Kosmischer Dadaismus
BerichtMITTWOCH aus LICHT in der Deutschen Oper Berlin
Karlheinz Stockhausen wurde an einem Mittwoch geboren (22. August 1928), er starb an einem Mittwoch (5. Dezember 2007) – und dieser Text basiert auf einem Besuch der aktuellen Produktion von „MITTWOCH“ aus „LICHT“ der Deutschen Oper Berlin an einem Mittwoch (23. September 2026, 3. Vorstellung).
Als Auftakt seiner Intendanz in diesem Haus setzt Aviel Cahn damit einen durchaus wagemutigen Repertoire-Akzent, vielleicht sollte das aber auch ein programmatisches Zeichen sein, denn „MITTWOCH“ ist in Stockhausens siebenteiligem Musiktheater-Zyklus der Tag der Zusammenarbeit. Gemeint ist die gleichzeitig-gleichwertige Anwesenheit der drei treibenden Kräfte Michael, Eva und Luzifer. Sie treten als Figuren selbst nicht in Erscheinung, sind aber im Prinzip anwesend bzw. werden vertreten durch bewegte Kollektive, freischwebende klingende Existenzen. Sie alle erarbeiten sich für heute ihren Frieden. „,MITTWOCH‘ ist der visionärste Teil des Zyklus“, konstatiert Imke Misch in ihrem lesenswerten Essay fürs Programmheft. Dementsprechend sind die Schauplätze der hochkonzentrierten Emanationen – nach Maßgabe des entsprechenden Segments der Superformel des Komponisten – szenisch angesiedelt in symbolischen Höhen, am Himmel und ganz weit draußen im Kosmos. Um es etwas genauer zu sagen: Die erste Szene „Weltparlament“ spielt „im höchsten Stock eines Wolkenkratzers“, in der zweiten Szene „Orchester-Finalisten“ schwebt ein Orchester in der Luft, die dritte Szene, das berühmte „Helikopter-Quartett“, verortet ein Streichquartett in Hubschraubern und „Michaelion“ ist eine „galaktische Zentrale für Deligierte des Universums“. Die Mittwochsfarbe ist Gelb, das Grundelement selbstredend die Luft, weitere Konnotationen mögen hier ungenannt bleiben.
Eine Oper ist das nicht, vielmehr ein spirituelles Verlautbarungsszenario, ein exterritoriales „Festspiel“ fundamentaler Botschaften, die primär dazu dienen, sich in einer außerordentlichen Musik zu formulieren. Das Ganze belehrt nicht, aber es hat das Zeug, gelegentlich sehr nahezugehen. Und dieser abenteuerliche Grenzgang funktioniert in einem konventionellen Opernhaus; das ist schon mal die gute Nachricht. Die szenische Umsetzung in Berlin wirkt vertraut und befremdlich zugleich, die Regisseurin Susanne Kennedy hält sich eng an den Text und setzt auf rituelles Schreiten in symmetrischen Formationen. Das gelistete Personal ergänzt sie durch sechs Performer:innen, die, inspiriert von Stockhausens Konzept für „Inori“ (Anbetungen für Tänzer-Mimen und Orchester 1973/74), gestische Randbemerkungen vorzeigten. Markus Selg, der die Produktion gemeinsam mit Kennedy konzipiert und das Bühnenbild gestaltet hat, baut eine mythische Allzweckbühne. Dafür hat er sich Anregungen von der steinzeitlichen Kultstätte Göbekli Tepe in Südanatolien geholt. Im Haus der Deutschen Oper Berlin angekommen, sieht das allerdings so aus wie eine Szenerie, in der man früher „Elektra“ oder „Nabucco“ inszeniert hätte. Die Videos (Warja Rybakova, Markus Selg) im freibleibenden Raum hinter einem zentral positionierten, wuchtig ausladenden T-Pfeiler erinnern gelegentlich an Bildschirmschoner: Aufstieg aufs Dach eines archaischen Hochhauses, Landschaften, gotisches Gerangel, Wolken, schöne Galaxien, bunte Löcher etc.; immer wiederkehrend: rieselnder Sand. Spätestens im „Helikopter-Streichquartett“ stört das dominierende Pfeilerkreuz. Gibt es in der Deutschen Oper eigentlich keine Versenkung? Das Ding versperrt die Sicht auf eine großformatig projizierte Phantasmagorie. Für das berühmteste der vier „MITTWOCH“-Bilder, in dem anscheinend das Unmögliche möglich wird, hätte man sich den freien Blick auf die Performance am Himmel gewünscht; es geht schließlich um eine grandiose musiktheatralische Realie. Das Quartett kommt als Aufzeichnung vom 5. September 2026, die an/über dem Flughafen Schönhagen in Berlin-Brandenburg produziert wurde. Die Projektion erreicht, ja überfällt uns im Zuschauerraum. Die Betrachtenden haben es bequem, die Aufführung findet problemlos ihren Platz im Guckkasten. Ein Klassiker der Moderne findet ein Zuhause, die damit verbundenen Schwierigkeiten sind überwindbar – q. e. d. Die aktuelle Berliner Produktion, und das spricht letztlich für sie, will den „MITTWOCH“ nicht auf den Kopf stellen oder gegen den Strich bürsten, sie nähert sich der Sache mit einer geradezu heiligen Scheu. Damit kann ich leben. Die Uraufführung 2012 mit der phänomenalen Birmingham Opera Company von Graham Vick, die Erinnerung an eine offene Werkstatt in weiträumigen Fabrikhallen, wo man von Szene zu Szene umzog, während in den eben verlassenen Räumen umgebaut wurde, wo Konzertantes und Szenisches kontrastierend verzahnt waren, geht mir trotzdem nicht aus dem Sinn.
Das Ereignis dieser deutschen Erstaufführung in der Deutschen Oper Berlin ist ganz im Sinne des Komponisten: Die Musik spielt die erste Rolle! Das wundersame Streichquartett (Anna Matz, Monia Rizkallah, Kirisikka de Leval Jezierski und Arne-Christian Peltz) formiert sich aus dem Opernorchester und meistert seine halsbrecherische Tour in den vibrierenden Flugmaschinen mit Bravour. Der Opernchor in Berlin kann das „Weltparlament“, er singt das schwere A-capella-Stück, als wärs aus „Carmen“ oder „Lohengrin“, und der Chordirektor Jeremy Bines ist als Präsident/Dirigent mit zusätzlichen aktionistischen und vokalen Aufgaben auf der Szene. Chapeau! Für die anderen beiden Bilder sind Gäste gekommen: Maxime Pascal und sein Ensemble Le Balcon. Der junge Franzose ist ein Stockhausen-Enthusiast, man hört dem Ensemble den tagtäglichen Umgang mit dieser Musik an: virtuos, spielfreudig, kompetent. Im Solist:innenkollektiv können sie im übertragenen Sinne auch fliegen, denn „Orchester-Finalisten“ ist eine schwebende Musik ohne ratternde Rotorblätter. Dieses zweite Bild meldet die Ankunft einer neuen Virtuosität und ist möglicherweise auch szenisch am gelungensten. Einfach, unprätentiös ist das Kommen und Gehen der Instrumente in einem friedvollen Wettbewerb. Erstaunt hat „Michaelion“ – erstmals höre ich dieses wunderbar verrückte, intergalaktische Parlament als komplexe Polyphonie von Elektronik, Gesang und Instrumentalklängen. Die absurd angelegte Geschichte von der Wahl eines Kamels zum neuen Präsidenten erklingt wie ein partiell selbstironisch daherkommendes, perfektes Tohuwabohu mit liebevoller Schlusspointe. Zu entdecken ist eine Art kosmischer Dadaismus, für den man szenisch schon mehr hätte wagen können.
Alle sieben Teile von „LICHT“ hat Stockhausen mit Gruß und Abschied eingerahmt. Gelegentlich sind sie vor Ort zu spielen, zu musizieren wie szenische Musiken, manchmal kommen diese Rahmenteile aber auch vom Band bzw. einer anderen Klangquelle, beispielsweise im „MITTWOCH“. „Gruß“ und „Abschied“ gingen hier im Foyer leider unter. Denn gegen das schnatternde Kommunikationsbedürfnis eines zahlreichen Publikums kommen die empfindsamen elektronischen Klangbänder nicht an, werden weggedrückt wie ein selbstverständliches Hintergrundrauschen. Ein Engel hätte durch die riesigen Foyers gehen müssen, um Aufmerksamkeit für einen Klang zu erwecken, der im letzten Bild als elektronische Schicht noch einmal auftaucht. Auch das ist Karlheinz Stockhausen, ein Pragmatiker des Recyclings, besser: der Rekapitulation. Wer beim „Gruß“ zugehört hat, dem kommt das letzte Bild geradezu vertraut vor, und im „Abschied“ erkenne ich den elektronisch-konkreten Raum der „Orchester-Finalisten“ wieder, aber diesmal sind wir es, die fliegen – in und über den Ereignissen dieser elf Räume aus elektronischer und konkreter Musik. Man muss nur zuhören.
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