Vom Licht ins Dunkel und zurück
BerichtEine existentielle Erfahrung: „Brückenmusik 31“ im Hohlkörper der Deutzer Brücke

Die Kölner Innenstadt ist mit dem rechten Rheinufer durch die Deutzer Brücke verbunden. Der profane Zweckbau wurde 1980 an der Südseite durch eine zweite Trägerkonstruktion aus Spannbeton erweitert. Im Inneren dieses Hohlkörpers herrscht mystisches Dunkel und eine geradezu kathedralenartige Akustik mit vielen Sekunden Nachhall. Über eine enge Treppe und durch eine niedrige Öffnung gelangt man in diesen 440 Meter langen Tunnel über dem Rhein. Die Röhre vibriert und klingt unter dem darüber rauschenden Verkehr wie eine gigantische Orgelpfeife. Autos und Lastwagen rattern über die Brückenfugen. Straßenbahnen nähern sich aus der Ferne wie drohendes Gewittergrollen, lassen das Gebäude erzittern, donnern über einen hinweg und verziehen sich in der Gegenrichtung.
Ein Ort und viele Klangräume
Seit 1995 gibt es an diesem sonst unzugänglichen Unort einmal im Jahr die „Brückenmusik“, eine der ältesten kontinuierlichen Klangkunstreihen in Deutschland. Die jeweils fünf Aufführungen an den zehn Nachmittagen der 31. Ausgabe 2026 waren binnen kurzem ausgebucht. Aus Sicherheitsgründen sind immer nur 14 Besucher:innen zugelassen. Gezeigt wurde „Advice“ des in Kopenhagen beheimateten Duos Ad Atkins & Chris Shields. Der eine ist bildender Künstler und arbeitet mit Video, der andere ist Komponist elektronischer Musik und arbeitet auch als Ingenieur bei der Erforschung und Langzeitüberwachung des grönländischen Eisschilds. Zu Anfang blickt das Publikum in den leeren Brückenkörper und lauscht den ortsspezifischen Klängen. Schließlich taucht in der Dunkelheit ein rotes Licht auf, das sich langsam nähert.
Das Objekt scheppert über den unebenen Betonboden und gibt auch Klänge von sich, die sich allerdings noch kaum von der Vielzahl an Geräuschen in der Brücke abheben. Beim Näherkommen erkennt man ein Gefährt. Ein Polizeiroboter zum Entschärfen von Sprengstoff? Ein automatischer Kanalreiniger, eine intergalaktische Sonde, ein Marsfahrzeug? Das Wägelchen fährt bis kurz vor die Besucher:innen und vollführt einen kleinen plumpen Tanz. Der Apparat dreht und wendet sich nach allen Seiten. Dabei demonstriert er die akustischen Möglichkeiten des aufmontierten Kugellautsprechers. Seine hundert Einzellautsprecher projizieren aus jeweils separaten Kanälen verschiedene Klänge mit unglaublicher Präzision und Plastizität nach allen Richtungen in den Raum. Man sieht das kleine Mobil direkt vor sich, hört die Klänge aber von verschiedensten Seiten und Distanzen, sogar mit wechselnden akustischen Eigenschaften, wahlweise verhallt oder ganz trocken. Den erstaunlichen Raumklangeffekt verstärken punktgenaue Schallreflexionen an Decke, Boden, Wänden.

Desillusion versus Suggestion
Analog zum Rattern der Brückenfugen schickt der Apparat Akzente wie hart angeschlagene Klavierakkorde in den Hallraum. Mit tiefem Brummen reagiert er auch auf das dunkle Dröhnen der Straßenbahnen. Dem Publikum wird Zeit gelassen, um Vertrauen zum fahrbaren Klangapparat zu schöpfen und ihm dann in die Dunkelheit zu folgen. Die Bahn des Fahrzeugs ist komplett programmiert. Zudem reagiert das Gefährt mittels Sensoren auf Umgebung und Personen, um Kollisionen zu vermeiden. Fortan ist „Advice“ für das Publikum Begleiter, Berater und Führer, an dessen Seite man immer tiefer in den schwarzen Tunnel wandert, als ginge es hinab ins Totenreich. Mit dem Lampenlicht im Rücken verwandelt man sich zum Schatten seiner selbst. Auf der Höhe des ersten Brückenpfeilers geht es steil abwärts und dann durch die Öffnung in einer Trennwand wieder hinauf in das längste Mittelstück der Brücke. Dort herrscht absolute Dunkelheit.

Einzige Lichtquelle ist die kleine Kontrolllampe des Fahrzeugs. Um vollständige Finsternis zu erzeugen, haben Atkins und Shields hunderte kleine runde Löcher in den Wänden verstopft, die einst beim Gießen der Betonkonstruktion entstanden sind und den Hohlkörper sonst ganz schwach erhellen und belüften. In der Mitte der Brücke haben sie jedoch drei Löcher freigelassen. Das hier eindringende Licht projiziert wie bei einer Laterna magica drei kleine Bilder auf die gegenüberliegende Betonwand. Weil draußen die Sonne scheint, erkennt man gut die Umrisse von Severinsbrücke, Malakoffturm und Schokoladenmuseum, freilich alles auf dem Kopf. Das Publikum verfolgt das Lichtspiel wie im Kino. Dazu schickt der Klangapparat Echolote in den Hallraum, auch silberhelle Klänge und düsteren Noise. Ort und Lichterscheinung werden dadurch expressiv aufgeladen, wahlweise freundlich oder bedrohlich, natürlich oder technoid, sakral oder profan. Den Stimmungszauber bricht dann plötzlich billig wirkende, weil ausschließlich hochfrequent abgespielte Popmusik.
Orpheus in der Unterwelt
Nach einer Weile drängt der Roboter zum Aufbruch. Ruhig und rituell geht es weiter wie bei einer Prozession oder Beerdigung hinter dem Katafalk. Das kleine Fahrzeug wird zum Fährmann Charon aus der griechischen Mythologie, der die Toten über den Fluss des Vergessens Styx in den Hades geleitet. Das Publikum verliert sich in Dunkelheit, Körper-, Zeit- und Ortlosigkeit. Doch das Wägelchen singt auch wie Orpheus in der Unterwelt psychedelisch glissandierende Melodien wie von einer singenden Säge. Auch obertonreiche Harmonien wie von Klangschallen lässt es sanft durch den Raum schweben. Aura und Semantik der Klänge changieren. Totenfeier, Yogasitzung, Wellnessoase? Wie beim ersten Strompfeiler stößt man beim zweiten auf eine mit roter Folie bedeckte Fensterluke. Sie zeigt die gegenüberliegende Metallkonstruktion der anderen Brückenfahrbahn und ganz unten die Wellen des Rheins, doch so, als habe sich die Außenwelt zum roten Planeten Mars verwandelt. Oder zum flammenden Inferno? Oder zum Rotlichtmilieu?
„Advice“ führt wie der Geist des römischen Dichters Vergil in Dantes „Göttlicher Komödie“ durch alle Höllenkreise des Purgatorio schließlich ins Paradiso. Von fern sieht man am Ende des dritten und letzten Brückenabschnitts eine Lichtsäule aufragen. Unter sphärischen Klängen nähert man sich der leuchtenden Achse wie einem Heiligtum, Fetisch oder Portal, das in welche Sphären und metaphysischen Dimensionen auch immer führt. Doch aus einem Bohrloch im Boden dringt ganz irdisches Tageslicht in eine Kunststoffröhre nach oben, als sei es eine Quelle von Hoffnung und Leben. Die versammelte Gemeinde steht andächtig und schaut dem kleinen schwarzen Tempelpriester zu, wie er die vertikale Lichtsäule mit kultischen Tönen umkreist. Der Ziel- und Wendepunkt der Reise wird dadurch über die komplette Länge der Brücke mit der horizontalen Lichtleiste am Anfang des Brückeninneren zu einem Lichtkreuz verknüpft.
Ironie versus Archaik
Ironisch gebrochen werden Kultgegenstand und rituelle Handlung abermals durch einen knisternd abgespielten Popsong. Schließlich führt Orpheus das Publikum aus der Unterwelt auch wieder auf die linke Rheinseite zurück, und zwar mit annähernd krebsgängigen Wiederholungen einiger schon auf dem Hinweg gehörter Klänge. Als endlich der Scheinwerfer im ersten Brückensegment zu sehen ist, löst das Publikum seine Bremsen und eilt dem mechanischen Lotsen voran ins Licht. Dort schickt „Advice“ wie zum Willkommensgruß der ratternden Brückenfugen erneut knallende Akkorde in den Hallraum und zieht sich dann mit einem letzten Popsong diskret ins Dunkel zurück. Auf diese Weise wird das Publikum entlassen und zugleich die Ausgangssituation für die nächste Besuchsgruppe vorbereitet.
Der dreiviertelstündige Hin- und Rückweg durch den Tunnel über dem Strom beschert durchaus so etwas wie eine existentielle Erfahrung. Ort, Bilder und Klänge rufen instinktiv archaische Ängste vor Dunkelheit, Schattendasein und Tod wach, und das Lampen- und Sonnenlicht weckt in Verbindung mit weichen Wohllauten und heiterer Unterhaltungsmusik unwillkürlich Hoffnung, Sicherheit und Lebenslust. Die Klarheit dieser Programmatik sowie die Entgegensetzung von Sakralität und Profanität mag man als plakativ, kitschig oder auch romantisch empfinden. Doch Urbilder sind nun mal der Zeit enthoben.

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