„Taktlos“-igkeiten

Hervorgeholt

Das Spektrum war weit gefächert: von afro­amerikanischen Rhythmen über konventionellen Funk bis hin zu total improvisierter Musik – das New Jazz Festival in Moers präsentierte in diesem Jahr Musik aus Chicago, der Schweiz, der BRD und Japan. Die meisten Musiker waren nicht zum ersten, sondern zum fünften oder sechsten Mal in Moers, allerdings immer in wechselnden Formationen. Die Szene des New Jazz setzt sich heute zum großen Teil aus Individualisten zusammen, die in immer wieder anderen Kombinationen miteinander improvisieren. Ihre Biographien sind Geschichten, mit wem sie wann zusammengespielt haben, und dahingehend werden auch Jazzliebhaber gemeinhin informiert. Da das Festival in Moers aber auch ein Trendsetter für neueste Entwicklungen im zeitgenössischen Jazz sein will, ist Burkard Hennen, der künstlerische Leiter, ständig auf der Suche nach neuen Namen und Gruppen und stößt dabei immer mehr auf jazzfremde Bereiche wie Avantgarde-, Jazz- oder Punkrock. Ist der Jazz wirklich tot, begraben in Moers, wie der japanische Trompeter Toshinori Kondo mit discomäßiger Musik glauben machen wollte? Neu waren in Moers jedenfalls zwei Formationen aus Deutschland, die Gruppe mit dem Namen „Frau Witzmann“ aus Köln und das Trio „Disagio“ aus Berlin, die Tendenzen der Avantgarde mit Minimal und Pop in unterschiedlicher Weise zu einer fetzigen Mischung aufbereiten. Beide sind noch nicht lange auf der Szene: das Quartett „Frau Witzmann" hatte seinen ersten Auftritt im letzten Herbst auf dem 2. Musikfest der Kölner Gesellschaft für Neue Musik. 

Gemeinsam ist den beiden Gruppen, daß sie ihr aus den verschiedensten Musikgattungen zusammengeholtes Material weitgehend durchkomponieren, weil es sich in seiner oft hektischen Abfolge von Motiven, durchgeführt mit Mitteln der Montage und Collage, gar nicht mehr improvisieren läßt. Das verbindet sie wiederum mit den schwarzen Musikern des AACM-Kollektivs aus Chicago, dem in Moers eine breitere Darstellung gewidmet war. Die „Association for the Advancement of Creative Musicians” gibt seit 1965 der Szene von Chicago neue Impulse. Gestandene Free Jazzer wie Muhal Richard Abrams, Roscoe Mitchell, Leroy Jenkins und Anthony Braxton formierten sich zu einem Kollektiv, dem es vor allem um die Verbindung von traditionellem Jazz mit modernen westlichen Kompositionstechniken ging und das somit auch ein neues Selbstbewußtsein schwarzer Jazzmusiker etablierte. In Moers präsentierte der Pianist Muhal Richard Abrams mit seinem Oktett streng polyphon komponierte, bluesbezogene Musik. 

Diese Synthese von schwarzer und weißer Musik hat in der zweiten Generation des AACM, in Moers vertreten durch Douglas Ewart und seinen „Clarinet Choir“, auch Tendenzen amerikanischer Minimal-Musik verarbeitet. Schon die Besetzung ist ungewöhnlich: fünf Klarinetten und ein Kontrabaß. Die gleichen repetitiven Strukturen wendete Ewart auch auf ein Stück an, das den Reaktorunfall von Tschernobyl mit starren Klängen und anschließendem Ausbruch beschrieb. 

Die dritte Generation des AACM, die gleich mit drei Gruppen vorgestellt wurde, besinnt sich dagegen wieder mehr auf die afrikanischen Wurzeln des Jazz, auf die Ursprünge in Gospel und Spiritual und auf polyrhythmische Texturen. An Kahil EI'Zabar und das „Orchestra Infinity“ schloß sich passend eine „African Dance Night“ mit Pop-Gruppen aus Zimbabwe und Mali an, die, bedingt durch die in Moers üblichen Verzögerungen, bis in den frühen Morgen andauerte. Die Zuhörer, etwa 2600 Besucher pro Tag, waren unermüdlich. Es ist ein ausgesprochen kritisches, sensibles Publikum, das sich Jahr für Jahr in Moers einfindet. Schickeria findet hier fast keine Resonanz, denn es geht einfach und ungehobelt zu: die Leute kampieren draußen, essen Würstchen und Pommes frites, trinken Bier und Wasser; rauchen, kommen und gehen während des Konzerts. Zweifellos hat das Festival im Freizeitpark von Moers einmal bessere Tage gesehen als in der akustisch unbefriedigenden Eissporthalle, wohin die Stadtväter das ungeliebte Projekt 1982 abgeschoben haben. Aber die ungekünstelte Atmosphäre macht vieles wieder wett. Der Gradmesser der Qualität der Musik, der Applaus des Publikums, schlug dann auch am höchsten aus, als Irene Schweizer, Maggie Nichols, Joelle Leandre, George Lewis und Günther „Baby“ Sommer in der Gruppe „Taktlos“ zusammen improvisierten. Sie spielen völlig frei ohne jede Absprache und reagieren doch phantastisch aufeinander. Sie stecken voller Späße, zum Beispiel machen sie wilde Gesten und spielen doch keinen Ton. Einer hat eine Idee und die anderen greifen sie blitzschnell auf, wer nichts zu sagen hat, schweigt, bis sich eine neue Konstellation ergibt. Die von der Schweizer Pianistin Irene Schweizer zusammengestellte Gruppe sorgte für den absoluten Höhepunkt des Festivals. 

Daß in dieser Gruppe Frauen in der Überzahl sind, ist sicher kein Zufall, und die exzellente Qualität dieser Improvisation hat vielleicht auch mit weiblicher Sensibilität zu tun. Mit der Saxophonistin Lindsay Cooper und der Schreifrau Diamanda Galas hatte Burkhard Hennen darüber hinaus einen kleinen Frauen-Schwerpunkt gesetzt. Vormittags gab es ein Women‘s Music Project, in dem die anwesenden Musikerinnen ohne Männer zeigten, was sie konnten. Das Konzert der Gruppe „Taktlos“ gehörte zu einer Reihe von Veranstaltungen mit Schweizer Musikern, die die Stiftung „Pro Helvetia“ weitgehend finanziert hatte. „Red Twist & Tuned Arrow“ arbeitet mit Live-Elektronik und Geräuschcollagen, während die 13-köpfige Big Band um Jean-François Bovard und Léon Francioli ein sinfonisch anmutendes Spektakel mit Rütli-Schwur und Rauchfahnen auf der Bühne inszenierte. Einen gemeinsamen Saxophon-Auftritt in Moers hatten sich der Frankfurter Alfred Harth und der New Yorker John Zorn gewünscht. John Zorn war hier im letzten Jahr als experimenteller Komponist, der Spielregeln, Rollen, Taktiken und Strategien entwirft, aufgefallen, während er sich nun mit Alfred Harth als ordentlicher Instrumentalist bewährte.

Hervorgeholt aus MusikTexte 15 (Juli 1986)

Die Veröffentlichung geschieht mit Genehmigung des Verlags MusikTexte Gisela Gronemeyer (Erben). Alle Rechte vorbehalten.

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