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SelbstlautCyborg-Emergenz in meinen jüngsten Werken
Dies sind Auszüge aus: Kari Watson, „In Search of Seams. Cyborg Emergence in My Recent Work”, unlängst erschienen in: Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik | Band 27
https://internationales-musikinstitut.de/de/imd/publikationen/darmstaedter-beitraege/
Übersetzung: Ulrike Mehnert
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In „Immediacy or, The Style of Too Late Capitalism“ vertritt Anna Kornbluh die These, dass Unmittelbarkeit die Vermittlung zunichtemacht. Es ist, was es ist. Selbstidentität ohne Repräsentation, Gärung „ohne Worte“. Das Präfix „im-“ impliziert diese Negation – in der Mitte ohne Vermittler, #NoFilter – und gleichzeitig eine Präpositionalität: die Einheit bzw. das Eins-Sein von Immersion, Intensität und Identität. Ein Zustand direkter Präsenz, stets aktiv, ununterbrochen, überfließend, sui generis. Die pulsierende Strahlkraft der Unmittelbarkeit präsentiert sich als spontan und frei, als purer Vibe.1
In einer Gegenwart, in der wir alle Zeugen dessen werden, was Anna Kornbluh als Verflachung des Zuspätkapitalismus2 bezeichnet, sind wir gezwungen, uns mit unserem Verhältnis zu sich ständig weiterentwickelnden, fluiden und agentiellen Technologien auseinanderzusetzen, die unser Leben bis zur völligen Immersion durchdringen. Gleichzeitig erweitert die fortschreitende technologische Innovation den digitalen Raum durch virtuelle Realität, computergenerierte Bilder und interaktive Schnittstellen, die eine seltsame Überblendung zwischen unserer analogen und digitalen Umgebung schaffen, in deren Zentrum wir scheinbar immersive Interaktionen zwischen den beiden beobachten. Wir sind untrennbar mit unseren Avataren und Social-Media-Profilen verbunden; unser Wert in der realen Welt wird in Follower-Zahlen und Content-Engagement gemessen. Neue Technologien machen es möglich, uns immer wieder neu zu erfinden. Social-Media-Technologien wie Facetune, Virtual Reality und Avatare fördern die fortwährende Neugestaltung und die digital fazilitierte Neukonfiguration unseres Selbstbildes.
Diese aufkommenden Möglichkeiten gelten auch für unsere klanglichen Identitäten, die wir mithilfe elektronischer Tools wie Vocodern und Auto-Tune ebenfalls verändern, verformen, „glätten“ und modifizieren können. Dieses nicht weniger riskante Potenzial eines technologisch erzeugten Perfektionismus kann ein zweischneidiges Schwert sein, wenn es in uns die Sehnsucht nach etwas Echtem und das quälende Gefühl weckt, dass etwas auf dem Spiel steht, instabil geworden ist. Hinter der nahtlosen Integration verbirgt sich ein spürbarer Mangel, ein Verlust. In dieser Zeit der verflachten Nahtlosigkeit bestehe ich darauf, in unserem Umgang mit Technologie Alternativen zu erschließen, die dieser Verflachung entgegenwirken und stattdessen wie eine Art Nahttrenner diese Fusion, diese immersive Verschmelzung unterbrechen und dadurch eine Alternative innerhalb der Grenzen unserer Gegenwart anregen.
Technologie ist ein integraler Bestandteil meiner Arbeit. Als Komponist:in, Performer:in und Intermedia-Künstler:in denke ich regelmäßig darüber nach, wie die Interaktion zwischen Technologien und Menschen dynamische, evokative Transformationen hervorbringen kann, die sowohl für menschliche als auch für technologische Akteure neue Dimensionen und neues performatives Potenzial aufzeigen. Ich betrachte die aktive Verflechtung der beiden als einen Ort der Einbindung von Teilnehmenden – wobei ich mit diesem Begriff sowohl das Publikum als auch die Darsteller:innen umfasse, die mit dem Werk in Interaktion treten. Das zentrale Anliegen meiner aktuellen Kompositionsarbeit ist zu erforschen, wie Technologien menschliche Darsteller:innen erweitern, mit ihnen interagieren und sie integrieren, und wie sich dabei veränderliche dramatische Strukturen entfalten. Ich betrachte dies auch als vorrangiges Ziel meiner Performance-Praxis, die ebenfalls auf Transformation abzielt – hervorgerufen durch ein aktives Verhandlungs-Netzwerk in einer Live-Modular-Synthesizer-Umgebung. Meine eigenen Performance-Erfahrungen von Adrenalin und Transzendenz, wenn mich die Patchkabel wie Fortsätze meiner Arme mit meinem modularen Rig verbinden und dabei ein Cyborg-artiges Entstehen auslösen, nehme ich ebenfalls sehr ernst. In meiner kreativen und wissenschaftlichen Praxis schreibe ich mit dem Ziel, eine andere Art der Mensch-Technologie-Interaktion freizulegen, die ich nicht nur beobachtet habe, sondern als Alternative zur verflachenden Unmittelbarkeit als ausgesprochen überzeugend empfinde, auf der Spur von etwas Emergentem, Instabilem, und in dem Bestreben, alternative Zukunftsvorstellungen zu entdecken.
Ich betrachte den Ort des Entstehens als den Prozess der aktiven Bedeutungserzeugung, die innerhalb komponierter Umgebungen stattfindet – ein Prozess, der die Interaktion zwischen technologischen und menschlichen Teilen lesbar macht. Ich verorte diese Entstehungsorte in einer Sammlung aktueller Audio- und audiovisueller Kompositionen, wo sie dazu führen, dass das Publikum die menschlichen Akteur:innen – die Darstellenden – zunehmend als technologisch verflochten und sich wandelnd versteht. In meinem Bestreben, den Cyborg als emergent zu erfassen, untersuche ich, wo er entsteht und wohin er verschwindet, wobei ich den Raum, in dem er geschaffen und neu geschaffen wird, als integralen Bestandteil seiner Beschaffenheit betrachte. Gleichzeitig untersuche ich die Cyborg-Entstehung und seine Verflechtungen als einen Akt des Queering, des Glitching und der Störung des Körpers durch technologische Integration und betrachte den Cyborg als Störfigur im Sinne und in Erweiterung von Haraways Manifest von 1985.
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Erweiterung: „OSCILLATIONS“ und „SYNTHETICS“
„Im 21. Jahrhundert werden wir uns damit auseinandersetzen,
wer wir als erweiterte Menschen sind.“3
Pauline Oliveros, „Quantum Listening“
Die nächsten beiden Stücke konzentrieren sich darauf, wie Technologie kollektive musikalische Identitäten innerhalb von Performance-Umgebungen verstärken, betonen oder erweitern kann. Anstatt als Steuerungsquelle zu dienen, die eine Art Cyborg-Emergenz offenbart, nutzen diese beiden Werke Technologie als Mittel zur Unterstützung oder Erweiterung des kollektiven Körpers des Ensembles.
Das erste Stück, das diesem Ansatz folgt, „OSCILLATIONS“ für großes Ensemble, modularen Synthesizer und Elektronik wurde in einem Workshop-Prozess an der University of Chicago für das Grossman Ensemble komponiert. Das Stück spielt mit Klangfarben und Collagen und stellt auf einer stets veränderlichen Klangleinwand unterschiedliche Texturen und Materialien einander gegenüber. Wie der Titel andeutet, erforscht es Schwankungen oder Oszillationen zwischen Zuständen und erweitert das Konzept einer Wellenform – als zentrale elektronische Klangquelle des Stücks – zu einer umfassenderen formalen und zeitlichen Argumentation. Als periodische Bewegungen zwischen zwei Punkten sind Wellenformen die Bausteine der Klangsynthese. Im Wesentlichen lässt sich Klangsynthese als eine Reihe miteinander verbundener Schwingungen beschreiben, wobei komplexe Klänge durch die Kombination und Modulation einfacher Klänge erzeugt werden. Dieses Kernkonzept war mein Leitgedanke beim Komponieren dieses Stückes, in dem Schwankungen bei Parametern wie Textur und Tempo simultan mit denen in der Elektronik erfolgen und so eine weitere Art der Klangsynthese zwischen akustischen und elektronischen Komponenten schaffen.
„OSCILLATIONS“ umfasst eine Bandbreite elektronischer Klänge, von Sinuston-Clustern und Frequenzmodulation bis hin zu vorab aufgenommenen und bearbeiteten Instrumentalklängen, die das akustische Ensemble wie eine Aureole umgeben. Zudem bettet das Stück elektronische Klangquellen in das Ensemble ein, wie zum Beispiel das von Bassverstärkern im Schlagzeug-Setup erzeugte Grundbrummen sowie den Einsatz elektronischer Mechanismen wie E-Bows und elektrischer Ventilatoren in den Harfen- und Klavierparts, wodurch die gestaltwandelnde Rolle der Elektronik erweitert wird. Auf einer übergreifenden Ebene oszilliert das Stück zwischen verschiedenen Texturen, Tempi und Klangfarben, wobei die abwechslungsreiche Elektronik als agglutinierendes Element zwischen den Stimmen fungiert. Das Stück spielt zudem mit unheimlichen Effekten und präsentiert den Zuhörer:innen akustische und elektronische Doppelgänger, die sich gegenseitig spiegeln. Die Elektronik wird beim Hören als Untergrund für den Ensembleklang wahrgenommen und erweitert die akustischen Texturen des Ensembles durch Nachahmungen „gestimmter“ Modular-Synthesizer-Patches. Das Stück präsentiert eine Bandbreite an elektronischen und akustischen Klängen und Farben, deren Zusammenspiel für die Zuhörenden eine strukturierte Oberfläche schafft und in den Verflechtungen des modularen Synthesizers mit den variablen Dichten der Ensembletexturen einen Überfluss von komplexen Texturen und Topografien entstehen lässt. Das Spiel der Verflechtungen ist nie so nahtlos, dass die beiden Elemente vollständig miteinander verschmelzen; vielmehr steht das akustische Ensemble mit seiner Virtuosität im Vordergrund und wird noch stärker herausgestellt.
„SYNTHETICS“, geschrieben 2025 für das Klavier- und Percussion-Quartett Yarn/Wire als Teil ihrer Reihe „Currents“, verfolgt in Bezug auf die Elektronik einen ähnlichen Ansatz: Es erweitert und vertieft den Ensembleklang und spielt mit unheimlicher Klanggestaltung sowie dem Verwischen der Grenzen zwischen akustischen und elektronischen Klangquellen.4 Das Stück ist ein Amalgam, das eine breite Palette organischer und synthetischer Klangquellen, Texturen und Ansätze zusammenführt und das Unheimliche, Mimikry, Jump-Cuts, Kollisionen und Collagen erforscht. Das aus vier Hauptmaterialien bestehende Stück nähert sich der Klangerzeugung durch taktile Prompts: „In Air“ (Feedback und Aufnahmen elektromagnetischer Felder); „Drum Machine“ (eine vom Ensemble zusammengestellte Drum Machine); „Soft Surface“ (eine Erkundung leiser, gedämpfter, gummiartiger Texturen anhand der synthetisch bearbeiteten Drum-Sounds der unvergessenen SOPHIE); und „Rub“ (eine Studie zu verschwommenen Stimmungen zwischen akustischem Klavier, Viertelton-Keyboard und Mallet-Instrumenten). Jeder dieser vier Prompts verzerrt sich und kollidiert mit den anderen, wodurch eine Reihe hybrider Abschnitte entsteht, die von ihrer taktilen Natur gekennzeichnet sind. Zu diesen hybriden Abschnitten gehören unter anderem „Bend“, „Bounce“, „Roll“, „Glitch“ und „Squeak Boing“. Im Kern ist „SYNTHETICS“ eine Erkundung, ein spielerisch zusammengestricktes, heterogenes Geflecht taktiler Spiele. Im Zentrum der wandelbaren Klanglandschaft des Stückes stehen zwei MIDI-Keyboards: ein kleines Zwei-Oktaven-Keyboard als Zusatz zum präparierten akustischen Klavier, das im gesamten Stück eine einheitliche Sample-Stimmung aufweist, sowie ein großes MIDI-Keyboard, das mit drei verschiedenen Stimmungen zwischen den Abschnitten wechselt. So sehr dieses Stück ein taktiles Spiel zwischen der „realen Welt“ und unheimlichen Doppelgängern ist, so ist es gleichermaßen auch ein Vorstoß ins Genre-Bending und verbindet Klänge und Ansätze aus dem Spektrum der Musikgenres, die ich liebe – von Hyperpop bis Ambient, von frühen elektronischen Kompositionen bis zum zeitgenössischen klassischen Repertoire.
Ähnlich wie bei „OSCILLATIONS“ ist das Verhältnis zwischen akustischen und elektronischen Klangquellen ein zentrales dramatisches Element des Stücks. Synthetische Drum-Sounds prallen auf ein akustisches Schlagzeug, die Vierteltonstimmung des MIDI-Keyboards verschmilzt und verfließt mit der herkömmlichen Stimmung des Klaviers, und bearbeitete Samples in den MIDI-Keyboards verdoppeln die vielschichtigen Perkussionstexturen. Der daraus entstehende klangliche Cyborg setzt sich aus einem Patchwork von Teilen zusammen, und das hörbare Ganze wird durch eine Collage von Fragmenten erzeugt, der ein Theater der Mimikry zugrunde liegt.
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Abschließend möchte ich noch weiter über die Bedeutung von Nahtstellen in meinen Werken nachdenken, über emergente oder lebendige Prozesse des Tuns und Auflösens, des Werdens und Ent-Werdens. Die Emergenz, die ich für jedes Stück theoretisiere, zielt letztendlich auf eine Art von Störung ab, die sich gegen ein grundlegendes Narrativ richtet, wonach die Welt durch technologische Integration und Innovation einfacher, glatter und besser verträglich gemacht werden soll. Indem ich die Teile im Prozess, in live „glitchenden“ Verflechtungen freilege, tue ich etwas Sinnvolles, Unordentliches, Kollisionsreiches. Ich beziehe mich dabei auf Legacy Russells „Glitch Feminism“, wo sie schreibt, dass der Körper „im Glitch“ durch das Digitale seine Genese findet. Das Annehmen des Glitches ist daher eine partizipative Handlung, die den Status quo infrage stellt. Es schafft eine Heimat für diejenigen, welche die komplexen Kanäle der Gender-Diaspora durchqueren. Der Glitch ist für jene, die freudig in das Dazwischen eingetaucht sind, die sich von ihrem zugewiesenen Ort geschlechtlicher Herkunft entfernt haben.5
In diesem Konzept des Glitches als Ort der Genese, als Akt des Widerstands gegen den Status quo, erkenne ich meine eigene Suche nach einem Potenzial im Zwischen-Raum, nach einer neuen Möglichkeit, mich in unserer hybriden digitalen Welt präsent und verbunden zu fühlen, ohne vor der umfassenden Vereinheitlichung des Zuspätkapitalismus zu kapitulieren. Ich schließe mich Kornbluhs Behauptung an, dass die zeitgenössische Kultur über die Vermittlung der Postmoderne hinausgewachsen ist; ich schreibe im Streben nach einer Mensch-Technologie-Hybridität, die den „Flow“ und die Ununterscheidbarkeit der Unmittelbarkeit6 durch den Einsatz mannigfaltiger und nahtreicher materieller Hybride stört und infrage stellt. Als SOPHIE in einem Interview gefragt wurde, wie sie sich die Zukunft der Musik vorstelle, antwortete sie begeistert: „Sie sollte umwerfend sein! Alles sollte sich so anfühlen, als hätte man so etwas noch nie gehört. Als würde man sich dabei auf eine ganz neue Art lebendig fühlen. Als würde man sich wie neu geboren fühlen.7 Diese Leidenschaft für Transformation und Neues verlässt sich auf den kreativen Einsatz und die Implementierung von Technologien, gesteuert und geprägt von der menschlichen Hand und ihrer inhärenten Instabilität. Mit SOPHIEs Energie als Ethos glaube ich, dass wir weiterhin wundersame Neuheit und Nahtstellen erschaffen können, an denen poetische, schmerzhafte, schräge Integrationen neuartige und kraftvolle affektive Erfahrungen von medienübergreifender Cyborg-Emergenz hervorbringen.
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin sowie des Internationalen Musikinstituts Darmstadt.
1 Anna Kornbluh, „Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism”, London 2024, S. 8.
2 Ebd., S. 8.
3 Pauline Oliveros, zitiert nach Laurie Anderson, Vorwort zu „Quantum Listening”, London 2022, S. 5.
4 Yarn/Wire, https://www.yarnwire.org/currents.
5 Legacy Russell, „Glitch Feminism: A Manifesto”, London / New York 2020, S. 5.
6 Kornbluh, „Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism“, a.a.O.
7 Julius Pristauz, „SOPHIE“, Glamcult, 2018. https://www.glamcult.com/articles/sophie/.
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