Balkan Erotic (E)Pic
SatireDarstellendes von Marina Abramović auf der Ruhrtriennale
Erster Eindruck: einzigartiges, schwarzes, fast flauschiges Plastikgras. Überall. Viele bekannte Gesichter von Folkwang-Studierenden aus der Zeit von Abramovićs Pina-Bausch-Professur auf der Bühne: Der kartoffelschälende Opernsänger aus der Abschlussperformance im Museum Folkwang in Essen ist hier knutschender Barbesitzer; die unablässig den Kopf in ein Aquarium tunkende Sängerin ist Braut eines Toten. Es ist wahnsinnig viel los, erst nach einer halben Stunde kann man eigentlich so richtig wahrnehmen. Vier Stunden sind angesetzt.
Balkan
„Ich wurde auf dem Balkan geboren. Als Kind habe ich im Haus meiner Großmutter zahlreiche spirituelle Rituale miterlebt, die einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben und bis heute prägen, wie ich die Welt sehe.“
Marina Abramović
„Balkan Erotic Epic“ ist eine Koproduktion internationaler großer Häuser, u.a. auch der Berliner Festspiele. Im Spätsommer 2026 findet die Produktion Platz auf der Ruhrtriennale – unter der Leitung von Ivo Van Hove, Intendant 2024–2026. In der riesigen dunklen Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark sind dreizehn sehr verschiedene Stationen aufgebaut, von kleinem gefliestem Duschraum über einladendes Straßencafé bis hin zu Hügellandschaft und Friedhofskulisse. Und einem Pappkirchturm. Mit einer lebenden, rot gewandeten Braut mit flatterndem Ärmel und männlicher Puppe in Frack im offenen Sarg daneben. Großes Oberthema: Balkan. Die Künstlerin geht zu ihren eigenen Wurzeln zurück und verbindet diese mit alten Mythen und Ritualen der Region aus vorvergangenen Zeiten. Geframt wird das Ganze mit Spiritualität und Menschlichkeit. Herausgestellter Aberglaube, Sex und Volkstraditionen gehören auch dazu.
Einige Darsteller:innen wandern durch die Stationen, insbesondere die Figur der gestrengen Mutter Danica (eine Kunstfigur also – nach kurzer Internetrecherche scheint sie der tatsächlichen Mutter der Künstlerin, Danica Abramović, recht nahezukommen). Sie dient als Verbindungsglied, nimmt das Publikum mit, tanzt, schreitet, marschiert, häufig begleitet von einer ernsten Blaskapelle. Ebenfalls auf Bildern präsent und in Bezug zur Mutter gesetzt: Tito (Josip Broz Tito), ehemaliges autokratisches Staatsoberhaupt Jugoslawiens. Er wird betrauert – das suggeriert zumindest die erste Szene. Auch einige Elemente des heutigen Balkans greift Abramović auf, etwa das bereits erwähnte öffentliche Straßencafé („Kafana“) oder auch die teils bis heute greifenden Trauertraditionen – pure ausufernde Emotionalität, mitreißend und berührend nahegebracht durch eine intensive Tanzperformance.
Den ganzen Abend hindurch erklingt immer mal wieder traditionelle Vokalmusik „des Balkans“, gesungen von Frauenstimmen, die im Ohr bleiben und die Stimmung setzen – so undifferenziert wie diese Info fühlt sich im Übrigen auch die Einordnung der Musik an. Es ist dann doch einfach und gleichzeitig schwer, sich von dieser eingängigen Soundwolke mental zu lösen. Man wüsste gerne mehr.
Erotic
Das Handy wurde eingeschlossen.
Es gab erigierte (auf Video) und nicht erigierte Penisse zu sehen, Vulven, Brüste, nackte Ärsche.
Es gab fast nur junge nackte Menschen zu sehen.
Es gab hauptsächlich weiße nackte Menschen zu sehen.
Es gab für einige bestimmt Aufreizendes zu sehen.
Es gab Sexuelles zu sehen, aber immer solo.
Ach ja, und Skelette mit roter Stoffzunge.
Im wirklich schön gestalteten Programmheft gibt es den Abschnitt „Zaubertränke“, elf an der Zahl. Einseitige Kurzbeschreibungen von Ritualen mit Titeln wie „Die Libido der Kuh“, „Die Eier des Stiers“ oder, ganz klassisch, „Liebestrank“. Dazu entsprechende Bilder. Scham- und Achselhaare abkochen und anschließend dem Liebhaber geben, sowas in der Richtung. Dabei steht jeweils, woher aus Osteuropa das (jeweilige) Ritual und aus welchem Jahrhundert es stammt. welches Ritual aus Osteuropa aus welchem Jahrhundert stammt. Scheint also historisch fundiert. Die Erzählung dieser „Zaubertränke“ übernahm eine Darstellerin in Gestalt einer Wissenschaftlerin, die zwischen übergroßen und ästhetisch doch sehr langweiligen Penis-Skulpturen saß und rezitierte.
Einige der textlich beschriebenen Rituale fanden sich in der Halle selbst inszeniert als Station wieder, darunter beispielsweise „7. Den Regen aufhalten“ (Türkei, Provinz Tekirdağ aus dem 11. Jahrhundert). Erklärung: Wenn es zu viel regnet, erschrecken die Vulven die Götter und die Ernte ist gerettet, juhu. Dass die Vulva zur Abschreckung böser Geister eingesetzt wurde, ist historisch bekannt. Aber an diesem Beispiel zeigt sich der Abstand zwischen Intention und Wirkung, wenngleich ich bis heute nicht sicher bin, was die Intention eigentlich war. Aber von vorne: Der Regen lässt sich (dem Live-Erlebnis nach) also aufhalten, indem traditionell gewandete Frauen in bunt bestickten Röcken auf einem Plastikrasen abwechselnd den Rock nach oben heben und ihr Geschlechtsteil zeigen, sich ansonsten nackt und mit angezogenen Beinen auf dem Rücken kugeln oder aber den Rock so bedeutungsvoll lupfen, dass der Boden „alles“ sehen kann. Im Hintergrund das Gleiche nochmal als Film – mit Regen. Tja. Selbst wenn das historisch belegt ist, fühlt man vom Ritual nichts. Eher Voyeurismus. Denn: Regen gabs nicht, Landwirtschaft gabs nicht, richtige Erde gabs nicht, Geräusche gabs nicht, Gerüche gabs nicht, Götter gabs nicht, existenzielle Nöte gabs nicht (zumindest nicht sichtbar), Verbundenheit mit der Natur gabs nicht. Was es gab, waren sehr, sehr viele Zuschauer:innen, die auf entblößte weibliche Geschlechtsteile blicken. Wenn hier mit der Scham der Zuschauenden gespielt werden sollte – fair enough. Hat man vor 20 Jahren auch schon gemacht, aber hey. Wenn man dem Ruhrtriennale-Publikum so wenig Performance-Erfahrung zutraut, wäre das schade. Hoffentlich haben alle Darsteller:innen ausreichend Geld bekommen.
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Was soll mir das Wort „Erotic“ im Titel sagen? „Erotisch“ verheißt Sexuelles, sinnlich Anziehendes. Sollen wir das Sinnliche dieser Riten dargestellt bekommen? Diese ausgelutschte Verbindung von menschlichem Trieb mit fruchtbarer Erde/Boden gar mitfühlen? Geht es hier um die Dimension des Sexuellen im Ritual? Ich fühls nicht. Wenn drei Jungs vier Stunden lang komplett nackt auf dem Bauch auf Kunstrasen liegen und dem Muskelkater ihres Lebens entgegenbumsen („11. Den Boden ficken“, Ostserbien, Bezirk Braničevo aus dem 4. Jahrhundert), dann tun mir vor allem die Darsteller leid. Man fragt sich nach zwei der vier Stunden dann doch, ob diese für Abramović typische Langzeit der Performances hier Sinn macht. Die Darstellenden machen diese Performance im Auftrag einer Idee, die nicht ihre eigene war. Dass die drei Jungs am Boden das in jedem Fall durchhalten und dabei trotzdem an ihre Grenzen kommen werden, ist vorher sowieso klar. Warum also diese Dauer? Das Ritual kommt nicht näher. Es ist Theater.
Ein Gegenangebot gab es auch, so fair sollte man sein: „Messertanz“. Eine Reihe sportlich in schwarzes Tuch eingekleideter Frauen mit Zöpfen vollführten Tänze mit etwas, das nach Pappmessern aussah und an Vorbereitungen für Kampfszenen und gleichzeitig fröhliche Volkstänze beim Filmdreh erinnerte. Der Hintergrund dieser Station war aber ernsthaft und dadurch interessant: Vorbild waren laut Programmheft „eingeschworene Jungfrauen“, also Frauen in Nordalbanien, im Kosovo und Montenegro, die die Rolle von Männern einnahmen, um mit den gewonnenen Privilegien die Familie zu ernähren. Tatsächlich gab und gibt es diese Frauen, aktuell auch in anderen Teilen der Welt. Eine gesellschaftlich anerkannte, aber eigentlich unmögliche Rolle, aus der Not geboren. Und ein Inbild starker Weiblichkeit. Das ist zwar nicht erotisch, aber beeindruckend, es zeigt eine weiterhin gesellschaftspolitisch relevante Perspektive auf Körper.
Aber nun mal ehrlich: Eigentlich sind wir doch froh, dass die Zeiten vorbei sind, wo Sex zwar hoffentlich auch ein bisschen Spaß machte, vor allem aber der Existenzsicherung diente. Ein ganzes System aus Verheiratung, Mitgift, unzähligen Schwangerschaften, Ammen, Beschneidungen, Fruchtbarkeitsgetue führte dazu, dass Frauen bis heute für Gleichberechtigung kämpfen und Männer sich um neue Männlichkeitsbilder streiten müssen. Wieso sollte ich also alte Fruchtbarkeitsrituale feiern?
Epic
erzählend, berichtend, ausufernd
War es episch? Ja. Die riesige und hohe Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg, die vielen verschiedenen Künste, die sorgsam ausgeführten Ideen, das Bühnenbild (abgesehen von einem misslungenen Friedhof, der aus einer Low-Budget-Horror-Produktion hätte stammen können), die Lautstärke, die Massen an Menschen, die vielen Geschichten, Erzählungen, Bilder hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Abramovićs Projekt ist groß angelegt, es ist vielleicht der Höhepunkt ihrer Karriere. Das im Radio angekündigte „immersive Ritual“ hat aber seine Wirkung verfehlt. Und neuste Performancekunst war das auch nicht.
In Bezug auf Musik wurde keine Erwartung enttäuscht, aber die gab es auch nicht. Auf einer großen Leinwand steht eine Reihe von Männern mit offenem Schritt, dazwischen eine Frau à la Königin der Nacht. Laut Info sollen dies „balkanische Kehlkopfsänger in traditioneller Tracht“ sein. Man sieht sogar Untertitel. Aber hört: nichts.
Ein Film auf einer riesigen Leinwand: Eine Unmenge an Frauen in schwarzer Trauerkleidung und Kopftuch klopft sich mit Trauermiene immer wieder rhythmisch mit Fäusten auf die Brust. Historischer Hintergrund: Angeheuerte Frauen, die auf Beerdigungen Trauer „auf übertriebene Weise zum Ausdruck bringen“. Abramović steht mittendrin und macht mit, abgesetzt durch Muster im schwarzen Gewand. Läuft man in der Halle immer wieder zurück zur Leinwand, dann steht Abramović jedes Mal an einer anderen Stelle im Bild. Erinnert ein wenig an die Chorszene mit Bud Spencer und Terence Hill in „Zwei wie Pech und Schwefel“. Der Sound: zu leise.
Lustig war tiefes Rauschen, ähnlich Geistermusik in Kinderhörspielen beim „Tanz der Ahnen“: kostümbildnerische Reminiszenzen an süddeutsche Fasnet, Maskerade auf Stelzen mit Hui-Buh-Momenten in Kunstschnee, die herzlich lachen lassen.
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Ich will nicht leugnen, dass es berührende Momente gab. Ernüchternde, erschreckende, bewegende. Und so weiter. Und sicher ist das Erlebnis sehr individuell bedingt. Aber Höhe, Dunkelheit, Soundwolke, Masse, historische Bezüge und Langzeitperformance ergeben an sich zwar ein schlüssiges Konzept und definitiv ein immersives Gesamtkunstwerk – aber ein immersives Ritual? I don’t know.
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