Viel Lärm um … was eigentlich?
KommentarZur Reform der GEMA Kulturförderung
Zwei Jahre lang wurde nun über eine Reform der Kulturförderung der GEMA diskutiert und gestritten. Anträge wurden erarbeitet, verändert, letztes Jahr abgelehnt, überarbeitet, wieder diskutiert, um Alternativ- und Ergänzungsanträge erweitert. Bei der GEMA Mitgliederversammlung am 6./7. Mai 2026 in Berlin wurde dann der etwa 50 (!) Seiten umfassende Antrag „zur Verteilung für zeitgenössische Kunstmusik und Neuausrichtung der kulturellen Förderung der GEMA“ mit relativ deutlicher Mehrheit angenommen.
Bereits über die Sinnhaftigkeit der Neugestaltung der „Verteilung für zeitgenössische Kunstmusik“ ließe sich trefflich streiten: So wurde die Verteilung für die zeitgenössische Kunstmusik von einer am Werk orientierten Verteilung der Tantiemen auf eine am Inkasso der jeweiligen Veranstaltung orientierte Verteilung umgestellt.1 Zudem wurden in diesem Zusammenhang „E-Konzerte“ in „CCL“ (Contemporary Classic Live) umbenannt.2 Darüber hinaus wurde die Verteilung der Rundfunk-Tantiemen vereinfacht und auf ein schlichtes Minuten-Inkasso ohne besondere Berücksichtigung der Besetzung der gesendeten Werke geändert. Bereits dies, so denke ich, ist keine gute Entwicklung!
Was wurde aber nun in Bezug auf die im Vorfeld am intensivsten und am kontroversesten diskutierte „Neuausrichtung der kulturellen Förderung der GEMA“ beschlossen?
Für die meisten gar nicht so viel: Zunächst einmal bleiben 70 % der gesamten Fördergelder, die bisher in der „Wertung U“ verteilt wurden, unverändert. Sie heißen allerdings jetzt „Allgemeines Wertungsverfahren“ und sind auch für „E“-Komponist:innen und deren Verlage offen. Lediglich die 30 %, die bisher in der „Wertung E“ verteilt wurden, wurden umstrukturiert: Ein Drittel davon bleibt als „Fokusförderung CCL“ der zeitgenössischen Kunstmusik erhalten. Zwei Drittel davon sollen „genreoffen“ neu verteilt werden, vor allem in der neu geschaffenen Förderung „Fokus Repertoire“.
Was im Bereich der „Fokusförderung CCL“ verteilt wird, ist in seiner Systematik durchaus eine Verbesserung. Wurden in der bisherigen „Wertung E“ prozentual zum Aufkommen vor allem die Komponist:innen besonders gefördert, die viele Mitgliedsjahre und ein ohnehin schon hohes Tantiemen-Aufkommen hatten, so wird nun jedes berücksichtigte Werk auf gleiche Weise gefördert. Und mit einer Deckelung der Förderung auf maximal drei Aufführungen pro Werk und Jahr wird sogar eine Fokus-Verschiebung hin auf experimentellere Kompositionen und Werke jüngerer Komponist:innen angestrebt. Das alles ist durchaus klug überlegt, wäre da nicht die Reduzierung der Fördergelder in diesem Bereich um zwei Drittel (von 30 % auf 10 % der Kulturförderung), die dazu führt, dass alle zeitgenössischen Komponist:innen und deren Verlage deutlich weniger bekommen werden und lediglich die Einbußen für jüngere und experimenteller arbeitende Komponist:innen wahrscheinlich nicht ganz so verheerend sein werden.
Was mich persönlich verwundert, ist, dass es unter den Urheber:innen – gerade auch denjenigen außerhalb der zeitgenössischen Kunstmusik! – keinen größeren Aufschrei gegen das gegeben hat, was mit den restlichen 90 % der Kulturförderung (70 % „allgemeines Wertungsverfahren“, 20 % „Fokus Repertoire“) geschieht:
Die 70%, die dem allgemeinen Wertungsverfahren zufließen, folgen weiterhin der gleichen ungerechten Systematik wir zuvor auch die „Wertung E“: besondere Förderung der großen Einkommen und der langjährgen GEMA-Mitglieder. Ich hoffe sehr, dass eine Reform der allgemeinen Wertung jetzt als nächstes in Angriff genommen wird: hin zu einer Förderung, die in allen Genres gezielt die Nische, das Experimentelle und Nicht-Kommerzielle im Blick hat.
Und was den „Fokus Repertoire“ betrifft, so scheint sich abzuzeichnen, dass hier zwar mit etwa 20 % der gesamten Fördergelder relativ viel Geld verteilt wird,3 dies aber niemandem richtig hilft. Folgendes ist geplant: Jede:r Urheber:in kann pro Jahr ein (!) Werk einreichen, das er/sie für besonders förderungswürdig hält. Die nach einem noch zu erarbeitenden Verfahren (Kriterien einer Förderkommission / algorithmisches Auswerten der Kriterien durch eine KI / Juryentscheid / ???) in unterschiedlichen „Teilkulturen“ am höchsten „gescorten“ Werke sollen einheitlich etwa 1.000 Euro Förderung bekommen. 1.000 Euro – das klingt erst einmal schön. Wenn man aber bedenkt, dass bei den allermeisten Werken mehrere Beteiligte (Musik/Text/Verlag) sich diese 1.000 Euro teilen müssen und dass angesichts der Fülle der GEMA-Mitglieder und der begrenzten Fördersumme höchstwahrscheinlich bestenfalls alle zwei bis drei Jahre ein „gefördertes Werk“ dabei ist, bedeutet das, dass die allermeisten Urheber:innen im Durchschnitt nicht mehr als ca. 200 bis 250 Euro pro Jahr an Förderung „Fokus Repertoire“ erhalten. Das hilft letztlich niemandem! Hier zeigt sich nahezu exemplarisch: Wenn man relativ wenigen Personen viel nimmt und das auf relativ viele verteilt, bleibt für jede:n wenig übrig. Das genaue Gegenteil also von dem, was der eigentliche Kerngedanke einer „Förderung“ ist. Ich bin sehr gespannt, ob „Fokus Repertoire“ in den kommenden Jahren nicht doch noch eine deutliche Umgestaltung erfahren wird!
So, wie es jetzt beschlossen wurde, ist es also eine Reform, die einigen schadet (den Urheber:innen und Verlagen, die früher „E“ waren), aber niemandem richtig nützt …
Welche Auswirkungen hat diese Reform jetzt aber für die Verlage zeitgenössischer Kunstmusik? Bisher bildete die „Wertung E“ ja für sehr viele einen großen, oftmals den deutlich größten Teil ihrer GEMA-Einnahmen. Wenn diese nun signifikant sinken, bedeutet das, dass größere Verlage Mitarbeiter:innen entlassen müssen (was natürlich zu weniger Service – gerade auch für die verlegten Komponist:innen – führen wird), dass einige kleinere Verlage vielleicht sogar aufgeben oder ihr Geschäftsfeld auf Bereiche außerhalb der „E“-Musik umstellen müssen. Und die Verlage werden versuchen, ihre Einnahmen – wo es noch möglich ist – zu erhöhen: Aufführungsmaterial (Kauf- wie Mietmaterial) von urheberrechtlich geschütztem „GEMA-Repertoire“ wird sicherlich deutlich teurer werden, um über die Notenpreise zumindest einen Teil der zurückgehenden GEMA-Einnahmen zu kompensieren. Und sie werden darauf hinwirken, dass die Tarife der GEMA für „CCL“-Konzerte, die für Veranstalter:innen bisher im Vergleich zu finanziell ähnlich ausgestatteten „U“-Konzerten zumeist deutlich günstiger sind, diesen ein wenig angepasst und damit deutlich angehoben werden, dass also ein Teil der niedrigeren Förderung auch durch eine höhere Verteilung kompensiert werden kann.
Welche Auswirkung das alles wiederum auf den Kulturbetrieb selbst haben wird, muss sich zeigen. Im Sinne der Urheber:innen und ihrer Verlage kann man nur hoffen, dass vor allem die Veranstalter:innen geförderter/subventionierter Konzerte und Festivals ein Verständnis dafür entwickeln, dass in Zukunft nicht nur die Musiker:innen, Orchester, Chöre, Technik und natürlich die Veranstalter:innen selbst von den erhaltenen Subventionen, Förderungen oder Projektgeldern profitieren, sondern in angemessenem Maße (über eine höhere Notenmiete und höhere GEMA-Tarife) in Zukunft auch die Komponist:innen und ihre Verlage!
1 Bekam bisher z.B. ein 20-minütiges Streichquartett immer gleichviel Aufführungstantiemen, egal ob es in einem Hochschulkonzert bei freiem Eintritt oder in der Philharmonie vor 1.000 zahlenden Gästen gespielt wurde, bekommen die Komponist:innen/Verlage in Zukunft für die Aufführung dieses Streichquartettes in der Philharmonie deutlich mehr, für eine Aufführung im Hochschulkonzert oder im Rahmen kleiner experimenteller Konzerte/Festivals deutlich weniger Tantiemen als bisher.
2 Aus ideologischen (?) Gründen schien es Aufsichtsrat und Vorstand der GEMA wichtig, die „Trennung von U und E“ aufzulösen. Da die Trennung jedoch letztlich strukturell auch nach der Reform zu großen Teilen weiter besteht, wurde das vor allem auf der Ebene der Begrifflichkeiten angegangen: „U-Musik-Veranstaltungen“ wurden in „Live-Musik-Veranstaltungen“ umbenannt und „E“ wurde auf Veranstaltungsseite in „CCL“ (Contemporary Classic Live) und auf Werkseite in „zeitgenössische Kunstmusik“ umbenannt („Raider heißt jetzt Twix“ …).
3 Wobei der Begriff „viel Geld“ in der Tat relativiert werden muss: Es geht hier um etwa 10 Millionen Euro. Das ist natürlich sehr viel Geld – insbesondere für den relativ kleinen Bereich der zeitgenössischen Musik, in dem diese 10 Millionen bisher verteilt wurden. Die Summe entspricht aber (in Bezug auf das Geschäftsjahr 2025 der GEMA) gerade einmal 0,9 % der Gelder, die von der GEMA insgesamt pro Jahr verteilt werden, oder gerade einmal 5,4 % dessen, was die GEMA selbst an Personal- und Sachkosten pro Jahr ausgibt.
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