Kunst ist mehr als Kunsthandwerk

Hervorgeholt

Verstreute Gedanken zur Komplexität in der Musik

Es wird oft angenommen, Komplexität heiße Schwierigkeit. Komponisten, die „schwere Musik“ schreiben (schwer zu verstehen/schwer zu interpretieren), sehen Schwierigkeit als Reichhaltigkeit an. 

Andere weitverbreitete Synonyme für „komplex“ sind: kompliziert, variiert, vielseitig, vielschichtig, verschiedenartig. Auch mehrdeutig. Es ist wahr, daß die Welt komplex ist, ebenso unsere Wahrnehmungsmechanismen, mit deren Hilfe uns Fragmente der Realität um uns herum erreichen. Sollte unsere Musik die unendlich vielen Informationen, die uns umgeben, reflektieren oder besser unsere persönliche Art und Weise, die Welt zu filtern? Das letztere scheint mir interessanter zu sein. Die Musik, die wir schreiben, ist Summe unserer Wahrnehmungen und unserer Erfahrungen. Kann dieses Ergebnis komplexer Vorgänge jemals einfach sein? Kann „einfache“ Musik – wenn man wirklich gründlich darüber nachdenkt – reiche musikalische Erfahrungen vermitteln? In der Vergangenheit haben einige geniale Musiker Werke geschrieben, in denen scheinbar einfache Musik einen solchen sprachlichen Zusammenhang erreicht, daß sie uns als ganzen Menschen berühren kann, uns intellektuell und emotional gleichermaßen zufriedenstellt. 

Musik ist eine hohe Form der Kommunikation, und sie braucht Klarheit, um aufgenommen zu werden. (Oder will jemand etwa immer noch die Unmöglichkeit von Kommunikation mitteilen?) Aber diese Glaubwürdigkeit der Sprache sollte nicht einseitig oder eindeutig sein, denn dann würde die Musik schnell monoton und zu stark vereinfacht werden. 

Eine der wichtigsten Fragen für mich ist: Wie erhalte ich eine Musik, die ständig Material anbietet, das es ermöglicht, beide Arten des Hörens – die analytisch-intellektuelle und die emotionale, tiefe, manchmal transzendentale musikalische Erfahrung – aufrecht zu erhalten? 

Es ist allerdings eine starke Vereinfachung, wenn man die Wahrnehmung auf diese Weise in zwei getrennte Kategorien aufspaltet, denn bewußtes, verstandesmäßiges Hören erreicht auch unsere Sinne, was bedeutet, daß Interaktion zwischen beiden Dimensionen stattfindet. 

Der Ethnomusikologe Simha Arom stellt, wenn er afrikanische Polyrhythmen beschreibt, Konzepte von einfacher Herstellung und komplexem Ergebnis vor. In diesem Fall verbinden mehrere Musiker einfache rhythmische Schichten miteinander und stellen so sehr komplexe – hier: komplizierte – rhythmische Texturen her. Er interessiert sich für die Frage, wie man ein Maximum an Vieldeutigkeit (Komplexität?) mit minimalen Mitteln erreichen kann. Haben diese Vorstellungen auch für die Musik, die wir heute schreiben, eine Bedeutung? 

Es ist nicht schwer, komplizierte und schwierige Musik zu schreiben, aber es ist sehr schwer, reichhaltige, abwechslungsreiche Musik zu schreiben. Ist es nicht die größere Aufgabe, musikalische Gefühle (ich spreche nicht von trivialen Gefühlen) zu wecken als musikalische Gedanken? Emotionen sind auf analytischem Wege oft nicht faßbar, sie scheinen wesentlich komplizierter zu sein als gedankliche Prozesse, und wenn auch nur, weil wir (immer noch?) nicht wissen, wie sie funktionieren. Noch einmal: Musik, die unsere Gefühle anspricht, muß im Notentext nicht unbedingt komplex sein, sie ist es eher in der Tiefe. 

In diesem Fall kann sie mit ihrer inneren Syntax eine wahre musikalische Sprache sein, und nicht eine Ansammlung von strengen, erfundenen Regeln, die Tonhöhen, Rhythmen etc. hervorbringen. 

Die Tatsache, daß wir heute anfangen, zum Beispiel über komplexe natürlich-dynamische Systeme mehr zu wissen, verleitet uns manchmal zu der Illusion, daß wir, indem wir Komplexität hinzufügen, der Musik mehr Ausdruck und Leben geben könnten. Das kann in der Tat manchmal wahr sein, beispielsweise auf dem Gebiet der Klangsynthese. Das Wissen über Mikrostrukturen natürlicher Klänge hilft uns, reichere, interessantere und komplexere Klänge als je zuvor zu konstruieren. Aber in diesem Fall stellen wir Klangmaterial her, wir organisieren es als zeitbezogene Musik, was eine wesentlich enger umgrenzte und anspruchsvollere Aufgabe ist. 

In unserer heutigen verstandesorientierten Welt wird Komplexität mit Intellekt, lebhafter Phantasie und hoher Kreativität in Verbindung gebracht, Einfachheit oft mit Naivität. Vielleicht suchen die Komponisten „einfacher“ Musik (ich spreche hier von ernsthaften Komponisten) nach anderen Standpunkten, und ihre Sicht ist daher anders. Die musikalische Partitur ist kein Ziel an sich, es ist ein Mittel, mit dessen Hilfe etwas erreicht werden soll. Ich sage nicht, daß „einfache“ Komponisten wirkliche Musik häufiger als „komplexe“ Komponisten erzeugen. Aber [... es ist naiv] zu glauben, daß das Beschreiben von Blättern mit schwarzen Symbolen musikalische Qualität garantiert. Eine komplexe Notation mit einer Fülle von Details kann der Bemühung entstammen, dem traditionellen Manierismus der Interpretationen auszuweichen, sie kann aber auch Interpretation unterdrücken und sogar verhindern. Was ist also Interpretation? Wenn ich mir eine sehr gute Aufführung vorstelle, dann ist sie natürlich technisch perfekt, zumindest beinahe, aber das reicht nicht aus: Andernfalls könnte eine einfache Maschine die bestmögliche Aufführung herstellen. Ich erwarte vom Interpreten, daß er meine Musik versteht. Nur dann kann er sie überzeugend spielen, singen oder dirigieren. Verstehen heißt, das Vokabular eines einzelnen Komponisten zuerst mit dem Verstand zu erlernen, dann zu lernen, wie man Sätze aus diesem Vokabular liest, und schließlich zu lernen, was diese Sätze bedeuten. Und was fügt der Ausführende dann der Musik, die er verstehen gelernt hat, hinzu? Seine Erfahrung mit dieser Musik ist der entscheidende Beitrag, der sein Spiel zur Interpretation erhebt und es vom guten Blattspiel unterscheidet. 

Wir hören so viele langweilige Konzerte mit zeitgenössischer Musik, und es ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob die Interpretation noch nicht ausgereift ist (das heißt, der Musiker versteht die Musik, die er spielt, nicht) oder ob der Komponist sich ganz einfach in das Netz seiner Zeichen verstrickt hat, ohne musikalischen Ausdruck zu erreichen. Beide Möglichkeiten scheinen traurigerweise weitverbreitet zu sein. Ich stehe ständig vor demselben Gedanken: Das Wesentliche befindet sich außerhalb der Reichweite bewußten Denkens allein – in der Musik wie im Leben. Wir können ihm jedenfalls näherkommen, indem wir nachdenken und unsere Ausdrucksfähigkeiten bewußt verbessern. Das soll kein Mystizismus sein, aber Kunst ist auch kein reines Kunsthandwerk, wie manche Leute das anscheinend behaupten wollen. 

Englisches Original in: Joël Bons (Hg.), “Complexity? An inquiry into its nature, motivation and performability”, Amsterdam 1990, S. 34.

Hervorgeholt aus MusikTexte 35, Juli 1990.
Die Veröffentlichung geschieht mit Genehmigung des Verlags MusikTexte Gisela Gronemeyer (Erben). Alle Rechte vorbehalten.

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