GEMA und KI – eine Invektive

Glosse

Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein – GEMA und KI.

Und wie oft bei der Liebe, setzt der Verstand völlig aus und man schaut sich gegenseitig wie zwei Kühe in die großen Augen. Und ob die Liebe beständig sein wird, das ist alles andere als sicher. Aber was kümmert es, wenn erst mal das Gefühl, das man getrost auch in „Kalkül“ übersetzen kann, vorherrscht.

Die GEMA-Oberen fantasieren von KI als Bewertungstierchen für Musik, wobei bislang in keiner Weise transparent wird, nach welchen Kriterien diese gefüttert würden, und sie wahrscheinlich nur mit besagten Kuhaugen auf die Werke glotzen könnten. Notenlesen oder gar Zuhören werden sie nicht können, also bleibt nur die alte Methode der Bewertung danach, ob besagte Werke lang oder groß besetzt sind oder, was wahrscheinlicher ist, ob sie Massen anziehen und Kasse machen. Eine solche KI würde alles aussortieren, was nicht gleich nach Geld riecht, weil die KI selbst ein neoliberales „Wesen“ hat. Denn diese Technik wird bekanntlich von wenig kunstaffinen, neoliberalen Leuten erfunden, wie wir von den Segnungen des Silicon Valley her wissen sollten. Empathie, Geschichtsbewusstsein oder Kunstsinn kennt sie nicht. Das, was KI repräsentiert, findet man also nur gut, wenn man diese Eigenschaften ebenfalls nicht besitzt und nicht wertschätzt. Das Wort „Wert“ ist den GEMA-Oberen wichtig, aber sie haben davon offenbar einen sehr eingeschränkten Begriff. KI kommt gern modern und zukunftsorientiert daher, blickt aber meist nur auf das Jetzt, vorausgesetzt, eine KI kann überhaupt etwas erkennen. Geschichtsbewusstsein ist aber bekanntlich nicht allein eines für die Vergangenheit und schon gar nicht nur für das Gegenwärtige, sondern vor allem auch ein Bewusstsein für die Zukunft. Das geht einer KI, die Kunst beurteilen soll, „naturgemäß“ ab – und ihren Erfinder:innen und Verehrer:innen „naturgemäß“ auch. 

Nun hat KI aufgrund dieser Eigenschaften auch eine andere Seite, denn sie bewertet nicht nur, sondern kann auf diesem unterirdischen Niveau (aber auch nur auf diesem) viele Dinge rasend schneller als Menschen. Dieselbe KI, in die die GEMA-Leitung verliebt ist, wird zahllosen der sogenannten U-Komponist:innen die zukünftigen Einkommen ruinieren, weil sie das, womit jene ihr Geld verdient haben, heute schon viel schneller kann. Das gleiche „Tool“, das Kunst bewerten soll, erzeugt auch das Prekariat. Seltsamerweise sind diese Mechanismen aus früheren technischen Revolutionen schon hinlänglich bekannt und könnten, wenn die GEMA als Gesellschaft gesellschafts-, kultur- und kunstbewusster statt – mit Verlaub – so kuhäugig wäre, vermieden oder es könnte zumindest intelligenter und nicht so markideologisch damit umgegangen werden. Dafür bräuchte es allerdings wieder Geschichtsbewusstsein, Empathie und Kunstsinn. Doch leider beweisen die GEMA-Oberen, dass sie keine dieser Eigenschaften besitzen, indem sie Unterschiede nivellieren, Vielfalt nur zum Schein unterstützen und zu Monokultur reduzieren wollen. Nun könnte man denken, wenn die GEMA metaphorisch als Kuhtier in die Welt schaut, sie hätte vielleicht einen Sinn für die Bedeutung von Artenvielfalt, aber es scheint eher, die Kuh ist eine Maschine und soll immer die gleiche scheinvielfarbige Milch geben. Das wäre nur konsequent im Sinne der neoliberalen Logik, die auch unsere Tierhaltung bestimmt. Am Ende siegt, wer den Markt beherrscht, aber nicht die Musik.

Wer weiß, dass das Wort „Kultur“ aus der Landwirtschaft stammt, wird den Vergleich sofort verstehen, und da ich aus einer jahrhundertealten Bauernfamilien stamme, liegt es mir fern, wirkliche Kühe für dumm zu halten. Und übrigens: Die KI kann wirklich gar nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist, aber Leute, die sie so gestalten und so verbreiten wie die verliebte GEMA, können sehr wohl etwas dafür.

Was bleibt? U- und E-Komponist:innen werden nicht mehr so heißen, aber beide werden ins Prekariat gedrängt. Es ist ein Trick der GEMA-Leitung, die U- und E-Leute gegeneinander aufzubringen, so dass am Ende nur ganz wenige Player auf der neoliberalen Seite profitieren werden. Die GEMA reduziert damit jegliche Musik auf verwertbare Billigware. Genau das stellt ein krasses kulturpolitisches Versagen der GEMA-Leitung dar und hat nichts mit dem Unterschied von U und E zu tun. Die GEMA-Leitung verhält sich ruinös, weil sie keinen Sinn für Ruinen hat, sie redet laut und mit großen Worten, weil sie keine Empathie besitzt, und sie betrachtet Musik bloß als „wertschöpfende“ Ware, denn ihr fehlt jeglicher Sinn für das Unbekannte, ohne den Musik und die Menschen nicht leben können.

All das wird Künstler:innen – egal in welcher Sparte – am Ende nicht daran hindern, Kunst zu schaffen. Es ist aber schockierend, wie kaltherzig, blind und gleichzeitig auf arrogante Weise Gerechtigkeit behauptend (ich verweise auf die herablassende Antwort von Herrn Oeler auf das Schreiben der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen) die geplante sogenannte GEMA-Reform ist, die sich mit KI als Braut so modern gibt. Aber Vorsicht: In letzter Zeit haben sich, wie im Internet zu erfahren war, zahlreiche Anhänger der MAGA-Bewegung fälschlicherweise in eine KI-generierte junge Soldatin verliebt. Der GEMA-Leitung könnte es ebenso ergehen.

Ich wünsche der jungen Liebe zwischen GEMA und KI alles Gute und viele spannende Erfahrungen nach den Flitterwochen!

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