Ein Sommerlager für Komponist:innen?
InterviewInterview mit Emil Nilsson, dem Künstlerischen Leiter des Kalvfestivalen

Etwa 100 Kilometer süd-östlich von Göteborg liegt Kalv, ein kleines Kirchdorf mit gerade einmal rund 300 Einwohner:innen. Wer hier ankommt, findet vor allem viel Wald, Seen und Ruhe. Auf den ersten Blick scheint dieser Ort denkbar weit entfernt von den großen Zentren des internationalen Musikbetriebs. Und doch wird Kalv einmal im Jahr zu einem Treffpunkt für zeitgenössische Musik aus aller Welt. Seit 22 Jahren findet hier das Kalvfestival statt, ein Festival für Neue Musik, das internationale Komponist:innen und Musiker:innen in die schwedische Provinz bringt. Vom 6. bis 9. August wurde das Dorf erneut zum gemeinsamen Klang- und Lebensraum: Die ca. 40 Festivalgäste wohnten zusammen im ehemaligen Schulhaus, probten, diskutierten, hörten einander zu und spielten Konzerte an ungewöhnlichen Orten. In diesem Jahr mit dabei waren unter anderem das Ensemble Apparat aus Berlin, Carl Rosman (Ensemble Musikfabrik) und Erik Bosgraaf, der Pianist Jonas Olsson, sowie die Komponist:innen Bergrún Snæbjörnsdóttir, Evan Johnson und Max Murray. Im Zentrum standen dabei die Dorfkirche und eine Werkstatt, die für einige Tage zum Konzertsaal für experimentelle und zeitgenössische Klänge wurden. Was bedeutet es, ein Festival für Neue Musik an einem so abgelegenen Ort zu veranstalten? Und was kann ein kleines Dorf bieten, das große Kulturmetropolen nicht können? Darüber und über die Besonderheiten des Kalvfestivals habe ich während des Festivals mit dem Artistic Director des Festivals, Emil Nilsson, gesprochen:
Anna Katharina Jakobi: Was ist das Konzept des Kalvfestivalen?
Emil Nilsson: Das Festival wurde 2004 mit der Intention gegründet, ein Musikfestival in die ländliche Region Kalv zu bringen. Mit dem Kalvfestival sollte ein Ort geschaffen werden, an dem Neue Musik komponiert, diskutiert und präsentiert werden kann. Außerdem wollten wir einen Ort des Austauschs über zeitgenössische Musik etablieren und die Einwohner:innen integrieren sowie die Musik für sie verfügbar machen. Zudem haben wir jedes Jahr ein kuratorisches Konzept. Dieses Jahr ist es die Idee „enger Räume“ (schwedisch: tunna platser), was aus der frühen keltischen Geschichte kommt und Orte in der Natur beschreibt, die bestimmte Eigenschaften haben oder denen etwas Mystisches oder sehr Präsentes zugeschrieben wird. Orte, die nicht alltäglich sind. Das Programm und die Musik sollen dieses Phänomen widerspiegeln. Das beste Beispiel dafür ist Morton Feldman, den wir aufgrund seines hundertjährigen Jubiläums 2026 als Porträtkünstler im Festival haben. Seine letzten vier Klavierwerke werden von Jonas Olsson aufgeführt. Die Werke sind besonders statisch-rhythmisch und berühren damit die Idee dieser sehr vagen, feinfühligen Räume.
Das Festival fühlt sich ein wenig an wie ein Sommerlager für Komponist:innen – war das deine Intention?
Ja, schon, für Komponist:innen und Musiker:innen. Ich würde nicht sagen, dass das von Beginn an so gedacht war, aber in den letzten zehn Jahren hat es sich mehr und mehr in diese Richtung entwickelt: ein internationaler Raum für die Entwicklung Neuer Musik. Ein großer Teil davon ist auch, dass wir fast eine Woche hier sind für Proben und Konzerte, aber auch gemeinsam Zeit verbringen bei den Mahlzeiten, uns über Musik und Kunst unterhalten und austauschen.
Beim Festival treffen internationale Komponist:innen und Musiker:innen zeitgenössischer Musik auf die Einwohner des Dorfes Kalv. Wie funktioniert das?
Ich finde, es ist ein sehr schönes Zusammentreffen. Ein wichtiger Kollaborationspartner ist Bygdegårdsförening, also die Dorfvereinigung, die das Festival mitveranstaltet und die auch immer einen eigenen Programmpunkt hat. Dieses Jahr ist das die Pub-Nacht mit dem Gemeindechor. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die hier leben, sehr neugierig sind. Und auch die Musiker:innen wollen etwas über die Kultur erfahren und wissen, wie es ist, hier zu leben. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie Schweden ist und war, aber auch wie die Gesellschaft und das Zusammenleben hier auf dem Land funktionieren.
Zeitgenössische Musik hat den Ruf, schwierig und unzugänglich zu sein, insbesondere wenn keine musikalische Vorbildung besteht. Dennoch scheint es, dass die Einwohner dem Programm gegenüber sehr neugierig und aufgeschlossen sind.
Ja, ich denke, das liegt zum einen daran, dass wir dieses Jahr schon zum 22. Mal das Festival veranstalten, angefangen 2004. Damals wurde nicht einfach aus dem Nichts heraus ein Festival auf die Beine gestellt. Es gab ein Zusammentreffen mit allen Vertreter:innen des Dorfes, wo die Idee eines Festivals erstmals vorgeschlagen wurde. Dort wurden die Vorschläge der Dorfgemeinschaft angehört und integriert. Das Dorf war immer eine große Unterstützung für uns. In den letzten 15 bis 20 Jahren haben wir ein Stammpublikum gewonnen, das jedes Jahr wiederkommt, plus neue Gesichter. Es ist kein riesiges Publikum, da es eben zeitgenössische Musik ist, aber für die Umstände ist es gut besucht. Auch verglichen mit den Konzerten zeitgenössischer Musik in Großstädten.
Neben der Musik bietet das Festival auch Kunstinstallationen, wie Peter Ablingers „Stühle“ draußen im Wald. Ist bildende Kunst fester Bestandteil des Festivals?
Es war immer schon Teil des Konzepts, nicht nur Musik, sondern auch andere künstlerische Disziplinen zu integrieren. Natürlich ist Peter Ablinger auch Komponist und seine Skulptur hat auch sehr viel mit dem Hören zu tun, ist also im weitesten Sinne auch mit Musik verbunden. Auch sein Werk „An den Mond“ wird Biliana Voutchkova im Rahmen des Festivals aufführen. Außerdem haben wir die Videoinstallation „Agape“ von der Komponistin Bergrún Snæbjörnsdóttir, was im Grunde eine Aufnahme ihres Werkes ist.
Das Kalvfestivalen bezeichnet sich als „Internationaler Ort für die Entwicklung neuer Musik“. Was ist dein Ziel als Artistic Director, aber auch als Komponist?
Mein Ziel ist es, Musik zu präsentieren, die in Schweden sonst nicht aufgeführt wird. Es soll ein internationales Festival mit einem internationalen Programm sein und möglich machen, was andere Organisationen und Festivals nicht können oder wollen.
Beschreibe das Kalvfestivalen mit 3 Wörtern.
Präsent. Gemeinschaftlich. Explorativ.
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