat etc.
3 Spannend war der von Pasiecznik aufgezeigte Widerspruch zwischen Konzertform und Neuer Musik:„Neue Musik, die sich als avantgardistisch versteht, funktioniert in einer Form, die an ein Museum des 19. Jahrhunderts erinnert“.
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