Ästhetisches Manifest oder Zeugnis von Flüchtlingen?

Essay

Das Vokalensemble Alter Ratio aus der Ukraine

Ein Vokalensemble, das zeitgenössische Musik aufführt, ist selbst in Europa, das für seine experimentellen Formate bekannt ist, ein seltenes Phänomen. Ein Vokalensemble, bei dem einige der Interpret:innen und die Dirigentin im Exil, während andere in der ukrainischen Hauptstadt leben, ist noch ungewöhnlicher. Man könnte meinen, dass ein so verstreutes Ensemble nicht in der Lage wäre, zu funktionieren und sich an die neue Realität anzupassen. Alter Ratio und seine künstlerische Leiterin Olga Prykhodko widerlegen diese Annahme. 

Es hat ein gewisses paradoxes Moment, wie avantgardistische Musik in neuem Terrain Fuß fasst. In Westeuropa verfügt die Neue Musik über ein eigenes institutionelles Ökosystem mit Festivals, Studiengängen, Verlagen und einem seit Jahrzehnten kultivierten Publikum. In der Ukraine war dies 2010 kaum vorhanden, weniger aufgrund eines Mangels an Kultur, sondern vielmehr als Folge systematischer Unterdrückung. Die sowjetische Musikausbildung stützte sich auf eine Hierarchie, in der die Avantgarde entweder zum Schweigen gebracht oder als ideologisch verdächtig dargestellt wurde. Diese Trägheit setzte sich in der unabhängigen Ukraine fort. Als Student:innen des Kiewer Konservatoriums begannen, sich mit den Werken von György Ligeti zu beschäftigen und ihre eigene, „andere“ Denkweise zu entwickeln – Alter Ratio –, war dies der erste Schritt hin zur Entstehung einer neuen Tradition, nicht gemäß dem Lehrplan, sondern aus Eigeninitiative und mit Partituren unbekannter Quellen.

Alter Ratio war von Anfang an von Doppelfunktionen geprägt: Die Musiker:innen waren gleichzeitig Interpret:innen und Pädagog:innen. Dies äußerte sich nicht in formalem Unterricht, sondern durch die Heranführung der Zuhörer:innen an neue musikalische Ausdrucksformen. Als die Werke von Meredith Monk oder David Lang zum ersten Mal in der Ukraine zu hören waren, war dies für das Publikum die erste Begegnung mit einem völlig neuen musikalischen Denken. Diese Situation bringt eine besondere Verantwortung für die Interpret:innen mit sich: Sie interpretieren nicht einfach nur Text, sondern suchen ständig nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, verfeinern ihre Performance, entwickeln ihre Klangtechniken weiter und gestalten den Kontext: Sie lehren die Menschen das Zuhören. Infolge des umfassenden russisch-ukrainischen Krieges hat sich diese Ästhetik des Ensembles, trotz Exil, noch weiter herauskristallisiert.

Arbeiten im Teil-Exil

Das Ensemble lebt von seiner physischen Präsenz: gemeinsames Atmen, peripheres Sehen, mit dem die Musiker:innen die Gesten der Dirigentin aus den Augenwinkeln lesen. Dies gilt umso mehr für ein Vokalensemble für zeitgenössische Musik: Nicht viele andere Genres erfordern beim gemeinsamen Musizieren so viel Kontakt im Raum. Die Situation, in der sich Alter Ratio seit dem Jahr 2022 befindet, ist daher nicht nur ein logistisches Problem, sondern eine künstlerische Herausforderung. Einige Mitglieder arbeiten in Berlin und anderen europäischen Städten. Andere sind in Kiew, wo Proben durch Luftangriffsirenen, das Summen von Drohnen und ballistische Bombardements unterbrochen werden können. Wie kann ein Ensemble proben, wenn seine Mitglieder Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind?

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Alter Ratio in Den Haag, November 2025. © Valeria Manzovitova

Der Umgang mit dieser Situation mündete in einer fast klösterlichen Praxis. In mehreren jährlichen Residenzen treffen sich die Musiker:innen wochenweise zur intensiven Zusammenarbeit. In dieser Isolation von Alltäglichem und Außergewöhnlichem (Gefährlichem) bleibt nur noch das Eintauchen in den Klang, die Wiederherstellung des gemeinsamen Atmens im wörtlichen Sinne. Und dann ein paar Konzerte, nach denen sich alle wieder in ihre Städte und Realitäten zerstreuen.
Immanent spürbar und präsent ist dabei immer die weitaus größere, schmerzhafte Erfahrung der ukrainischen Diaspora; so leben heute ganze Generationen. 

Die Last der Kontexte

In Deutschland werden klassische Konzerte, insbesondere solche, die über das Standardrepertoire hinausgehen, von einem Publikum mit einem ausgeprägten sozialen Profil besucht, einer bewussten kulturellen Haltung, die mit den Grundsätzen des Ensembles resoniert.

Hier jedoch stellt sich eine schwierige Frage, mit der das Ensemble ständig konfrontiert ist: Wie kann man über Krieg sprechen, ohne ihn zu illustrieren? Wie kann man künstlerische Autonomie bewahren, wenn der Kontext zu bedrückend ist und das Publikum teilweise aus Solidarität gekommen ist? Es besteht die Gefahr, dass die soziale Mission die ästhetische überlagert. Alter Ratio scheint dies zu verstehen und strebt bewusst nach Ausgewogenheit. So stehen beispielsweise Arvo Pärt und Giya Kancheli auf dem Programm, Namen, die für das europäische Publikum ein eigenes künstlerisches Gewicht haben. Sie schaffen einen Rahmen, in dem ukrainische Musik als Teil einer umfassenderen Reflexion gehört werden kann, nicht als Manifest oder Zeugnis von Flüchtlingen

Wenn Alter Ratio jedoch in Berlin oder Amsterdam auftritt, ist ein Teil des Publikums zweifellos ukrainisch. Ich vermute, dass das Konzert für diese Besucher:innen als Anerkennung der eigenen Kultur in einem fremden Raum wahrgenommen wird. Diese Ambivalenz, ein Blick von innen und außen zugleich, eröffnet dem Ensemble eine seltene Art von Aufmerksamkeit, die künstlich nur schwer zu reproduzieren ist

Gleichzeitig hat sich das in Kiew ansässige Ensemble in den letzten Jahren ungewöhnlichen und vielfältigen künstlerischen Herausforderungen gestellt: zwischen Städten, zwischen Epochen, zwischen Live-Stimme und Elektronik. Dies widerlegt die unter Europäer:innen weit verbreitete Meinung, dass ukrainische Neue Musik ein lokales Phänomen sei.

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Alter Ratio in Berlin, Februar 2025. © Alyona Fedorchenko

Projektbeispiele

Berlin, im Februar 2025. Es ist der dritte Jahrestag der vollständigen Invasion. Alter Ratio betritt die Bühne des Berliner Doms mit einem Programm, das schon für sich wie eine Detektivgeschichte anmutet. Die Musiksammlung der Berliner Sing-Akademie verschwand während des Zweiten Weltkriegs und landete – wie sich Jahrzehnte später herausstellte – in den Archiven von Kiew. Unter den Manuskripten befanden sich Chorwerke von Maxim Beresowski, einem ukrainischen Komponisten des 18. Jahrhunderts, der in Europa so gut wie unbekannt ist. Olga Prykhodko rekonstruierte, bearbeitete und bereitete sie für die Aufführung vor – und schließlich waren sie zu hören: mehrere Chorkonzerte als Weltpremieren, darunter „Vnemlite liudiie” für Doppelchor und „Cherubimskaya”. Daneben standen Werke von Carl Philipp Emanuel Bach und Baldassare Galuppi, Zeitgenossen von Beresowski, aus derselben Archivsammlung auf dem Programm. Alter Ratio wurde auf der Bühne von der Berliner lautten compagney und dem Vokalensemble kammertón begleitet, dessen künstlerische Leiterin ebenfalls Prykhodko ist. 

Bonn, im Dezember 2025. Das Festival “GRENZÜBERSCHREITUNGEN – Exil, Identität, Spiritualität”, veranstaltet von der In Situ Art Society, bringt Musik von drei Komponist:innen zusammen, die 1935 in verschiedenen Republiken der UdSSR geboren wurden und ähnliche Lebenswege hatten: Leonid Grabovsky aus Kiew, Giya Kancheli aus Tiflis, Georgien und Arvo Pärt aus Paide, Estland. Alle drei waren mit der repressiven Kulturpolitik der Sowjetunion konfrontiert, alle drei wanderten innerhalb eines Jahrzehnts aus, und alle drei bewahrten in ihrer Musik das, was das Regime auszulöschen versuchte: kulturelles Gedächtnis, nationale Identität und spirituelle Intonation. Pärt entwickelte seinen „Tintinnabuli“-Stil, inspiriert vom orthodoxen Christentum; Kancheli verwebte georgische Spiritualität und die Melancholie der Emigration in seine Partituren; Grabowski wandte sich metaphysischen Themen, originellen algorithmischen Techniken und ukrainischen Volksmelodien zu, selbst als er in den Vereinigten Staaten lebte. 

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Alter Ratio in Den Haag, November 2025. © Valeria Manzovitova

Den Haag und Berlin, im Oktober und November 2025. „Lux Aeterna. Revoice” ist ein Programm rund um György Ligetis 16-stimmiges Meisterwerk aus dem Jahr 1966, eines der bekanntesten Werke der Neuen Musik. Alter Ratio führt es in einer Fassung für zwölf Stimmen und Live-Elektronik auf: Die vier fehlenden Stimmen werden durch elektronische Stimmen ersetzt – symbolische Echos ukrainischer Künstler:innen, die durch den Krieg verschleppt wurden. Neben Ligeti erklingen vier neue Werke, die speziell für dieses Projekt geschrieben wurden: „Disappearing Voices” von Maksym Kolomiets, in dem Stimmen langsam in der Dunkelheit verschwinden; „Sub Rosa“ von Maksym Shalygin, basierend auf einem Text von Robert Frost – ein Klanglabyrinth, in dem Melodie und Elektronik manchmal zusammenfließen und manchmal einander widersprechen; „Psalms of Falling“ von Alla Zagaykevych – Musik, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung balanciert; und „phos-phorus“ vom Bulgaren Peter Kerkelov, in dem das Licht verstorbener Seelen als Leitstern für die Lebenden leuchtet. 

Drei Projekte – und in jedem vollzieht Alter Ratio das, was es am besten kann: komplexe Realität in Musik zu verwandeln, die man gar nicht ignorieren kann.

Veränderte (Selbst-)Wahrnehmung

Der Krieg hat das, was das Ensemble Alter Ratio ausmacht, verändert: durch einen Wechsel in den Themen, durch eine Steigerung der Intensität. Verlust, Nostalgie, Hoffnung, Glaube – das sind keine neuen Themen für Chormusik; sie sind seit jeher in diesem Genre verwurzelt, insbesondere in seiner religiösen Komponente. Aber genau diese Themen finden Resonanz, wenn sie von Menschen aufgeführt werden, für die diese Worte eine spezifische, relevante Bedeutung haben.

Avantgardistische Ästhetik und emotionale Durchdringung widersprechen sich nicht, obwohl sie im philosophischen Diskurs oft gegenübergestellt werden – so, als ob die Komplexität der Form eine Distanz zur Wahrnehmung erfordern würde. Alter Ratio ist vielleicht ein Argument gegen diesen Antagonismus: dass Musik sowohl formal offen als auch existentiell verwurzelt sein kann, dass die Avantgarde keine Ablehnung der menschlichen Erfahrung ist, sondern eine andere Art, sie zu bewahren.

Dies ist vielleicht die tiefste Bedeutung ihrer Existenz als Kollektiv: nicht nur die ukrainische Kultur in Europa zu repräsentieren (was zwar wichtig ist, aber schon oft prosaisch wiederholt wurde), sondern zu zeigen, dass diese Kultur ihre eigene, unverfälschte Art hat, über die grundlegendsten Dinge zu sprechen.

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