Mobiliar

Essay

Der Einfluss der Sitzenden

„Über Tische, Stühle, Bänke spring ich, wenn ich an dich denke.“ So lautet ein beliebter Vers in Poesiealben. Denken wir nun an experimentelle Kunst und Musik, etwa an die Klangkunst, dann sprangen und springen ihre Protagonist:innen doch oft über das, was ihnen im Weg steht, überwinden viele Hürden, um ihre Ideen Wirklichkeit werden zu lassen und werden lassen zu können. Blicke in die Geschichte zeigen, dass viele dieser avancierten Kunstspielarten, die „Ismen“-Künste oder später dann die Sowieso-„Art“, ganz allein operierten. Opern- und Konzerthäuser, Museen und Galerien sowie, wenngleich schon etwas engagierter, auch die verschiedensten Medien interessierten sich nur selten für das, was sich da im Terrain des Neuen und Ungewohnten tummelte. Meist blieben die Avantgarde-Künstler:innen unter sich und kümmerten sich um nahezu alles selbst: von der Idee und der Produktion der Artefakte über die Distribution derselben (Ausstellung, Konzerte, Publikation, auch Publikumsgenerierung), flankiert von ästhetischen Manifesten, bis hin zur Rezeption der eigenen Geschichte(n). Manchmal fand sich der oder die eine oder andere aufgeschlossene Galerist:in oder auch Kritiker:in, um das im Werden Begriffene, mithin noch Begriffslose zu unterstützen, häufig waren diese auch selbst Künstler:in. Der oder die, die Neues erdenkt, die mit dem Neuen handelt, die oder der handelt meist allein oder im engen Zirkel Gleichdenkender. Der treffliche Satz des Komponisten Edgard Varèse von 1939 – „Entgegen der herrschenden Auffassung ist der Künstler niemals seiner eigenen Zeit voraus, sondern einfach der einzige, der nicht verspätet ist“1 – stimmt zwar (oft), aber er ist keine gesellschaftliche Norm. Die neuen Künste müssen räumen, auf- und ausräumen, Zäune einreißen. Und das nicht bloß mit den Kunstwerken, sondern auch für alles drum herum; eine neue Infrastruktur muss her – und wird oft dann auch geschaffen.

Im Januar 1960 schrieb der US-amerikanische Komponist La Monte Young ein Stück mit dem Titel „Poem for Chairs, Tables, Benches, etc. (or other sound sources)“. Hierin geht es um das musikalische Räumen von Mobiliar, um ein partiturgeregeltes Umstrukturieren vorhandener oder bereitgestellter Möbel – Ziehen, Schieben, Schleifen. Es geht um akustische Bewegungsabläufe – die Wörter „Möbel“ und „Mobiliar“ leiten sich ab von lateinisch „mobilis“, also „beweglich“ – von Sitzwerkzeugen, die nun zu Klangwerkzeugen werden. Das Um-, Weg-, Aus- und Leerräumen von Gegenständen, auch von Gedanken, Ideen, vielleicht gar Idealen, ist ein Schritt, um den so neu gewonnenen Raum anders zu gestalten, zu füllen.

In der Kunst und – oft bloß vermeintlich – für die Kunst sitzen viele Menschen auf Stühlen und an Tischen und sie bewegen sich nicht. Aber wer irgendwo hingelangen will, wer was will – und das gilt jetzt konkret wie metaphorisch – muss aufstehen und sich in Bewegung setzen. Sonst bleibt der Platz im Leben leer. Doch aus welchen Gründen auch immer, es sind die Sitzenden, die den größten Einfluss haben. Die sogenannten Entscheidungsträger in Politik, Gesellschaft und Kultur reihen eine Sitzung an die andere. Es bleibt nur der Weg dazwischen, der vielleicht neue Einsichten schenken könnte. Im November 1930 veröffentlicht ein gewisser Ignaz Wrobel in der „Weltbühne“ den Text „Der Mittler“. Dort heißt es zu Beginn: 

„Diese Zeit steht im Zeichen des Kommissionärs – auch ihre Kunst wird von ihm regiert. Wir unterscheiden zweierlei Arten von Vermittlern: den künstlerischen und den geschäftlichen Vermittler. Von der Überschätzung des künstlerischen Mittlers – des Regisseurs, des Kapellmeisters – ist viel gesagt worden. Daß seine Schätzung gegen früher gestiegen ist, ist gerechtfertigt; die Werke des Theaters und des Kinos sind immer mehr zu falschen Kollektivkunstwerken geworden, bei denen jeder jedem drein redet und zum Schluß keiner schuld sein will, wenn es ein Mißerfolg geworden ist. Bei einem Erfolg wollen es alle gewesen sein.
Der künstlerische Vermittler drängt das Werk und den Urheber des Werkes völlig an die Wand; das Werk wird Anlaß und Vorwand. Es ist ja ganz gut und schön, daß Beethoven und Shakespeare gelebt haben – vorneweg aber marschieren Karlheinz Martin und Furtwängler, Reinhardt und Bruno Walter. Der Vater des Werkes wird nicht gefragt, sein Wille gilt nichts, sein Kind ist nun im Waisenhaus, und der Vorstand wird das Kind schon schaukeln. Sie dichten auch mit, die Herren, sie lassen fort und fügen ein – sie haben die Vaterstelle übernommen.“

Der Text endet mit den Sätzen:
„Vermitteln ist nötig; aber es ist in den seltensten Fällen eine produktive Sache. Diese Tätigkeit wird überschätzt. Wesentlich für ein Kunstwerk sind Urheber und Empfänger. Was dazwischen liegt, ist ein notwendiges Übel.“2

Besagter Ignaz Wrobel ist übrigens, für die, die es nicht längst schon wussten, Kurt Tucholsky, von dem auch jene hübsche Einsicht stammt (dafür wählte er in der „Weltbühne“ Peter Panter als Pseudonym): „Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.“3

Die Motivation, als Künstler etwas Neues zu machen, etwas zu gestalten, zu erdenken, was Kunst ist – er oder sie hat wohl die alleinige Benennungshoheit –, kann ich nicht erklären. Er oder sie tut’s, weil sie oder er es tun muss und kann, weil er oder sie es einfach tut. Sich mit Kunst zu beschäftigen, kann ebensolche, nicht weiter benennbare Beweggründe haben, zudem Neugierde und Lust an der Sache. Aber der Kommerz in all seinen noch so kleinen Facetten und noch kleineren Profitmöglichkeiten dürfte eine Rolle spielen. Zudem könnten Eitelkeit, Langeweile an der eigenen Existenz, Kreativlosigkeit oder Besserwisserei Motive sein. Und leider oder gottlob ändern sich die Deutungen und die Deutungshoheiten dessen, was Kunst war und ist, welche Aufgaben sie zu erfüllen hat und was sie vermag. Und das fortwährend, wenngleich manchmal mit unschönen Verspätungen. Der eingangs zitierte Vers aus dem Poesiealbum hat übrigens, je nach Überlieferung, noch eine zweite Zeile: „Solltest Du mich je vergessen, soll dich gleich der Tiger fressen.“

1 Edgard Varèse, „Die Befreiung des Klangs“, in: ders., „Rückblick auf die Zukunft“, hrsg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München: text + kritik (2)1983(= Musik-Konzepte, Heft 6), S. 11–24, hier S. 15. Übersetzung aus dem Englischen von Rainer Riehn.
2 Ignaz Wrobel, „Der Mittler“, in: Die Weltbühne, Nr. 46, S. 718 (11. November 1930). Hier zitiert nach Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke in 10 Bänden, hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Band 8: 1930, S. 283-288, hier S. 283 und S. 288.
3 Peter Panter, „Schnipsel“, in: Die Weltbühne, Nr. 53, S. 999 (30. Dezember 1930), in: ebd., S. 346.

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