Über die zwei Arten von Computermusik
Hervorgeholtaus: MusikTexte 6, Oktober 1984
Ein unumgängliches Phänomen in der Musikgeschichte ist das wachsende Instrumentarium; die Erfindung des Klaviers und des Saxophons sind bekannte Beispiele aus den letzten Jahrhunderten. Parallel zu dieser Entwicklung gab es ein Interesse für mechanische Klangerzeugung (z.B. durch die um 1500 erfundene Drehorgel), die nicht nur die treue Wiedergabe eines Musikstücks zu einer Beliebigkeit machte, wie heute bei Tonband und Schallplatte, sondern auch eine unerhörte spieltechnische Virtuosität ermöglichte, wie es auch Mozart zu schätzen wusste. Da aber damals Interpreten und Instrumente der Musikentwicklung gewachsen waren, blieb die mechanische Musik zunächst eine Spielerei. Etwas wirklich Epochales brachten in dieser Hinsicht die letzten Jahrzehnte hervor: die elektronische Klangerzeugung, in deren Entwicklung der Westdeutsche Rundfunk und die Kölner Musikhochschule eine führende Rolle gespielt haben. Hauptgrund für die Entstehung der elektronischen Musik: Komponisten – besonders die der seriellen Webern-Nachfolgetradition – hatten zunehmend Probleme mit der genauen Ausführung ihrer immer komplexer werdenden Musik und waren froh, dies endlich in aller Exaktheit – wenn auch maschinell – machen zu können; hiermit wurde auch ihrer Phantasie mehr Spielraum gegönnt.
Die Umständlichkeit der frühen Arbeit im elektronischen Studio (man musste beispielsweise Hunderte von winzigen Tonbandfetzen zusammenkleben, um eine Art Tonkaskade zu gewinnen) wurde mit der Erfindung des Synthesizers hinfällig – von jetzt an konnte man sich auf ganze Klangstrukturen konzentrieren, ohne sich von der mühsamen Einzelerstellung von Kleinstdetails aufhalten zu lassen. Der Synthesizer hatte jedoch einen entscheidenden Nachteil: Er lieferte eine begrenzte Anzahl von Klanggestalten, die zwar durch immer neue Kombination und Variation zu einer ungeheuren Vielfalt ausgeweitet werden konnten, die aber gewisse Klangwünsche nicht zu erfüllen vermochten.
Diese Tatsache führte während der letzten Jahre zur Entstehung und Etablierung der dritten Generation der elektronischen Musik – die vom Computer gesteuerte Klangsynthese wurde erfunden, und damit wurden praktisch alle herkömmlichen Probleme bei der Realisation elektronischer Musik behoben. Den Einzug des Computers in Frage zu stellen, heißt, die ganze elektronische Musik in Frage zu stellen; diesen technischen Fortschritt zu missbilligen, hieße mit der gleichen logischen Konsequenz die Erfindung z.B. des Trompetenventils zu missbilligen. Aus diesem Verständnis heraus sind bis heute zahlreiche Computerstudios entstanden, vorwiegend in den USA; in Europa sind die weltbekanntesten in England, Holland, Frankreich und Italien zu finden – in Deutschland jedoch nicht.
Ernsthaftere Probleme bereitet ein völlig anderer musikalischer Anwendungsbereich des Computers, nämlich der in seiner ureigenen Funktion als Rechenanlage verankerte. Seit allem Anfang hat es Komponisten gegeben, die ihr musikalisches Schaffen einer rigorosen Systematik unterwerfen; ihre kompositorischen Hilfsmittel rangierten von den strengen Gesetzen der Isorhythmie aus Machauts Zeit, der Rameau‘schen Harmonielehre oder des Fux‘schen Kontrapunkts zu denen der Schönberg‘schen Dodekaphonie, Mittel, die sich zunächst mit Addition und Subtraktion begnügten, die aber neuerdings zu Logarithmentafeln (siehe Stockhausen) und aufwendigen Formelsammlungen (Xenakis) haben greifen lassen müssen. Diese jahrhundertealte strukturalistische Entwicklung musste zwangsläufig den Weg in die zeitgenössische Welt der Elektronenrechner weisen.
Das Argument, es gebe bis heute kaum ein Meisterwerk der Computermusik, lässt sich relativ leicht begründen: Im elektronischen Studio, auch im computerisierten, bewahrt der zuständige technische Assistent den Komponisten vor der Notwendigkeit wissenschaftlicher Kenntnisse. Wenn aber die Struktur eines geplanten Musikstückes trotz gewaltiger Ausmaße einen derart klaren logischen Aufbau aufweist, dass Computerhilfe die eleganteste kompositorische Lösung böte, muss auch der fähigste Komponist aus fehlenden Kenntnissen auf die mühsame herkömmliche Tabellenkombinatorik zurückgreifen.
Solche Fälle beweisen die Möglichkeit der Einengung musikalischer Fähigkeit oder Phantasie durch Mathematikmangel; bei Mathematikern dagegen findet man oft eine Neigung (wenn auch etwas naiv) zur Musik (angeblich durch das nahe Zusammenliegen der Gehirnzentren für Logik und Gehör) – daher kommt es, dass sich die frühe Entwicklung von Computermusik vorwiegend in der Hand berufswissenschaftlicher Musikamateure befand. Auch heute stammt die meiste Musik dieses Genres von Leuten, die bessere Logiker als Musiker sind; sie schreiben fade Musik auch ohne Computer. Den Fehler bei den Mitteln suchen ist falsch (das wäre wie schlechtes Klavierspiel aufs Instrument schieben); er steckt eher im Bildungssystem, das unterlassen hat, die heute wichtige Kombination von musikalischer Fähigkeit mit wissenschaftlichen Kenntnissen zu fördern.
(September 1978)
Hervorgeholt aus MusikTexte 6 (Oktober 1984)
Die Veröffentlichung geschieht mit Genehmigung des Verlags MusikTexte Gisela Gronemeyer (Erben). Alle Rechte vorbehalten.
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