Es geht um mehr
InterviewGedanken zur aktuellen GEMA-Reform
Hanna Fink spricht mit zwei Vertretern der Fachgruppe E-Musik im Deutschen Komponist:innenverband (FEM+) über die anstehende GEMA-Reform: mit Johannes K. Hildebrandt, Komponist und Vorsitzender der FEM+ sowie im Vorstand des DKV, und mit Alexander Strauch, zweiter Vorsitzender in der FEM+, außerdem Delegierter von DKV und FEM+ im Europäischen Komponist:innenverband.
Die Fachgruppe E-Musik wurde 2011 gegründet. Ihre Mitglieder sind ausschließlich Mitglieder des DKV, diese sind zum Teil auch Mitglied in anderen Verbänden.
Hanna Fink: Die GEMA ist eine Verwertungsgesellschaft. Warum sollten Komponist:innen der zeitgenössischen Musik überhaupt Teil der GEMA sein, was haben sie davon?
Alexander Strauch: Komponist:innen jeder Sparte und jedes Genres sollten Mitglied der GEMA sein, denn für das Komponieren ist die Verwertung der Urheberrechte essenziell. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des Einkommens. Und die GEMA arbeitet im Sinne einer kollektiven Rechtewahrnehmung, das ist ein stehender Rechtsbegriff, sprich: Man hätte ein Problem, wenn man nur für sich selbst stehen würde.
Unterstützen diejenigen, die viel verdienen, andere, die weniger verdienen? Ist es so einfach?
Johannes K. Hildebrandt: Wir haben bisher eine kollektive Verteilung: Alles, was in Sparte E [ernste Musik] erwirtschaftet wird, kommt in einen großen Topf und wird dann verteilt, und zwar nicht geteilt durch die Summe aller Aufführungen. Geteilt wird immer nach Besetzung und Dauer der Werke, egal ob es ein großes Konzert in einer Philharmonie oder in irgendeiner kleinen Galerie ist. Das bedeutet für „die Kleinen“ natürlich einen Ausgleich.
AS: Man kann auch sagen: Es wird umverteilt von oben nach unten. Für viele der prominenteren Vertreter:innen in E ist das System unterstützenswert, weil es dem Nachwuchs zugutekommt, wie es ihnen selbst auch einmal zugutegekommen ist.
JH: Das ist ganz einfach ein solidarisches System.
AS: Innerhalb der Szene wird das als solidarisch betrachtet, ja. Ob das System solidarisch ist, ist eine andere Frage. Es ist kollektiv, aber wir sehen das intern als solidarisch an. Die Frage ist natürlich, wie das ausländische Rechteinhaber:innen sehen.
Stimmt die vielbemühte These, dass Urheber aus der Sparte U (Unterhaltungsmusik) die E-Musik stützen?
AS: Die Verteilung, über die wir soeben sprachen, bezieht sich direkt auf Aufführungen und Konzerte. In beiden Bereichen [E und U] gibt es die Förderung von besonderen Leistungen und Werken, das ist die Wertung. Förderungswürdig ist natürlich jede Leistung. Das heißt, selbst in einem großen Wertungssystem erhält auch ein Werbetrailer eine gewisse Unterstützung und Förderung. Aber es gab eben mal eine Zeit, zu der man die zeitgenössische Musik besonders unterstützen wollte. Aufgrund dessen gibt es die Wertung für die U-Musik und die Wertung für die E-Musik.
Jede Musiknutzung bisher hat einen Abzug von zehn Prozent. Dieses Geld wandert in einen großen Topf. Davon werden beispielweise soziale Mittel abgezogen für eine Sozialkasse. Die restlichen Mittel werden dann ungefähr wie folgt verteilt: Ein Drittel geht an die E-Musik, zwei Drittel gehen an die U-Musik.
Die E-Musik nimmt nicht an der Wertung U teil und die U-Musik nimmt nicht an der Wertung E teil. Dieser strukturelle Ausgleich steht jetzt zur Disposition.
Mitglieder aus der Sparte U möchten nun gerne „mehr vom Kuchen“, da sie viel Geld in den Topf einbringen würden. Es wird dabei aber übersehen, dass die ganzen Einnahmen, die zehn Prozent bringen, massiv vom hohen Anteil des Auslandsrepertoires gestützt sind und dadurch eben auch schon gefördert werden. Die E-Musik wird natürlich stärker gefördert, weil wir hier weniger Aufführungen haben.
Inwiefern sind Komponist:innen Neuer Musik aus Sparte E in Führungspositionen der GEMA und damit am Verhandlungstisch für jetzige und zukünftige Reformen vertreten?
AS: Die Personen im Aufsichtsrat werden alle drei Jahre von der Mitgliederversammlung gewählt. Lange Jahre war Charlotte Seither im Aufsichtsrat der GEMA, sie wurde also von allen Mitgliedern, egal ob E oder U, gewählt und bestätigt. Dass die Sparte E im Aufsichtsrat mit einer gewählten Person vertreten ist, hat sich mit dem Ende der Tätigkeit von Charlotte Seither geändert.
JH: Das reguläre Prozedere ist, dass ein:e Stellvertreter:in nachrückt. Auf Charlotte Seither folgte auf dem Aufsichtsratsposten Michelle Leonard, die bislang stellvertretendes Aufsichtsratsmitglied war und nicht der Sparte E zuzuordnen ist. Das bedeutet: Wir Komponist:innen sind momentan mit keiner gewählten Person vertreten.
AS: Es wurden zwar zwei Personen als stellvertretende Mitglieder des Aufsichtsrats berufen (Johannes X. Schachtner aus der E-Musik und Monika Roscher aus dem Jazz), aber das Problem ist: Sie sind erst dann voll stimmberechtigt, wenn ein volles Mitglied verhindert ist. Die nächste Wahl, zu der wir selbst wieder Personen als volle Aufsichtsratsmitglieder vorschlagen können, ist erst 2027.
JH: Es gibt im Aufsichtsrat keine spartenzugehörige Quotierung irgendeiner Art. In der Struktur des Aufsichtsrats spiegelt sich das, was bei Verteilung und Wertung real passiert, nicht wider.
AS: Genau das ist das Problem: dass wir so schwach vertreten sind. Schauen wir zum Beispiel auf Verwertungsgesellschaften in Skandinavien: Dort hat jede Sparte ihren eigenen Verband und der oder die Verbandsvorsitzende ist automatisch Mitglied im Board der dortigen Verwertungsgesellschaft. Da gibt es auch Probleme, das ist klar. Es sind dort auch Unabhängige vertreten, aber das ist ein viel ausgeglicheneres System als das hiesige, weil sich alle zumindest im Board gleichberechtigt wiederfinden.
Von wem kommt der Wunsch nach einer Reform?
AS: Aus der U-Musik. Klar ist: Es gibt immer Reformbedarf. Wenn ein System über so viele Jahre läuft, muss man verbessern und verändern, das ist ganz normal. Wir sind für Reformen, machen Vorschläge, Anträge usw. Allerdings stellt sich die Frage, warum die Sparte U nicht erstmal die eigene Wertung überarbeitet, da sie immerhin zwei Drittel des Topfes erhalten. Warum können sie den eigenen Nachwuchs nicht so fördern wie gewollt?
JH: Das System, das wir heute haben, gibt es seit ca. 70 Jahren. Über einen so langen Zeitraum können sich natürlich auch Verschiebungen ergeben, die Nachbesserungen brauchen, und zwar innerhalb des Systems. Diese Notwendigkeiten haben wir über viele Jahre in Ausschüssen diskutiert und nach Lösungen gesucht. Dabei haben wir erstmal nur bei der Verteilung innerhalb der Sparten angefangen, also: Wie können wir gewisse Schieflagen in der Verteilung zeitgemäßer gestalten? Irgendwann kam dann ein Sprung, es hieß, wir müssten auch über die Wertung reden.
Die Wertungsfrage in Sparte E ist also der Kern der Debatte?
AS: Ja. Wie gesagt: Es gibt immer Probleme, aber die gibt es ja auch in der U-Wertung. Der E-Wertung wird zum Beispiel unterstellt, dass zu viele Künstler:innen aus der Boomer-Generation profitieren. Aber das Generationsproblem kommt ganz massiv in der GEMA selbst an: Relativ wenige junge Leute machen Musik im Vergleich zu den unglaublich vielen älteren. Aber das liegt vielleicht auch einfach am demografischen Wandel.
Die GEMA äußert sich dahingehend, dass die Sparten aufgehoben, verändert werden. Aber das ist im Grunde ein Facelifting: Aus E wird CCL, „Contemporary Classic Live“. Und aus U wird „Live“, was natürlich auch ein Problem ist, weil U-Musik nicht nur live stattfindet. Das System wird in sogenannte Teilkulturen zerlegt. Dadurch soll eine Gleichberechtigung entstehen, auch unter dem Signum, den Nachwuchs zu fördern.
JH: Die GEMA in sich ist aufgrund dieser Vielspartigkeit ein hochkomplexes System. Man muss sich klarmachen, dass die E-Musik innerhalb der GEMA ein ganz kleines Bausteinchen ist. Da fließt nicht viel Geld hin, es ist ein lächerlich kleiner Betrag in Anbetracht der Verhältnisse. Vor zwei Jahren hatte die GEMA ein Gesamtinkasso von ungefähr 1,3 Milliarden Euro. Und wir reden hier über einen Betrag in der Wertung zwischen 12 und 13 Millionen.
AS: Dasselbe haben wir auch in der Verteilung. Hier reden wir über 14 bis 15 Millionen. Im Vergleich zu dem Gesamtinkasso ist das nicht viel.
JH: Die GEMA hat ca. 90.000 Mitglieder alleine in der Sparte U. Wenn man diesen kleinen Betrag aus der bisherigen E-Förderung auf U verteilt, was kommt denn dann dort an? Das sind lächerliche Mikrobeträge, die nicht zielführend sind, wenn man wirklich etwas fördern will. Wir sehen die Probleme. Aber die Lösung kann nicht die Reform von E sein, sondern dann muss man auch in U reformieren, und zwar nicht nur oberflächlich.
Was wird denn eigentlich diskutiert?
JH: Es gibt eine globale Tendenz, nicht nur in der Musik, sondern in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, hin zu einer Kommerzialisierung. Was kommerziell erfolgreich ist, ist gut.
Kunst wird zwar wertgeschätzt, wird aber einem Kommerzialisierungsdrang unterworfen, den sie nicht realisieren kann?
AS: Ganz stimmt es nicht, es ist ja auch nach wie vor Förderung vorgesehen, ein besonderer Zuschlag. Aber den Zuschlag bekommt man erst, wenn man in der Verteilung einen gewissen Erfolg hat.
Bislang war es in der Verteilung so, dass man dasselbe Geld für dasselbe Stück bekommen hat und dadurch Zugang zur E-Wertung relativ gleichmäßig erreicht werden konnten, egal wo die Werke gespielt worden sind. Das war das kollektive und dadurch solidarische Prinzip. Ab jetzt soll hier ein Unterschied gemacht werden: Ein Local wird im kommunalen Förderbereich durch die Direktverteilung wenig Geld einnehmen. Das hängt u.a. auch an kommunalen Förderlogiken (Projekte werden häufig bevorzugt gefördert, wenn möglichst viele Leute durch keine oder geringe Eintrittspreise partizipieren, was wiederum nur wenige Einnahmen bedeutet). Einige werden diese Grenze erreichen, um am Zuschlag teilzuhaben, andere nicht. In der Verteilung erhält definitiv der Kommerz extrem höheren Anteil, durch weitere Effekte wie Berücksichtigung von guten Besprechungen erfolgreicher Werke in neuen, automatisierten Ausleseprozessen auch in der Förderung. Dieses System mag vielleicht in anderen Bereichen wie der Clubkultur Sinn ergeben. Aber hier werden Maßstäbe angesetzt, die im Grunde dem Wirkmechanismus einiger Genres auf dem Musikmarkt gar nicht entsprechen können.
Wer entwickelt die Ideen für die Reform?
JH: Ein ganz großes Problem mit der Reform ist genau diese Frage: Wer entscheidet? Bisher sind das alles demokratische Prozesse gewesen.Von der Mitgliederversammlung wurden bestimmte Ausschüsse gewählt, die dann zum Beispiel in der Wertung verhandeln oder im Werkausschuss Musik einstufen. In Ausschüssen besteht bisher die Regel, dass Aufsichtsratsmitglieder nicht reingewählt werden dürfen. Die sind natürlich immer mit einem oder einer Delegierten vertreten, der oder die aber kein Stimmrecht hat. Nach dem neuen Prinzip soll das mehr oder weniger vom Aufsichtsrat festgelegt werden. Der Aufsichtsrat sitzt selbst eigentlich immer mit in dem Gremium, das dann darüber entscheidet, wie dieses Geld verwendet wird. Die Mitglieder werden kaum noch eine Mitbestimmungsmöglichkeit haben.
AS: Es gab Ausschüsse, einen für die Wertung U und einen für die Wertung E. Der Ausschuss für die Wertung U wird erhalten, es wird dort aber eine:n E-Delegierte:n geben, die oder der nur in Belangen der E-Musik mitreden und ihre oder seine Expertise zu allen anderen Bereichen nicht einbringen darf. Und dann soll es eine Förderkommission geben anstelle des bisherigen E-Wertungsausschusses. Diese Förderkommission soll ab jetzt nicht mehr aus drei Gewählten aus der Mitgliederversammlung bestehen, sondern aus drei Ausschussmitgliedern, die vom Aufsichtsrat nominiert werden.Der Aufsichtsrat soll sich selbst mit drei Personen nominieren. Und der Aufsichtsratsvorsitzende wird wohl in Pattsituationen entscheiden.
Die GEMA steht vor großen Herausforderungen, es drohen massive Einnahmeverluste durch den Einsatz von KI. Kommt man um die Reform überhaupt herum?
JH: Ich habe den Untergang der GEMA schon sehr oft prognostiziert bekommen, beispielsweise als das Internet kam. Aber es haben sich letztlich neue Absatzmärkte entwickelt. Bezüglich der Diskussionen um KI: Es kommt darauf an, wie gut die GEMA mit den entsprechenden Firmen verhandelt und wie das rechtlich abgesichert wird. Die GEMA macht hier einen super Job. Sie sollte sich darauf konzentrieren, wirklich etwas für die Mitglieder herausholen, und dann schauen, wie man es wirklich gerecht und gut unter den Mitgliedern verteilen kann. Aber diese globalen Probleme mit der kleinen E-Wertung lösen zu wollen, ist unglaubhaft.
AS: Die KI-Debatte ist, glaube ich, genauso wie das Thema Streaming ein sehr gutes Droh-Szenario.
Wie sieht der Fahrplan für die Reform aus?
AS: Es gab jetzt einen Vorschlag des Aufsichtsrats, dazu dürfen sich alle Beteiligten verhalten. Dann kommt im Mai die Mitgliederversammlung, dort wird über die Vorschläge abgestimmt.
JH: In der Mitgliederversammlung sitzen die ordentlichen Mitglieder der GEMA. Um ein ordentliches Mitglied zu sein oder werden zu können, muss man ein gewisses Mindestaufkommen haben. Wenn man das nicht hat, wird man auch kein ordentliches Mitglied. Und dann kann man auch nicht in die Versammlung und mitbestimmen, außer man lässt sich delegieren. Würde die Reform so umgesetzt wie angedacht, kann man absehen, dass es für E-Komponist:innen kaum noch bis überhaupt nicht mehr möglich sein wird, diese Stufe zur ordentlichen Mitgliedschaft zu erreichen. Das heißt, dass wir Komponist:innen eigentlich lang- oder mittelfristig aus der Mitbestimmung ausgeschlossen werden.
AS: Die Zugangsbedingungen ändern sich für uns nicht. Das klingt zwar schön, aber wie gesagt: Unser Aufkommen würde sinken, und dadurch wird es erheblich schwieriger. In der jungen Altersklasse werden es weniger Komponist:innen schaffen, ordentliches Mitglied zu werden, obwohl eigentlich der Nachwuchs gefördert werden soll.
JH: Und wenn man als Komponist:in älter wird, rutscht man aus den Fördersystemen raus, weil eben auch andernorts Nachwuchs gefördert werden soll, was dann wieder zur Folge hat, dass es noch länger dauern wird, ordentliches Mitglied zu werden.
Was sind die drei größten Kritikpunkte der FEM+ an den Reformvorschlägen?
AS: Wir wissen, dass eine Reform notwendig ist. Momentan fehlen noch Verlustzahlen. Es fehlt eine saubere, demokratische, satzungsgemäße Verankerung der Minderheitenrechte der Sparte E. Und die Verlustspanne ist, selbst wenn die Zahlen kommen, einfach zu hoch, auch mit Übergangszeiten. Im Prinzip besteht die reale Gefahr, dass ein ganzer Berufsstand wegbrechen wird. E-Komponist:in zu sein wie bisher, wird nicht mehr gehen. Man kann dann E-Komponist:in sein, wenn man sehr erfolgreich ist, oder man muss noch stärker auf das Patchwork von Nebenjobs zurückgreifen.
JH: Verlust – und zwar nicht nur finanziell, sondern auch Verlust an demokratischer Mitbestimmung. Das ist eigentlich viel wichtiger, weil die Finanzen und alles andere Folgen sind. Aber zunächst einmal wird die demokratische Mitbestimmung beschnitten. Und ja, der finanzielle Verlust ist natürlich verheerend.
AS: Das hat Auswirkungen natürlich auch auf das Kulturleben an sich. Es wird Zeichen setzen im Bereich des Radios, im Bereich der Förderbudgets, in der Ausbildung. Dieses Ausspielen der Genres gegeneinander, womit Stimmung gemacht wird – das ist eine Stimmung, die ja sowieso in der Gesellschaft fokussiert wird –, das ist die noch größere Gefahr. Nach draußen getragen wird sie insgesamt eine Spaltung im Kulturleben bringen.
JH: Diesen Verlust an Mitbestimmung darf man nicht begrenzen auf E, sondern der betrifft alle Sparten. Das muss allen klar sein. Wer weiß, was als Nächstes für eine Reform kommt? Und es wird eine kommen, davon gehe ich aus.
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