Hören als Lieben
InterviewGespräch mit Suin Park über beziehungsreiches Zuhören
Die koreanische Musikwissenschaftlerin Suin Park findet: Wir müssen genauer hinhören und, derart liebevoll hörend, uns unserer Umwelt zuwenden. Was das für sie heißt, beschreibt sie in Form von Essays in ihrem Buch „사랑하는 듣기“ („Liebendes Hören“), das im April 2026 in koreanischer Sprache im ACHIMDAL-Verlag erschienen ist. Ich treffe Suin zu einem Gespräch während meines vierwöchigen Aufenthalts in Seoul. Als Treffpunkt hat sie den „Musicspace GF“ ausgewählt, einen Off-Space für zeitgenössische Musik. Zuerst versuchen wir es mit einer KI-basierten Übersetzungs-App, da Suin sich in ihrer Muttersprache präziser ausdrücken können möchte. Aber die Spracherkennung der App lässt zu wünschen übrig. Nur Fragmente kommen bei mir an. „Lost in Translation“. Oder eben: maschinell gefiltertes Hören. Also hören wir uns gegenseitig beim englisch Sprechen zu, anstatt eine Übersetzung auf dem Bildschirm unseres Tablets zu lesen.
Clemens K. Thomas: Wir leben in einer visuell dominierten Zeit. Täglich verbringen wir viel Zeit damit, auf Bildschirme zu schauen. Und im Hintergrund läuft Musik – ohne dass wir ihr aufmerksam zuhören würden. Wir haben gelernt, ihr nicht zu viel Beachtung zu schenken. In deinem Buch geht es ums Hören. Verstehst du dein Buch auch als Gegenwartsdiagnose oder gar als -kritik?
Suin Park: Sicherlich kann man es so lesen, ja. Mir geht es aber vor allem darum zu reflektieren, wie wir im Alltag hören. Und das ist natürlich auch technologisch bedingt. Wir können überall alles hören. Wenn ich mit der U-Bahn durch Seoul fahre – eine laute Stadt, ein komplexes Klanggemisch –, nutze ich meine Noise-Cancelling-Kopfhörer. Ich möchte mich wohl fühlen, ich schaffe mir meinen eigenen Raum.
Geht es um Isolation?
Obwohl ich ein Buch über das Hören und Zuhören geschrieben habe, muss ich eingestehen, dass ich selbst manchmal den unzähligen Alltagsgeräuschen entkommen möchte. In diesem Sinne: Ja, auch ich will mich isolieren, wie viele andere auch. Vielleicht ist ein Aspekt davon auch Self-Care. Heute ist Hören für viele Menschen eine fragmentierte Erfahrung, die stark von Technologie oder Streaming-Diensten geprägt ist und die eine soziale Isolation mit sich bringen kann. In meinem Buch möchte ich aber meine Gedanken über die Kraft des Hörens teilen.
Das heißt, du würdest „Liebe“ mit „Kraft“ übersetzen? Das ist interessant, denn deinen Buchtitel kann man auch mit „Hören als Lieben“ übersetzen. Dieser Titel ist spannend, verspricht er doch einen anderen Zugang zum Hören, der nicht durch Distanz oder Analyse, sondern von Liebe geprägt ist. Und nun sprichst du von der „Kraft“ des Hörens?
Ich habe dieses Wort benutzt, weil für mich Hören etwas mit Beziehung zu tun hat. Hören kann eine Verbindung herstellen, zwischen Menschen, zwischen einem Menschen und seiner Umwelt. Vielfältige Beziehungen. Obwohl ich also manchmal den Klang dieser Stadt ausblende, ist es mir sehr wichtig zuzuhören. Anderen Menschen und der Umwelt.
Und was unterscheidet liebendes Hören von bloßem aufmerksamem Zuhören? Was macht diesen qualitativen Unterschied so kraftvoll?
Ich möchte das gar nicht voneinander abgrenzen, sondern miteinander in Beziehung setzen: Aufmerksames Zuhören ist die Voraussetzung für liebendes Hören, und zugleich ist es schwierig zu lieben, ohne aufmerksam zuzuhören. Letztendlich habe ich mich für das Wort „Liebe“ entschieden, es mag abstrakt und bedeutungsoffen erscheinen, aber wenn ich von „liebendem Hören“ spreche, dann meine ich, dass man Klängen beständig Aufmerksamkeit schenkt und dass man sie stets neugierig befragt. Derart hörend verhindert man, dass Klänge vor lauter Gewohnheit überhört werden, dass sie selbstverständlich und daher bedeutungslos werden oder dass sie die Wahrheit verschleiern oder arrogant werden. Man könnte auch sagen: Liebendes Hören ist eine Art des Zuhörens, die sich weigert, voreilig über Klänge zu urteilen, und die nicht sofort Bedeutungen erkennen möchte. Ein Zuhören, das akzeptiert, dass ein vollständiges Verstehen letztendlich unmöglich ist. Wenn diese vielfältigen Bedeutungen in ein einziges Wort gepresst werden könnten, wäre dieses Wort „Liebe“. Und Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung für diese liebende Hörhaltung.
In einem Kapitel begibst du dich, angelehnt an R. Murray Schafer, auf einen Soundwalk. War das ein Versuch, genauer zuzuhören?
Eines Tages, nach meinem Unterricht an der Universität, entschied ich mich nach der Mittagspause, hinter dem Restaurant spazieren zu gehen. Üblicherweise führt meine Unterrichtstätigkeit dazu, dass ich etwas hektisch und beschäftigt bin. Und bei diesem Spaziergang versuchte ich meine Ohren zu öffnen, aber zum ersten Mal konnte ich viele Dinge um mich herum nicht wahrnehmen. Ich lief und spürte den Wind und die Atmosphäre dieser Gegend. Eine Woche später machte ich erneut diesen Spaziergang nach der Mittagspause. Und anders als beim ersten Mal konnte ich eine Vielzahl von Geräuschen und Klängen hören, obwohl es genau derselbe Ort war. Ich hörte mich selbst, den Klang meines Körpers. Ich hörte die Geräusche meiner Sneakers auf dem Boden. Raschelnde Blätter, durch die der Wind streifte. Flugzeuge, die über mir flogen. Autos. So viele Geräusche, die ich die Woche zuvor nicht wahrgenommen hatte. Ich konnte besser loslassen. Und dabei feststellen, dass ich nicht alleine war an diesem Ort. Der Ort war viel spannender als in der Woche davor. In meinem Buch habe ich das in Form eines Tagebuchs beschrieben.
Geht es also auch darum, in der richtigen Stimmung zu sein? Muss man sein hektisches Leben hinter sich lassen, um genauer zuzuhören? Ist deine Idee des Zuhörens ein spezifischer Wahrnehmungsmodus, ein Mindset?
Zum Teil. Wenn ich meinen anstrengenden Alltag hinter mir lasse und einen Spaziergang oder Ausflug mache, öffne ich meine Ohren viel weiter. Kürzlich, während eines Aufenthalts in Deutschland, fand ich es faszinierend, Vogelgesänge zu hören, die ich in Seoul kaum gehört hatte. Neugierig geworden, um was für einen Vogel es sich handelte, fand ich heraus, dass es eine Amsel war. Als es dunkler wurde, antwortete ein anderer Vogel, ein Mauersegler. Wenn ich herausfand, welcher Vogel sich hinter den unbekannten Gesängen verbarg, fühlte ich mich ihnen näher. In Zukunft, wenn ich ihre Rufe wieder hören werde, werde ich sie als Amsel und Mauersegler wiedererkennen. Obwohl es nur ein kurzer Moment war, hat sich zwischen ihnen und mir eine Beziehung aufgebaut. Aber diese Anekdote betrifft nicht nur alltägliche Umgebungsgeräusche. Sie ist genauso übertragbar auf die Stimmen von Familie und Freund:innen. Wenn ich liebend höre, kann ich Beziehungen besser spüren oder die Gedanken Anderer nachvollziehen. Wenn ich zum Beispiel den Worten meiner Mutter oder meines Vaters genau zuhöre, kann ich nicht nur ihre Gedanken, sondern auch ihre Liebe – und ich meine wahre Liebe – besser spüren.
Es geht in deinem Buch also um das Hören in einem ganzheitlichen Ansatz? Es geht dir nicht nur um Musik oder Sound Art, sondern auch um philosophische und zwischenmenschliche Fragen?
Ja, unbedingt. Und diese Fragen haben wiederum mit Musik zu tun. Letztes Jahr habe ich mich zum Beispiel mit Olivier Messiaens Orchesterstück „Chronochromie“ beschäftigt, auch unter dem Aspekt von Zeitlichkeit. Wie Messiaen den Vögeln zuhört, verbinde ich mit Timothy Mortons ökologischer Philosophie.1 Er hat ein Verständnis von Ökologie, das über bloßen Umweltschutz hinausgeht: Es gehe primär darum, unser Verhalten gegenüber unserer Umwelt zu verändern und uns selbst als Teil davon zu begreifen. Messiaen hat genau das getan. Wenn er Vogellauten zuhört, begegnet er der Natur auf Augenhöhe. Und das hat Auswirkungen auf Aspekte der Zeitlichkeit, denn Messiaen presst den Vogelgesang nicht in einen regelmäßigen Takt. Stattdessen hören wir die Zeit der Vögel. Im Sinne des Neuen Materialismus spricht, in meinen Ohren, Messiaen den Vögeln und ihren Gesängen eine Agency zu und löst damit diese Hierarchie zwischen Subjekt und Objekt auf. Und das hat nicht nur mit Ökologie zu tun, sondern ist auf unser Leben übertragbar. Und auf Musik und das Hören. Als Komponist:innen oder als Hörer:innen sollten wir daher Klang nicht als passives Objekt denken …
… sondern den Klang gewissermaßen mit Eigenleben, mit einer eigenen Handlungsmacht denken?
Ja, genau. Hier sehe ich eine Verbindung mit Timothy Mortons ökologischer Philosophie genauso wie mit verschiedenen anderen zeitgenössischen, posthumanistischen Diskursen.
___(Bei Suins Ausführungen denke ich an Donna Haraway und ihren Ausführungen zu Kinship. Damit meint Haraway ein Beziehungsnetz, das in einem aktiven Prozess des Sich-Verwandt-Machens entsteht und über das bloß passive Verwandt-Sein im traditionell biologisch-sozialen Sinn hinausgeht.2 Nach Haraway hat das Selbstverständnis von menschlicher Einzigartigkeit und Überlegenheit zu dem geführt, was wir gegenwärtig erleben: Sie sieht die multiplen Krisen der Welt, insbesondere die ökologischen, begründet in der grundlegenden Denkweise des menschlichen Individualismus, Egoismus und Exzeptionalismus in Wissenschaft, Philosophie, Politik und Ökonomie. Stattdessen regt sie zum tentakulären Denken an, das heißt: die Fühler nach möglichen anderen Gemeinschaften und Verbündeten auszustrecken, um innerhalb der Situation, in der wir uns befinden, voranzukommen.3 Haraway gehört zu den wichtigsten Vertreter:innen des Neuen Materialismus. Suin Parks Ausführungen über Messiaen und Ökologie knüpfen an diesen Diskurs an: Messiaen macht sich mit seiner Umwelt verwandt.)___
Ist dieser musikgeschichtliche und theoretische Bezug auf die Gegenwart in Seoul übertragbar? Gibt es also koreanische Komponist:innen, die sich derart mit ihrer Umwelt verwandt machen oder deren Arbeit sich durch einen öko-akustischen Ansatz auszeichnet?
Vor zwei, drei Jahren haben viele Komponist:innen sich in ihren Werken mit Klima oder Umwelt auseinandergesetzt. Vielleicht hatte das auch mit der Pandemie zu tun, dass viele koreanische Komponist:innen Fragen des ökologischen Zusammenlebens in ihren Stücken thematisiert haben.
Fassen wir „öko-akustischer Ansatz“ aber etwas weiter und verstehen den Begriff eher als post-anthropozentrische Haltung, dann ist dieser spezifische Ansatz in der Neuen Musik in Seoul bisher wenig vertreten. Wenn man über die Tätigkeit des Komponierens nachdenkt – eine Tätigkeit, die sicherlich keine leichte ist –, dann geht es schließlich darum, Klangmaterial nach dem Willen des:der Komponist:in zu organisieren. Aus Vorstellung wird Musik. Und das ist ein sehr subjektiver Vorgang, in dem es eine Hierarchie zwischen komponierendem Subjekt und klanglichem Objekt gibt. Um einmal kurz den Kontext von Seoul zu verlassen: Rama Gottfrieds Ansatz des „Situated Instrument Design“ hat mich fasziniert. All die Ebenen, die zur Musik beitragen – Performer:innen, Instrumente, Objekte, Spielfiguren, elektronische Klänge und Algorithmen, Räume –, all diese Dinge sollen in seinem Ansatz zusammenwirken und als Instrument fungieren. Die Aufgabe der Komposition bestehe nach Gottfried darin, eine Umgebung zu gestalten, in der diese Akteure an einem Ort zusammenkommen können.4 Das scheint mir eine spannende Alternative zur anthropozentrischen Komposition zu sein, die ich so in Seoul noch nicht gesehen habe.
Ich bin auf Instagram auf das „Seoul Quiet Music Network“ gestoßen, das von Uijin Oh geleitet wird. Wie du vorhin schon erwähnt hast, ist Seoul eine große laute Stadt. Sich hier mit „Quiet Music“ zu beschäftigen, das klingt reizvoll und unakademisch. Auf ihrer Instagram-Seite sind keine Konzertsäle, sondern öffentliche Räume zu sehen. Aber keine urbanen Orte, wie ich sie von einer Großstadt erwarten würde, sondern Grünflächen. Sie scheinen nach anderen Orten zu suchen, nach einer anderen Form von urbanem Leben. Nach mehr Natur.
Das glaube ich auch. Es handelt sich dabei um eine junge Generation. Sie produzieren Aufnahmen für YouTube.5
Ist das besonders für Seoul, dass diese jüngere Generation Sehnsucht nach etwas Ruhigerem hat?
Teilweise, ja. Seoul ist eine sehr dichte und folglich auch sehr laute Stadt. Nach etwas Ruhigem zu suchen ist eine Reaktion darauf. Außerdem sind sie Komponist:innen, die nach etwas Eigenem suchen. Im Vergleich zu den komplexen und dichten Klangstrukturen, die wir aus vielen zeitgenössischen Werken kennen, scheinen sie nach etwas geradezu Entgegengesetztem zu suchen.
Andererseits kann man das auch in einem strukturellen Kontext betrachten. Eine Kollegin hat die These aufgestellt, dass noch vor zehn Jahren die koreanische zeitgenössische Musik-Szene sehr institutionell geprägt war. Aber gerade beobachtet sie, dass eine jüngere Generation versucht, ihre Musik außerhalb der Institutionen und der Universitäten zu realisieren. In diesem Zusammenhang hat sie auch diesen Ort erwähnt, an dem wir uns heute treffen: „Musicspace GF“, einen der wenigen Off-Spaces für zeitgenössische Musik in Seoul.
Und verändert dieser kulturelle Wandel dann auch die Ästhetik?
Das ist eine spannende Frage. Vielleicht ist es noch zu früh, darüber eine Aussage zu treffen? Aber ja, es verändert sich gerade etwas.
___(Yongsok Lee betritt den Raum und gesellt sich zu uns. Er ist Komponist und künstlerischer Leiter des „Musicspace GF“. In der zeitgenössischen Musik-Szene Seouls ist er daher bestens vernetzt. Er schaut kurz das Instagram-Profil des „Seoul Quiet Music Network“ an und sagt: „Ich kenne sie. Sie sind oft hier, als Performer oder Zuhörer.“)___
Wir sprachen gerade darüber, dass manche jungen Komponist:innen die etablierten Institutionen verlassen. Führt das zu ästhetischen Entwicklungen oder verändert es gar das Hören? Schließlich ist es eine andere Hörumgebung als in einem Konzertsaal.
Suin Park: Vielleicht lösen sich die Grenzen etwas auf? Normalerweise hören wir im Konzertsaal aufmerksam zu, anders als im Alltag. Aber diese Unterscheidung zwischen Musikhören im Konzert und dem Hören in alltäglicher Umgebung steht zur Disposition, wenn die aufmerksame Hörhaltung den Konzertsaal verlässt und bei Performances im öffentlichen Raum angewandt wird.
Yongsok Lee: Es handelt sich nur um ein paar junge Komponist:innen. Oder sagen wir: Es fängt gerade erst an. Seit fünf Jahren betreibe ich diesen Raum als Off-Space. In ganz Seoul gibt es vielleicht noch ein bis zwei weitere vergleichbare, alternative Orte für experimentelle Musik. Nicht nur die alternativen Orte, auch die Künstler:innen sind nicht gerade zahlreich. Also ja, es gibt diese Bewegung, aber sie ist überschaubar. Es gibt elektronische Musiker:innen, die unakademische Ansätze verfolgen. Field Recording, Listening Sessions und solche Dinge. Ich spreche hier über kleine Studio-Räume, die dann als Venues für kleine Konzerte oder Performances mit zehn bis zwanzig Zuhörer:innen genutzt werden. Das ist auf jeden Fall eine andere Ästhetik, die in den Universitäten wenig und in den öffentlichen Konzertsälen, wie etwa dem Seoul Arts Center, gar nicht vorkommen. Das sind sehr konservative Konzerthäuser.
___Wir vertiefen das Gespräch, sprechen über Förderbedingungen, die Unterschiede zur Szene der bildenden Kunst in Seoul, und Yongsok stellt die Frage, wie „zeitgenössisch“ Seouls Musikszene ist. Schließlich kommen wir auf die politische Dimension des Hörens zu sprechen.___
Sich gegenseitig zuzuhören, sich wechselseitig Aufmerksamkeit zu schenken, ist eine Frage von gegenseitigem Respekt, Empathie und Interesse. In diesem Sinne sprichst du über die soziale und politische Dimension des Hörens. Wie kann die Gesellschaft von deinem Verständnis des gegenseitigen Zuhörens profitieren? Oder anders gefragt: Wie können wir dieses Verständnis von gegenseitigem Zuhören lernen oder wieder erlernen?
Suin Park: In meinem Buch schreibe ich über Noise. Noise als Lärm, aber auch als Metapher. Wenn wir zu oberflächlich hören, überhören wir viel. Und das ist eine Marginalisierung, im politischen Sinne. Noise als Metapher heißt, dass wir – und mit „wir“ verbinde ich die Macht der Mehrheit und vielleicht auch der Lautheit – uns bewusst sein müssen, dass wir marginalisierte Klänge ignorieren, bewusst oder unbewusst. Wenn ich feststelle, dass ich Andere oder Anderes ignoriere, sollte ich nochmal darüber nachdenken, was oder wen ich da ausblende.
Zu Beginn hatten wir über Noise-Cancelling gesprochen. Ist in einer Großstadt das Filtern nicht auch eine Bewältigungsstrategie, um in einer lauten Umgebung klarzukommen? Welche Klänge in Seoul werden marginalisiert und als Noise abgetan, sollten aber eigentlich genauer wahrgenommen werden?
Dazu fallen mir zwei Dinge ein: Wenn wir einerseits Noise in einem breiteren Kontext verstehen, müssen wir darüber sprechen, wie Klänge überhaupt zu „Noise“ werden. Ich sprach vorhin schon von Existenzen, die als „Noise“ ignoriert werden. Politisch gesehen ist „Noise“ also die Stimme der Randgruppen – und wenn wir unser Verständnis nicht nur auf das Menschliche beschränken, dann kann „Noise“ auch als der Klang der Umwelt verstanden werden. Die Stimme der Unterprivilegierten wird bisweilen ausgeblendet und überhört, das steht mit Ignoranz und Ablehnung in Verbindung. Ihre Stimme kann aber auch Anlass für Mitleid oder Vereinnahmung werden. Und das ist ähnlich problematisch, da sich hierdurch eine hierarchische Machtstruktur ausdrückt. In letzter Zeit beobachte ich in Korea viel Hass, zwischen Geschlechtern, Generationen, politischen Lagern und sexuellen Identitäten. Viele komplexe und schwerwiegende Probleme kommen daher, dass wir als Gesellschaft einander nicht zuhören.
Anderseits können wir „Noise“ als Soundscape verstehen. Das ist genau die großstädtische Alltagserfahrung von Klang, über die wir sprachen. Klänge zu filtern, zum Beispiel mittels Noise-Cancelling, ist eine Möglichkeit, sich seine eigene akustische Umwelt angenehmer zu gestalten. Wir sollten als Gesellschaft aber darüber diskutieren, wie unsere kollektiv genutzte akustische Umwelt angenehmer gestaltet werden könnte – und zwar jenseits von individueller Isolation. Ich habe das Gefühl, der öffentliche Klangraum ist in Seoul noch nicht besonders gut gestaltet. U-Bahn-Stationen, Parks und andere öffentliche Plätze könnten doch so klingen, dass wir gerne zuhören. Dieser Ansatz scheint noch nicht sonderlich konkret zu sein, aber wenn wir mal unsere Kopfhörer abnehmen und uns auf die Geräuschkulisse einlassen würden, könnten wir diskutieren, welche Geräusche notwendig sind, welche leiser gestellt werden sollten und wie wir die unterschiedlichen Geräusche besser und angenehmer aufeinander abstimmen könnten.
Das Gespräch fand am 09.05.2026 statt.
1 Morton, Timothy: “The Ecological Thought”, Harvard University Press 2010.
2 Vgl. Haraway, Donna: „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“, Frankfurt: campus 2018.
3 Vgl. Haraway 2018, S. 47–83.
4 https://youtu.be/kKa5eMVmBb0?si=uISjeb4ffl93iRSS
5 https://www.youtube.com/@seoulquietmusic
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