Inseln der Gemeinsamkeit
BerichtErste Ausgabe des Ensemblefest Berlin 2026
Ein Ort, drei Tage, fünfzehn Ensembles: Vom 2. bis 4. Oktober 2026 fand das Ensemblefest Berlin statt. Etablierte Berliner Ensembles verschiedenster Richtungen der neuen Musik gestalteten ein sehr dichtes Programm. Veranstaltungsort war nicht etwa das Silent Green oder einer der anderen üblichen verdächtigen Orte, sondern das CANK, ein ehemaliges Kaufhaus in Neukölln, genutzt für Ausstellungen, Workshops und Events, beispielsweise auch für das BAM! Festival für aktuelles Musiktheater 2025 oder die Transmediale 2026. Ebenfalls zu feiern: Der „Monat der zeitgenössischen Musik“ in Berlin feiert Jubiläum – seit zehn Jahren werden einen Monat lang in der ganzen Stadt in unterschiedlichsten Formaten aktuelle, zeitgenössische, elektronische, Neue und neue Musik, Oper, Musiktheater und Klangkunst präsentiert, ausgerichtet von inm und field notes. (field notes ist „seit 2016 die zentrale Informations- und Beratungsstelle für die zeitgenössische Musikszene Berlins der inm – initiative neue musik berlin e.V.“)
Das Eröffnungswochenende in diesem Jahr war gleichzeitig jenes länger geplante Ensemblefest, veranstaltet vom Ensembletreffen Berlin e.V., gegründet zum Zweck der Veranstaltung Ende Mai 2025. Im Vorstand: Thomas Bruns (Leiter Ensemble KNM), Martin Grütter (Schwelbrand) und Claudia van Hasselt (FrauVonDa//).
Impuls für dieses Vorhaben war wohl unter anderem das Netzwerktreffen „The Great Learning“, veranstaltet vom Musikfonds in Kooperation mit FREO e.V. und dem Podium Gegenwart des Deutschen Musikrats am 5. Juni 2024. Damals ging es um nationale Zukunftsperspektiven der Ensemble- und Band-Förderung, gestützt durch zahlreiche Förderprogramme von Bund und einigen Ländern, die Ensembles explizit in den Fokus nahmen. Nun also ein in Berlin aktiv aus der Szene heraus gesetzter Baustein hin zu mehr Sichtbarkeit, mehr Zusammenarbeit, mehr Austausch.
Ich selbst war nicht nur als Autorin, sondern auch als interessierter Teil der Kölner Ensembleszene an zweien der drei Tage zu Besuch – geleitet von der Neugier, wie ein Ensemblefest aussehen kann. Denn auch in Köln muss die Szene sich aufraffen, Kräfte bündeln und Geld besorgen, um sichtbar zu bleiben, spätestens seit dem Wegfall von AchtBrücken und der zwischenzeitlichen Flaute des Netzwerks ON Neue Musik Köln. Gibt es Learnings? Brücken zwischen den Szenen, Anknüpfungspunkte?

(Re-)Präsentation
Die Veranstalter und Kooperationspartner:innen in Berlin boten den Rahmen, die Ensembles selbst machten Programmvorschläge. Dennoch wirkte das Programm nicht wahllos, war umfang- und abwechslungsreich. Es wurde gehalten, was im Programmheft versprochen wurde: ein „weites Spektrum ästhetischer Ausdrucksformen und ein hohes Maß an künstlerischer Diversität“. Einige Ensembles spielten einfach ihr Repertoire, andere wiederum gaben Werke in Auftrag oder ließen künstlerische Kooperationen aufleben.
Das Trio Lange/Berweck/Lorenz bestritt mit drei sehr unterschiedlichen Repertoirestücken von Korhan Erel, Florian Zwißler und Kirsten Reese das Eröffnungskonzert. Die angekündigten Reminiszenzen an Filmsoundtracks in Erels „Soundtracking“ gingen zum Glück in gut gebauter Struktur und lustvoll differenzierter Klangwelt unter. Kirsten Reese baute sehr blockhaft von Brummen und Summen über heftige Noise-Impulse bis hin zum großen Rauschen, und Florian Zwißler ließ in „Mäßig schnelle Achtel“ verspielt Blasen blubbern und groovige Melodien in fröhlich ausdauernde Skalen und mitreißende Rhythmen einfließen. Weniger leicht war das Konzert des Schwelbrandorchesters mit drei Uraufführungen, offenbar in seiner Planung bombastisch angelegt – mit strahlenden Beamern und massiver Soundkulisse, die jedoch nicht unbedingt überzeugt hat und mit der vollen Dröhnung etwas drüber wirkte. Aufgeführt wurden Stücke von Männern: Martin Grütter (selbst als künstlerischer Leiter bei Schwelbrand wie auch als Vorstand von Ensembletreffen e.V. aktiv), Oliver Weber und Stefan Keller. Weitere Konzerte des Fests von Ensembles, die sich dem (Ur-)Aufführen neuer Werke widmeten, waren etwa das Kollektiv Unruhe, das modern art ensemble oder auch Ensemble KNM Berlin, die den gerade sehr präsenten Jürg Frey mit „60 Pieces of Sound“ spielten.

Zusammenschlüsse
An allen drei Tagen gab es außerdem Acts, bei denen sich Formationen explizit und auf eigenen Wunsch zusammengeschlossen haben. Den Auftakt machte „Tektonische Verschiebungen“ von Christian Kesten, performt von den Maulwerkern gemeinsam mit dem Splitter Orchester. Dieses Zusammentreffen von Granden der Berliner Echtzeitmusikszene mit Spezialist:innen experimenteller Vokalmusik war ein einzigartiges Erlebnis. Rund um das Publikum verschoben sich langsam schwere und ruhige Flächen, durchzogen mit kratzenden, kribbelnden, unerwarteten Sounds, angelegt als ein großer Bogen tiefen gemeinsamen Atmens. Ebenfalls spannend war die Kooperation des Trickster Orchestra mit LUX:NM. Beide Ensembles stellen sich in ihren sonstigen Programmen grundsätzlich Fragen des Zusammenhangs von Komposition und Improvisation. Hier gestalteten sie auf Grundlage visueller Partituren von Grgur Savic und Florian Japp ein gemeinsames Musikerlebnis, für sich wie für das Publikum. Ebenfalls zu einem Kooperationsensemble vereinigt hatten sich Musiker:innen von Zafraan und mosaik für Uraufführungen, neue Versionen oder Deutsche Erstaufführungen von Feliz Anne Reyes Macahis, Arshia Samsaminia, Hanan Hadžajlićund Ricardo Eizirik. Am letzten Tag gab es außerdem u.a. die Kombination von MAM.manufaktur für aktuelle musik, die gemeinsam mit der Musiktheaterkompanie Nico and the Navigators Terry Riley aufführten.

Konzentration
Nicht nur verschiedene Musikrichtungen, sondern auch unterschiedliche Konzertformate sorgten für Abwechslung. So präsentierte das Ensemble Apparat ein vielteiliges Meta-Blechinstrument der Künstlerin und Komponistin Ragnhild May. Dabei ergaben sich nicht nur interessante Klänge und mechanische Neukonstellationen verschiedenster Instrumententeile. Die Performance betonte – vielleicht ungewollt – das Körperliche: Wenn zwei Musiker:innen ins gleiche Rohr blasen, bei wem landet zuerst die Spucke? Wer spielt mit wessen Luft? Wer gestaltet hier Klang – und wer hält hier gerade alles zusammen? Nochmal anders war „PEACES SO FAR – Rivers in Times of War and Peace“, eine interdisziplinäre Gemengelage von Musik, Soundscape und Gespräch des FrauVonDa//-Kollektivs und Wojtek Blecharz. Hier wurde eine der wenigen negativen, wenngleich nicht unbedeutenden Seiten der Veranstaltung deutlich: Wenn man so viel Musik in so wenig Zeit und in einen Ort mit nur zwei Etagen packt, wird zwangsläufig irgendetwas leiden. Qualität war es zum Glück nicht, dafür aber die eigene Aufmerksamkeitsspanne. Ein wenig mehr Pause hätte nicht geschadet, nach mehreren Stunden ohne Essen und (wegen Verspätung) ohne wirkliche akustische Pause in einem dunklen ehemaligen Kaufhaus gewann kurzzeitig das menschliche Ruhebedürfnis die Oberhand, die auf Englisch geführten Gespräche mit den polnischen Gewässerökolog:innen gingen leider schlicht unter.
Ein Fest?
Die Stimmung war gut, aber nicht ausgelassen. Die Besuchszahlen können sich sehen lassen, viele bekannte Gesichter der deutschlandweiten Szene neuer Musik waren angereist, und viele Gesichter des Berliner Publikums. Hinzu kamen internationale Gäste, die über das Gastprogramm des Monats der zeitgenössischen Musik eingeladen waren, die Berliner Neue Musik-Szene mit einem straffen dreitägigen Programm kennenzulernen. Neben Kennenlernmomenten erhielten Professionals aus Italien, Dänemark und vielen anderen Ländern dabei Einblicke in wichtige Orte der Szene (Morphine Raum, Radialsystem, silent green) und besuchten das Ensemblefest. Passenderweise und terminlich schlau gelegt schloss sich dem Konzertwochenende montags direkt die zweite „Time to Listen“-Konferenz an – zum Thema der transnationalen Zusammenarbeit zwischen freien Ensembles und Netzwerken in der zeitgenössischen Musik. Grundsätzlich ist den Veranstaltenden dazu zu gratulieren, was sie mit dem Ensemblefest auf die Beine gestellt haben. Gerade die Kooperationen und das direkte Nebeneinander verschiedener Teilszenen der zeitgenössischen Musik zeichnen dieses multidimensionale Ensembletreffen aus und machen es zum Vorbild.
Bemerkenswert ist, dass an einem so geschichtsträchtigen Ort wie Berlin am Tag der Deutschen Einheit kein Wort über genau jenen Feiertag verloren wurde. Dabei hätte es genügend Gelegenheit gegeben, auch diese Seite und vielleicht auch Diskurszone der Berliner Musikszene zu adressieren und eben nicht nur die tolle Energie oder das knappe Geld. Überhaupt war die Stadt, abgesehen von einigen nicht wirklich störenden Wochenend-Abend-Sirenen von Polizei und Krankenwagen, eigentlich nicht präsent, weder personell noch inhaltlich. Oder es wurde zumindest nicht zum Thema gemacht. Vielleicht hält man es nicht für nötig oder will es gerade nicht in den Fokus stellen – aber warum eigentlich nicht? Hier ging es doch um die Berliner Szene? Ein wenig mehr öffentliches Beharren auf dem für manche Offensichtlichen sollten wir uns alle in diesen Zeiten angewöhnen, es gibt ja schließlich Gründe für dieses „Fest“-ival. Der unpolitische Modus mag dem Zeitpunkt im politischen Kalender geschuldet sein – vor weniger als zwei Wochen erst wurde in Berlin neu gewählt. Dennoch hätte man bei einem Zehn-Jahres-Jubiläum und der Taufe eines neuen Ensemblefests mehr Einbettung in kulturpolitische Zusammenhänge erwartet, in welcher Form auch immer.
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