Baufälliger Horror

Porträt

Das Künstlerinnenduo Vinyl-terror & -horror

„Am Anfang hört man das Geräusch einer Hand, die an eine Tür klopft. ,Oh oh‘, denkt man, und dann wird die Tür langsam und knarrend geöffnet.“ So beschreibt Greta Christensen 2012 eines jener „abstrakten Gruselszenarien“, die sie und ihre Duopartnerin Camilla Sørensen in ihre Arbeit inkorporieren.1 Kennengelernt haben sich die beiden Däninnen im Bildhauereistudium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Seit fast 20 Jahren leben und arbeiten sie nun aber in Berlin. Als der Journalist Jan Stricker sie 2012 für das dänische Magazin Seismograf in ihrer Werkstatt im Wedding besuchte, fühlte er sich an eine Tischlerei oder „den Hinterraum eines etwas schrulligen Radio- und Fernsehreparateurs“ erinnert: Alte Plattenspieler, Metall- und Holzreste stapelten sich, da wurde geschliffen, gehämmert und geschweißt.

Am Anfang ihrer musikalischen Zusammenarbeit stand den Erzählungen zufolge eine Stubenorgel – das Einzige, was auf den Wunschlisten der beiden jungen Künstlerinnen für zukünftige Projekte immer wieder auftauchte. Dementgegen wurden nun aber Schallplatte und Plattenspieler zum zentralen künstlerischen Material: „Mit Schallplatten steht uns die gesamte Musikgeschichte zur Verfügung“, so Sørensen,2 und damit eine riesige Bibliothek, die sich bearbeiten lässt, ohne an instrumentale Fähigkeiten gebunden zu sein. Spannend ist nun allerdings, dass sie gerade als Bildhauerinnen diesen Klang bearbeiten, als wäre er Metall oder gar Stein: Sie schneiden, zerbrechen, kleben und bauen sowohl Platten als auch Plattenspieler um. Aus der künstlerischen Gestaltung des akustischen wie physischen Materials entstehen Klanginstallationen, Plattenspielerkonzerte oder -performances und eigene Tonträger. Der Name des Künstlerinnenduos – „Vinyl-terror & -horror“, ursprünglich Fundstück eines Konzertflyers – liest sich dabei fast wie eine Gebrauchsanweisung: Terror ist der Eingriff in das Material, Horror dagegen die Wirkung im Ohr.

Szenen ohne Darsteller:innen

In den Installationen erzählt meist der Klang die Geschichten, und das ganz ohne Bild oder Darsteller. Für „Worst Case Scenarios“ (2011) in der Brandts Klædefabrik in Odense (Dänemark) setzten Vinyl-terror & -horror einzelne Szenen wie im Film aneinander: Es klopft, die Tür öffnet sich, ein Flugzeug stürzt ab, Menschen rennen eine Treppe hinunter, ein Telefon klingelt, eine aufgeregte Stimme fragt: „Who is this?“ Zwar bleibt eine Erklärung aus, doch was entsteht, gleicht einer endlosen Wiederholung jener Szene im Horrorfilm, die unmittelbar vor dem Eintreten des Grauens liegt. Eine konkrete Referenz auf einen Film bleibt jedoch aus. Vielmehr werden horrorfilmtypische Klangsignaturen wie knarrende Türen, Schritte, Regentropfen so eingesetzt, dass sich in der Vorstellung des Publikums eine eigene Erzählung zu entfalten vermag. Es scheint hier fast, als ob der schlimmste Albtraum gleich um die Ecke lauern könnte. Ähnlich arbeitet das Duo in „Tanz mal wieder“ von 2015, wo sich ein Plattenspieler zu einer deutschen Tanz-LP dreht und seinen eigenen mechanischen Walzer zu erkennen gibt, während die Tonspur abermals Gruselfilmelemente erklingen lässt. In „Off Track“ (2016/17) fügen sich dagegen Fragmente aus Horrorfilmen, Opernarien, deutschem Schlager und schwedischer Volksmusik in verschiedenen Schichten zu einer hierarchielosen Collage zusammen. In der Installation „[tense music swelling]“, in Brandts Klædefabrik (Odense) 2022/23 zu erleben, setzte das Duo ein selbstspielendes Akkordeon, eine rotierende Panflöte, sich drehende Stilettos, einen Dudelsack, Fußpumpen, einen flatternden Vorhang, eine mechanische Dachbodentreppe und Besen in Szene, die auf dunkle Gestalten, einen gurgelnden Abfluss, Stiefelschritte im Wald, Donnerschläge und einen Nachbarn treffen, der bedrohlich von unten gegen die Decke klopft. In kurzen Sätzen beschreiben Untertitel von Filmsequenzen Musik, Geräusche und Stimmungen. Diese Beschreibungen werden zudem von einer Tonspur begleitet und durch analoge Klangeffekte aus einer Reihe mechanischer Skulpturen im Raum untermalt. Die Atmosphäre ist fröhlich und vertraut, zugleich aber auch angespannt, beunruhigend und fremdartig. Das eigentliche Material in all diesen Arbeiten bleibt, so könnte man sagen, die Erwartung, denn nicht jede Spannung wird hier aufgelöst.

Von Plattenspielerskulpturen und HiFi-Mutanten

Während die Installationen eher durchkomponiert, bleibt im Konzert nach eigenem Bekunden nur Folgendes übrig: „Stapel modifizierter oder zerbrochener Schallplatten, verschiedene Plattenspieler und wir.“3 Computer und Effektgeräte kommen nicht zum Einsatz, gespielt wird analog und weitgehend improvisiert. Jede der beiden Künstlerinnen stellt ihr eigenes Setup und ihre eigenen Platten zusammen, erst danach wird verabredet, wie das Ganze zusammenpassen kann. Das Instrumentarium selbst wirkt wie aus einem B-Movie entlehnt: Plattenspieler mit mehreren Tonarmen oder lose herabhängenden Tonabnehmern, zu Türmen gestapelte Plattenteller und Abnehmer, eine Art „HiFi-Mutanten“,4 die an die Horrorfilme der 1950er Jahre erinnern. Ebenso präpariert erscheinen die Platten, in die Christensen ein Muster aus kleinen Quadraten kratzt, sodass die Nadel abwechselnd Bruchstücke der ursprünglichen Musik und Rauschen abtastet. Eine andere ist spiralförmig so eingeschnitten, dass die Nadel die Rillen hinaufläuft, über den Rand fällt und anschließend wieder von vorn beginnt. In eine dritte Platte ist eine Single einmontiert, sodass die Nadel nur zwischen den Rillen der Single und der LP hin- und herspringen kann. Der Klang wird hier buchstäblich durch seinen Träger geformt.

Wie sich daraus eine Live-Performance entwickeln kann, war im Mai 2026 beim Jubiläumsfestival zu 30 Jahren singuhr in Berlin zu erleben (MusikTexteOnline berichtete in Ausgabe #21). Nachdem sich die Künstlerinnen zu ihren skulpturalen Musizierenden auf die Bühne begeben hatten, schälte sich zunächst ein pulsierender Klangteppich heraus, stets vom Knistern der Schallplatten überlagert. Hin und wieder schienen chorisch-harmonische Klänge durch, ein rhythmisches Element schwoll an, das nach verfremdeten Schritten klang. Knistern und das Geräusch einer springenden Nadel kehrten wieder und wurden zu steten Klanggestalten, hohe Pfeiftöne schlichen sich unmerklich ein und wieder hinaus. Es entstand eine fast schon klischeehafte, an (Horror-)Film-Klanglandschaften angelehnte Szene. Im weiteren Verlauf traten die Rhythmen der umgestalteten Platten deutlicher hervor – Rauschen, Klicks und Cuts –, über schwebende Harmonien legte sich hin und wieder ein tiefer, erdiger und zugleich bröckeliger Klang, scharfe gläserne Akzente zerschnitten die Fläche sogleich. Aber auch die Mechanik der Plattenspieler war akustisch wahrzunehmen, wenn etwa ein Motor anlief und ein Musikfragment sich in Tonhöhe und Tempo stetig verschob. Auch das Wandern durch die Frequenzbänder eines analogen Radios war kurz zu hören, bevor die anfangs erwähnte, häufig eingesetzte Stubenorgel in akkordischen Blöcken auftauchte und für einen Moment unverändert stehenblieb, bevor sie von Flötenmotiven überlagert wurde, die wie Musik aus dem Nachbarzimmer klangen. Nicht zuletzt erzeugten Wasserplätschern, Schritte, geloopte und beschleunigte Stimmen, rückwärts und unstetig laufende Platten phasenweise ein zermalmendes Gefühl von Schwindel. Das Schaurige wurde aber auch hier wieder von nahbarem Vogelgezwitscher und Stimmfragmenten aufgebrochen. Zum Ende zeichnete sich dann nochmals eine Steigerung ab, die sonore Männerstimmen, romantische Opernarien, Nachrichtensprecherfragmente, Synthesizerflächen, Drones und Folklore zu kaum auflösbaren Schichten verdichtete – bis letztlich ein herunterfahrender, scheinbar absterbender Plattenspielermechanismus die Performance beschloss.

Gerade in diesem Ende zeigt sich die Eigenart von Vinyl-terror & -horror: Auch wenn sie eine dunkel-düstere Atmosphäre schaffen wollen, entsteht aufgrund der Arbeit mit mechanischen und umgestalteten Objekten ein „baufälliger“ Horror. Das Gruselige des Akustischen scheint mit dem Humor des Skulpturalen in der Aufführung zu verschmelzen. 

Von Cut-Ups zu filmischen Sequenzen in Klang

Die eigene Klangbibliothek aus unzähligen Schallplatten erweitert das Duo stetig durch Plattenfunde in Berliner Secondhandläden oder auf Flohmärkten. Dabei richtet sich der Blick nicht selten auch auf Soundtracks und Schallplatten mit Geräuscheffekten wie Schritten, klappernden Schlüsseln, anspringenden Autos, Vogelgezwitscher und vielem mehr. Diese Effekte setzt das Duo bewusst für das filmische Narrativ und eine Verschränkung von Kunst und realer Umgebung ein und nähert sich damit unmissverständlich filmmusikalischen Strukturen. Die filmisch narrative Sequenzierung der Objekte und Prozesse innerhalb der Installationen und der Musik bestärken meines Erachtens die Annahme, dass Vinyl-terror & -horror beim Komponieren immer wieder filmisch denken. So zeichnen sich in ihrer Musik nicht selten Abläufe ab, die an kurze Filmsequenzen erinnern und dabei absurde oder inkonsistente Zeitabläufe aus ganz konkreten Handlungen entstehen lassen, denen man nun jedoch lauschen kann.

Angefangen bei LPs wie den „Nightmare Lullabies“ (2004) oder „Moviethemes“ (2010), treibt diesen Gedanken „The Sound Around You“ (2020) weiter. Seite A des Albums versammelt collagierte Plattenspieler-Tracks, deren zerschnittene Platten den Fluss der Samples absichtlich unterbrechen und in Loops und unregelmäßige Strukturen überführen. Seite B spielt dieselben Stücke dann als instrumentale Version: Der Komponist und Geiger George Kentros hat die Collagen des Künstlerduos analysiert, transkribiert und in eine Partitur für akustische Instrumente und Stimmen übertragen – allerdings ohne Knistern und die Geräusche der Platte/des Plattenspielers. Beide Seiten sind so getimt, dass ihre Rillen einander genau spiegeln. Was als Zerstörung begann, kehrt hier als „Geste der Restaurierung“ zurück, so Karin Weisenbrunner im Begleittext: Vergangenheit und Gegenwart, Alt und Neu verschränken sich zu einer episodischen Kette von Klängen. Der Kreislauf von Klang, Notation und Instrument ist dabei längst Teil der Arbeitsweise: Für „Off Track“ (2016/17) zerschnitt Sørensen Schallplatten mit Violinmusik, Kentros transkribierte diese und spielte das Ergebnis ebenfalls neu ein, die Aufnahme wurde gepresst und Christensen schoss abschließend mit einem Gewehr das Mittelloch in die Platte. Im dänischen Regelbau 411 wurde 2018 u.a. eine „zerschossene“ Beethoven-Sonate transkribiert und als neue Komposition wieder eingespielt.5 2024 brachten Rei Nakamura und George Kentros dann die Variationen von Ludwig van Beethovens „Kreutzersonate“ live in Kiel auf die Bühne. Das Filmische schlich sich auch hier ganz konkret wieder ein, indem in der Live-Performance dazu eine Aufnahme abgespielt wurde, die zeigt, wie die Plattenfragmente auf den Plattenteller kommen und wann der Tonabnehmer ein musikalisches und wann ein rauschendes Element hervorbringt.

Mit Blick auf den künstlerischen Umgang mit Schallplatten und deren Abspielgeräten kann man sicherlich sagen, dass spätestens seit „Broken Music“ von Milan Knížák, dem bedauerlicherweise in diesem Sommer verstobenen Aktionskünstler, und Christian Marclays Schallplattenperformances (Turntablism) die beschädigte und manipulierte Schallplatte (Cut-Up) ein fester Teil der Klangkunst ist – nicht zuletzt auch wegen der visuell bildhaften Kraft der umgestalteten Schallplatten. Vinyl-terror & -horror fügen diesem Ansatz etwas Eigenes hinzu: das Genre des Horrors als dramaturgisches Prinzip und eine Komik, die aus der Hilflosigkeit des Materials entsteht. Der Schauer des Künstlerinnenduos liegt dabei aber stets im Davor, im Klopfen an der Tür, in einer sich andeutenden Szene. Wenn dann am Ende einer Performance auch noch der Plattenspielermechanismus hörbar herunterfährt und erstirbt, ist der Schrecken weniger eingetreten als verklungen.

Tauschartikel mit dem Magazin für freies Musiktheater mf:fm.

1 Jan Stricker, "Fra skulpturen til lyden gennem materialet. Interview med Vinyl-Terror & Horror:", in: Seismograf, 27.8.2012, https://seismograf.org/en/interview/vinyl-terror-og-horror-fra-skulpturen-til-lyden-gennem-materialet, letzter Zugriff: 26.09.2026.
2 Ebenda.
3 "Vinyl Terror & Horror discuss their work at the Horsens Kunstmuseum", in: Artforum, 07.04.2017, https://www.artforum.com/columns/vinyl-terror-horror-discuss-their-work-at-the-horsens-kunstmuseum-233586/, letzter Zugriff: 26.09.2026.
4 Jan Stricker, "Fra skulpturen til lyden gennem materialet".
5 George Kentros betreibt diese künstlerische Zusammenarbeit seit 2017 mit Vinyl-terror & -horror und hat im Zuge dessen mehrere der Platten-Cut-Ups transkribiert und zum Teil live aufgeführt und/oder auf Platte eingespielt: Zu den Cut-Ups aus den Jahren 2016–18 gehören u. a. „Die authentische Flöte“ (G. Ph. Telemann, Sonaten für Altlockflöte und Basso continuo aus der „Der getreue Music-Meister“, TWV 41), „Broken Hearts“ („Some Broken Hearts“, internationale Schlager), „Bach or Oistrach“ (J. S. Bach, Violinkonzert d-Moll BWV 1052) und „Beethoven Violin Sonaten med skudhuller“ (L. v. Beethoven, Violinsonate A-Dur op. 47).

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