recorded:

Platte

Roméo Poirier: Off the Record

cover
Roméo Poirier: Off the Record
Faitiche
Sound Collage, Ambient, Spoken Word

Welche Sounds gehören ins Archiv? Was passiert mit jenen, die ausgelassen werden? Und wo genau beginnt eigentlich das „Archiv“ (oder wie können wir seine Grenzen erweitern)? Der französische Komponist elektronischer Musik und Collage-Künstler Roméo Poirier – einst Rettungsschwimmer – widmete sich den Überresten von Aufnahmesessions. „Off the Record“ besteht aus Anweisungen, Studio-Gesprächen, abgebrochenen Takes und verworfenen Aufnahmen. Es entfaltet sich als Hommage an das Handwerk des Aufnahmeprozesses selbst: Stimmen, die Mikrofone einstellen und testen, die Worte rezitieren, einzählen, Instruktionen geben und dann in der Stille verschwinden.

Das Album zeigt, dass Akkumulation großartige Kunst hervorbringen kann. Mit seinen vierzehn Tracks ist es ein konzeptionell reichhaltiges Meisterwerk: Mehr als tausend Sounds aus Studioarchiven werden zu komplexen collageartigen Miniaturen kombiniert, welche die verborgene Klangwelt zufälliger Aufnahmen offenbaren, die nie für Publikum bestimmt waren. Ausschnitte von Techniker:innen, die Anweisungen geben, Musiker:innen, die beiläufige Bemerkungen austauschen, Fehlstarts und unterbrochene Proben. Nimmst du auf? Start, stopp, nochmal von vorne, eins, zwei. Diese Outtakes werden verdreht, geschnitten, geschichtet und wiederbelebt. Eine Stimme, die sich in ein altes Tonband eingegraben hat, wird mit digitalen Fragmenten aus YouTube verwoben, ein Countdown aus den 1950er Jahren klingt zusammen mit einem geisterhaften Jazzorchester. Was nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, wird Material für eine neue Klangarchitektur.

Während „Diapason“ die Hörer:innen sanft in Poiriers Welt einführt (fließende, loopbasierte Ambient-Klänge, am besten zu hören auf Releases wie „Living Room“ und „Hotel Nota“), geht das Album schnell in eine anhaltende Sequenz von Höhepunkten über. In „Control Room“ werden gesammelte Aufnahmeinstruktionen und Vorbereitungsschnipsel zu einem Rhythmus der Vorfreude. „The List“ hingegen driftet durch die Namen ikonischer Studios (unter anderem Rudy Van Gelder Studio, INA GRM und Black Ark), eingesprochen von Freund:innen und Kolleg:innen Poiriers über einem sanft pulsierenden Ambient-Dunst. Unterschiedliche Outtakes und Soundchecks verschmelzen zu Grooves und Atmosphären, die ebenso humorvoll wie reizvoll sind. Obwohl sich einige Stücke eher konzeptionell als melodisch gerieren, folgen die meisten einer Entwicklung, bei der sich Studio-Geplapper graduell in etwas Immersives und Unerwartetes verwandelt. In „One Two One Two“ zählt eine ganze Reihe von Techniker:innen und Künstler:innen in einer sinnlichen Ambient-Schleife endlos Blüten, interpunktiert von Fingerschnipsen, Zählanweisungen, Streichern und einem Trompetenmotiv – ein Moment, in dem sich die Grenze zwischen Archivalien und Komposition aufhebt. „Ssttuuddiiooo“ zerlegt und loopt das Wort „Studio“ zu einem verschmitzten, gefühlvollen Rhythmus, der an eine hypnagogische Dekonstruktion erinnert. Der Track führt nahtlos über zu „Steve A.“– einer wunderschönen Hommage an den verstorbenen Steve Albini. Das von diesem ausgesprochene Wort „Studio“ wird gesampelt und in etwas unerwartet Zartes verwandelt.

„Off the Record“ ist für Klangkunst ungewöhnlich verspielt. Es wirkt wie eine liebevolle Hommage an Ton(band)aufzeichnungen und zugleich wie eine kreative Weiterentwicklung des Archivkonzepts. Es erweitert die Vorstellung davon, was ein Archiv sein und was es für die Kunst leisten kann. In gewisser Weise sind Aufzeichnung und Archivierung vielleicht zwei der Wunder der Neuzeit: Sie ermöglichen es, einen Moment der Zeit erneut zu erleben und damit neu zu interpretieren. „Ich mag es, einen Fuß in der Welt der Popmusik zu haben. Popmusik ist oft sehr unmittelbar und bringt die Dinge sehr schnell auf den Punkt. Ich mag diese Effizienz“, sagt Poirier. Hinter dem Witz und der konzeptionellen Strenge verbirgt sich in dieser Musik eine schemenhafte Erhabenheit. Flüchtige orchestrale Schwellen, Anklänge an Jazz und verschwommene Ambient-Synthesizer muten wie ein halb vergessener Traum an, der sich auf das Unbewusste konzentriert. Der kumulative Effekt ist immersiv und expansiv, weit größer als die Summe seiner Fragmente. Poirier schafft Musik, die sich gleichzeitig nostalgisch und auf mysteriöse Weise ahistorisch anfühlt; eine spielerische Ausgrabung weggeworfener Geschichten aus Aufnahmestudios.

Ebenfalls zu empfehlen:

Roméo Poirier – Living Room (Faitiche, 2022)
Various – Excavated Shellac: An Alternate History of the World's Music (Dust-to-Digital, 2020)
LeRoy Stevens – Favorite Recorded Scream (Small World, 2009)
Christian Marclay – Records (Atavistic, 1997)
Various – Pièces pour standards et répondeurs téléphoniques (Nouvelles Scènes, 1992)

Logo
Sie schätzen Musikjournalismus?

Unser Angebot ist kostenfrei. Warum? Weil wir der Meinung sind, dass Qualitätsjournalismus für alle verfügbar sein sollte. Mit dieser Einstellung sind wir nicht alleine: viele Leser:innen schätzen unser Engagement. Mit Ihrer Unterstützung können wir weitermachen. Nutzen Sie jetzt unser Spendenabo (schon ab 6 Euro) oder werden Sie Fördermitglied – und damit Teil unserer Community!