Die GEMA baut um.

Kommentar

Kritischer Kommentar zum Reformvorhaben

Die GEMA legt ihren Mitgliedern zum zweiten Mal einen Antrag zur Neuordnung der Kulturförderung vor. Er reicht weit über das Konzept einer Kulturreform hinaus. Im Kern stimmt die Mitgliederversammlung am 6./7. Mai 2026 über eine kategoriale Neuordnung der Verwertungsgesellschaft ab. Dabei geht es nicht nur um die Aufhebung der Kategorien E / U oder um die Öffnung der Kulturförderung für alle Genres. Zielsetzung ist ein grundlegender Systemwechsel, der von der Verteilung in der Sparte E bis hin zum politischen Umbau der Gremien reicht: Das Inkasso-Prinzip wird zur neuen Grundarchitektur der GEMA, aus der sich neue Hierarchien und neue Machtansprüche ableiten lassen.

Worum geht es? Die Reform ordnet neu, wer über wen bestimmt. Wer viel erwirtschaftet, entscheidet jetzt nicht nur über sich selbst, er entscheidet auch darüber, welche Stellung anderen im Hierarchiesystem der GEMA zukommt. Wer wenig verdient, ist und bleibt dauerhaft machtlos. Wenn das Sparteninkasso also als Argument dafür herhalten muss, ob die E-Musik in der Kommission der Allgemeinen Förderung ein volles oder nur ein halbes Stimmrecht erhält, wenn Zugangshürden zu Wertungsgruppen oder der Ordentlichen Mitgliedschaft für E faktisch nicht mehr erreichbar sind, dann verschiebt sich die politische Macht im Wertungsaufstieg, aber auch mit der Partizipation an den Gremien kontinuierlich weiter in Richtung U. Es sind viele kleine Hebel, die genau dieser Tendenz folgen – in der Summe katapultieren sie die Sparte E aus der faktischen Relevanz. Im Ergebnis führt all dies zur Tatsache, dass Wertungsaufstieg oder politische Macht ohne einen maßgeblich kommerziellen Erfolg nicht mehr zu haben sind. Die Pyramide des Kapitals deckt sich geradezu passgenau mit der Pyramide der politischen Macht (Entscheidungsmacht in den Gremien). Bislang wurde Einkommen aber eben nur relativ, nie absolut bewertet: Wer bisher als Top-Earner in der Sparte E gewirkt hat, ging dabei stets auch als Top-Earner aus dem Rennen. Wer mittelständisch war, wurde am gleichberechtigten Mittelstand E gemessen. Die Reform aber unterwirft nun auch die Sparte E neuen Maßstäben, nach denen selbst ein Spitzenverdiener – wird er jetzt am Einkommen U gemessen – nur noch als mittelmäßig relevant gelten kann. Dass ein durchschnittlich wertungsrelevantes Tantiemeneinkommen U mit 10.774 Euro gut fünf Mal so hoch ist wie in E (1.685 Euro), wird an vielen Stellen des neuen Systems ausgeblendet. Ein E-Komponist kann sich damit nur noch über eine maßgebliche Kommerzialisierung seines Schaffens retten. Mit fatalen Folgen: Nichts ist kurzlebiger, nichts inflationiert das Schaffen der E-Musik mehr als die vordergründige Orientierung am Markt. Mit der Reform verliert die E-Musik somit nicht nur Einkommen, Wertungsaufstieg und politische Entscheidungsmacht: Sie verliert vor allen Dingen ihre konzeptionelle Unabhängigkeit gegenüber der Vormacht einer Inkasso-Ökonomie.

Der Text wurde am 29. April, also über eine Woche vor der zweiten Abstimmung, in der MusikWoche veröffentlicht:
musikwoche.de/recorded-publishing/gema-kulturfoerderung-charlotte-seither-sieht-reform-kritisch

Logo
Sie schätzen Musikjournalismus?

Unser Angebot ist kostenfrei. Warum? Weil wir der Meinung sind, dass Qualitätsjournalismus für alle verfügbar sein sollte. Mit dieser Einstellung sind wir nicht alleine: viele Leser:innen schätzen unser Engagement. Mit Ihrer Unterstützung können wir weitermachen. Nutzen Sie jetzt unser Spendenabo (schon ab 6 Euro) oder werden Sie Fördermitglied – und damit Teil unserer Community!