Konfliktscheu?

Bericht

Ein Festival zwischen Institution und Impuls

Die cresc... Biennale für aktuelle Musik in der Metropolregion Rhein/Main präsentiert sich trotz ihres jungen Alters – die erste Ausgabe fand 2011 statt – gefestigt und institutionalisiert. Hier werden mit großer ästhetischer Bandbreite sowohl Neukompositionen als auch kanonische Werke neutral abwägend nebeneinander präsentiert. Vergebens sucht man eine Diskurs- oder Konfliktfreudigkeit – Talks oder Diskussionsrunden werden gar nicht angeboten.

Das liegt vor allem an der Organisation des Festivals als Spielplatz des Ensemble Modern, das an fast allen Konzerten beteiligt ist. Hier findet man weniger Kurator:innen-Megalomanie oder Komponist:innenvorstöße. Vielmehr geht es um die intuitive Erfahrung von Werken. Dabei wirkt cresc… teilweise gar nicht mehr wie ein Festival, sondern wie eine Verdichtung von Abonnementkonzerten. Der kritische Geist, der sich in den Werken und Diskussionen um die Konzerte herum entflammen könnte und der die Neue Musik vor zu verfestigter Institutionalisierung bewahren könnte, erscheint gezähmt und taucht nur momenthaft auf – vor allem wenn junge Stimmen zu Wort kommen. Allerdings erreicht die Biennale ein Publikum, das über involvierte Professionals, Komponist:innen, Instrumentalist:innen und Kritiker:innen hinausgeht. Daraus ergibt sich die Frage, an wem sich Neue Musik-Festivals zu welchem Zweck orientieren sollten, zumal im Rhein-Main-Raum mit den Darmstädter Ferienkursen ein anderer Extrempol existiert und beide Veranstaltungen nicht allein das Problem der Vermittlung von Gesellschaft und Neuer Musik lösen können.

Kollektive Orchestermassen

Bei cresc…ist die Hochzeit des guten alten Philharmoniekonzerts noch nicht verblasst. Hier werden vom hr-Sinfonieorchester und dem Ensemble Modern gemeinsam Klangmassen in Bewegung gebracht. Nach dem diesjährigen Festivalmotto „Schwärmen“ stehen bei den beiden Klangkörpern die Bewegungen von Einzelstimmen im Kollektiv im Fokus. 

Justė Janulytės „Uccelli et altre cose“, das vom hr-Sinfonieorchester uraufgeführt wurde, nimmt sich das Motto sehr plakativ zu Herzen und lässt den Streicherapparat zu einem Schweben anheben, das sich langsam schimmernd dem Klang eines Vogelschwarms annähert. Dabei zieht sich das Orchester konsequent durch semi-tonale Bögen, die jedoch spannungslos bleiben. Ähnlich losgelöst wie zu Beginn verschwindet der Schwarm dann auch wieder am Horizont, ohne je mehr gewesen sein zu wollen als ein Naturphänomen.

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 Justė Janulytė und das hr-Sinfonieorchester © hr/Sebastian Reimold

Überhaupt nicht friedlich war dagegen Rebecca Saunders‘ „Wound“. Saunders geht es hier weniger um das Verhältnis von Autonomie und Kollektivität, sondern um Farbzustände zwischen weißer Stille und kratzigen, reißenden und schlitzenden Grautönen. Das Stück ist ein großformal angelegtes Showcase brutalistischer Spieltechniken, die aber nicht in eine zu transformierende Syntax eingebettet sind, sodass eine Überwindung der Resistenz des eigenen Hörens gegenüber dem Gerräuschhaften nicht stattfindet. Das Material bleibt an seine eigene Klangwirkung gebunden und hinterfragt die eigene Produktion nicht.

Kontrastierende Flächen spielen auch bei „Superorganism“ von Miroslav Srnka eine wichtige Rolle. Er führt das Orchester durch fluoreszierende Aggregatzustände, deren Differenziertheit allerdings nicht groß auffällt. Es dominieren Tremoli und Glissandi, die Instrumentengruppen bilden teils widersprechende Flächen, aber es bleibt bei einer kontemplativen Farbstudie.

Zusätzlich erklangen „Desert Music“ von Steve Reich, der dieses Jahr seinen 90. Geburtstag feiern wird, und Kammermusikbearbeitungen von Conlon Nancarrows „Studies for Player Piano“. Thematische Bezüge zum Festivalmotto „Schwärmen“ lassen sich durchaus finden, doch verpasst die Rahmung der Konzerte, die kritischen Impulse der kanonischen Werke auf unser jetziges Musikschaffen zu konzentrieren. Es überwiegt Repertoirepflege, die auch nicht zum Neuverstehen vergangener Werke herausfordert.

Versuch der Interaktion

Zwei Konzerte versuchten die Hegemonie des klassischen Konzertformats zu durchbrechen: ein Wandelkonzert durch den Frankfurter Stadtraum sowie eine Konzertinstallation in der KunstKulturKirche Allerheiligen. Doch auch diese Projekte konnten sich letztlich nicht vom Konzertformat losreißen.

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Die Konzertinstallation in der KunstKulturKirche Allerheiligen © Wonge Bergmann

In der KunstKulturKirche erklangen innerhalb von zwei Stunden 19 Miniaturen in allen möglichen Besetzungen: kanonische Werke wie „Continuum“ von György Ligeti, aktuelle Werke wie das Streichquartett „Aria“ von Justė Janulytė und Neukompositionen der Ensemble Modern-Mitglieder Hermann Kretzschmar und Uwe Dierksen. Uwe Dierksen verstarb leider während des Festivals an einer Krebserkrankung, die Konzerte des zweiten Wochenendes waren ihm gewidmet. Diese Miniaturen sind im Raum platziert, und den Zuschauer:innen ist es möglich, sich frei zu bewegen. Doch die meisten bleiben in typischer Konzertmanier nach vorne blickend sitzend, weil es kaum möglich ist, verschiedene Klangperspektiven einzunehmen.

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Für das Streichquartett „Aria“ von Justė Janulytė wird der Raum nicht ausgenutzt
© Wonge Bergmann

Meistens sitzen die Ensemblemitglieder direkt nebeneinander, und von einer zur nächsten Miniatur ändert sich nur der Standort in der Kirche. Die wenigen Zuhörer:innen, die nicht sitzen, müssen dann schnell – denn die Stücke erklingen attaca direkt nacheinander – von der einen Seite der Kirche zur anderen laufen. Nur bei wenigen Miniaturen spielt das Ensemble gleichzeitig im Raum verteilt, so bei den „Schwarm-Bearbeitungen“ von Beethoven, Borodin und Glass durch Hermann Kretzschmar, bei denen Zitate wie unter Lupen vergrößert und in den Raum projiziert werden. Ein spannender Effekt, bei dem die Anlage als Konzertinstallation dann doch einmal Sinn ergibt.

Das Wandelkonzert durch die Frankfurter Innenstadt hat ein ähnliches Problem, denn die Wege zu den einzelnen Stücken führen dann doch nur wieder zur klassischen Konzertpräsentation an verschiedenen Orten. Allenfalls bleibt die Gruppe kurz auf der Straße stehen, um Textausschnitte aus der „Deutschen Winterreise“ von Stefan Willer zu hören, die sich mit Erfahrungen von wohnungslosen Menschen auseinandersetzt. Da fällt es schwer, nicht zynisch zu sein und zu denken, dass hier Leid nur ästhetisiert wird. Zumindest verpufft das Anliegen, ohne zur Änderung der Gesellschaftssituation aufzurufen, in der Wohnungslosigkeit ein existenzielles Problem ist.

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Zwischen dem Wandeln bleibt es konzertant, hier in der Katharinenkirche bei den Uraufführungen von Helena Cánovas Parés und Thierry Tidrow © Wonge Bergmann

Die fünf Uraufführungen des Wandelkonzerts, das vom Frankfurter Tenor Julian Prégardien kuratiert wurde, verweisen unter dem Übertitel „Theres“ auf Themenkomplexe aus Franz Schuberts „Winterreise“. Bernard Foccroulles „Winterreisende“ mit Sopranistin Pia Davila verhandelt melancholisch-expressiv ein Vermissen. Bei der nächsten Station rangieren die Stücke von Helena Cánovas Parés und Thierry Tidrow zwischen archaischen Clustern und post-modernen Ausbrüchen. Malika Kishinos „Verlorene Farben“ bringt Haruki Murakami als Referenzpunkt für moderne Winterreisen ein. Und zum Abschluss erklang Sarah Nemtsovs „Komm“ über ein Gedicht der in Auschwitz ermordeten jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar, in dem ein ähnlicher Stillstand zum Ausdruck gebracht wird wie in Schuberts „Leiermann“ am Ende der „Winterreise“.

Am Abend erklangen dann alle fünf Uraufführungen konzertant ohne das Wandeln dazwischen. Hinzu kam als weitere Uraufführung Leon Liangs „… dann ist’s so schön wie nie“, ein Stück, das seinerseits aus fünf Miniaturen bestand. So wurde eine große Bandbreite an Blickrichtungen und Kompositionsästhetiken nebeneinander präsentiert.

Die jungen Wilden?

Mit dem Anspruch des Festivalmottos brachen die Konzerte des IEMA-Jahrgangs 2025/2026 und des Young Professional-Programms des Ensemble Modern, die direkt ein ganz anderes Publikum anzogen – jünger, diskursfreudiger und der freien Szene verbunden.

Der erste Abend mit dem IEMA-Ensemble greift auf allerlei Archaik zurück, metaphorisch und im Instrumentarium. Denn miteingeladen ist das Ensemble Continuum XXI, das Alte und Neue Musik verbindet und dessen Dirigent Alberto Arroyo mit „collapse“auch als Komponist vertreten ist. Sein Stück führt immer wieder durch tremolierende, kaskadenartige Crescendi, die abrupt abbrechen, um dann einen reduzierten Klangteppich zu entfalten. Das wirkt klanglich reizvoll, hätte aber auf modernen Instrumenten vielleicht kitschig geklungen.

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Ensembles für Neue und Alte Musik stehen sich bei Diego Ramos Rodríguez
„PART“ gegenüber © Wonge Bergmann

Die Uraufführung von Diego Ramos Rodríguez´ „PART“ bringt die alten Instrumente direkt in Konfrontation mit ihren modernen Gegenparts. Nicht nur die Stimmung – 415 gegen 443 Hertz – sorgt für Konflikte, sondern auch die beiden Dirigent:innen, die sich in der Plötzlichkeit ihrer Tempowechsel überbieten zu wollen scheinen. Immer wieder spielen zwei korrespondierende Instrumente, beispielsweise Querflöte und Blockflöte, beinahe gleiche Melodien, die von Stimmungs-, Tempo- und Kontextunterschieden entfremdet werden, so dass sich die spannende Frage stellt, ab wann Melodien eigentlich gleich sind.

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Eloain Lovis Hübner interessiert sich eher für unkonventionelle Instrumente
© Wonge Bergmann

Auch die vom IEMA-Ensemble aufgeführten Stückeverhandeln metaphorisch archaische Bezüge. So transformiert Georg Friedrich Haas in „tria ex uno“ ein Josquin Desprez-Zitat in seine persönliche Klangsprache. Zwei Teilstücke des Zyklus „crunch modes“ von Eloain Lovis Hübner interessieren sich eher für die geräuschhaften Seiten der Instrumente, reichern sie mit einem Sammelsurium an Found Objects an oder konfrontieren sie mit einer sechsköpfigen „noise crew“, die auf Alltagsgegenständen improvisiert. 

In „Orchid Pavilion (Telemusic)“ von Haotian Yu, der zweiten Uraufführung des Abends, hätte es eigentlich ein intermediales Austarieren von Video, Licht, Elektronik und Ensemble geben sollen, aber das Werk wurde ohne Video präsentiert. So fehlt natürlich eine elementare Achse, doch auch rein klanglich beeindruckt das Werk mit seiner brutalen Monotonie. Die Elektronik, die teilweise an Noise grenzt, unterdrückt das Ensemble derart mit seinem Klang, dass es an Stellen unmöglich zu erkennen ist, was das Ensemble klanglich überhaupt beiträgt. Wenn das Ensemble dann durch die Lücken der Elektronik durchdringt, scheint es nicht an einem Kontrast interessiert zu sein. Die etablierte Geräuschhaftigkeit nutzt das Ensemble, um reduzierte Klangflächen zu bilden.

Im Young Professional-Programm wurden vier junge Komponist:innen vorgestellt, die im Vorlauf durch das Ensemble Modern, aber auch von Toby Thatcher und Michael Jarrel gecoacht worden sind. Am Abend erklangen dann vier Uraufführungen und vier Werke aus dem Repertoire der jungen Komponist:innen. Für manche ist diese Gegenüberstellung unvorteilhaft, so ähneln sich beide Werke von Hed Bahack hinsichtlich Pulsen und Klangflächen als Kernmaterialien sowie dem Auf- und Abebben des Verlaufs, als würde hier nach Schablone komponiert. Caio de Azevedo zeigt in seinen zwei Werken postmoderne Züge: Während „Ela“ einen Popsong rekontextualisiert, geht es in „Pierrot Posting“ um ein Hineinversetzen der Commedia dell’arte in unseren Alltag. Eungjin Lee und Yixie Shen überzeugen beide mit fragmentierten Klangflächen und starken Impulsen.

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Die Teilnehmer:innen des Young Professional-Programms: Hed Bahack, Caio de Azevedo, Eungjin Lee und Yixie Shen (v.l.n.r) © Wonge Bergmann

Am Schluss eines Festivals ist es sinnvoll zu reflektieren, welche Erwartungen man selbst hatte. Wer bei cresc… die neuesten Tendenzen, deren Diskurs und Kritik suchte, wurde wahrscheinlich nicht befriedigt. Das Konzert der IEMA löste dies immerhin teilweise ein. Große Namen wie Saunders, Reich und Ligeti gab es, die auch für Neue Musik Noch-Nicht-Interessierte anzogen. Zwischen den Polen von Institutionalisierung und kritischem Geist versucht die Biennale einen Balance-Akt und steht sich dabei manchmal selbst im Weg. Bei der nächsten Ausgabe könnte man mutiger sein und mehr wagen. Diesmal zeigte das Verlangen nach Ausgeglichenheit die aktuelle Ratlosigkeit auf bei der Frage, wohin mit Neuer Musik, und die Angst vor Relevanz- und Finanzierungsverlust.

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